Ausgabe 
28.7.1933 Erstes Blatt
 
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Vornan von Helma von Hellermann.

30. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Nichts durfte sie ihr eigen nennen, nichts ... Alles kam von der Gnade dieses Mannes, der, wie das Schicksal selbst, ihr Leben lenkte. Gebrochen waren Zorn und Widerstand. Sie sah ihn an.Was soll iid tun?" Leise, kaum verständlich kam es über ihre Lippen, und war doch ein Aufschrei aus ge­peinigter Seele.

Ihre Zukunft in meine Obhut geben, Frau Wera." Wieder ergriff Steinherr ihre Hände.Es wird mir Glück und Ehre fein, sie Ihnen so freund­lich wie möglich zu gestalten. Aber es gibt nur eine Art, auf die ein unverheirateter Mann für eine alleinstehende Frau sorgen darf, ohne die guten Sitten zu verletzen: ich bitte Sie, nach Ablauf des Trauerjahres meine Gattin zu werden."

Die schwarzen Augen weiteten sich. Was war das? War fie bei Sinnen? Die Frau Magnus Steinherrs sollte sie werden, sie, die mit jeder Faser ihres Herzens Georgs Eigentum war und ewig bleiben würde?

Sie find das Heiligtum, das Georg von Vandrow mir vermachte. Ihm versprach ich. Sie zu behüten Ihnen verspreche ich es wieder!" tönte die klin­gende Stimme an ihrem Ohr weiter. Wie Meeres­rauschen dröhnte sie. Georg! So hilf mir doch! Ach, er half nicht, er selbst hatte sie verschenkt an einen anderen, stieß sie fort von seiner Seite, jenem zu. Georg war fern, unerreichbar, furchtbar fern.

Quälen Sie sich doch nicht so, liebe Frau Wera!" bat Steinherr, bewegt ob der versteinerten Angst in dem fahlen Antlitz.Ick meine es herzlich gut mit Ihnen! Sie wissen doch, wie ungeheuer schwer der Kampf ums tägliche Brot in unserem armen, entrechteten Land geworden ist. Sie haben Not und Sorge am eigenen Leibe erfahren. Wollen Sie zu­rücksinken in die Armut und Einsamkeit, der Sie kaum entronnen sind und die das Beste, Schönste in Ihnen ertötet? Wäre es nicht besser, den weiteren Lebensweg an der Hand eines guten Freundes zu wandern, mit dem Sie vor allem anderen die Er­

innerung an den Toten verbindet, den auch er ge­liebt hat? ..

Trauern Sie um ihn, wie Georg von Vandro es verdient. Bleiben Sie ruhig hier oder reisen Sie, wohin es Ihnen beliebt. Der alte Werner wird Sie weiter betreuen bis ich es darf. Und feien Sie nochmals meiner aufrichtigen, oerehrungsvollen Freundschaft versichert!"

Freundschaft! Das war das eine Wort, das sie begriff. Das vertrieb die Angst vor dem Kommenden, das irgendwie unmöglich und unwirklich schien.

Stumm, ergeben, neigte sich der blonde Kopf. Der Mann nahm es als Zustimmung und führte schwei­gend die Hand Weras von Dandros an seine Lip­pen jener kleinen Wera Wettern, die nun sein Weib werden würde.

32. Kapitel.

Gab es je seltsameren Brautstand?

Mit dem Schmerz um einen Verstorbenen im Her­zen, mußte Wera von Dandro sich als zukünftige Gattin eines.anderen betrachten, jenes Manns, des­sen Willen sie verfallen war, weil keine andere Möglichkeit bestand, die ungeheure Dankesschuld ab- zuzahlen, die er ihr aufgebürdet.

Aber nicht kampflos ergab fie sich In ihr Schick­sal.

Kurz nachdem Steinherr fie wieder verlassen, reiste sie nach Deutschland zurück und ließ sich in Berlin in einer kleinen Pension nieder, deren billige Schäbigkeit dem alten Werner ein entsetzliches Kopf­schütteln abzwang. Auf Steinherrs Geheiß war er bei der jungen Witwe geblieben, was feinen geheim­sten Wünschen durchaus entsprach. Aber das war doch kein passender Aufenthalt fürseine" gnädige Frau, dieses ärmliche Loch mit dem dunklen, muffi­gen Flur, in dem es ewig nach Gas roch! Und im­mer mußte ihr ihr Zeitungen kaufen, immer schrieb sie Briefe, die sie selbst zum Kasten trug, ging stun­denlang allein fort und kam dann blaß und müde zurück, einen hoffnungslosen Ausdruck in den schö­nen Augen, die gar nicht mehr strahlen konnten.

Es war auch hoffnungsloses Beginnen, in dieser übervölkerten Stadt Arbeit zu finden, auf die schon Hunderte, ja Tausende von halb verhungerten, ver­zweifelten Menschen warteten. Und das eine blieb: selbst wenn sie eine schlechtbezahlte Stellung fand, wie konnte sie je die Schuld an Magnus Steinherr

abtragen? Sollte sie sie ungetilgt lassen? Eine Wet­tern ließ sich nichts fönten!

