Ausgabe 
21.4.1933 Erstes Blatt
 
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Die stummen Gäste von Zweilmden

Roman vonAnny vonpanhuys.

Copyright by Belletristische Korrespondenz Bechthold.

2l Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Wenn sie es nicht ganz genau wüßte, würde sie denken, eine Aehnlichkeit narre sie und es wäre gar nicht ihr Baker, der da vor chr saß wie einer, der tief in sein Gebet versunken. Sie beobachtete dann, wie er sich mit den Händen über die Stirn fuhr, und ihr war es, als höre sie ihn leise vor sich hin flüstern. Sonderbar war das alles, so befremdend und seltsam.

Plötzlich erschrak sie. Wenn ihr Vater aufstände und sie sähe! Er tat so heimlich mit seinem Kirch­gang, es war ihm bestimmt nicht recht, wenn sie darum wußte.

Sie stand auf und entfernte sich, wußte sie doch nun, wo sich ihr Vater aufhielt, wenn er seine ge­heimnisvollen Ausgänge machte. Er hätte es aller- näher und bequemer haben können in der Kirche San Ramon oder der Kirche Santa Maria de Sans. Barcelona war ja reich an Gotteshäusern.

Sie schritt nachdenklich die Ramblas wieder hinauf und betrat die Expedition derDanguardia". Sic hatte ihre Annonce zu Hause entworfen und reichte sie einer der Angestellten.Die las sie durch und meinte:Ich glaube, Senorita, die Ausgabe für die Annonce können Sie sich sparen. Ich habe nähmlich heute eine Annonce eingeliefcrt erhalten, durch die das Armband, wie Sie es beschreiben, gesucht wird. Morgen früh steht die Annonce im Blatt. Warten Sie einen Augenblick, dann schreibe ich Ihnen auf, bei wem das Armband abzugeben ist. Es ist übrigens eine hohe Belohnung in Aussicht gestellt." Die Sprecherin wühlte unter allerlei Zetteln, dann schrieb sie ein paar Worte und reichte Angela das Blättchen Papier.Bei diesem Herrn, dessen Namen ich Ihnen aufschrieb, ist das Armband abzugeben, er wohnt im HotelRitz. Aber ich habe es nicht dazugeschrieben, das merken Sie sich ja auch so."

Angela dankte für die Freundlichkeit und be­dauerte, das Armband nicht bei sich zu hat n. Aber vielleicht konnte sie am Hotel vorbeigehen und wenigstens sagen, daß üe es gefunden hotte, oie überlegte mit kleinem Lächeln, dann mußte er noch einmal an chren Kiosk kommen, der sie im Traume geküßt, ehe er wieder abreiste nach dem fernen Deutschland.

Sie las draußen auf der Straße, was auf dem Zettel stand, und ihre Lippen formten unwillkürlich lautlos den Namen: Konrad von Zweilinden! Sie dachte, das klang gut, der Name paßte zu feinem Träger.

Im Hotel hörte sie, nur Frau von Zweilinden wäre zu Hause, und man meldete sie bei ihr an.

Angela wäre jetzt am liebsten wieder fortgelaufen. | Sie hatte sich schon darauf gefreut, chn wiederzu­sehen, an den sie so viel denken mußte. Zögernd | betrat sie das Zimmer, in das man sie führte.

Bettina Zweilinden halle ein wenig gelesen, das Buch lag aufgeschlagen auf einem «essel, und sie kam Angela mit Lebhaftigkeit entgegen.

Sie haben das Armband gefunden, liebes Fräu­lein, nicht wahr? Ich dachte auch schon daran, ich könnte es bei Ihnen verloren haben."

Angela nickte:Ja, ich fand es unter meinen Bllimen."

Ein Glück, daß es wieder da ist", freute sich die Weitere,ich hänge sehr daran." Sie streckte die Hand aus, um das Schmuckstück entgegenzunehmen.

Angela machte eine Bewegung des Bedauerns. Das'Armband habe ich leider noch zu Hause."

Sie erzählle, daß sie eine Annonce hatte aufgeben wollen, und man habe ihr bei der Gelegenheit mit­geteilt, bei wem das Armband abzugeben wäre. Für alle Fälle hätte sie gleich melden wollen, daß sie es gefunden habe.

