Ausgabe 
26.7.1933 Erstes Blatt
 
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Die trauernden Hinterbliebenen:

Heinridi Hofmann VI. nebst allen Angehörigen.

Heuchelheim, Altona, den 25. Juli 1933.

Die Beerdigung findet Donnerstagnachmittag 3 Uhr vom Sterbe­hause Ernststraße 9 aus statt.

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28. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Ein schönes Fleckchen Erde zum letzten Schlaf, besonders sür ihn, dessen hochgemutes Herz so voller Frieden war."

Wera nickte langsam. .

Und doch wüßte ich ihn gern daheim. 3)ter i|i doch Fremde." r. ..

Boll sehnsüchtigen Verlangens dachte sie an die waldumrauschte Stille des großen Parks, in dem em weinlaubüberranktes Häuschen stand. Dort... ^ver es war fremder Besitz. Wie durfte sie wagen einen derartigen Wunsch auszusprechen! Wieder überkam sie das überwältigende Gesühl ihrer Hilflosigkeit, nichts vermochte ihr Wille mehr. .. .

Steinherr antwortete nicht. Und der Ueberemp- findlichen war es, als habe er '^e geheimen Ge­danken erraten und abgewiesen. In druckendem Schweigen legte Wera den Weg an einer Seite zurück, ein Schweigen, das Magnus Steinherr m keinem Wort zu brechen suchte. t

Und doch wurde die Leere großer die Einsamkeit tiefer, als er wieder von ihr geschieden. So still war die Stube, die eben noch seine lebensvolle Ge­genwart erfüllt hatte... Vom Fenster aus sah sie dem Wagen nach, bis er ihren Blicken entschwand. O dieses furchtbare Alleinsein! Aber wie Wera sich umdrehte, gewahrte sie den alten Werner. der - spektvoll im Hintergründe stand und sie aus guten Greisenaugen ansah.

Nun darf ich für die gnädige Frau sorgen , sagte ^Wera ging auf ihn zu, reichte ihm beide Hände

Gottlob, daß sie da sind, Sie Getreuer. 3^ Stimme brach ab in einem jähen Aufschluchzen. Sanft geleitete der Diener Jie zum Diwan, in dessen Kissen sich der blonde Kopf vergrub Dann ging er leise ins Nebenzimmer. Endlich, endlich konnte sie weinen, die Arme...

Tage vergingen, Woche reihte sich an Woche m ungebrochener Gleichförmigkeit. Tägstch pilgerte Wera von Vandro zum Grab des Gatten, hielt stumme Zwiesprache mit dem Geliebten, dessen Seele der ihren unlösbar verbunden war. War es

hatte sie ihn nach Belieben verfügen lassen. Hatte sie ihn mißverstanden oder hatte die nette Besitzerin der Hotelpension ihr eine Extravergünstigung gewährt? Am besten fragte man sie offen. Es war höchste Zeit, daß sie Klarheit über ihre Verhältnisse erlangte.

Schnell entschlossen ging Wern sogleich hinunter in das neben dem Eßsaal liegende Bureau, wo Ma­dame Maerkle um diese Zeit meist rechnend über ihren Geschäftsbüchern faß.

Verzechen Sie, daß ich störe", bat Wera, ein wenig zögernd.Ich wollte nur etwas fragen. Eine Bekannte bat um genaue Auskunft über Ihre Pen­sion und nun weiß ich nicht genau, wieviel ich für mich und wieviel für des Dieners Zimmer be­zahle." Sie lächelte verlegen.Die schweren Erleb­nisse der letzten Monate haben mich sehr vergeßlich gemacht." . m

Die rundliche Madame nickte wie em Porzellan­chinese vor lauter Teilnahme, während ein diskretes Lächeln schnell wieder aus ihren funkelnden Vogel- auqen verschwand. DieVergeßlichkeit" war natür­lich. Wer weiß, ob diese reizende junge Frau die chönen gesalzenen Wochenrechnungen mit all den kleinen Extras überhaupt selbst bezahlte.

.Aber bitte sehr, liebe gnädige Frau! Bitte sehr' Das ist ja allzu verständlich! Wenn man soviel Trauriges durchmacht, denkt man nicht gern an die dummen kleinen Dinge des Alltags!" erwiderte sie sehr liebenswürdig und schlug eifrig em großes Buch auf Hier steht es; Madame kann es ruhig selbst lesen: sechzig Frank für das Vorder- und vierzig für das Hinterzimmer. Es ist eins meiner allerbesten Zimmer."

Ja!" nickte Wera und hatte größte Muhe, ihre Bestürzung zu verbergen.Ja, gewiß. Also sechzig und vierzig Franken! Danke sehr, Madame Maerkle!

Aber bitte, bitte ..."

Ganz benommen stieg Wera die Treppe wieder hinauf, setzte sich hin und begann mit sorgengefurch­ter Stirn zu rechnen. Hundert Frank je Tag waren echzehn Mark nach jetzigem Kurs, dazu die Extra­ausgaben. die Schlittenfahrten, zu denen Steinherr sie in jedem Brief überredet. Zwanzig Mark betrug ihre Tagesrechnung hier mindestens. Das waren ja volle sechshundert in einem Monat! Großer Gott und sie wohnte nun schon wochenlang blind und taub dahin, ohne sich um irgend etwas zu kümmern. War sie denn von Sinnen gewesen?

