Ausgabe 
21.4.1933 Frühausgabe
 
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. Aus der Provinzialhauptstadt.

ÄOA.'pfingstfahrt.

Man schreibt uns: Der Sonbenug, den die hessi- | scheu Teilnehmer an der Pfiugstfahrt des DDA. nach Älagenjurt benutzen, sahn am Donnerstag, 1. 3uni, in Frankfurt um 23 05 Uhr ab. Die Rück­fahrt erfolgt.am Montag. 12. Juni, von Salzburg. '

Teilnehmer haben bis zum 1. Mai 38,60 Mark (Jugendliche und Führer 36,60 Mark) an die Stoffe ! des Landesverbands in Friedberg (Bezirkssparkasse ! Mathildenftift, Friedberg Sy, Postscheckamt Frank­furt a. M., Nr. 12340, Slonto Pfingstfahrt) einzu- senden.

Jugendliche werden im ganzen mit zirka 65 Mk. auskommen. Erwachsene müssen, wenn sie im f)otel aber im Privatquartier übernachten und sich selbst verpflegen, mit entsprechend größeren Ausgaben rechnen.

Da die endgültige Anmeldung bis zum 1. Mai bei Herrn Studienrat Dr. Simon, Offenbach i. M., Kaiserstraße 31, erfolgt fein muß, wird ge­beten, sich bis spätestens zum Freitag, 28. d. M., bei Herrn Studienrat Dr. König, «enckenberg- straße 25, zu melden.,

Bornotizen.

Tageskalender für Freitag. Ober- hessischer Kunstverein, Turmhaus am Brandplatz: 15 bis 17 Uhr, große Frühjahrs-Ausstellung.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute, 20 Ahr, 27. Vorstellung im Freitag-Abonnement, Wiederholung des Schwankes ^Hasenklein kann nichts dafür" von Mahncr-Mons (Spielleitung Karl Heys er) mit Ludwig Lintmann vom Reußischen Theater Dera als Gast in der Volle des Titus Hasenklein. Dewöhnliche Preise. Spieldauer bis 22.15 Uhr. Am Sonntag. 23. April, findet als Fremden- Vorstellung zu ermäßigten Preisen eine Wieder­holung des SchwankesHafentlein kann nichts da­für" in der gleichen Veseyung statt. Die Intendanz macht darauf aufmerksam, daß die Vorstellung am

Sonntag ausnahmsweise bereits um 1 5 lll h r be­ginnt, da das Ensemble des Stadttheaters auf Einladung der ASDAP.-Ortsgruppe Vad-Rau- heim abends in Vad-Rauheim anläßlich der Ge­burtstagsfeier des Führers Adolf Hitler mit einer Ausführung des Schauspiels .Der 18. Oktober" gastiert. Ende der Vorstellung in Gießen 17.15 Ähr. Der Vorverkauf zum Gastspiel .Fidelio" des Opern-Ensembles des Hesfi chen Landesthea­ters Darmstadt am Mittwoch, 26. April (27. Vor­stellung im Mittwoch-Abonnement), hat begon­nen. Es gelten für dieses Gastspiel Opernpreise. Außerdem haben Vorzugsgutscheine und Rund- funkgutscheine Gültigkeit.

' Ein 75jährige r. Morgen Snmstag, 22. April, feiert Herr Friedrich Heimer, der Seniorchef der Firma Fr. Heimer & Eo., wohn­haft Wilhelmstrahe 7, in voller geistiger und körperlicher Frische feinen 75. Geburtstag. Herr Heimer stammt aus Heilbronn, er kam 1889 nach Gießen und gründete die bekannte Eisengroß- handlung Dleichstrahe 2.

** Das Fest der Silbernen Hochzeit feiern heute, 21. April, die Eheleute Friseurmeister Wilhelm Arzbacher, Äaiserallee 34.

Weitere Ausflugsrückfahrkar- ten au Mittwochnachmittagen. Dom Dohnhos Gießen wird uns mitgeteilt: Vom 19. April ab werden versuchsweise -- gegen feder- zeitigen Widerruf weitere AuSflugsrückfahr- larlcn mit 33,3prozentiger Fahrpreisermäßigung von Gießen nach den Bahnhöfen Butzbach, Dillen­burg, Friedberg, Grünberg, Herborn (Kr. Dillen­burg), Hungen, Laubach und Weilburg an Mitt­wochnachmittagen ausgcgeben. Sie gelten zur Hin­fahrt von 12 Uf)r ab. Die Rückfahrt muh späte­stens bis 24 Uhr angetreten sein, sie ist nach 24 Uhr ohne Fahrtunterbrechung, bei Zugwechfel mit dem nächsten anschließenden Eil- oder Personen­zug, zurückzulegen.

