Ausgabe 
20.7.1933 Frühausgabe
 
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der Kirche fordert, und das wir als ein heiliges Erb? von den Vätern übernehmen.

3. für tirchenordnungsmäßig verankerte Pflichten und Rechte aller Gläubigen im Sinne Johannes Hinrich Wicherns, des Vaters der inneren Mif-

4. für durchgreifende Maßnahmen, die es den ar­beitswilligen, fleißigen und strebsamen Volksgenossen ermöglichen, ihren Lebensunterhalt ehr­lich zu erwerben und beizeiten einen deutsch-christlichen Haushalt zu grun­den, in dem die Freude an dem Auswachsen einer fröhlichen Kinderschar Glück und Segen verbürg Auch muß die Küche den Geist guter kamerad chaft licher V o l k s g e m e i n s ch a f t pflegen, weil wir vor Gott nicht nur für uns selbst, sondern auch für unseren Nachbarn die Verantwortung tragen.

5. darum auch für kräftigen Ausbau der ch r i st l i ch e n L i e b e s t ä t i g k e l t m « e r h a l b der Kirche, alle damit zusammenhängenden wirt­schaftlichen Unternehmungen müssen unter aus­reichender kirchenbehördlicher Aufsicht stehen.

6. für ch r i st l i ch e Schule u md E r z i e h u n g der gesamten Jugend in einem Geist, der die m Volkstum und Heimat uns geschenkten Guter dank­bar aufnimmt, treulich pflegt und als heiliges Ver­mächtnis an das nächste Geschlecht we.terg.bt

7. überhaupt f " r d e u t s ch e S l t t e l n S t a d t und Dorf, für S o n n t a g s h e i l i g u n g und Pflege jeglichen in unserer Rasse und unserem Volks­tum verankerten guten frommen B rauch s

8. für planmäßige Versorgung der evangeli­sch e n Deutschen außerhalb der Reichs-

Wir ^verpflichten uns und verlangen diese Ver­pflichtung nicht nur von den beauftragten Oigani- sationen der Kirche, sondern darüber hinaus von allen evangSlischen Männern und grauen zum D i e n st in unseren Gemeinden.

Ein Wahlaufruf der Jung-

reformatorischen Bewegung.

Berlin, 19. Juli. (TU.) Die Jungreformato- rische Bewegung wendet sich mit einem Aufruf an die Oeffentlichkeit, in dem es heißt: Wir kämpfen für eine bekennende Kirche. Es genügt iiicht, daß unsere Bekenntnisse unangetastet bleiben. Die Kirche muß es wieder neu lernen, |id) zu ihrem gekreuzigten Herrn zu bekennen wie es uns in der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testa­ments bezeugt wird. Sie muß alle falschen Lehren, wie sie täglich ausgesprochen werden, auf das Schärfste bekämpfen. Wir kämpfen für eine neue K.i r ch e. Politische und kirchenpolitische Re­aktion dürfen in ihr keinen Raum haben. Wir wollen neue Gemeinden, in denen aus der Vergebung Jesu Christi die Kräfte der Buße, des Glaubens und der brüderlichen Liebe wieder leben­dig werden. Wir wollen eine Form der Kirche, in der diese Kräfte weder durch übersteigerte Bürokratie noch durch Massenbewe­gung überwuchert werden. Eine solche Kirche kann allein V o l k s k i r ch e werden. Wir kämpfen für eine freie K i i*ch e, die Kirche muß un­abhängig sein vom Staat und vom Druck aller politi­schen Gewalten. Nur wenn sie in aller Freiheit Gottes Wort sagt, kann sie ihren Dienst am deut­schen Volk tun. Wir stehen zu unserem Staat in Gehorsam und Liebe. Es geht uns bei dieser Wahl nur um die Kirche. Wir wollen die Freiheit ihrer Predigt. Wir wollen die Erneuerung aus Gottes Geist und für Gottes Dienst. Darum haben wir uns zusammengeschlossen mit allen, die für eine freie, neue, bekennende Kirche kämpfen wollen.

Ausländsdeutsche in der Deutschen Studentenschaft.