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Stöhnend barg sie den Kopf in den Händen. Ach, wie grauenhaft war das cklles! Aber schnell raffte sie sich wieder auf. Was nützte alles Klagen handeln mußte sie! Sofort abreisen Ja. wohin denn? Verstört irrten die schwarzen Augen durch den großen behaglichen Raum. Das Häuschen im Park gehörte Magnus Steinherr; ohne seine Erlaubnis konnte sie nicht dahin zurückkehren. Es blieb .hr nichts anderes übrig als ihn Horum zu bitten. Und wovon leben? Der Steinherrsche Besitz war nur mit Auto oder auf weitern Umweg mit der Eisenbahn zu erreichen. Wie konnte sie von da draußen je eine Stellung in der Stadt finden?

Ich muß mir ein Zimmer im Zentrum mieten, von da aus die Suche nach Arbeit beginnen über­legte Wera. vor sich hinstarrend. D wie deutlich sah sie diese verzweifelte Suche schon vor sich, Die ver­geblichen Wege, das Hoffen und Harren, die Ent­täuschungen und wieder Wege, endlose Wege ... Aber es mußte sein, man verhungerte nicht, ohne sich bis zum letzten Atemzug zu wehren ...

Zu allererst hieß es: Feststellen, wie groß ihr Gut­haben auf der Bank noch war.

Angstgepeitscht machte sie sich auf den Weg, ohne den alten Diener zu bemerken, der sie vom tflur= fenster aus zufällig forteilen sah und ihr nun von weitem beunruhigt folgte.

Was konnte die gnädige Frau fortgetrieben haben, ohne daß sie ihm ein Wort gesagt hatte? Sie ging doch.sonst nie ohne ihn aus? Und diese Syaft ... Herr Steinherr hatte ihm streng anbefohlen, ja gut auf Frau von Vandro aufzupassen, ihm regelmäßig alles zu melden, was sie betraf. Jetzt verschwand sie im Portal der Bank. Der treue Alte folgte ihr in. seiner Sorge heimlich hinein und blieb in der Nähe des Ausgangs stehen. Da vorn an der Kasse stand sie ...

Die augenblickliche Höhe Ihres Guthabens? Einen Moment wie war der Name, bitte? Ich werde gleich nachsehen lassen."

Wem von Vandro wartete am Schalter. Sv schmerzhaft stark schlug ihr Herz, daß es ihr den Atem benahm. Was würde er sagen? Was geschah, wenn kein nennenswerter Rest mehr vorhanden? Wie dann nach Deutschland zurückkehren, wenn sich hier nichts sand wozu so gut wie keine Aussicht? Diese Hilflosigkeit der Armut ... Georg, du Lieber, wie gut, daß dir das alles erspart geblieben!

(Fortsetzung folgt.)

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nicht seine sorgende Treue die aus des alten Dieners rührendem Eiser, aus Magnus Stemherrs herz­lichen Briefen sprach? Seltsam verbunden waren all diese Menschen im Geist. Es war, als eine sie der liebende Wille eines Toten. Und langsam all- mählich und unmerklich verebbte der verzweifelte Schmerz zu einer stillen Traurigkeit die sich taten­los treiben ließ, ohne mehr an Ziel und Zukunft ^Auf" das Sorgsamste betreut von Werner, ohne dessen feierlich wirkende Würde man die junge Frau nie sah nahm Wem ihre Spaziergänge wieder auf, übte auf der Eisbahn in den Stunden, da sie sie leer wußte, las gehorsam die Bücher, die Stein- Herr schickte, lag stundenlang in träumendem Dahin­dämmern im Liegestuhl auf ihrem kleinen Balkon und vergaß die Unhaltbarkeit ihrer jetzigen Lage bis ein zufällig erlauschtes Gespräch sie ihr mit einem jähen Schlag wieder zum Bewußtsein brachte.

Sie hatte gelesen, das Buch fallen gelassen und die Augen geschlossen, als auf dem Balkon nebenan, den nur eine bunte Glaswand von dem ihren trennte, Stimmen herüberklangen. Zwei neuange­kommene Damen sprachen, lobten diehimmlische" Lust und klagten über die Preise. Erst plätscherten ihre Worte unverstanden an Weras Ohr vorüber; ihre Gedanken waren gewandert und halb traum- befangen da wurde sie plötzlich aufmerksam, hob den Kopf, lauschte:

Die eine Dame nannte laut Zahlen.

Kein einziges Zimmer war unter sechzig Frank täglich zu haben!" schalt sie.Und bas nennt man mäßige Preise! Unmäßige nenne ich es!"

Es war durchaus deutlich zu verstehen. Die Red­nerin hatte sich nicht die Mühe gegeben, ihre Stimme zu dämpfen.

Sechzig Frank Wera setzte sich so heftig auf, daß das Buch auf ihrem Schoß zu Boden fiel. Sie zahlte doch nur die knappe Hälfte!

Steinherr, der für sie und den Diener in der kleinen exklusiven Pension auf halber Bergeshöhe gemietet, hatte auf ihre angenehme Ueberraschung ob der Billigkeit gesorgt, daß alle Preise im Ort außer­ordentlich ermäßigt worden seien, der miserablen Wirtschaftslage wegen. Die Wochenrechnungen wur­den auf seinen Wunsch direkt auf der Bank präsen­tiert und bezahlt. So wäre sie jeder Mühe enthoben. Und in ihrer stumpfen Schmerzensgleichgültigkeit

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