Adolf Wers Geburtstag in Gießen.

Der Geburtstag des Reichskanzlers Adolf Hitler wurde gestern auch in unserer Stadl in würdiger Weise begangen. Die Straßen prangten im festlichen Schmuck der Farben Schwarzweihrot und der Hakcnkreuzfahnen: im Zentrum der L.adt war kaum ein Haus ohne Flaggcnschmuck, aber auch in den übrigen Straßen war außer­ordentlich reich geflaggt. Alle Kreise der Gieße­ner Bevölkerung nahmen lebhaftesten Anteil.

Mit der Feier des Geburtstages war auch eine Rdols-Hitler-Spende

verbunden. Lebensmittel wurden in großer Menge gegeben, auch Geldspenden gingen in erfreulich starkem Ausmaß ein. Die Opferwilligleit der Bevölkerung unserer Stadt wurde bei dieser Gelegenheit erneut unter Beweis gestellt. Zahl­reichen minderbemittelten Familien konnte da­durch noch am gestrigen Tage mit Lebensmitteln geholfen werden. Ohne Ansehen der Person wurde gegeben. TRcnt verfuhr sehr großzügig Lei der Verteilung und zauberte damit manch freundlich-dankbares Lächeln auf sorgenvolle Ge­sichter.

Das Gießener Bataillon stellte sich ebenfalls in den Dienst dieser hochherzigen Aktion und führte in Verbindung mit der RSDAP. eine Speisung durch, die sehr wohltuend empfunden wurde. Die Reichswehr hatte etwa COJ Liter eines außerordentlich schmackhaften Eintopf- gcr.chtes bereitgestellt, die in den Stunden von 17 bis 19 Uhr im Cafe Leib zur Ausgabe ge­langen sollten. Bereits nach 45 Minuten war der große Vorrat erschöpft.

Militärische Plahmusik

in der Zeit von 17 bis 18 Uhr hatte eine riesige Menschenmenge angelockt. Die Gießener Militär- skapelle unter Leitung von Obermusikmeister Krautze bot auf dem Konzertplay an der Südanlage ein ausgezeichnetes Programm, das in gewohnt schneidiger Weise abgewickelt wurde. Die Darbietungen, die dem Feiertag noch einen Lesonderen Gehalt gaben, fanden allenthalben lebhaften Anklang.

Unter stärkster Anteilnahme der Bevölkerung sand am Abend der

Große Zapfenstreich der Reichswehr

Datt. Allenthalben in den Straßen standen die Menschen und harrten des Vorbeimarsches der Musik, der Fackelträger, der Soldaten mit den Lufgepflanzten Bajonetten, um sich dann anzu- schlietzen. Auf Oswaldsgarlen hatte sich zur vor­gesehenen Stunde eine nach Tausenden zählende Menschenmenge eingefunden, die dem eryebenden militärischen Schauspiel mit großer Aufmerksam- leit folgte. SS.. SA., Stahlhelm, S)itler=3ung» Volk und Pfadfinder nahmen in geschlossenen Formationen mit ihren Fahnen und Wimpeln teil, ebenso war die Polizei aufmarschiert. Der Große Zapfenstreich wurde in der üblichen feier- lieben Form eindrucksvoll wiedergegeben und fand mit dem Deutschlandlied, in das die Menge einstimmtc, seinen Abschluß. SS., SA. und Hit- ler-Hugend brachten einSieg-Heil!" auf den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler aus, las ebenfalls vielfaches begeistertes Echo fand. -3n der Richtung nach der Zeughauskaserne marschierte die Reichswehr dann ab.

