Doktor GwdeS Lhe.
Originalroman von 3- Schneider.Zoerfil.
22 Fortjetzung Nachdruck oerbotenl
Die Geheimrätin fragte nicht, nahm die Tochter nur in die Arme und bettete deren Gesicht an ihre Brust. — Was halfen hier Worte? — Nichts! In diesem Falle muhte alles versagen. Jeder Trost blieb ohne Wirkung.
Zwei Menschen, die sich über alles liebten, standen durch einen dritten getrennt. Und dieser Dritte war ollen Hasses fähig.
•
Das Kind gedieh unter den liebenden Händen der Geheimrätin auf das prächtigste. Auch Grudes Praxis, in der Lena wieder als guter Geist waltete, begann sich allmählich wieder zur früheren Höhe emoorzuentwickeln. Seit Wochen war keine Zeile mehr von Madlen eingetroffen. Das Kabarett ga- stierte wahrscheinlich im Ausland.
Dann fiel Grude an einem Winterabend, als die Schneeflocken über das Dächergewirr Wiens herab- tanzten, eine schreiende Lichtreklame in die Augen. Er mäßigte da? Tempo feines Wagens und sah seinen Namen in grellen Buchstaben auf dem Transparent eines Tingel-Tangels aufleuchten.
Madlen Grude
Sein Herz setzte im Schlage aus.
Sie war wieder in Wien und stellte, ohne Rück- sicht zu nehmen, bar jeden Schamgefühls, seinen Na- men an den Pranger.
Madlen Grude
Er schloh die Augen, um es nicht mehr zu sehen. Er schaltete eine größere Geschwindigkeit ein und suchte aus dem Bereich des Stadtteils zu kommen.
Lena forschte fragend in seinem Gesicht, als er nach Hause kam. Er muhte Derdruh gehabt haben. Sie besprach sich mit Dick. Er wußte ebensowenig. Grude war allein sortgewesen und hatte seinen Wagen selbst gesteuert.
Am Abend überraschte Montrey den Freund, wie er, mit Smoking und Lackschuhen angetan, aus dem Schlafzimmer schlüpfte. Es war Grude sichtlich unangenehm, von Dick gesehen worden zu sein.
„Du gehst noch aus?"
„3ar
„Darf man sich anschließen?"
,Hch möchte allein gehen, Dick, — heute wenigstens/' Er sah Montreys besorgten Blick und besänftigte ihn mit einem apathischen Lächeln. „Meine Frau ist wieder in Wien."
„Herrgott! Und da willst also jetzt zu ihr?"
Breitspurig aufgepflanzt stand Dick vor der Türe.
„Ja!"
„Hast wenigstens dein Geld aus der Tasch'n genommen?"
Grude war Im Begriffe aufzufahren, unterließ es dann und machte nur eine knappe Bewegung der Abwehr. „Bleib zu Hause, Dick! Und spioniere mir nicht nach, ich bitte dich. Ich will nur das Mi- lieu sehen, und wie weit sie es gebracht hat. Es ist bitter genug, dah sie nicht einmal unter einem Deck- namen auftritt, sondern unter dem meinen. Sie reißt das wieder zusammen, was ich mir notdürftig aufgebaut habe. Bielleicht will sie auch das Kind haben."
„Tschaperl", lachte Montrey gerade hinaus. „Darüber brauchst wirklich keine Angst hab'n. Das will sie sicher net. Wann: dann will sie Geld. Nimm net zu viel Geld mit, Felix! Und wanns dich wirklich an pumpt, dann jammer ihr was vor wie schlecht deine Praxis jetzt geht, und wieviel der Haushalt verschluckt und dah deine Patienten gar net zahln woll'n."
„Ach", sagte Grude, während ein flüchtiges Lächeln über fein Gesicht lief, „vielleicht will sie überhaupt nichts."
„Das sollt mich wundern." Mit diesen Worten öffnete Montrey die Korridortür und ging ein Stück mit die Treppe hinab. „Wann kommst wieder z' Haus?"