Berlin, 19. Juli. (TU.) Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, ist § 3 der preußi­schen Studentenrechtsverordnung durch folgende Be­stimmung ergänzt worden:Deutschen, die nicht die Reichsangehörigkeit besitzen, wer­den durch die Mitgliedschaft zur Deutschen Studen­tenschaft keinerlei Verpflichtungen ge­genüber dem D e u t s ch e n R e i ch oder seinen Ländern auferlegt, die mit den Pflichten gegenüber dem Lande ihrer Staatsangehö-

sWLrKWM Wehr, und ÄÄiZi-nst und L-ibe-übungen.-

Oie Organisation her Lanhespropaganhaleiter.

Berlin 18. Juli. (WTB.) Durch dre Er-

diele Organe der Reichsregierung geweckt wor­den Die Leiter dieser Landesstellen sind e r - f a b r e n e P r o p a g a n d i st e n der National- sozialistischen Deutschen 2lrb°it-r»°rteu die d-S notwend ae Wissen und Können nutbrmgen. Don der vielseitigen Tätigkeit und den Hohen An- forderungen, die in den lebten Iahren an einen Gaupropagandaleiter gestellt wurden, macht sich der fernstehende wohl überhaupt keinen rechten Begriff. Wenn man aber bedenkt, daß ein ein­zelnes Gaugebiet Stadt u n d L a n d somit allo alle wirtschafts - und sozralpoll tischen Unterschiede umfaßt, wenn man fernerhin weiß, daß diese Männer die von ihrem genialen Propagandachef, dem Rerchspropa- gandaleiter Dr. G oebbets, .gegebenen gro­ßen Richtlinien in alle die vselen Daria tionen umlegen, in alle die sausende von Kanälen weiterleiten mußten, - 5",ann.S über die Ernennung solcher Fachleute wirklich ^Die meisten der neu ernannten Landesstellenlei­ter sind durch ihre Aktivität weit über ihren eige­nen Gaubereich hinaus bekannt geworden. So sehr sie auch einem gemeinsamen Ziel zustrebten und darauf hinarbeiteten, so eigenartig verschieden, so völlig jeder selbst Persönlichkeit, tragt jede Gau­propaganda das Gesicht ihres Lmters Drese Männer sind die eigentlichen M i t t l e r zwischen den Massen in Stadt und Land und der Regie­rung. Sie sollen wegweisend und richtunggebend die geistige Umgestaltung des deut­sch e n Volkes mit vollziehen. Der enae Kon­takt mit allen Schichten des Volkes gibt ihnen die Möglichkeit, Wünsche und Vorschläge an die Re­gierung heranzubringen.

Der organisatorische Aufbau jeöer Lan d e s - Propaganda st elle ist einfach und zweclma- ßia. An der Spitze des Organisationsapparates steht der L e i t e r der Landesstelle, der die Pro­pagandaleitung seines bisherigen Gaues der RSDAP. beibehält. Schon hieraus ergibt sich die große Linie des lebendigen Retzes und die tat­sächliche Zweckmäßigkeit der kommenden Propa­ganda überhaupt. Eine gute und ideenre^e Pro­paganda wird sich gar bald bei fast allen Gebieten, insonderheit der Wirtschaft, fruchtbar bemerkbar machen. Sämtliche staatlichen und ständischen, städtischen und sonstigen Organe, alle Vereinigun­gen und Organisationen sozialer und kultureller Art, Rundfunk, Presse, Film, alle diese stehen der jeweiligen Landespropagandastelle beratend zur Seite. Zur Bewältigung dieser unendlich man­nigfachen Aufgaben und Arbeiten sind jeder Lan» despropagandasteUe zwei Spezialreferen­ten unterstellt, zu denen weiterhin noch einige RebensteUen treten.

Fortführung her vorstähtischen Kleinsiedlung.

Berlin, 18. Juli. (WTB.) In diesen Tagen gelangte ein Teilbetrag von 50 Millionen Mark für die Fortführung der vorstädtischen Kleinsiedlung durch den Reichsarbeitsminister zur Verteilung. Bisher sind rund 120 Millionen Mark für die Kleinsiedlung verwendet worden, mit denen rund 4 6 0 0 0 Siedler st eilen gefördert wur­den. Mit den neuen 50 Millionen Mark hofft man weitere 20000 Siedler st eilen sch affen zu können. An Orten, an denen die Kleinsiedler voraussichtlich künftig keinen Erwerb finden wer­den, dürfen Kleinsiedlungen nicht geschaffen werden. Zum Zweck der Entlastung der Großstädte und Jndustriebezirke sollen bevorzugt solchen Personen Siedlungsdarlehen gegeben werden, die aus dem Land in die Stadt gezogen und nunmehr willens sind, auf das Land wieder zurück-