Rach dem Zapfenstreich wurde im Eafe Leib, veranstaltet von der RSDAP. G:etzen, eine

Hlkler-Geburkstagsfeler

cbgehalten. Der Saal war unerfüllt. Die Kapelle des Sturmes 11 leitete die Feierstunde mit Jewei­ligen Märschen ein. Herr H o p f e n rn ü l Ier eröffnete die Veranstaltung mit einigen ruck- schauenden Worten. Die Ansprache hell dann Herr Bartholomäus. Er führte u. a. aus: Am Abend »es 14. September 1930 sei man s ch noch nicht darüber klar gewesen, ob der Saal des Cafe Leib ausreichend, oder zu groß für die Versammlung der RSDAP. fei. Man denke an jene Tage zurück, wenn man die heutige Der- semmlung vor sich sehe. Man habe zu jener Zeit nicht geglaubt, daß die Wünsche des Führers in Erfüllung gehen würden, als man ihm den Posten des Vizekanzlers anbot und er ihn aus- schlug. Der 5. März 1933 habe die Erfüllung aller Dünsche und Den Sieg gebracht. Roch vor Mo­naten seien Widerstände vorhanden gewesen: jetzt aber sei Der Gegner mit in Das Lager Des Füh­rers gerissen worden Durch Die Kraft seiner Persönlichkeit unD Die innere Kraft seiner Be­wegung. Alle Ueberheblichkeit Der Gegner sei

zufammengebrochen. Hitler fei Volks­kanzler geworben im wahrsten Sinne Des Wortes. Heute, an seinem 44. Geburts­tag, seien an allen Häusern Die Flaggen ihm zu Ehren gezeigt worden. Heute an diesem Tage müsse man aber auch Derer geDenfen, Die Opfer an Gut, Blut unD Leben gaben, ohne zu wissen, Daß Der Sieg ihrer sei. Ihnen habe Der Führer das Wort geprägt:UnD ihr habt Doch gesiegt!" Es sei immer Der GeDanke des Reichskanzlers gewesen, daß Die unbeDingtc Volks­gemeinschaft von unten her aufgebaut wer­ben müsse. Man könne heute nicht genug barüber Nachdenken, bah nur ber Führer es gewesen fei, ber mit rücksichtsloser Konsequenz seinen Weg ging. Er habe gefordert, baß bic oberen unb bic unteren Schichten Des Volkes sich die HanD reichten. Ihm, Dem unbekannten Gefreiten aus Dem Weltkriege, sei gelungen, was keinem vor ihm geglückt sei. Der Einigung feien aber uncndl'.ch viele WiDerstänDe entgegengesetzt wor­ben. Deshalb habe er bas WortKampf" auf seine Fahne geschrieben.

Schrittweise habe Der Führer BoDen gewonnen. Kein Rückschlag habe ihn abschrecken können. Er habe sich durchgesetzt, mit eiserner Beharrlichkeit habe er gekämpft. Er habe stets verantwortet, was er tat. Er sei im Gefängnis gewesen unD habe Dort fein LebenswerkMein Kampf geschrieben unb jene Linien festgelegt, nach Denen Der Kampf fortgeführt wurde. Er habe Redeverbote auf sich nehmen müssen, aber Die Bewegung sei schon im Leben und nicht mehr aufzuhalten gewesen. Ein Kämpferstaat fei geschaffen worden, eine Millio­nenbewegung gewachsen, trotz allem Terror: ber Kämpferstaat fei gewachsen aus Der Liebe zum Va­terland. Legal, mit Den eigenen Mitteln habe er den Parlamentarismus geschlagen. Heute emp­fände man die Größe seines Herzens, dw immer wieder gepredigt habe, nicht locker zu lassen. Er habe Damit erreicht, was man noch vor kurzer Zeit nicht zu glauben wagte. Er fei Kanzler aus Dem Vertrauen Des Volkes geworden. Ten Sieg wolle man heute feiern, liniere ganze Kraft müsse ihm als Geschenk zu seinem Geburts­tag gegeben werden. Damit er den Kampf auch für des Vaterlandes äußere Befreiung erfolgreich füh­ren könne. Man wolle aber auch der Toten geden­ken, Die ihr Leben für die Bewegung unb somit für bas Vaterland gaben. (Die Teilnehmer Der Feier erhoben sich zu ihrem GeDenken von Den Plätzen.) Mit einem ehrenhaften Volke sei Die größte Rot zu übertoiiwen. So müsse jeder im braunen Hemd wahrhaft sein, deutsche Sitte und Disziplin verkörpern. Das ganze Volk müfic fein: einHi11 er! (Lebhafter Beifall!)