Grude sah ihn verwundert an. „Du gefällst dir scheinbar in der Rolle eines Kindermädchens, Dick."
Ohne auf den Spott zu reagieren, sagte dieser: „Wann du bis ein Uhr nicht zurück bist, geh ich nach dir schau'n."
„Es wird nicht nötig sein, mein Alter."
Der „Faun", so nannte sich das Kabarett, in dem Madlen auftrat, war noch ziemlich leer, als Grude dort eintraf. Er konnte sich mit Muhe einen gedeckten Platz suchen, der, zwischen Säulen geschützt, dennoch freien Ausblick auf die Bühne gewährte.
Allmählich füllte sich das Lokal. Das Publikum war reichlich gemischt. Die Hauptsache blieb, daß es zahlte. Knapp vor Beginn der Vorstellung war auch der letzte Tisch besetzt.
Es war wie überall in solchen Etablissements. Der Conferencier trug einen tadellosen Frack und eine ebenso tadellose weiße Binde. Dann kam eine Chansonette, die mit näselnder Stimme einen modernen Schlager zu Gehör brachte.
Und dann kam „sie".
Zornröte schlug Grude ins Gesicht, Verwunderung, Zorn, Ekel — er war sich unklar, welches von diesen Gefühlen ihn am meisten beherrschte. Er wandte den Blick ab und lieh ihn abermals auf der Bühne haften.
Eine glitzernde Robe umspannte Madlens Körper, der noch etwas schlanker geworden war. Bei jeder Bewegung sprühte der Flitter im Lichte der Scheinwerfer auf. Flammen wechselten darüber hin, die bald rot, bald blau, bald grün, bald gelb aus den Kulissen züngelten.
Und diese Frau trug seinen Namen.
Der Beifall war endlos. Nur er regte keinen Finger und sah unverwandt in das schmäle Gesicht,
In welchem unter Puder und Stift ein konventionelles Lächeln eingegraben stand.
Wenn seine Tochter auch nur einen Tropfen dieses Blutes in sich vererbt bekommen hatte, dann wehe ihm und ihr! Roch nie war er fo mutlos gewesen wie jetzt, wo er noch einmal den ganzen Niedergang seiner Ehe durchlebte.
Er warf einige Zeilen auf eine Visitenkarte und winkte dem Oder, diese Madlen zu übergeben. Schon nach wenigen Minuten kam er zurück und bestellte, die gnädige Frau liehe ihn in das kleine Teezimmer bitten.
Grudes Füße wollten nicht recht gehorchen, als er sie jetzt in Bewegung setzte. Er hatte seit Monaten soviel wie keinen Alkohol mehr konsumiert. Nun rächte sich diese Enthaltsamkeit, indem sie ihn schwanken machte, als er, die Portieren zur Seite schiebend, den Teeraum betrat.
Vor ihm ein Hauch von kostbaren Blumen, und mitten in diesem Hauch, noch immer in dem gleichen Flitter, mit dem sie auf der Bühne erschienen war, Madlen.
Sie war einen Moment verwirrt, als sein Blick so verächtlich über sie hinstreifte. Dann war die Hemmung abgeschüttelt. Daß er, ohne ihr die Hand zu reichen, nach einem Stuhl deutete, nötigte ihr nur ein Achselzucken ab.
„Warum suchst du mich hier auf, wenn ich dir nicht dezent genug gekleidet bin! Ich kann mir keinen Sack um den Leib hängen und das Gesicht mit Salz und Asche bestreuen."
„Mochtest du in diesem Aufzug vor dein Kind treten?"
„Ach!" sagte sie, schnippte mit den Fingern, lieh sich in einen Stuhl fallen und sah an ihm oorüb:r. „Die alte Leier: Du mußt immer etwas an mir aus- Zusehen haben. Schließlich ist das doch hier kein Kloster. Du bist eben immer schon ein Nörgler ge- wesen und ein langweiliger Philister. — Weil du eben abgestumpft bist."
.Abgestumpft--?"