z u k e h r e n, um dort eine neue Existenz zu arun- den. Während bisher als Kleinsiedler nur solche Personen angesetzt werden konnten, die eine Unter­stützung aus öffentlichen Mitteln bezogen, können nunmehr allgemein solche Familien als Siedler ausgewählt werden, deren Einkommen d a s d u r ch- schnittliche Einkommen von Erwerbs­losen nicht wesentlich übersteigt. Voll- beschäftigte Arbeiter können jedoch ange-

sichts der beschränkten Mittek noch nicht zuge­lassen werden. Dagegen können kinderreiche minderbemittelte Familien mit fünf und mehr minderjährigen Kindern auch dann als Siedler angesetzt werden, wenn der Siedleranwär­ter in voller Arbeit steht. Anträge auf Gewährung von Siedlungsdarlehen sind allein an die ört­liche Gemeindebehörde zu richten.

Aus aller Welt.

Die Heimkehr der loten litauischen Flieger.

Kurz vor 14.30 Uhr landete am Mittwoch auf dem Flugplatz Devau bei Königsberg, auf dem ein Zug Reichswehr, SS., SA. und Schutzpolizei Aufstelluna genommen hatte, das Deru-Luftflugzeug mit den Särgen der beiden bei Soldin tödlich verunglückten litauischen Flieger. Das Flugzeug rollte die Ehrenfront ab. Namens der preußischen Staatsregierung und des Oberpräsi­denten der Provinz Ostpreußen sprach Vizepräsident Dr. Bethke die wärmste Teilnahme an dem schweren Verlust aus, der die litauische Fliegerei betroffen habe. Ganz Deutschland und insbesondere die ostpreußische Bevölkerung habe mit großer Be­wunderung die kühne Tat und den Schneid der hel­denhaften Söhne unseres Nachbarvolkes verfolgt. Auch die nicht vollendete Tat bedeute ein Ruhmes­blatt in der Fliegerei. Der litauifche Generalkonsul B u d r y s dankte für die Anteilnahme und Ehrung. Nach Ehrenbezeugung durch die Ehrenwache stieg das Flugzeug um 14.58 Uhr zum Weiterflug nach K o w n o auf. Eine Staffel von neun Militärflug­zeugen ist den toten Fliegern bis zur deutschen Grenze entgegengeflogen. Der Empfang der toten Ozeanflieger gestaltete sich zu einer erhebenden Feier, an der der Ministerpräsident, die Spitzen der Behörden und des Militärs, sowie etwa 30 000 Menschen teilnahmen.

Das Dalbo-Geschwader in Reuyork.

Das Balbo-Geschwaderist am Mittwoch um 20.56 Ähr MEZ., von Chikago kommend, auf der Jamaikabucht bei Reuyork glatt ge­wassert. üngeheure Menschenmengen bevöl­kerten die Dächer und die Fenster der Wolken­kratzer, als die Flugzeuge den Manhattan-Fluß hinunterflogen und sich dem Äeuyorker Hafen zu­wandten. Während des Fluges über Reuyork wurde das Geschwader von dem amerikanischen LuftschiffMacon" begleitet. Die Begrüßung ge­staltete sich zu einem großartigen Ereignis. Als die ersten Flugzeuge die Wasserfläche berührten, ertönte die italienische Rationalhymne. B a I b o begab sich sofort an Land und schritt die dort auf- gestellte Ehrenkompanie ab, während die Batte­rien auf dem Govermors-Jlsland einen Salut von 19 Schüssen abfeuerten. Die ganze Ducht wurde von Menschenmengen umlagert. Das Geschwader wird voraussichtlich am Donnerstag nach Washington weiterfliegen, wo ein Frühstück mit Roosevelt und den Staatssekretären für Krieg und Marine vorgesehen ist. Am Freitag findet dann der Rückflug nach Reuyork statt, wo noch ein großer Empfang in der Cityhall die Flieger er­wartet, bevor sie ihren Rückflug nach Italien an- treten.

Der Prozeß Schack in Königsberg.