Im Anschluß an Die Ansprache fangen Die Teil­nehmer gemeinsam den ersten Vers des Deutsch­landliedes. Rach einer längeren Pause forderte Der Redner des Abends auf, Dem Führer Die Treue zu halten, was auch kommen möge. Dem Führer Vertrauen zu schenken auch bann, wenn die eine ober andere Maßnahme nicht gleich völ­lig verstanden werde, er ne, auf, zur Sa-zc zu stehen unb fo mitzuwirken am Reuaufbau unseres Vaterlandes. Ein dreifaches,Sieg-Heil" auf den Reichskanzler, in das alle begeistert einstimmten, be.'chtvb Die Ansprache. Das Horst-Wessel-Lied beendete die eindrucksvolle, würdige Feier.

Schupoparade in Darmstadt.

Darmstadt, 20 April. (WSR.) Aus An- laß des Geburtstages des Reichskanzlers Adolf Hitler fand h.^te mittag eine Paradeauf- ftcllung der hell scheu Schutzpolizei, der Lan- despolizeischule, der SA. unb SS. unb bes Stahlhelms auf dem Merckplay statt, zu ber sich zahlreiches Publlkum cingefunben hatte. Rach einem Marsch durch verschiedene Straßen nahmen Staatspräsident Dr. Werner, Staatsminister Dr. Müller und bic Führer ber Wehrverbänbe den Vorbeimarsch am Hessischen Lanbesmuseum ab. Die Schutzpolizei, angeführt von Etaats- kommissar für bas Polizeiwesen Dr. Best unb Polizeioberst Fendel-Sartorius zu Pferbe, war in Paradeuniform unb mit Stahlhelm unb Karabiner ausgerüstet Auch Der SarmftäDter Polizeipräsident Polizeimajor Dr I v e r s nahm an Dem Vorbeimarsch zu Pferde teil- Am AbenD wurde im Großen Haus des Hessischen Landes- theaters WagnersLohengrin" unb im Kleinen HausDer 18. Oktober" als Festvorstellung ge­geben.

Treugelöbnis der Äüdinger Bürgermeister,Versammlung.

Darmstadt, 20. April. (WSN.) Die Presse­stelle der Staatsregierung teilt mit:

Von der Bürgermeisterversammlung des Kreises Büdingen erhielt die Staats- regierung folgendes Telegramm:Die am Geburts­tage des großen DolkskanLers versammelten Bür gernreister des Kreises Büdingen geloben einmütig der hessischen Siaatsregicrung treue tatkräftige Mit­arbeit im neuen Hitlerreich.

3. 21.: Dr. Gaßner, Kreisdirektor.

Albrecht, Bürgermeister, Düdelsheim."

Der Staatspräsident antwortete Darauf mit folgendem Telegramm:

Streisbirettor Gaßner, Büdingcn. Hessische Re­gierung nimmt gerne Kenntnis von Gelöbnis treuer Mitarbeit ber Bürgermeister bes Kreises Büdingen unb sendet deutschen Hessengruß.

Dr. Werne r."

Ehrenbürger»Ernennungen.

WSR. Darmstadt, 20. April. Wie die Pressestelle der hessischen Staatsregierung mit- fteilt, hat die Stadtverwaltung Büdingen den Staatspräsidenten Dr. Werner zum Ehren­bürger ernannt. Der Gemeinderat vonB lei­ch e n b a ch ernannte in einer künstlerisch gestalteten Urkunde den Reichskanzler Adolf Hitler und den Staatspräfidenten Dr. W e r n e r zu Eh­renbürgern.

Weitere Amtsenthebungen.

D a r in st a d t, 20. April. (WSN.) Die Presse­stelle der Staatsregierung teilt mit:

Folgende marxistische Bürgermeister wurden abgesetzt und durch kommissarische Benannte ersetzt (wir verzeichnen hier die o b e r h e s s i s ch c n Orte. D. R.): Storndors: Bürgermeister Sd)ä>