Frau Bettina nickte:Das ist sehr lieb von Ihnen gewesen, ich war durch den Verlust schon ganz niedergeschlagen. Mein Sohn ist jetzt wahrscheinlich zu Ihnen, um auch dort Nachfrage zu halten. Wie heißen sie übrigens, liebes Fräulein?" unterbrach sie sich.

Nach spanischer Sitte nannte Angela nun den Namen ihres Vaters zusammen mit dem Haupt­namen ihrer verstorbenen Mutter. Der Buchstabe y" heißtund". Sie erwiderte also:Ich heiße Angela Esperao y Landa." Sie war gewähnt, Speerau so auszusprechen, wie die spanischen Zungen das Wort umgebildet hatten.

Mein Sohn erzählte mir, Ihr Vater sei Deutscher. Der Name klingt aber sehr wenig deutsch, finde ich", sagte Frau Bettina in fragendem Ton.

Angela brannte der Boden unter den Füßen, sie dachte daran, daß Konrad von Zweilinden jetzt veil- leicht zu chr gegangen war und sie ihn möglicher­weise noch träfe, wenn sie sich beeilte. Sie erwiderte hastig:Man spricht Vaters Namen hier Esperao aus,' und Later gefällt es so. Eigenllich heißt Vater" Ein mehrmaliges Klopfen an der Tür unterbrach sie; gleich darauf stand Konrad Zwei­linden in dem eleganten Hotelzimmer seiner Mutter, lieber sein Gesicht glitt es wie ein Leuchten, als er Angela erblickte, und Frau Betllna entging es nicht, daß die Wangen der schönen Blumenverkäuferin, deren Haut wie nachgedunkeltes Elfenbein war, heftig erröteten.

Vorsicht! Vorsicht! warnte sie sich selbst. Konrad blitzte die Verliebtheit aus den Augen, und dem Mädchen schien Konrad auch ausnehmend zu gefallen. Es konnte zu einer großen Torheit führen, wenn man den zweien Zeit ließ sich noch öfter zu sehen. Sobald sie das Armband wieder hatte, wollte sie zur Abreise drängen. Sie traute es Konrad zu, daß

er schließlich in vollem Ernst daran dachte, die kleine Schönheit zu heiraten. Er würde natürlich tod­unglücklich werden, denn so ein schlichtes, in aller- kleinsten Verhältnissen herangewachsenes Mädchen konnte doch nicht Herrin von Zweilinden werden. Sie würde sich gar nicht in die Rolle hineinfinden. Doch zugleich sagte sie sich, daß sie wahrscheinlich überängstlich war, da die beiden sich ja kaum kannten.

Daß dieses auffallend schöne Allidchen Konrad gefiel, war nur zu begreiflich; sie selbst mußte aus ehrlicher Ueberzeugung bekennen, ein schöneres Ge­schöpf halle sie niemals gesehen. Und heute, wo sie sicher ihr bestes Kleid angezogen, kam ihre Schön­heit erst richtig zur Gellung. Sie sah hinreißend aus in den Kleidchen aus billiger heller Seide mll dem silbernen Ausputz.

Konrad hatte Angela gebeten, Platz zu nehmen, was sie auch bereitwillig getan, und er ließ sich nun von chr erzählen, auf welche Weise sic die Hoteladresse erfahren, ehe die Annonce noch im Blatt gestanden. Er sah sie, während sie sprach, unausgesetzt an, und es war, als sagte er ihr, ob­wohl er stumm zuhörte, allerlei Liebes und Gutes. Angela hatte das Gefühl, als hiellen sie beide ge­heime Zwiesprache miteinander, und sie dachte an den Traum dieser Nacht.

Sie verstummte plötzlich und erhob sich hastig, ihr fiel ein, der Vater war wohl nun inzwischen nach Hause gekommen. Sie wollte ihn nicht zu lange warten lassen, auch machte sie der forschende Blick Frau von Zweilindens immer befangener.

Sie sagte:Bille, holen Sie das Armband morgen vormittag an meinem Kiosk ab, Herr von Zwei- linden, ich bin dort bis zwölf Uhr."