Vor der Königsberger Strafkammer für Korrup- tions- und Sabotagefälle begann der Prozeß gegen den langjährigen Rektor der Handelshoch- Ichule, Professor Dr. Herbert Schack. Schack, der sich seit dem 31. Januar in Untersuchungshaft be­findet, wird beschuldigt, 300 Mark aus dem Stipen­dienfonds der Dozenten der Handelshochschule in amtlicher Eigenschaft unterschlagen zu haben, ferner soll er zum Nachteil der Gesellschaft der För­derer und Freunde der Handelshochschule 5500 Mk. und zum Nachteil der Senatskasse 1150 Mark ver­untreut haben. Schließlich ist Professor Schack angeklagt, weil er in 62 Fällen andere um 79 000 Mark betrogen und in weiteren 16 Fällen sich des versuchten Betruges schuldig gemacht haben soll. Der Anlaß zu den Verfehlungen mag wohl in er­ster Linie darin zu suchen sein, daß Professor Schack schon zu Beginn seiner Laufbahn als Hochschullehrer

verschuldet war. In seiner Vernehmung sagte er aus, daß er im Jahre 1927 endlich ein auskömm­liches Ordinariat an der Handelshochschule in Kö­nigsberg bekommen habe. Gleich darauf fei er zum Oberbürgermeister gegangen und habe 4000 Mark Vorschuß erbeten, um feine Schulden abzahlen au können. Das Geld wurde ihm bewilligt. Es stellte sich aber heraus, daß die Schulden schon etwa dop­pelt so hoch waren.

Passionsspiellhealer in Tirol niedergebrannt.

Das berühmte Tiroler Passionsspiel- dorf Erl in der Rähe der bayerischen Grenze wurde von einem großen ünatüd betroffen. 3n der Nacht brach in dem Passionsspieltheater ein Brand aus, der sich alsbald aus den riesigen Theatersaal und auf das ganze, meist aus Holz gebaute Gebäude ausdehnte und sich außerordent­lich schnell ausbreitete. 3n wenigen Stunden brannte der ganze Bau vollkommen nieder. Die ümfassungsmauern stürzten ein. Die vereinigten Tiroler Feuerwehren waren angesichts des Groß­feuers machtlos. In den Morgenstunden brannte das Gebäude immer noch. Es war gar keine Aussicht, irgendwie einzugreifen. Richts konnte gerettet werden. Die Kulissen und Garderoben verbrannten vollkommen. Der Schaden ist außer­ordentlich hoch. Das Passionsspieltheater ist nur gering versichert. Man vermutet Brandstiftung.

Kommunisten-Schießerei in Rinteln.

In der Rächt zum Mittwoch wurde bei der Glasfabrik in Rinteln, die in Richtung Lohne etwa eine Viertelstunde von der Stadtmitte ent­fernt liegt, ein Kommuni st enauto aus Minden, das mit 6 oder 7 Leuten beseht war, von der Polizei festgehalten. Wie die Rintelner Polizei hierzu mitteilt, war das Auto mit ver­botenen Flugschriften gefüllt. Als ein Polizist den Wagen anhielt, eröffneten die Kommunisten aus Pistolen ein regelrechtes Schützenfeuer. Ein Beamter der Polizei wurde durch vier Schüsse schwer verletzt. Der Hauptschütze bei den Kommunisten, der 27jährige Bäckergeselle Go - n e r t aus Minden, erhielt einen Oberschenkel­schuß und wurde ve r h a f t e t, während ein zweiter Kommunist, der ebenfalls verletzt wurde, sich in der Glasfabrik verbarg. Die ganze Glas­hütte wurde daraufhin von der Rintelner Po­lizei, der Landjägerei des Kreises Rinteln und etwa 100 SS.- und SA.-Hilfspolizisten abge­sperrt. Das Auto, das die Rümmer IX 82 895 trägt und aus Minden stammt, wurde beschlag­nahmt. Es wurde eine Reihe von Verhaftungen vorgenommen.

Rotlandung des Weltfliegers Post.

Rach einem Funkspruch aus Blagowjeschtschensk ist der Weltflieger P o st am Mittwochnachmittag bei Rochlowo notgelandet. Die Landung ging glatt Donftattcn. Der Flieger erklärte, er sei durch schlechte Wetterverhältnisse zur Roilandung gezwungen worden. Rach einigen Stunden wolle er zum Weiterflug nach Chabarowsk starten. Die Entfernung von Rochlowo nach Chabarowsk be­trägt 1100 Kilometer.