fer durch Sattlermcifter Weitzel, Storndors. Beige­ordneter Ioh. Weih III. durch Hermann Richlberg, Slornborf. Dockenrod: Bürgermeister Äreutctf durch Hermann Schlitt, Lockenrod. Eifa: Bürger- meister Reibeling durch Lehrer Hofmann. Angen­rod: Bürgermellter Bernhard durch Beigeordneten Hoßnann Kirtorf: Bürgermeister Gade durch Lacher, Kirtorf E l b e n r o ö : Bürgermeister Wag­ner durch Ferdinand Schröder, Elbenrod G l a u - berg: Bürgermeister Koch durch Heinrich Wolf. Lindheim: Bürgermeister Lipp durch Fricdr. Wilh. Weihenborn, Lokomotivführer a. W. Beige­ordneter Lipp durch Gutspachter Stepper. Langs­dorf: Beigeordneter Roth durch Eduard Köhler, Landwirt. Hungen: Beigeordneter Berlctt, der bereits zurückgetreten ist, durch Heinrich Hoffmann. Di Hingen: Bürgermeister Pauly durch Beige­ordneten Otto Zimmer III. Als Beigeordneter Michel durch Heinrich Berhöfer, Landwirt W i c - s e ck: Beiaeordneter Karl Schäfer durch Karl Euler, Wieseck. Staufenberg: Der gewählte Bürgermeister Heinrich Bogel Vi. wird nicht be­stätigt. Als Ersatz Wilhelm tncuttcr. Lollar. Bei­geordneter Seipp durch Ludwig Wagner. G r o - tzen-Linden: Beigeordneter Karl Weigand durch Heinrich Faber, Eleklromeister. G r ü n t n - gen: Beigeordneter Wilhelm Gottfr. Engel durch Otto Marschsteller, ©leben: Für den bereits zu rückgetretenen Beigeordneten Rosenberg Rechtsan walt Luley (ohne Besoldung).

Zur Hastentlaffung des früheren Offenbacher Gchlachtbofdirektors.

Offenbach, 19. April. (WSR.) Wie bereits mitgeteilt, ist ber frühere Direktor des Offenbarer Schlachthofs, (Biege rid), aus der Hast ent lassen worben. Die Haftentlassung ist erfolgt, weil ihn ber Arzt wegen Krankheit für hastunsähig erklärte. Die Unterfuchung ber gegen Glegerich er hodenen Vorwürfe geht weiter unb ist noch keines­wegs abgeschlossen.

Johann Hinrich Wichern,Zugenderzieher und Menschenfreund.

Zu seinem ^2S. Geburtstag am 21. April und zum 100jährigen Jubiläum des Rauhen Hauses.

Von probst und Superintendent £ic Borrmann, Angermünde.

Im Anfang war bie Tat" laßt Goethe ben Doktor Faust bic ersten Worte bes Iohannesevan- geliums übersetzen. Er wollte zum Ausbruck brin­gen, bah bie christliche Religion auf eine Siebes- tat Gottes an ber Menschheit gegründet ist unb sich auf- unb ausbauen muh in Werken ber Liebe. Heute ist uns biefeReligion ber Tat" so vertraut, bah wir kaum noch verstehen, bah bie Kirche erst vor Eiunbert Jahren in das Zeitalter ber christlichen Räch tcnliebe treten konnte. Um so höher steht ber Raine ic» Mannes, ber bie Kirche diese ihreinnere Mission" lehrte. Johann Hinrich W i ch e r n , beffen 125. Geburtstag am 21. April bleses Jahres mit bem 100jährigen Jubiläum seines bekanntesten Werkes, besRauhen Hauses" in Hamburg, bas er 1833 grünbete, AufammenfäUt. Dieser Christ ber Tat vermag noch heute unserer Gegenwart in ihrem Streben nach praktischem Christentum Leh­rer und Führer zu (ein.

Als bas älteste Kind unter sieden Geschwistern wurde er am 21. April 1808 zu Hamburg, bas ba- mals unter französischer Herrschaft seufzte, geboren. Sein Vater, aus dem Ardeiterstanb kommend, ar­beitete sich durch eisernen Fleih, ben ber Sohn von ihm erbte, bis zum Notargehilfen und verelbigten Ucbersetzer hinauf. Die Seele bes Hauses war bie fromme Mutte, bic ihren Kinbern ben Sonnenschein treuester Mutterliebe leuchten ließ. Dennoch gestal­tete sich Hinrichs Jugend sehr ernst, zuerst durch bic Not ber Franzosenzeit (1813 trieb ber llstarschall Dauouft in der Winterkälte bie armen Einwohner Hamburgs, Darunter auch bic Familie Wichern, aus ber Stabt), bann durch den Tob bes Vaters, so bah ber kaum fünfzehnjährige Johann Hinrich neben ber eigenen Ausbilbung auf dem Gymnasium noch für ben Unterhalt von Mutter unb sechs Geschwistern burch Stunbengebcn sorgen mußte. So hat ihn seine an Arbeit unb Entbehrung reiche Jugend zu seinem spateren Rettungswerk an ben Aermsten ber Ju genb erzogen: nur ber kann Elenb verstehen, ber es selbst erfahren hat. Freilich würbe diese rastlose Tag- unb Nachtarbeit mit 17 Jahren gab Wichern 60 Stunden wöchentlich als Erzieher in der Anstalt Pöselborf auch ber Grunb zu den qualvollen Kopfschmerzen, die ihn sein Leben lang peinigten unb schließlich sein Siechtum herbeiführten.

