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26.8.1933 Erstes Blatt
 
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Ur. WO Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Samstag, 2b. August (YZZ

Achtung! Mandat!

Von £)r. Paul Rohrbach.

Windhuk (Deutsch-Südwestasrika), 6. 8. 33.

Abschnitt 22 des Versailler Diktats sagt:Das Wohlergehen und die Entwicklung der Mandats­völker bilden eine heilige Aufgabe der Zivili­sation." Ein Mandatsvolk im Sinne des Versailler Diktats soll ein Volk sein, das noch nicht im Stande ist, sich selbst modern zu regieren und zu verwal­ten, das aber dazu erzogen und der gewissen­haften Fürsorge einer fortgeschrittenen Nation an­vertraut werden soll. Die ganze Mandatsformel war ein Kompromiß zwischen dem Verlangen der Alliierten, die deutschen Kolonien einfach zu an­nektieren und dem vorher gegebenen Ver­sprechen Wilsons, die Kolonialfragen ge­wissenhaft und unparteiisch imInteresse aller Beteiligten zu regeln.

Pen Vorwand zur Fortnahme unseres Kolonial­besitzes bildete bekanntlich die Unwahrheit, wir hätten uns durch Mißhandlung der Eingeborenen unwürdig gezeigt, ihr Wohlergehen auch wei­terhin anvertraut zu bekommen; daher würden Nationen mit kolonisatorisch soreinen" Händen wie Engländer, Franzosen, Belgier, Australier, Südafrikaner, Japaner sich an unserer Stelle den Mandatsbevölkerungen widmen. Nach der Ent­stehung des Mandatsbegriffs und der Formu­lierung des Vorwandes, unter dem er geschaffen wurde, sind also offenbar in erster Linie afri­kanische Eingeborenenvölker damit ge­meint. Die deutschen Kolonien waren aber zum Teil auch Siedlungskolonien, in denen sich eine wachsende Zahl weißer Ansiedler niedergelassen hatte. Ganz besonders galt das für Südwestafrika. Hier existierten, abgesehen von dem noch gar nicht in Verwaltung genomme­nen Ovamba-Land, überhaupt nur noch Trümmer von eingeborenen Stämmen. Die Hot­tentotten, wenige tausend Köpfe, waren im Aussterben, die H e r e r o s hatten ihr Stammland verloren und niemand, die Engländer am wenig­sten, dachten daran, ihnen ihre Stammesorganisa- tion wiederzugeben, die sogenannten Derg- d a m7a ras oder Klippkaffern hatten nie einen ge­schlossenen Stamm gebildet, die B a st a r d s von Rehoboth waren ein kleiner Splitter und die B u s ch l e u t e der Kalahari, unzähmbare Primi­tive, tarnen überhaupt nicht in Frage. Es war klar, daß Südwestafrika, wie der größte Teil der Kapkolonie und der ganze Oranjefreistaat einfach dazu bestiinmt war,weißen Mannes San d" zu werden. Die Eingeborenen blieben un­entbehrlich als wirtschaftliche Hilfskräfte und ihre humane und gerechte Behandlung war selbstver­ständlich, aber die Mandatstheorie für Südwest­afrika auf ihrWohlergehen" und ihreEntwick­lung" aufbauen zu wollen, wäre Tlnsinn gewesen.

Daraus folgt: Wer Südwestafrika trotzdem als ein Mandatsland ansehen und behandeln will, muß a l sM andatsvolk" in erster Linie die hier wohnenden Weißen betrachten. Damit ist natürlich für jedes logische Verständnis der Mandatsbegriff innerlich aufgehoben, aber wer kümmerte sich in Versailles um Verstand, Ehrlich­keit und Logik? General Jan S m u t s, der schlaue Südafrikaner, sägte einige Jahre nach der Lleber- gabe Südwcstafrikas als Mandat an die Südafri­kanische Union ganz offen zu den hiesigen Deut­schen:Bildet euch keine Torheiten ein. Mandat i st A n n e x i o nl"

Alles, was die südwestafrikanischen Deutschen bisher für die Wahrung ihrer nationalen Rechte und Interessen getan haben, muß unter dem Ge­sichtspunkt verstanden werden, daß es, ausgespro­chen oder unausgesprochen, eine Verteidigung gegen diesen schlechthin rechtswidrigen Sah war, daßMandat" nur ein anderer Name fürAn­nexion" sei. Mandat ist Mandat und ist nicht An­nexion. Für ein Mandatsgebiet ist die das Man­dat ausübende Macht dem Völkerbund Re­chenschaft schuldig, und die deutsche Be­völkerung Südwestafrikas wird, solange sie unter dem Mandat lebt, nie davon abgehen, diesen Standpunkt zu vertreten und zu verlangen, daß auch ihrWohlergehen" und ihreEntwick­lung" eineheilige Aufgabe" der Mandats­macht ist.

