Ausgabe 
21.1.1933 Erstes Blatt
 
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Vornan von Gert Nothberg.

(Urheberschutz durch E. Ackermann, Romanzentrale Stuttgart.)

8 Fortsetzung Nachdruck verboten.

- Gestern hatte Harry 'Achern mit seinem Schwie­gervater eine Unterredung gehabt. Die in der Ferne lebende Mutter irritierte ihn irgendwie. Doch Herr Augst en beruhigte ihn:

Es hat ja keinen Skandal gegeben, nicht im geringsten. Sie war ein unruhiges Blut. Ich habe sie sehr geliebt, aber ich hatte stets den Eindruck, daß sie krankhaft veranlagt war. Diese Ruhelosig­keit war ganz bestimmt nicht normal. Ich habe alles seinen Gang gehen lassen. Bon der Deut­schen Bank hebt sie noch heute ihre Rente regel­mäßig ab; das ist alles, was ich von ihr weiß. Scheiden habe ich mich nicht lassen, wegen der Kinder. Und sie hätte mir unerhörte Szenen ge­macht. Sie werden vielleicht denken, lieber Harry, daß ich ein elender Waschlappen bin, aber Sie kennen sie ja nicht. Und mir graut vor diesen Szenen. Ich will meine Ruhe haben."

Harry von Achern hatte dem alten Herrn mit­leidig die Hand gedrückt. Es war Wohl kaum zu fürchten, daß diese ruhelose Frau plötzlich hier in diesem stillen Winkel auftauchen würde, nach­dem sie Gatten und Kinder im Trubel der Groß­stadt verlassen hatte.

Ein dunkler, samtener Himmel, mit Sternen bedeckt, spannte sich über die Erde. Im Park von Gollwern promenierten die Menschen. Ein kleiner Laubwald grenzte an den Park. Die Stämme der schlanken Birken schimmerten silbern. Ein schmaler Steg führte über das Wasser zu einer kleinen Anhöhe hinauf. Hier saß Pia auf einer Bank, blickte mit brennenden, tränenlosen Augen auf die zwei hochgewachsenen Gestalten, die eng umschlun­gen hinter der Gruppe von edlen Ziersträuchern standen und sich küßten. Ganz tief senkte sich der goldblonde Mädchenkops. Unerträglich schwer dünkte Pia das Bewußtsein, daß sic dieses Glück mit ansehen mußte, während ihr eigenes Herz an der Entsagung zugrundeging.

Sechstes Kapitel.

Man hätte nicht sagen können, ob die zwei Diener älter waren oder der Herr. Iedenfalls waren sie alle drei hochbetagt, aufrecht und schnee­weiß. Das einzige weibliche Wesen im Schloß Hohenbrück war ein grundhäßliches Geschöpf, das aber erstklassig kochte und seit ungefähr zehn Iahren hier geduldet wurde. Diese vier Menschen lebten in dem Rosenparadies von Schloß Hohen­brück. Wenn die Dienerschaft am Abend im Dienstbotenzimmer des unteren Geschosses saß die zwei allen Männer hatten der Babette das

Kartenspiel beigebracht. so sagte der eine oder der andere zuweilen einmal nachdenklich:

Wie cr's nur aushält, fast nicht zu glauben. Seit die Frau damals ging, ist er mürrisch ge­worden, und seit das gnädige Fräulein dem Eichendorff folgte, dem hübschen Maler, der hier so lange in der Gegend war, seit dieser Zeit spricht er nicht mehr. Ich habe immer gemeint, das gnädige Fräulein wird einmal zurückkommen, aber auch sic hat ihn ganz vergessen."

Die Dienerschaft von Hohenbrück stammte nicht aus der Gegend, sie ging nie aus. Lebensmittel wurden mit einem Wagen aus der Stadt geholt, und so erfuhr die Einwohnerschaft ringsum nichts von dem, was im Schloß vorging; auch die Be­wohner des Schlosses wußten ebensowenig, was draußen geschah. So hatten sie auch feine Ahnung, daß die einzige Tochter des alten Herrn auf dem kleinen Friedhof, der zu Dorf Achern gehörte, begraben lag. Der alte Hohenbrück wußte es ihm hatte es Lothar von Achern damals gesagt. Doch es war wirkungslos an ihm abgeprallt. Sein Herz war wie mit Eisen umpanzert. In den Augen wurzelte ein unversöhnlicher Haß.

Am Rachmittag war ein Gewitter niederge­gangen, und ein stundenlanger Regen hatte die trockene Erde erfrischt. Roch jetzt tropfte es von den Bäumen. In den Blumenkelchen saßen helle Perlen. Ein alter Mann schritt aufrecht auf den gelben Wegen dahin. Rur leicht stützte er sich auf den Krückstock. Sein Gesicht bestand aus un­zähligen Falten und Fältchen. Er blieb jetzt stehen, besah aufmerksam eine große, gelbe Rose es war ein ganz besonderes Exemplar; dunkel- gelb, mit rosa Fäden durchzogen, und die Spitzen der Blätter waren purpurn umrändert. Die Hand des alten Mannes fuhr liebkosend über die herr­liche Blüte; da entblätterte sie sich, als hätte sie nur auf diese Berührung gewartet.

