Ausgabe 
23.2.1933 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Itr. 46 Zweites Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffei.,

Donnerstag, 25. Hebruar 1955

15 Lahre freies Finnland.

Bon 3« Lechtinnen, Helimgfors.

Finnland ist mit seinen 3,5 Millionen Ein- wohne.n Heiner als Berlin. Unb doch beweist ?,e.abe die finnische Entwicklung nicht nur der ehten 15 Jahre, sondern der vier letzten Jahr­hunderte, welch ein ungeheurer Llnterichied in voliti.cher, wirtschaftlicher und kultureller Hin­sicht zwischen einer in Stadtmauern eingezwängten Devö.ke^ung und einem freien Volke aus eigenem G.und und Doden im weiten naturverbundenen Raum besteht. Gewiß sind wir keine Großmacht. §ewih können wir nicht mit den Errungenschaften er westeuropäisch e.r Zivilisation aufwarten, wenn auch H e l s i n g f o r s heute eine hochmoderne und schöne Stadt ist. Die politische Stellung Finnlands ist dennoch unbestritten, und was Finnland kulturell der Welt gegeben hat und heute noch gibt, das sollte man gerade in Deutsch­land, in dem heute d e Verbindungen zur nordi­schen Vergangenheit des deutschen Volkes enger geknüpft werden, niemals vergessen. Das Kale- walalied kann sich getrost mit der Edda ver­gleichen, und das Bildungsniveau, nicht nur das äußerliche Wissen, ist vielleicht in der ganzen Welt bis auf die übrigen Äordstaaten nicht so groß wie in Finnland.

Der Deutsche kennt unsere Heimat nicht oder er lernt sie zum geringen Teil auf einer kurz­fristigen Sommerreise in dasLand der Seen und Wälder" kennen. Finnland aber verdient gerade von deutscher Seite aus eine viel stärkere Beachtung, denn einmal ist Finn­land noch immer eines der deutschfreundlichsten Länder der Welt und ist Deutschland und seine Industrie noch immer der Hauptlieferant Finn­lands, zum anderen aber wird angesichts der ost­politischen und baltischen Entscheidungen Finn­lands Stellung für Deutschland immer wichtiger. Es scheint ja leider nun einmal so zu sein, daß das politische Interesse der Deutscyen an Der Memellinie aufhort. Polen dagegen hat in den letzten Monaten seinen Einfluß in Litauen, Lettland und Estland immer mehr verstärkt. Es kann aber Deutschland nicht gleichgültig fein, wenn die gesamte Staatenbrücke zwischen ihm und Rußland in das Berich der polnischen Vor­herrschaft gerat.

Dabei sind es gerade in diesen Tagen 15 Jahre her, daß deutsches und finnisches Blut im Kampf um die finnische Freiheit ineinander flössen und einen Bund be­siegelten, De; auch durch die zahlreichen Fehler und Mißg.iffe der lehren Jahre nicht gelockert we.den konnte. Seit dem Jahre 1903 kämpfte Finnland um seine Freiheit gegen die zaristische Willkür. Im Weltkrieg haben finnische Truppen zwangsweise gegen Deut chland kämpfen müssen, aber bereits damals entzog sich ein großer Teil Dec finnischen Jungmannschaft dem Einberufungs­befehl der Rufen und formierte im Lockstedter Lager bei Hamburg das deutsch-finnische Jägerbataillon Rr. 27. Am 6. Dezember 1917 war die Stunde gekommen, wo die uralte Sehnsucht unseres Volles nach Freiheit, und Selb- ständigleit einen kühnen Entschluß notwendig machte. Unser j etziger Staatspräsident Pehr Ewind Svinhufvud, in jeder Weise mit der ehrwürdigen Gestalt Hindenburgs zu vergleichen, verkündete als damaliger Präsident des Senates im finnischen Landtag d i e Selbständig­keit Finnlands und seine Loslösung von Rußland. Damit war unsere Freiheit erklärt, aber es ist vielleicht gut für ein Volk, trenn es feine Freiheit nicht geschenkt bekommt, sondern sie erkä.npse.r muß.