Großfeuer in Salzwedel.

Durch ein Großfeuer wurde in Salzwedel (Provinz Sachsen) das dreistöckige Lagerhaus der Firma Ewald mit 1500 Zentner Getreide und 4000 Zentner Kohlen gänzlich vernichtet. Die Löscharbeiten gestalteten sich infolge der enormen Hitze außerordentlich schwierig, so daß sich die Feuerwehren auf die Rettung der Nebengebäude be­schränken mußten.

Reise mit Sinh.

Von Fred Lang.

Vor Jahren einmal fuhr ich allein, ein fröhlicher Junggeselle, in die Ferien. Mein Handkoffer lag klein und bescheiden im Gepäcknetz, Eispickel und Bergstock nahmen nicht viel Platz weg. Für meine Unterhaltung unterwegs war gesorgt: eine Familie mit drei Kindern fuhr mit mir im Abteil. Mehr brauche ich gar nicht zu erzählen als ich an meinem Reiseziel ausstieg, tat ich drei fürchterliche Schwüre: Erstens, mich nie zu verheiraten. Zwei­tens, wenn, dann wenigstens kinderlos zu bleiben und ein Junggesellenheim zum Universalerben zu machen. Drittens, wenn schon Kinder, dann diese Kinder nie­mals mit auf die Ferienreise zu nehmen. Charakter­los brach icy meine Eide. Den ersten aus purem Leichtsinn, den zweiten, weil der erste nun dock schon mal gebrochen war, und den dritten, weil mich meine Frau dazu zwang.

Lange hat es gedauert, bis sich überhaupt ein milder Wirt dazu bereit sand, Kreaturen zu beher­bergen, die ein anderthalbjähriges Kind mit sich führen. Er schlug es auf die Rechnung. Noch länger dauerte es, einen passenden Koffer zu finden. Wir töberten ihn bei unserer Freundin Annemie auf, )ie ihn bislang als Kombinationsmöbel Bücher- chrank, Wäscheschrank, Büfett und Speisekammer benutzt hatte. Das Ding (der Koffer) hatte mehrere Zentner Lebendgewicht und reichte doch nicht aus, bei weitem nicht. Als ich ihn aufgab und die Fracht­rechnung bekam, strich ich drei Tage Ferien und beschloß, der lieben kleinen Annemie die verein­barten Raten schuldig zu bleiben. Und dann mußte noch ein großer Spielzeugkoffer verladen werden; wie soll man auch Peterchen zumuten, ohne den Leiterwagen, die drei Segelschiffe und die berühmte Teddybär-Sammlung zu reisen?

Unmöglich, die letzten drei Tage vor dem Abreise­termin zu schildern. Die Wohnung glich einem Zigeunerlager, Schwiegermütter trieben sich ebenso unnütz wie ratgebenb darin herum, Koffer fielen auf Hühneraugen, alles stank nach Naphthalin, die Küche war geschloffen, die treue Hausangestellte mit allen Anzeichen des Verfolgungswahns in das nächste Krankenhaus übergeführt. So war sie wenig­stens für die Urlaubszeit sauber und billig unter­gebracht.

E i n Angenehmes hatte die Reise: Der Zug war voll besetzt, aber wir hatten ein Abteil für uns allein. Ab und zu ließ sich ein armer Irrer bei uns nieder bann trat unser goldenes Peterchen in Aktion und schlug ihn in die Flucht. Seine Methode der Derjagung unliebsamer Reisender ist ausgezeich­

net und wird ihm zweifellos eine phantastische Lauf­bahn bei der Berliner Untergrundbahn ermöglichen. Verschiedene bereits lebhaft in Gang befindliche Schadenersatzprozesse werden mich noch lange ange­nehm an meine Sommerreise erinnern. Eine hell­graue Flanellhose mit Heizungsruß beschmiert, ein goldener Kneifer restlos zertrümmert, ein echter Panama zerknüllt und verdorben und er gehörte einem Rechtsanwalt! Rechtsanwälte solltengraue Reisemützen zu 1,95 tragen.