Hier in Windhuk ist eben eine bewegte Sitzung des Landcsrats zu Ende gegangen, in dem die deutschen Abgeordneten zwar eine Minderheit bilden, aber eine so starke, daß die afrikanischen" Mitglieder nicht die Zweidrittelmehrheit besitzen, die zu Verfassungsänderungen notwendig ist. Die afrikanische Mehrheit im Landesrat ist nicht na­türlich, sondern durch forcierte Zuwanderung aus der Änion und durch den Antransport der söge- nannten Angola-Buren, ein völlig mißglücktes Unternehmen, künstlich hergestellt. Das zugewan­derte afrikanische Element in Südwest wünschte verstärkte Selb st Verwaltung. Für die Deutschen hätte das unter Umständen die Aus­lieferung an die Südafrikaner bedeu­tet. Sie verlangten daher als eine gewisse Garan­tie dagegen erstens die Anerkennung des Deutschen als der dritten amtlichen

Landessprache, neben Englisch und Afri­kaans, 2. die automatische Einbürgerung (an ihr hängt das Wahlrecht zum Landcsrat) aller jetzt im Lande befindlichen Deutschen, drittens die Herabsetzung der Sperrfrist für die Er­langung des Mandatsbürgerrechls für neueinwan­dernde Deutsche von fünf Jahren aus zwei Jahre. Einwanderer aus der Südafrikanischen Union erhalten es schon nach einem Jahr. Hier­über erfolgte eine Verständigung zwischen Deut­schen und Afrikanern, und sie wurde im Frühjahr 1932 in Kapstadt auf Grund eingehender Verhand­lungen mit dem Premierminister General H e r h o g durch ein von allen Beteiligten aner­kanntes und unterschriebenesMemorandum" be­kräftigt. Dazu sei noch bemerkt, daß einige Jahre Nach der Uebergabe des Mandats für Südwest- Afrika an die Union den damals im Lande ver­bliebenen Deutschen durch ein besonderes Abkom­men neben dem ihnen verbleibenden deutschen Staatsbürgcrrecht auch das Mandatsbürgerrecht von^üdwestafrika zugcsprochen worden war. Von afrikanischer Seite wird nur dieses als praktisch in Betracht kommend angesehen.

Bald nach der Unterschrift unter das Kap- städter Memorandum kam es zu einer gewissen Verminderung des afrikanischen Clements in Süd­

west durch Abwanderung von früheren Zuzüglern aus der Union, die sich wirtschaftlich nicht mehr halten konnten, und durch den Abbau des über­mäßig aufgeblähten Veamtenapparates, um da­durch einige Ersparnis zu machen. Run wurden die Afrikaner in Südwest von der Sorge gepackt, ihre künstliche Mehrheit könne bei zu­künftigen Wahlen in Frage gestellt werden. Sie haben daher die Umwandlung Deutschlands in den neuen nationalen Staat und die natürliche Anteilnahme, die das südwester Deutschtum daran nahm, als einen Vorwand benutzt, um die Deut­schen der Illoyalität zu bezichtigen, die vor­jährigen Kapstädter Abmachungen zu brechen und die den Deutschen zugesagten Rechte jetzt nach­träglich zu verweigern. Hierüber erhob sich der Konflikt in der eben zu Ende gegangenen Landesratstagung. Die Deutschen haben durch ihren scharfen und einmütigen Protest vorläufig wenigstens soviel erreicht, daß eine von den Süd­afrikanern eingebrachte, gegen das Deutschtum als solches gerichtete Knebelungsordonnanz ihre ge­fährlichsten Schärfen verloren hat, und daß sie in ihrer stark abgeschwächten Form noch erst dem englischen Generalgouverneur der Union in Kapstadt vorgelegt werden muß.

SvIahre Niederwalb-Oenkmal.

Eine historische Aufnahme: Die feierliche Einweihung des Denkmals in Gegenwart Kaiser Wilhelms I. am 28. September 1883. Unter dem Baldachin des Kaiserzeltes am Ufer des Rheins sieht man Kaiser Wilhelm und den Kronprinzen Friedrich im Kreise der deutschen Bundesfürsten.