In wenigen Tagen ließ sich die Anerkennung De, jungen finnischen Staates durch Deutschland, Schweden und selbst durch die Räteregierung in Pete.sburg erlangen. Das hinderte Rußland jedoch nicht, mit großer älebermacht in Finnland einzufallen und die rote Fahne des Bol­schewismus über Finnland zu entfalten. Finnlands Bevölkerung kämpfte zwar unter heroi­schen Anstrengungen, gegen Die zahlenmäßige und materielle äleberlegenheit Der Russen aber

kam die junge finnische Armee nicht auf. So floh Svinhufvud auf einen finnischen Eisbrecher mit russischer Besatzung, d.e auf hoher See über­wältigt wurde, zuerst nach Reval und nach Deutschland. Im Frühling 1918 war es dann so we.t, daß die deutschen Truppen unter General Graf von der Goltz und die finnischen Truppen unter ©e.-rral Manner- heim nach schweren Kämpfen die bolschewistische Armee vernichten und gemein,am am 18. Mai ihren, vom Jubel des befreiten Volkes um« brausten Einzug in Helsingfors halten konnten. Der deutsche Versuch, den Prinzen Friedrich Karl von Hessen zum König von Finnland zu machen, muhte an dem deutschen Zusammenbruch im Herbst 1918 scheitern. Svin­hufvud trat, zurück, General Mannerheim wurde Reichsverwefer.

Run begann die planvolle Aufbauarbeit, um Finnland eine Verfassung zu geben und Heer und Staatshaushalt in Ordnung zu bringen. Es hat an inneren Krisen in unserem jungen Staate selbstverständlich nicht gefehlt. So hat bis heule das Kabinett im ganzen fünfzehnmal gewechselt. Die letzte große Staatskrise brach vor etwa zwei Jahren über Finnland herein, als die sogenannte Lappo-Dewegung die große faschistische Welle, die durch Europa geht, auch auf Finnland zu übertragen versuchte. Da­mals kehrte Svinhufvud,Finnlands Hin­denburg". vom Vertrauen des ganzen Landes einschließlich der Lappo-Dauern gerufen, in Die Regierung zurück. Ein Jahr Darauf tourDe er Lum zweiten Male Staatspräsident. Er bec^Dete Die ullzu westeuropäisch orientierten V rsuche gewisser Politiker, Die in Paris und Lo.roon erzogen finD, FinnlanD eng Den Siegerstaaten von Versailles anzuschließen. Auch Der Bei­tritt Finnlands zu einem polnisch-f ranzös.sch orien­tierten baltischen Randstaatenblock wird künftighin nicht mehr mög.ich sein. Mit Den s k a n D i n a d i - schen Staaten Dagegen verbinDet uns eine enge FreunDschaft, von Der wir nur hoffen, Daß sie einstmals auch Deutschland um­fassen werDe. R u h l a n D. das jahrelang sich mit unserer Freiheit nicht abfinden konnte, scheint jetzt die Hoffnung aufgegeben zu haben, daß je­mals Finnland in die Sowjet-Republik zurück- kehrt. Dazu hat nicht zum mindesten die außer­ordentlich schlagfertige finnische Miliz, das so­genannteSchuh-Korps" beigetragen. Ein­schließlich DenLottos", Den weiblichen Hilfs- ve. bänden, bUDet Das Schuh-Korps einen getreuen Wall vor unserer jungen Freiheit, Die in Den schwerreichen Wintermonaten vor 15 Jahren mit Strömen Des besten Blutes erkauft tourDe.

Kreisbauernschast Wetzlar fordert Westhilse.

0 Wetzlar, 22. Febr. Die Vertreter Der Land­wirte des Kreises Wetzlar hatten sich hier zu einer Bauernkundgebung mit gleichzeitiger G e neralversaminlung der Bauernschaft eingefunden. Der 1.Vorsitzende Georg Allmen- r ö d e r begrüßte Die Teilnehmer. Landwirt Wilh. Langsdorf - Groß-Rechtenbach hielt eine An­sprache, in der er kurz die Lage der Landwirtschaft schilderte, auf Die gegenwärtigen politischen Verhält­nisse hinwies und ausforderte, der Jugend Raum zu geben und sie an der Gestaltung der Zukunft mit­wirken zu lassen. Abschließend forderte er ftaat» liche Hilfe auch für den Bauer des We­stens. Sodann faßte die Versammlung einstimmig und unter großem Beifall folgende Entschließung:

Die in Wetzlar versammelten Vertreter von 4000 in der Kreisbauernschaft Wetzlar zusammengeschlosse­nen Bauern, begrüßen die neue nationale Regierung und stellen sich vertrauensvoll hinter sie; sie begrüßen ferner die bis jetzt eingeleiteten ersten Hilfsmaßnah­men für den deutschen Bauern, die als die ersten Schritte gewertet werden müssen, die Landwirtschaft vor dem völligen Ruin zu retten. Sie vertrauen der

Was Japan plant: Austritt aus dem Völkerbund Eintritt in den Krieg.

f

Regierung, daß das Ziel der WiederherftellunA der Rentabilität in der Landwirtschaft und der Schaf­fung eines Existenzminimums für den deutschen Bauern energisch verfolgt wird und daß Maßnah­men getroffen werden, das Bauerntum hier im Westen ebenso zu entschulden, wie im Osten, und daß die Brechung der Zinsknechtschaft in unserem Volke als die Vorbedingung für .Arbeit und Brot!' bald eingeleitet wird."

Geschäftsführer Schmidt erstattete sodann den Jahresbericht, Hauptgcschäftsführer Dornberger Die Rechnungsablage. Die Versammlung beschloß, Den Vorstand von sechs auf sieben Mitglieder zu erweitern. Der ausscheidende Vorsitzende und das Vorstandsmitglied Karl B r o l l (Biskirch.m) wurden wiedergewählt. Hinzugewählt wurde Vorsteher De sch (Oberwetz). Im weiteren Verlauf der Versammlung wurden Der Gesamtausschuß, die Bezirksvertreter und Der Festausschuß zum Nassauischen Bauerntag gewählt.

Oer Darmstädter Dolksbank-Prozeh.

WSR. D a r m st a D t, 22. Febr. In Der heu­tigen Verhandlung DrsDarmstäDterVolks- bankprozesses tourDe zunächst Der Direktor Der Rentenanstalt, Dr. L i ch , vernommen, Der sich über Die Mitteilungen äußerte, Die ihm Der Angeklagte Habicht über Die Spekulations­geschäfte Der VorstanDsmitglieDer machte. Justiz­rat L i n D , Der nächste Zeuge, gehörte früher Dem Aufsichtsrat an unD hat Dort stets Die Auffassung vertreten, Daß Eintragungsbewilligungen, einerlei ob Hypotheken ober Grundschulden, stets auch wirksam eingetragen unD Wcchsekobligen und Aval« bei Der Berechnung Der Höchstgrenze ein­bezogen werben mühten. Die Gründe für bie Entlassung ber beiben früheren Vorstanbsmit- glieber Schn, unb I., bie ohne Aufsehen erfol­gen sollte, sind nach seiner Erinnerung neben ihren Spekulationsgeschäften auch ihre persön­lichen Leistungen gewesen. Rach seinem Ausschei» ben aus dem Aufsichtsrat war Justizrat L i n b auf Wunsch bes Direktors Weiler juristischer Berater ber Dolksbank. Er hat nur mit Direk­tor Weiler, nicht aber mit Direktor Becker ober bem Aufsichtsrat verhandelt.

Rach Der Vernehmung einiger weiterer Zeu­gen kam es bei Den BekunDungen Des Zeugen P o'.ssor SchneiDer zu ebhas e:Aus.i a-.Der- setzungen mit Dem Angeklagten Becker, Dem ber Zeuge wegen ber Art seiner Informationen über Den StanD Der Bank bei Dem Ersuchen um VerpfänDung Des SchneiDerschen Efsektendepots Betrugsabsicht vorwarf. Gegen Diese Be­

hauptung wanDte sich ber Angeklagte Decker in sehr erregten Worten, benen sich auch der Verte.biger Rechtsanwalt Oppenheimer an­schloß. Diesem wurde vom Vorsitzenden bas Wort entzogen und er von ber Verhandlung aus- geschlosfen.

Es folgte bie Verlesung eines weiteren Kontos, bann aber erklärte ber Angeklagte Decker, ber Derhanblung nicht mehr folgen zu können, worauf bie Terhanblung auf Donnerstag vertagt wurde.

Tagung der Landesgruppe Rhein Main ehemaliger Auslandslehrer.

Dieser Tage sand, wie man uns berichtet, in Frankfurt bie brüte Hauptv: rsammlung ber Lan- besgruppe Rhein-Main ehemaliger Auslands- lehrer bei reger Beteiligung statt. Der erste Vor­sitzende, Studienbirektor Scholl, (Gernsheim, früher Buenos-Aires^ berichtete zunächst über bie Tätigkeit des Verbandes in den feit ber Gründung verflossenen zwei Jahren. Der Wille zu weiterer Arbeit im Dienst bes Volksganzen würbe aller­seits zum Ausbruck gebracht und Der seitherige Vorstand wiebergewählt.