Starr sah Herr von Hohenbrück auf die Blu­menblätter am Boden. Dann betrachtete er feine Hände. Grauen war in feinem Blick. Unter diesen Händen war alles zerbrochen, was er geliebt hatte. Selbst die Rose scheute seine Berührung. Der alte Herr wandte sich ab, seine Lippen zitter­ten. Müde, schleppend sah sein Gang plötzlich aus. Auf der weiß gestrichenen Dank ließ er sich nie­der. Drüben brach die Abendsonne noch einmal sieghaft hervor. Der alte Herr sah es. Er seufzte schwer. Seine Hände griffen in die Luft. Er wollte die Bifion fortwischen, die vor ihm stand. Sie blieb! Flamette blieb! Flamette, seine Frau, die er als junge Artistin kennenlernte und die ihn so bezauberte, daß er sie zu sich holte auf fein schönes, altes Schloß, sie zu seiner Frau machte. Sie war siebzehn Iahre alt gewesen. Rach einem Iahr hatte sie ihm ein Mädelchen geboren, nach einem weiteren Iahr war sie heimlich fortge­gangen, nachdem sie ihm ein großes Himmel- stürmendes Glück geschenkt. Hinterlieh nichts wei­ter als die armseligen Zeilen, daß sie das Leben,

in Hohenbrück nicht mehr ertrage. Das Leben, bas freie, ungebundene Artistenleben locke sie, er möge ihr verzeihen.

Guido von Hohenbrück hatte die Welt durch­sucht nach der Frau, die ihn und ihr Kind ver­lassen konnte vergebens. Alles Suchen, alles Geldverschwenden war umsonst, Flamette war wie vom Erdboden verschwunden. Guido von Hohenbrück kehrte heim, ein vorzeitig gealterter Mann. Sein Kind beobachtete er mit finsteren Augen, ob sic der Mutter ähnlich sei. Rein, sic hatte nichts von der dunklen, glutvollen Schön­heit, sie war eine echte, blonde Hohenbrück. Trotz­dem hütete er das Kind argwöhnisch. Es konnten innere vererbte Anlagen vorhanden fein! Die mußten ausgerottet werden. Wie in eine fixe 2dee verrannte er sich in diesen Gedanken. Das Kind wurde mit einer Strenge und Lieblosigkeit erzogen, die jede ererbte Eigenschaft der Mutter vernichten sollte. Das lebhafte Kind wurde still und immer stiller, es kam mit niemanden zusam­men, entbehrte aber auch der kleinsten Freude und war doch schön und anmutig. Die Erzieherin lobte das Kind, aber es machte keinen Eindruck auf den Baler. Als die Zeit da war, daß Helene nach althergebrachter Sitte ein Pensionat hätte besuchen sollen, untersagte er baä. ilnö dann war eines Tages das Furchtbare geschehen: fein einziges Kind war mit einem Maler geflohen. In die Welt hinaus, weil sie eben doch das Kind ihrer Mutter war! Daß Helene den einzigen Menschen, der ihr liebe, gute Worte sagte, der ihr seine Liebe gestand, der nichts von dem Reich­tum des verbitterten Mannes wollte, liebgewann, war eine selbstverständliche, logische Folge. Eichen­dorff hatte an sich selbst geglaubt, halle gehofft, der Geliebten eine sonnige Zukunft bieten zu können. Es war anders gekommen: eine schlei­chende Krankheit zerfraß fein Lebensmark, und er starb. Ein paar Iahre hatte Helene sich ge­quält, sich und das Kind durchzubringen, dann war sie todwund heimgekehrt, um seine, des Baters Derzeihung zu erflehen und war am Wege gestorben!

Achern hatte ihm so dringend ans Herz ge­legt, feinem Enkelkind, dem Kinde Helenes, zu helfen, es anzuerkennen; er hatte es nicht getan. Hart heraus gelacht hatte er. Roch einmal Blut der ruhelosen Artistin in das alte Schloß? Olein! Dei diesem Rein war es geblieben, llnö Achern war gegangen. Wohin er das Kind gebracht, Hohenbrück kümmerte sich nicht darum. Halte in all den Iahren nicht mehr an dieses Kind gedacht. Heute dachte er daran. Ohne daß er sich klar war, was er eigentlich wollte, dachte er: Wohin mag Achern damals das Kind gebracht haben? Einmal hatte ein junges Geschöpf hier über diese Mauer geblickt, das war das einzige fremde Geschöpf gewesen, das er seit Iahren gesehen halte. Eigent­lich hatte er sich damals nicht richtig benommen. Das war ein ganz reizendes Geschöpf gewesen,

er hätte sie ansprechen sollen. Sicher war sie auS der Gegend und hätte ihm über Schloß Achern und seine Bewohner Auskunft geben können.