„Gott! Das seid ihr Aerzte doch alle. Ihr finbet eben nichts mehr an einer Frau."
„Leider, ja!" stimmte er zu und setzte sich ihr gegenüber. „Im übrigen bin ich hierhergekommen, um dir einen Vorschlag zu machen. Was verlangst du, wenn ich dir meinen Namen abkaufe?"
Sie warf einen schiefen Blick nach ihm hinüber. „Weiter!"
„Nichts weiter! — Ich wiederhole: Was verlangst du?"
„Ich habe dir fdjdh von Anfang an gesagt, daß ich in keine Scheidung willige."
„Wer spricht von Scheidung?" wehrte er ab. Und während er sein Silberetui herauszog und es ihr hinüberreichte, zitterten ihm die Finger derart, daß es ihm beinahe aus den Händen fiel.
Sie lächelte vielsagend, ließ sich Feuer geben und blinzelte dann zu ihm auf. „Es liegt dir offenbar sehr viel an deinem Namen!"
,La, sehr viel!"
„Es klingt aber so hübsch: Madlen Grude."
Er vermochie sich nicht mehr zu beherrschen. ,Lch will aber nicht, daß es von allen Tingeltangeln herunterfchreit?" rief er empört.
,Zch biete dir zehntausend Schilling, wenn du dir einen anderen Namen zulegst."
„Gott, Felitsche, wie mußt du reich fein!" sagte sie. während ein kleines, boshaftes Lachen um ihren Mund schwang.
„Ich muß mir das Geld leihen, Madlen."
„Wer das glaubt?" kicherte sie, und fuhr zurück, als er plötzlich hochsprang. „Das will doch überlegt (ein“, meinte sie einlenkend. „Also zehntausend Schilling. Mehr kannst du wohl nicht anlegen?"
„Nein!"
„Unö welche Bedingung knüpfst du sonst noch daran?"
„Seine mehr!"
..Dann also, ja! Ich nehme an!"
Er atmete auf.
Sie sah es und hielt ihn noch einmal in Schach. .Zch wuß natürlich erst noch mit meinem Direktor sprechen", sagte sie und erhob sich zugleich, auf ein Klingelzeichen horchend. „Ich habe nämlich noch eine Nummer."
„Ich danke dir für dein Entgegenkommen. An dem Tage, an welchem du unter einem anderen Namen auftrittjt, bekommst du die Summe ausbezahlt"
..Schön!--Gute Nacht, Felitsche'" Sie warf
ihm noch eine Kußhand zu und flitzte aus der Tür. (Er glaubte, das Rascheln ihres Umhangs noch zu hören, als sie schon längst aus dem Zimmer war
Grude glitt in seinen Stuhl zurück Um zehn- tausend Schilling verkaufte sie ihren Frauennamen. Nach ihrem Kinde hatte sie überhaupt nicht gefragt.
Und dieses Geschöpf war seine Frau gewesen •
Grude kam etwas nach Mitternacht nach Hause und klinkte die Flurtür behutsam ins Schloß. Lena war aufmerksam. Sie hatte die kleine Lampe brennen lassen. Alles schien in tiefftem Schlaf zu liegen Als er eben in fein Zimmer treten wollte, hörte er, wie die Flurtür noch einmal ging.
Das mußte Dick fein.
Wo war er gewesen? Hatte er Sorge gehabt, daß ihm etwas zugestoßen sei? Es war sonst nicht seine Art, so spät nach Hause zu kommen.
Er hörte ihn nach der Gangtoilette gehen und dann nach seinem Zimmer hinüber. Eine Weile war es still, bann knarrte Dicks Tür noch einmal, und ein Knöchel klopfte gegen die seine.
Er öffnete. Montreys fragenden Blick gewahrend, lächelte er: „Für zehntausend Schilling ist sie bereit, meinen Namen abzulegen — — für die Bühne wenigstens."
Montreys Blick fragte noch immer. „Sonst nichts?" sagte er langsam.
„Nichts! Nein!"
l Fortsetzung folgt >
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