Allen Vermutungen zum Trotz kamen wir doch ans Ziel, ohne vorher verhaftet zu werden. Es war bereits Abend, und das liebe Kind sollte schlafen gehen. Doch der Mensch denkt, und das Kind tut. In diesem Falle mißfiel unserem Sprößling das Kinderbett. Als er mit seinem berechtigten Protest das ganze Hotel geweckt hatte, wurde mir geftattpt, auf dem Sofa zu schlafen und unserem Sonnen­schein mein Bett einzuräumen. Das Sofa war hart drei Wochen habe ich auf ihm gelitten und mich jeden Morgen an dem zufriedenen Grinsen meines ausgeschlafenen Sohnes erquicken dürfen.

Die Ferien waren für den obengefagten Sonnen­schein eine einzige Orgie des Vergnügens. Er "fing sich junge Krah-Krah-Enten und rupfte ihnen er­barmungslos das schneeige Gefieder. Er schmiß einen reizenden, kleinen Jungen ins Wasser, weil der ihm seine Sandformen nicht freiwillig über­lassen wollte. Er fiel von der Schaukel, brach seinen tödlich erschrockenen Eltern beinahe das Herz und sich selbst nicht einen Fingernagel. Wenn der Wirt uns liebevoll fragte, wie uns das Essen schmeckte, sagte Peter überzeugt und trocken: Fui! Eine alte Dame aus Hamborch fragte ihn neckisch:Wo is denn dein Pappa, main Säten?" und der Halunke zeigte strahlend auf Friedrich, den ftoppelbärtigen Hausdiener. Ich lernte einen Herrn kennen, der ein großes Tier aus meinerBranche" war und der mir große Aussichten machte er strich Peter wohl- wollend über die Wange und wurde in den Dau­men gebissen. Der arme Herr hat ausgerechnet im Daumen Gicht und mit der gut dotierten Lebens­stellung ist nun wieder nichts. Der einzige Mensch, der sich der Ungeteilten Zuneigung unseres Knaben erfreuen durste, war der Dorftrottel. Da das liebe Kind durchdringend zu heulen begann, wenn fein Freund nicht da war, gaben wir nach, und dieser Umgang verschaffte uns einen eindeutigen Leumund bei Einheimischen und Fremden.

Meine arme Frau geht nun zur Erholung ein paar Wochen ins Sanatorium. Ich gehe mit dem Gedanken um, einen früheren Kriminalwachtineister ass ständigen Begleiter meines Sprößlings zu enga­gieren. Meine Haftpflicht-Versicherung hat mir ge= 1 kündigt, das Risiko ist ihr zu groß. Eine andere

Firma nimmt mich nicht auf. Wahrscheinlich werden mich alle deutschen Kurorte auf die schwarze Lifte setzen. Den Schrankkoffer habe ich gepanzert und mit Luftlöchern und einer Speisekammer versehen. Oft suche ich darin Schutz und Zuflucht vor meinem Sohn. Wie lange noch, und er wird mit dem Küchenbeil auf die Schlosser losgehen.

Ich bin selbst schuld an alledem. Denn halten soll man im Alter, was man in der Jugend geschworen.

Die Gesetze des Traumes.