Herr von Hohenbrück stand auf, ganz langsam ging er zum Schloß zurück, herrschte dort den alten Wilhelm an:Eine Briefmarke besorgen!" und ging weiter. Mit weit offenem Munde blieb der Diener stehen. Eine Briefmarke? Stürzte denn der Himmel ein? Dann ging er eilends davon, gab einem auf der Wiese unten spielenden Iungen den Auftrag und Geld und wartete dann. Der Iunge kam bald zurück, erhielt einen Groschen und einen Rasenstüber, weil er neu­gierig an dem Diener vorbei in den Schloßhof spähte, und dann wurde das Tor geschlossen. Wilhelm aber trug feinem Herrn die Briefmarke ins Arbeitszimmer. Der faß an dem wuchtigen Schreibtisch schrieb eifrig und knurrte:Herlegen!"

Mil einem langen Blick auf feinen Herrn ging Wilhelm hinaus, ilnten verkündete er bann, daß etwas Ungeheuerliches sich oben ereigne. Der gnädige Herr schreibe einen Brief. Ralürlich er­regte feine Mitteilung helles Staunen. Was sollte denn dabei herauskommen? Sie gingen dann in den Garten. Die beiden Männer harkten die Wege, banden Blumen fest, wischten Bänke und Tische ab, während die Köchin in dem kleinen Gemüsegarten verschiedenes für das Rachtmahl holte. Der gnädige Herr an diesem Abend überhaupt nicht. Rur gegen Mitternacht brannte noch immer Licht in feinem Zimmer, wie Wilhelm erstaunt feststel'te, denn diese Lichtverschwendung paßte gar nicht zu der sonstigen Sparsamkeit des allen Herrn. Am anderen Morgen endlich wurde die Reugier der Dienstboten gestillt: Wilhelm trug einen Brief zur Post, der an Herrn von Achern auf Achern gerichtet war. Ranu? Die Dienerschaft von Hohenbrück stand auf dem Kopf was sollte denn das heißen?

Borerst hieß es warten und durch nichts feine Reugierde betraten. Herr von Hohenbrück ging unruhig im Schloß umher. Er hatte sich nie um die Post gekümmert. Es kam doch höchstens einmal ein Brief vom Rechtsanwalt, der das Hohenbrück- sche Bermögen verwaltete, alle Steuerfragen er­ledigte und so weiter. Ietzt aber sah Hohenbrück öfter den Echlotzberg hinab, ob nicht bald das gelbe Rad des Postboten auftauchte, denn ant­worten mußte ihm Herr von Achern doch. Aber ein Tag nach dem andern verging, ohne daß Antwort kam. Da lachte Herr von Hohenbrück laut auf. Was hatte er denn auch gewollt? Warum hatte er sich denn überhaupt noch einmal an dieses Irrenhaus, das sich Welt nannte, ge­wandt? Auf was für ein Heil hatte er denn ge­wartet? Aufrecht schritt er wieder durch den sonnigen Park, ironisch lächelnd betrachtete er die Rosen. Wie sie flammten und blühten! Rur seine Hände durften sie "nicht berühren, denn sonst war ihr Leben und Blühen vorbei.

(Fortsetzung folgt.)

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Gleibergverein

Nachdem eine Anzahl von Mitgliedern auf Grund des § 16 der Satzungen An­trag aus Einberufung einer Generalver­sammlung gestellt hat, wird hiermit zur außerordentlichen

Generalversammlung

auf Samstag, den 4. Sebruor 1933, 15 '/r Uhr, in das RestaurantAauarium" dahier, Walltorstraße, eingeladen.

Tagesordnung.

Mitteilung des Vorstands über die Ver­handlungen wegen Neuvervachtung der Wirtschaft auf der Burg Gleiberg.

484 D Der 1. Vorsitzende.

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Sonntag, den 22. Januar, abends 8 Uhr

Großes MiMonzerl

ausgeführt von der KapeUe des I. Hessischen Grenadier-Bataülons des Inf.-Regts. Nr. 15 unter Leitung von Herrn Obermusikmeister Krauße

__________Eintritt 50 Pfennig_________________

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Sonstig, 22, Januar 1933,20 Uhr,in der Neuen Aula d. Universität

Eichendorff-Gedenkfeier

Ein deutscher Abend aus Anlaß des 75. Todes­tages von Joseph von Eichendorff (-fr 26.11.1837)

Mit wirkende: Sprecher. Dr. Friedrich Castelle, Haus Welbergen. Chöre: GesangvereinHeiterkeit** Gießen unter Leitung seines Dirigenten, Bnsiklehrer Wilhelm Schattier <66 d

Eintrittskarten (num.) für Bundesmitglieder bis zu 2 Plätzen frei, für Verbandsmitglieder zu 70 Pf. geg. Einlösung des Gut­scheins Nr. 6 aus dem gelben bzw. grauen Gutscheinheft, für Mitglieder des Kaufm. Vereins und des Gewerbevereins gegen Einlösung des Gutscheins Nr. 13 zu 70 Pf. bei Emst Chalner. für Nichtmitglieder zu KM.2.00 und KM. 1.50 bei Ernst ChaUier und an d. Abendkasse. Studentenkarten geg. Ausweis zu 40 Pf auf dem Büro das Allg. Stud.-Ausschusses im Univ.-Gebäude

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