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Das Katalanische Dreieck.

CReifeeinbrücfe.

Von Arpad Gorger.

Tarascon, im August 1933.

Für gewöhnlich wird behauptet, der Europäer hätte kein Einfühlungsvermögen in die Psyche von Völkern, die in anderen Erdteilen wohnten. Das hat zum großen Teil seine Richtigkeit, wenn auch die fortschreitende Technik, die den Erdball in dieser Hinsicht ständig verkleinert, vor allem durch den Film dafür Sorge zu tragen hat, daß die Kenntnis vom Leben, von den Sitten und Gebräuchen selbst der fernsten und entlegensten Striche dieses Planeten fast schon Gemeingut der großen Masse geworden ist. Auf der anderen Seite aber wissen oft die Bewohner irgendeines europäischen Landes nur herzlich wenig von dem, was jenseits ihrer Grenzen, beim Nachbarvolk, vor sich geht. Nicht zuletzt ist das in bezug auf Deutschland und Frankreich der Fall.

Daß die Franzosen den Deutschen nicht verstehen wollen und oft auch tatsächlich aus Unkenntnis nicht verstehen, das hat sich erst jetzt wieder in diesen Monaten der nationalen Erhebung des deutschen Volkes deutlich gezeigt. Aber kennen wir denn Frankreich? Wir kennen Paris, und wir ha­ben wohl auch einmal von dem Alphonse Daudets, Tartarin de Tarascon, gehört, jener inhaltlich

und formal so wohlgelungenen Studie und Charak­terisierung des Bewohners der französischen Pro­vinz. Biel ist das jedoch nicht, und man muß schon die guten Leutchen an Ort und Stelle aufsuchen, um ihr Fühlen und Denken zu ergründen.

Bor allem sei da mit einem ganz großen Irrtum aufgeräumt: Tarascon ist kein langweiligesPro­vinznest", sondern es liegt malerisch, entzückend, in den Borbergen der Pyrenäen, biejid) dahinter in der Ferne bis zu Tausenden von Metern, bis zum ewigen Schnee emporrecken. Und langweilig ist das Städtchen auch nichts seine Bewohner sind von sprühendem Temperament, die Frauen liegen vor der Göttin Mode aus den Knie«, und bisweilen ist man pariserischer als in Paris. Aber eins fällt gleich zu Anfang auf: Man ist nicht mehr ganz unter Franzosen. Man ist, wenn man so will, gar nicht einmal in Frankreich, sondern in Katalonien. Wenn die Menschen französisch sprechen, so rollen sie das R wie der Spanier oder der Italiener. Aber sie sprechen zumeist gar nicht die Sprache Racines, und auf dem Lande hört man fast ausschließlich dieselbe Mundart, die man in Barcelona oder in Andorra gebraucht. Ein poli­tisches Kapitel von großer Tragweite tut sich vor dem Beschauer auf, ein Kapitel, das auch im Buche

der Geschichte seinen gebührenden Platz einnimmt und vielleicht noch mehr in der Zukunft einnehmen wird.

Frankreich hat seine Grenzen bis über die Pyre­näen vorgeschoben und damit ebenso wie in der Bretagne, m Savoyen und an der Riviera fremde Bevölkerungen in sich ausgenom­men, von denen die Welt nichts wüßte, würde nicht hier und da eine Demonstration die Oessentlichkeit überraschen, die sich doch gemeinhin jagt, daß Frank- reich geradezu das Ideal eines volltommenen, in sich abgeschlossenen Staates bildet. Die katalanische Frage ist nun, um nur ein Beispiel zu erwähnen, vielleicht ausschlaggebend für die Unterstützung der spanischen Revolution in Frankreich gewesen. Man mußte Jid) in Paris sagen, daß ein national eingestelltes Spanien über die Katalanen unbedingt nach Süd-Frankreich nach und nach vor­stoßen müßte, zumindestens kulturell, ivobei leicht die Gefahr einer Jrrebenta entstehen könnte. Durch die Revolution sollte nun eine Zentralisie- rung in Spanien stattfinden, die für die Pyre- näische Halbinsel das katalanische Problem durch Verschwinden des katalanischen Elements als sol­cheslöste". Nun sieht allerdings Frankreich, daß es auf das falsche Pferd gesetzt hat. Durch die spanische Revolution ist das katalanische Ele­ment stärker denn je geworden, ja sogar eine sepa­ratistische Bewegung ist im Entstehen begriffen, und der Ruf: Los von Madrid! vermischt fid) mit dem anderen Ruf: Hinein in das katalanische Frankreich!