1830 bezieht Wichern bie Universität und lernt in Berlin ein noch größeres soziales und sittliches Elenb kennen als in Hamburg. Aber er sieht auch tatkräftige Hilfe am Werk, so in berFreiwilli gen Beschäftigungsan st al t", bie der fromme Baron von Kotkwitz in einer leerstehen r den Kaserne für bie vielen Arbeitslosen Berlins ein- gerichtet hatte. Unter ihnen lebte Kotlwitz wie, ber Vater einer großen Familie. Von ihm hat Wichern für seine spätere Anstaltstätigkeit ben Gedanken: Nur Familienleben gestaltet ben Anstastsbetrieb segensreich" übernommen. Aehnlich ftgrten Einfluß übte Philanthrop Dr. Julius auf/ben Stubentcn aus. Dieser Menschenfreunb hjrtte bas Damalige Ge- fängnisroefen unb alle jeiut Härten studiert unb hielt in Berlin Vorlesungers, in benen er seine Hörer bas Gesangnis nicht als /Straf-, lonbern als Besse­rungsanstalt ansehen lehrte. Wichern hat bei seiner späteren Gefängnisrefyrm ben Gedanken dieses Arz­tes in die Tot umg^etzt. Durch Beschäftigung und Charakterbildung soll ber (Befangene während feiner Strafzeit zu einem brauchbaren Glied ber Gesellschaft heranrcisen. Es ist für Wi­eherns praktischen Sinn bezeichnend, daß ihn der größte Theologe des Jahrhunderts, Schleier­macher, mit seiner geistvollen Dogmatik nicht tref­fen konnte^, während Manner Der Praxis, wie Äott- ' witz unD Julius, ihm Die beiDen großen JDeale für feine 2Ir,ftaltstätigteit Das Der Familie und Der Arbeitmitgeben.

1832 tritt KanbiDat Wichern als Oberhelfer in bie Sonntagsschule des Hamburger Pastors Rauten- berg ein. In biefer Arbeit findet er als Vorsitzen­der DesBesuchsvereins", Des Vorläufers Der heuti­gen, seelsorgerischen Hausbesuche, Kinder in so ent- sep,licher Umgebung, baß ihnDer Menschheit gan­zer Jammer anpackt". Kinder an Leib unb Seele verkommen, in^ Pflege bei Leuten inwilder Ehe" waren keine Seltenheit. Ein Junge hatte schon 92 mal wegen Diebstahls mit ber Polizei Bekanntschaft gemacht, ein anberer bereits wie ein Hunb an ber Kette gelegen. Aber ber große Menschenbänbiger, wie man Wichern treffend genannt hat, sah das Elend mit Augen erbarmender Liebe. Da er er« 1 kannte, daß solchen Kindern aus ihrer sittlichen Not

nur durch (Entfernung aus Der Sumpfluft ihrer häuslichen ZustanDe zu helfen war, tauchte der Ge Danke eines Rettungshaufe s, heiser gesagt eines RettungsDepots, in ihm auf. Durch Die Ham burger Senatoren Hudtwalker und Siewc fing, Die er für Diesen Plan begeisterte, murDen ihm Mittel unD Haus zur Verfügung gestellt. So zog er 1833 in DasRauhe Haus" vor Den To ren Hamburgsim Busch" gelegen unD von rauhen Winden umweht (Daher Der Name) mit Den er ften Knaben ein. BalD stieg Der Zöglinge unD Damit auch Der Häuser Zahl, Denn Wichern hielt an Dem Prinzip fest, daß nie mehr als 12 bis 14 Jungen, zu einer Familie unter einem Hausvater zusammen geschlossen, ein Haus bewohnen sollten. Nur Dann könnte ihnen Der Segen eines Familienle­bens. Das sie so lange entbehrt hatten, zuteil wer Den. Auch seine anberen (Brunbgebanfcn, Daß die Knaben ben Segen ber Arbeit im Schoß ber Familie lernen müßten, setzte Wichern mit liebevoller En er gie durch, wie Denn überhaupt große FreunDlichkeit, gepaart mit heiligem Ernst ber Grundzug feines Wesens war unb für bas Rauhe Haus beftimmenb wurde.