Immer schwerer wurde ihr Schritt, immer müder ihr Blick, zu viel des Elends schaute er. Ihr graute auch unsagbar vor der Not und Verlassenheit, die Steinherr ihr so deutlich ins Gedächtnis zurückge- rufen; sie fand nicht mehr den Mut, den Kampf da­gegen aufzunehmen, zu sehr hatte Georgs Liebe sie verwöhnt. Georg, der ewig Nahe und doch Ferne, der sie verlassen ...

Und die Monate vergingen, und mit ihnen die letzte Hoffnung auf einen Ausweg, der sie rettete vor dem, was nun unerbittlich näherrückte. Ein einziges Mal hatte Steinherr sie in Berlin besucht, ohne ein Wort der Verwunderung über ihren seltsamen Aufenthalt, hatte ruhig, in gemessener Kameradschaftlichkeit von seiner Arbeit, dies und jenem aus D. erzählt, sie für schöne, stille Stunden nach Sanssouci mitgenom­men und von der Zukunft überhaupt nicht ge­sprochen. Was sie ebenso erleichtert hatte, wie mit Unsicherheit erfüllt. Dann hatte er einige Male tele­phonisch angerufen, im übrigen aber fie wie ver­sprochen ganz sich selbst überlassen.

Doch am Vorabend des Tages, an dem Georg von Vandros Heimgang sich jährte, kündete eine Depesche sein Kommen an, das wenige Stunden darauf er­folgte.

Sie sollten den morgigen Tag nicht allein sein, Frau Wera. Wir wollen ihn gemeinsam begehen und seiner gedenken, der uns zusammengeführt."

Wera, die sehr blaß aussah, erwiderte zag seinen festen Händedruck, fragte nach seinem Ergehen, dem Verlauf der Reise.Flogen Sie wieder hierher?"

Er bejahte.Aber diesmal wären wir beinahe kurz vor der Landung verunglückt."

Verunglückt?" fiel sie ihm heftig erschrocken ins Wort. Und sie fühlte, wie ihr Herz einen wilden Schlag tat unter einem Blick, der lange und unver­wandt auf ihr ruhte.

Es war nicht so schlimm, wie es zuerst schien", sagte er endlich.Zwar riß die eine Tragfläche; doch gelang es dem Piloten gerade noch knapp, seinen Apparat zur Erde zu bringen, wenn auch mit einem richtigen Kopfsprung. Es gab einige Verletzungen und erheblichen Sachschaden. Gottlob blieb ich ver­schont. Es wäre mir schmerzlich gewesen, in ein Kran­kenhaus statt zu Ihnen zu gehen."

Ganz still saß Wera und versuchte, des tiefen

Schreckens Herr zu werden, den Steinherrs Worte in ihr erregte. Wenn er nun abgestürzt wäre? War es noch nicht genug des Leides? Gönnte ®ott ihr nicht den einen Freund, nachdem er ihr den Gatten geraubt? Dort stand das Bild des Unvergessenen unter einem hohen Strauß duftenden Weihnachts- grüns, Rosen lagen lose davor. Sein war der Tag, sein ihr Sieben und Denken ...

Aber bis in die tiefe Nacht hinein peinigten Angst und Unruhe. Und selbst im Traum erschien ihr das Bild des anderen. Ihr war, als führe Georg fie ihm zu, als lege er ihre Hände ineinander. Sie wollte sich befreien, aber der haltende Griff war stärker als ihr heftiges Wehren, langsam zog er fie an sich heran. Und Georg nickte ihr zu mit einem Blick voll unbe­schreiblicher Güte und schritt davon, bis er ihren sehnsüchtigen Augen in Nacht und Nebel verfchwand.

Als Steinherr am folgenden Morgen es war ein Sonntag kam, fragte er, ob sie in eine Kirche zu gehen wünsche. Ueberrascht sah Wera ihn an hatte er ihren Wunsch erraten? Und bejahte dank­bar. Bald darauf saßen sie im Dom, von brausenden Orgelwellen umrauscht, lauschten den tiefempfunde­nen Worten des Predigers, der das Weihnachtser­leben als einen unversiegbaren Lichtstrahl in jeglicher Lebensnot schilderte. Doch als der Chor zu singen begann, hauchzart eine der süßen Weihnachtsweisen intonierte, da war es vorbei mit Weras Fassung. All das Leid der Verlassenheit, all die glücklichen Stunden, die sie mit dem Geliebten in den kurzen Monaten ihrer Ehe erlebt, all die Angst und Be­drückung, die dieses ganze Jahr auf ihr gelastet, brach über sie herein in voller Wucht.

Da fühlte sie, wie der Mann neben ihr facht, ganz leise den Arm um sie legte und fie an sich zog, die, das Gesicht im Taschentuch verborgen, von hem­mungslosem Weinen geschüttelt wurde, also sich in dieser Stunde offen vor aller Welt zu ihr bekennend. Und diesmal brachte seine Nähe Trost und Beruhi­gung der in allen Tiefen aufgewühlten Frau. Sie war nicht ganz verlassen ein Mensch fühlte mit ihr, just jener Mann, den Georg so sehr bewundert und geliebt. Es erschien dem wundgeschlagenen Her­zen plötzlich wie eine Gnade, diesen einen Freund an ihrer Seite zu wissen, den einzigen, den das Le­ben ihr gelassen.

(Fortsetzung folgt.)

Jetzt wirds besser...!

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Gießen, Büdingen, den 26. Juli 1933.

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