Er lächelte:Ich werde spätestens um zehn Uhr dort sei. Meine Mutter kann das Armband gar nicht schnell genug zurückerhalten. Es ist ein liebes Andenken von meinem Vater, der vor elf Monaten starb. Ganz plötzlich, gerade als meine Eltern ihren fünfundzwanzigsten Hochzeitstag feierten. Sein Bild ist auf dem Armband, auch das Bild feines Vaters und feiner Mutter. Und das Bild der Ellern meiner Mutter ebenfalls. Alle sind schon tot."

Darauf herrschte für einige Augenblicke Stille im Zimmer.

Angeln wiederholte flüsternd und fragend:Alle sind schon tot?"

Muller und Sohn wechsellen erstaunte Blicke, und Bettina von Zweilinden bestätigte:Ja, alle sind tot, deren Bilder außer dem meines Sohnes auf dem Armband zu sehen sind. Als mir mein Mann das Armband schenkte, lebte er noch, doch starb er, wie mein Sohn eben erzählle, noch am gleichen Tage."

Angela dachte: Der Traum hat also doch recht. Wie seltsam das war!

Konrad fragte:Weshalb erstaunten Sie so sehr, als ich sagte: Alle sind tot?"

Sie erwiderte rasch:Ich war nicht erstaunt es tat mir nur leid." Sie muhte lügen, weil sie ihren Traum doch nicht erzählen konnte.Ich darf mich nicht länger aufhallen", erklärte sie hastig und eilte nach kurzem Gruß fast überstürzt davon.

Muller und Sohn blickten sich wieder an, und Konrad meinte:Es klang so eigentümlich, als sie wiederholte: ,Alle sind tot?"

Seine Muller bestätigte: ,,3a, es klang sehr eigen­tümlich. Aber was soll für ein besonderer Sinn dahinter stecken? Uebrigens, ich habe starkes Heim­weh, Konrad, und möchte nach Haufe reifen, je eher, desto lieber ist es mir, ich sehne mich nach Zwei­linden. Wir waren nun lange genug draußen, das Gut braucht auch wieder seinen Herrn, es wartet sicher schon vieles auf dich, womit Inspektor Dur= Hardt während der Reise dich nicht behelligen wollte."

Konrad sah sehr nachdenklich aus.

Du könntest recht haben, Mutter, ein bißchen Heimweh verspüre ich auch. Denn wenn die Welt draußen noch so herrlich ist, wenn sie auch mit allen ihren Wundern aufwartet, bleibt das Stück­chen Erde, wo man geboren ist, auf dem schon die Väter ihr ganzes Leben verbracht, doch das aller- schönste Fleckchen unter dem Himmelszelt. Muller, sage es, wann du Heimreisen willst."

Frau Bellina sah den Sohn lächelnd an. Dann meinte sie:Weißt du, wer sicher auch auf deine Heimkehr wartet, Konrad? Ich wenigstens glaube, Molly Rückert freut sich sehr auf den Tag, wo sie dich wiedersieht. Man rechnet ja in unserer Nach­barschaft schon seit längerer Zeit mit eurer Ver­lobung, und du wolltest doch nur das Trauerjahr abwarten, um ernstlich daran zu denken."

Konrad preßte die Handflächen gegeneinander. Ja, Muller, ehrlich gestanden, dachte ich, weil du meintest, der Gutsherr von Zweilinden müsse bald heiraten, wirklich daran, Baron Rückert um Mollys Hand zu bitten. Jetzt aber habe ich erkannt, daß mein bißchen Verliebtheit, die ich für Molly emp­funden, nicht ausreicht für ein langes Menschenleben. Ich möchte nicht verliebt sein in die Frau, die meine Gefährtin werden soll, sondern ich möchte sie auch lieben."

Du liebst Molly Rückert sicher, Konrad", wider­sprach seine Muller,du bist dir nur noch nicht ganz klar darüber geworden. Zu Hause begreifst du das besser, da wirkt die ganze Umgebung auf dich ein."

Er gab zurück:Das mag wohl sein, Muller." Aber er wußte, es war nicht so, es war ganz anders. Das kleine Feuerchen- feiner Verliebtheit für die Baronesse erlosch jäh, als sein Blick die bezaubernde Erscheinung der schönen Blumenoerkäuferin zum erstenmal getroffen. Nur ein paarmal hatte er sie bis jetzt gesehen, aber er spürte immer bewußter, wie seine Leidenschaft für sie wuchs.

( Fortsetzung folqt.)

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