Stubienrat Dr. König (Gießen) sprach über bie Bebeutung ber Volksdeutschen im Ausland für die deutsche Gesamtkultur. Von seinen überaus Inhalts- und aufschlußreichen Darlegungen kann hier nur weniges toiebergegeben werden: DaS Auslandsbeutschlum ist ein wesentli/;er Bestandteil der deutschen Volkheit. Die Reichsbeutschen sind durchaus nicht nur Der alleingebenbe Teil, fonbern cs finbet ein stetiger Austausch von Kräften statt. Zwar leben bie Auslandsbeutschen im allgemeinen primitiver, aber gerade deshalb sind die ur­sprünglichen gemeinschaftsbildenden Kräfte des Volkstums bei ihnen in höherem Maße erhalten. Bei uns hat der Zivilisationsprozeß zu einer zu­nehmenden Mechanisierung und Entseelung des Lebens geführt. Vorbildlich können die Aus­ländsdeutschen uns auch fein in ihrem Stolz auf ihr Volkstum und ihrem gesteigerten Derantwort- lichkeitsgefühl ihm gegenüber. Zugleich sind sie Die gegebenen Vermittler zwischen Dem Deutschen Gcsamtvolk unD Dem Mehrheitsvolk, in Dessen Mitte sie wohnen. Zuletzt sprach Der ReDner noch über Die seelische Lage Des GrenzlanDdeutschtums im Osten, SüDen unD Westen Des Reichs.

AnschließenD sprach Stubienrat Dr. H e l D t (Mainz! über Das Thema: Was lehrt uns Die Geschichte des ungarländischen Deutschtums? Der Vortrag fesselte durch die Verbindung von Wis­senschaftlichkeit unb Anschaulichkeit.

Giryener Gtavrtheaier.

Karl Neurath:DcrB ndschuh".

Der zweite Abend im Zyklus hessischer Dramatiker brachte eine südwestdeutsche Erstausführung unb ließ nach dem Darmstädter Niebergall einen Hcilgenössischen Dichter aus dem hessischen Raum zu Warte lammen: der Mainzer Karl Neurath ist bei -uns kein Unbekannter mehr und insbesondere dem Stadttheater durch seine frühere journalistische Wirksamkeit seit langem eng verbunden. Seine Tä­tigkeit als Zeitungsmann (vormals in Gießen, spä­ter in Bremen, jetzt in Kassel) hat ihm zu vielfälti­ger literarischer Arbeit Muße gelassen; aus der stattlichen Reihe seiner Bücher dürften vor allem die RomaneDas Domgut" undDer Preußen- kaplan" vielen in guter Erinnerung sein. Ein Lust­spielDie goldene Gazelle" wurde vor einigen Jahren in Neuraths Vaterstadt aufgeführt.

*

Der Bundschuh", in seiner ursprünglichen Fassung 1920 erschienen, uraufgeführt in Bremen, ist ein Bauerntriegsdrama, spielend im Jahre 1525 im Fränkischen um Giebelstatt, Kloster Schönthal, Weinsberg und Gundelfingen. Die erste soziale Revolution im Jahrhundert der deutschen Renais­sance hat seit demGötz von Berlichingen" immer wieder zu literarischer Gestaltung gereizt; aus unse­rer Zeit wären neben HauptmannsFlorian Geyer" derArme Konrad" von Wolf und Hermann Grae- deners Bauernkrietz-FriesUtz Urbach" zu nennen. Neuraths Schauspiel steht seiner ganzen Anlage nach demFlorian Geyer" am nächsten nicht nur deshalb, weil auch Neurath im Gegensatz ßumGötz" den schwarzen Ritter von Giebelstatt ins Zentrum der ganzen Bewegung rückt; sondern vor allem weil er dem Ablaus des Geschehens in feinen fünf Akten von anderen Ausgangspunkten her die gleiche Sinndeutung gibt

*

Se4n Florian Geyer ist ein tragischer Held: ge­borener Führer und Träger einer breiten und idea­len Beweguna, die an der Roheit, Uneinigkeit und menschlichen Unzulänglichkeit der instinktlosen und dumpfen Masse zerbricht. Neuraths Drama will das Schicksal des überragenden Einzelmenschen gestalten, der sich und seine reine Idee nicht durchzusetzen ver­mag unb zugrundegeht, well die unreife unb ideen­

lose Menge den tiefsten Sinn des großen Aufbruches nicht begreifen kann und will.