Der Franzose wendet nun hiergegen ein be­stimmtes Mittel an: Er unterstreicht die Schicksals­gemeinschaft burd) angebliche außenpolitische Ge­fahren, unb so finbet man in ben Bergen, an ben herrlichsten Stätten ber Natur, politische Hetzvlakate gegen D e u t s ch l a n b. Und die Wirkung? Die Wirkung bleibt nicht aus. Sie bewegt sich aber in etwas anderen Bahnen als man dies in Paris so gerne haben möchte: Der Katalane bekommt eine fürchterliche Angst vor Deutschland unb ist überzeugt, baß bieses braus und dran ist, Frankreich zu überfallen. Dazu kom­men bann bic Schauermärchen, bie Greuelpropa- ganba, bie bas, was in den Jahren nach dem Welt­kriege wieder eingerenkt worden ist, rettungslos zer­bricht. Diese katalanische Bevölkerung ist von Na­tur aus die friedlichste der Welt, und das Tempe­rament dieser Menschen begnügt sich mit privaten oder, wenn es hoch kommt, mit innerpolitischen Entladungen. Ein Unterschied aber diesseits unb jenseits ber französisch-spanischen Grenze: Jenseits ber Pyrenäen, in Barcelona vor allem, herrscht bas syndikalistische Element vor, bas bie sozialen Leibenschasten aufpeitscht unb marxi- stische Propaganba treibt. Daher das ewig un- ruhige Barcelona, während das Land selbst in völ­liger Ruhe daliegt und ein gemeinsames Band alle Menschen verbindet von Toulouse bis Tarragona.

Eine dritte Besonderheit darf nicht unerwähnt bleiben bei einer Betrachtung des katalanischen Problems. Es gibt noch einen Staat auf dieser Welt, der eine rein katalanische Bevölkerung hat, ein Zwerggebilde von Staat, das übrigens vor kur­zem erst die Welt burd) verschobene Vorgänge überraschte, unter anderem sogar durch eineRe­volution", die allerdings in Wirklichkeit nichts an­deres gewesen ist als eine erfolgreiche aber Harm- lose Demonstration für die Einführung des allge­meinen und gleichen Wahlrechts. Dieser Staat, mitten in den Pyrenäen zwischen Spanien und Frankreich gelegen, das ist die Bauernrepu- blik Andorra, bie Karl der Große einst ge­gründet und die sich ihre Freiheit erhalten hat bis aus den heutigen Tag. Hier teilen sich ein spanischer Bischof und der Präsident der französischen Repu- blik, der in dieser Beziehung noch von den fran­zösischen Monarchen den Fürstentitelererbte" in eine Art von Oberhoheit, bie sich barin erschöpft, daß im Lande französische und spanische Schulen angeboten und eingerichtet werden. Die Gebirgs­leute nehmen alles, was man ihnen bietet und was für sie von Vorteil ist, bleiben aber unverändert das, was sie von jeher waren: Katalanen. Beweis dafür, ein Beweis von vielen, bie Tatsache, baß bie erwähnteRevolution" von Barcelona aus vor­bereitet worben ist, daß bie Demonstrationen burd) Provokateure ermöglicht würben, bie man aus ben spanischen Norb-Ost-Provinzen nach Anborra im­portiert. Verfehlt wäre es, anzunehmen, bie An> borraner spielten in einer pan-katalanischen Bewe- gung irgenb eine Rolle. Das Gegenteil ist ber Fall. Sie wollen ihre Selbstänbigkeit haben, unabhängig bavon, ob Satalanien zerrissen bleibt, aufgeteilt zwischen Spanien unb Frankreich, ober ob es zu­sammengeschweißt wirb zu einem einheitlichen Ganzen, zu einem katalanischen Staat.

Betrachtet man bieses Dreieck, also Süb-West- Frankreich, Norb-Ost-Spanien unb Anborra, wobei ber Begriff Süd-West-Frankreich in bezug auf bie an ber atlantischen Küste wohnenben Basken korri­giert werben muß, bie mit ben Katalanen nicht bas geringste gemein haben, so kommt man zu ber Heber,jeugung, baß hier burchaus bie Sorbebingun- gen bafür geschaffen sinb, baß hier eines Tages Minberheiten erstarken, von beren Kräften sich Europa, Frankreich vor allem, nichts träumen lassen.

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