Wieherns Bedeutung ging aber schon zu seinen Lebzeiten über Hamburg unb bas Rauhe Haus hin aus. Man war auf ihn in weitesten Kreisen auf merksam geworden, so daß ber in Den Stürmen Des Revolutionsjahres 1848 zusammentretenbe erste Kirchentag in Wittenberg gern ben Ratber- Spc zialisten für christliche Liebesarbeit" zur Akstellung sozialer Mißstänbe hören wollte. So hält Wichern am 22. September in Wittenberg seine epoche machenbe Rede über dieinnere Mission" als Die Arbeit Des heilserfüllten Volksteils an Den heil los Gewordenen unb legte diesen Volksgenossen ber Kirche als ihr wichtigstes Lebenswerk ans Herz, die hinfort sprechen müsse:Die Arbeit ber inneren Mission ist mein, bic Lieb^ gehört mir wie ber Glaube."

Dieser Appell an bic Kirche ist von ihr ge­hört unb beachtet worden. Rettungshäuser, Stadt missionen, Herbergen entstanden in Den nächsten Jahren in großer Zahl. Die Seele bes sich bilbenbcn Zentrolausschusses für Innere Mission würbe W i ch e r n. Auf biefen mit jeder neuen Arbeit an Ar beitstraft wachsenben Mann häufte sich jetzt Die BürDe ber Aemter. 1851 würbe ihm bie Revision der preußischen Gefängnisse übertragen. Run konnte er seine Reformpläne in bie Tat umsetzen. In ben Brübern vom Rauhen Hause schuf er eine vorzüg liche Truppe von Hausvätern für Rettungsanstalten unb behielt noch Zeit, aus ihnen ein Sanitäts- korps zu schaffen, Das 1864, 1866 unD 1870 71, verstärkt Durch freiwillige Krankenträger, Saniläis arbeit im FelDe leistete. So ist Wichern auch Der (BrünDer Der Feldbiakonie geworben.

Damit haben wir schon Wieherns Bedeutung für bie Gegenwart gestreift, bic Kirche hat feine Mah­nung, baß ihr bic Liebe gehören müsse wie Der (BiuUbe, in Die Tat umgesetzt. So grünbet fick) bie Weltkonferenz für praktisches Ehri- ftentum in Stockholm wie bas Werk ber inneren Mission in ber beutschen Heimat letzten Enbes auf Wicherns. Unb weil Wichern alle Diese Liebesarbeit aufgebaut wissen wollte auf den lebenDigen Glauben an den Herrn der Kirche, steht mit vollem Recht auf Wicherns Denkstein 1881 ist er gestorben wie über Der Arbeit Der KircheUnser Glaube ist der Sieg, der bie Welt überwunden hat"

Aber auch unsere öffentliche Wohlsahrtsoslege steht auch heute noch unter berp Einfluß Wieherns. Sein Gebanke ber Familienerziehung ist heute ZÜlgemeingut. Seine Forderung: Beschäftigung für Arbeitslose, damit sie nicht gefährdet werden, ist heute erfüllt Durch Schaffung von Arbeitswilligen­lagern. Im Gefängniswelen haben Wicherns GrunD- sätze über Einzelhaft, Arbeitsmöglichkeit unD Weiter­bildung Des Gefangenen geführt zur vollen Auswir­kung des Gefängnisses als Der Besserungsanstalt. Vor allem ist in aller Wohlfahrtspflege an gefähr­deten Menschen sein restloses, uniiderwinbliches Ver­trauen zu diesen Menschen, in denen er trotz ihrer Verkommenheit das Ebenbild Gottes sah, vorbild­lich geworden. Sein großer Glaube an Die Menschen, mit praktischer Älugheitsgegenwart machte ihn zum Menschenerzieher von Gottes Gna­den. Daher ist seine Forderung: Niemand unb nichts aufgebenl noch heute richtunggebend für jeden Volksstanb, zumal in unserer Zeit der nationalen Konzentration.