Der Traum erscheint uns als der Inbegriff ei­nes wirren Durcheinanders von Vorstellungen, und doch hat auch er seine Gesetze, die eine gewiße Ge- schloffenheit der Handlung hervorbringen. Mit den Mächten, die diesen trotz aller Willkür doch folge­richtigen Ablauf gestalten, Hat sich die Psychologie viel beschäftigt, und man hat eine besondereTraum- Phantasie" angenommen, ohne aber angeben zu kön­nen, wie die Beschaffenheit und das Eingreifen dieser Kräste zu denken ist. Der Jenenser Psychologe Prof. Baege bietet nun in der Leipziger Jllustrrrten Zeitung" eine viel einfachere Erklärung, indem er die Affoziationsgesetze heranzieht.Wir brauchen uns nur daran zu erinnern," schreibt er,daß un­ter den mannigfaltigen Außen- und Jnnenreizen, die auch im Schlaf das Gehirn treffen, oder unter den durch Vorgänge im Gehirn selbst erregten Vor­stellungen sich immer einige befinden, welche im Wach­sein irgendwie einmal als Ziel-Vorstellung, d. h. als Ausgangspunkt für geordnete Denkprozesse oder Handlungen gedient haben. Sie stehen deshalb mit bestimmten anderen Gruppen in besonders enger Verbindung und rufen daher diese immer mit her- vor. So entsteht dann die mehr oder weniger geord­nete oder geschloffene Traumhandlung." Damit hängt es zusammen, daß im Traum in der Regel Vor- Rettungen des alltäglichen Lebens auftreten, die uns besonders gut vertraut und infolgedessen gutein- geübt" find. Daher spielen in den Träumen älterer Menschen die Berufsvorstellungen eine so groheRolle, weil sie durch langjährige Tätigkeit fest im Gehirn eingegraben sind, und ebenso die Kindheits- und Iugendeindrücke, die sich besonders stark eingeprägt haben. Wenn die Vorstellungen nicht so fest ver­knüpft sind, dann wird die Haupthandlung leicht durch eine Rebenhandlung unterbrochen und ver­drängt. Durch dieses Auftreten neuer Vorstellungs- reihen entsteht das Dunkle und Unverständliche in den Träumen. Daß im Traum tatsächlich die Affo­ziationsgesetze vorherrschen, beweist die große Be­deutung der Analogie. Sie beruht ja daraus, daß gewiffe Vorstellungen oder Vorstellungsgruppen ge­meinsame Teile besitzen, und dadurch ist der Über­

gang von der einen Reihe zu einer anderen leicht gegeben. Besonders solche Vorstellungen, die an den vorhergehenden Tagen sehr lebhaft ins Bewußtsein traten, werden zu solcher Analogie-Bildung benutzt. Da es unendlich viele Analogien gibt, so sind un­endlich viele Verknüpfungsmöglichkeiten vorhanden. Auch zur Erklärung der Übertreibungen, die für die Regellosigkeit der Traumvorstellungen angeführt werden, braucht man keine besonderen seelischen Kräfte anzunehmen; sie lassen sich aus dem Fehlen jeder Kontrolle der Traumvorstellungen durch die Wirklich­keit befriedigend deuten. Die freie und ungehinderte Derknüpfungsmoglichkeit der Traumvorstellungen bringt es mit sich, daß jeder direkte oder indirekte Reiz zugleich viele Spuren früherer Erlebnisse mit auslöst, die mit ihm durch einstige Lebenserfah­rungen in Zusammenhang stehen. Wenn z. D. das Gepolter eines umfallenden Stuhles den Traum von einer furchtbaren Explosion hervorruft, so entsteht diese üebertreibung des rckirklichen Vorganges da­durch, daß der vernommene Gehörreiz nicht durch andere Sinneseindrücke korrigiert werden konnte und so im Schlaf jene Gehörspuren mit erregte, die eine erlebte Explosion beim Schläfer hinterlassen hatte. Das Sprechen im Traum ist ebenfalls auf diese Weise erklärbar. Wir können es darauf zurückführen, daß Erregungen bestimmter Teile des Sprachvorstellungs- Zentrums auf Grund fester Verknüpfung von be­stimmten Rervenerregungs Bahnen miteinander auf das Bewegungs-Zentrum für die Sprechwerkzeuge übergreifen. Daß der Traum feine eigenen Gesetze hat, geht auch daraus hervor, daß bei allen Men- schen nicht nur dieselben Bestandteile, sondern auch gewisse Vorstettungsverknüpsungen immer wieder in gleicher Weise auftreten, so die Flug- und Fall- Träume, die Berufs- und Examensträume usw.

Dochschulnachnchlen.

Privatdozent Dr. Karl Larenz von der üni» Versitat Göttingen erhielt einen Ruf als or­dentlicher Professor für Bürgerliches Recht und Rechtsphilosophie an der üniversität Kiel, wo er bereits im laufenden Semester mit einer Ver­tretung beauftragt ist.

Professor Dr. Dietrich. P r e y e r, Ordinarius für Rationalökonomie in Königsberg, wurde in gleicher Eigenschaft in die Rechts- und Staats­wissenschaftliche Fakultät der üniversität Mün­ster verseht.

Der Privatdozent in der Medizinischen Fakul­tät der üniversität Bonn, Dx. Robert I a n f e r, ist beauftragt worden, in der genannten Fakultät die medizinische Strahlenkunde in Vorlesungen und üebungen zu vertreten.