So stehen die blutigen Ereignisse um Weinsberg mit Recht im Mittelpunkt der Szenenfolge; dieser dritte Akt ist nicht nur äußerlich die Achse, um welche die treibenden Kräfte und Gegenkräfte des Schau- piels sich sammeln. Die ungeheuerliche Abschlachtung )es Grafen von Helfenstein und seiner Leute ge- chieht wider Geyers Wissen und Willen. Die Tat des Bauernhauptmanns Jäcklein Rohrbach, des aus der Masse herosrwachsenden wichtigsten Gegen­spielers, schändet die auf ein reines Evangelium, auf Freiheit und deutsche Einigkeit gerichtete Bewe­gung und muß ihren ritterlichen Führer in seinem Glauben an die Gerechtigkeit und die Würde seiner Sach- aufs tiefste erschüttern. Herzstück und Wende­punkt der Fabel liegen in den Szenen dieses Aktes beschlossen. Hier gipfelt chronologisch unb drama­turgisch die Bewegung, die auf der Geyersburg im ersten Akt Sammlung, Rechtfertigung und ersten Anstoß erhält; und die dann auf rauchenden Schloß­trümmern im nächtlichen Feuerschein mit der Er­mordung des Führers ein glück- unb rühmloses Enbe finbet.

»

Neben unb gegen den Helden stellen sich, mit scharfer Charakterisierung aus der brodelnden Menge des Volkes herausgehoben, die wichtigsten Figuren in Spiel und Widerspiel. Götz ist hier keineswegs (er war es schon bei Hauptmann nicht) der strahlende unb stürmische Mann ber Freiheit wie bei Goethe; im Gegenteil: ein zaudernder Abtrünniger und Ver­räter. Von den Bauernführern ist neben Rohrbach bei Neurath vor allem Wendelin Hipler schärfer unb sympathischer profiliert. Wilhelm von Grum- bach erscheint als ein eleganter, verschlagener Ritter, dessen zweibeutige Haltung von vornherein einen wirksamen Kontrast zu ber Gestalt Geyers bebeutet Knapp unb schlicht gezeichnet: Geyers Frau Bar­bara, ber Pater Jerodeam, ber Schreiber Leutz unb bie Lagerbirnen. Luther, besten Stellung im Bauern­kriege bekannt ist, wirb zwar nicht unmittelbar ein­geführt, doch fällt im vierten Akt gleichsam ein hefi­ger Schatten von Wittenberg her in bas fränkische Hriegsfpiel, unb bie zornige unb streitbare Stimme bes Reformators erhebt sich grollend aus bem Senb- brief roiber bie mörderischen und räuberischen Rot­ten ber Bauern

Im knappen Dialog, mit eingesprengten Liebern unb kennzeichnenden Nebenfiguren sucht Neurath Lokalfarbe unb Zeitstimmung festzuhalten. Die bunte Masse bes Volkes ist in sich gestuft unb ge­schichtet, bie Führung ber Handlung in großen Zügen den historisch überlieferten Ereignissen an- ?^glichen; wobei man es besonders wohltuend emp- inbet, baß ber Autor sich nicht in kleine Silber unb Szenen verliert unb zersplittert, fonbern diese zu großen, in sich geschlossenen Akten zusammenfügt.

Die Inszenierung unter ber Führung von Ober» fpielleiter Fasso11 hatte diese Konzentration noch verdichtet: das Prosa-Manuskript, bas an bie Stelle ber ursprünglichen Verfassung getreten ist, würbe einer Reihe von Kürzungen unterworfen, die ber Bühnenwirkung nur zustatten tarnen. Die braina- turgische Behandlung wurde, zumal in den ersten vier Akten, auch durch eine gesammelte, auf Steige­rungen wie auf Atempausen bedachte Regieführung unterstützt. Die Massen waren gerecht verteilt unb chorisch zusammengefaßt; bie Einzelstimmen hoben sich aus bem Unisono abgegrenzt heraus. Zn einzel­nen Szenen würbe allerdings eine gewisse Dämpfung der Lautstärke zugunsten der Artikulation für die kommenden Aufführungen zu empfehlen sein; ebenso würde der u. E. reichlich schleopende Schlußakt durch eine energische Zusammenfassung gewinnen.

Die im Ganzen recht farbige unb lebendige Auf­führung wurde durch die Bühnenbilder von L ö f f 1 e r vorzüglich unterstützt, ber burch eine von goti­schen Bögen burchbrochene unb überhöhte Mittel­achse eine glückliche Raumaufteilung gewonnen hatte unb aemeinfam mit K e i m (Beleuchtung) dem Schauspiel einen stilgerechten unb malerischen Rah­men gab.

Florian Geyer war Jochen Hauer: btonb, hoch und stattlich, ein Ritter wider Tod und Teufel, aber nicht nur ein Mann der Faust unb Schlagetot, son­dern auch ein Mann von Herz, aufrecht unb gläu­big hingegeben an bie Reinheit unb Gerechtigkeit seiner Sache unb Senbung, schwer getroffen durch die Gewalttat, die er nicht mehr aufhalten kann; auch von dem Träumer, Sterngucker unb Himmels- narren in diesem Bauernführer war in der sym­pathischen Auffassung Hauers einiges zu spüren.

Eine vollsaftige Gestalt, behäbig, fast bürgerlich breit im schwäbischen Dialekt, machte Herr Hub aus dem Götz: bieder, nüchtern und ohne den idea- listischen Schwung des Geyers. Gefährlich und racheschnaubend ausbrechend im entfesselten Blut­durst, emporgeschwemmt von der blutigen Woge des Krieges: der wüste unb verwilberte Rohrbach des Herrn Michel. Ein guter, maßvoller Fürspre­cher ber Bauernsache war ber von Volck klar unb beherrscht gegebene Hipler. Ein mit lärmenbem Temperament auftrumpfenber Fähnlein - Führer: Herrn H e y s e r s Metzler. Glatt, geschmeidig unb unburchdringlich ber Grumbach bes Herrn D i e- t e n. Frl. Berger spielte mit leidenschaftlichem Temperament die Lagerdirne Sabine; doch sollte sie die Gestalt vor stimmlicher Ueberfteigerung bewahren. Agathe Walther-Lederer gab scharf ak­zentuiert die rote Marianne, Herr Hamel mit dem munteren, gebärdenreichen Humor eines shakespeare- schen Narren den Schreiber Schell, Dom großen Ensemble seien noch Frl. Flemming als Bar­bara, F a s s o t t als inbrünstiger Jerodeam, Kühne als Steckelberg und Bruck als Säckler genannt; auch alle übrigen waren mit Eifer unb Hingabe bei der Sache.

*

Die Erstaufführung fand, obwohl der Besuch zu wünschen -übrig ließ, sehr freundlichen Widerhall; mit den Darstellern konnte zuletzt der Autor den Dank des Hauses entgegennehmen. hth.

Oiesprechende ttljr" von Paris.

Die sprechende Uhr, die am Turm Der Pa­riser Sternwarte angebracht worden ist, lieh Dielet Tage zum erstenmal ihre Stimme erschallen. Die Einrichtung beruht auf Demselben Prinzip wie der TonfUm, unD DieVerkündigungen" erfolgen alle 24 Stunden hindurch jede 10 Sekunden. Wenn man sich in der Rähe der Sternwarte aufhält, so hört man etwa plötzlich eine wohlklingende Männerstimme ruhig feststellen:Es ist 17 llljr 17_ Minuten 10 Sekunden," und 10 Sekunden später ertönt dieselbe Stimme:Es ist 17 Llhr 17 Minuten 20 Sekunden." Diese Meldungen er­folgen Tag und Rächt; sie sind dazu bestimmt, je­dem Telephon-Teilnehmer, der sich mit der Stern­warte verbinden läßt, sofort die richtige Zeit mitzuteilen.

i ) !

i c

< l r t

s

IX

c n n r s g n n i- tr ß

r ic d- n. c.

V)0 d. m

HS S- > r n- . n- n. r- i m, ge en

en ?r-

ge id) nit

eit us le, s- jin er­be- er- um seit al- 9c- £ä- Der es- )as für

Her der toei an- ns- r - e n rf- sten

)ei- Jct- ladj nd) ngs ;ber i'ge Hen ab­ruck gern sich icr- er-

mb en. ach mb ild,

rab ens um cm 'rz: am.