Ausgabe 
19.9.1933 Frühausgabe
 
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/illi Kloß zlicbsten Dank ienKlöfi und Schmidt mber 1933.

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Nr. 219 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessen)Dienstag, 19. September 1933

Das Dollfuß-Regime in der Sackgasse.

Don unserem ÄZiener K-Korrcspondenten.

Wien, 18. September 1933.

Ls ist unverkennbar, daß die betonte Zuversicht, die noch vor wenigen Wochen die Stimmung der Regierungskreise am Wiener Ballhausplatz kenn­zeichnete, einer starken Nervosität Platz ge­macht hat. Die Angst vor bejn Kommenden, noch mehr aber vor dem offensichtlichen Mißtrauen, das die Regierungsmitalieder seit einiger Zeit gegen- einander hegen, haben wesentlich dazu beigelragen, daß selbst ausländische Beobachter, die bisher den Kampf der Regierung Dollfuß gegen die national­sozialistische Bewegung positiv zu beurteilen ver­suchten, nunmehr ernste Zweifel hinsichtlich der Aussichten des Wiener Diktaturregimcs zu äußern beginnen. Der Bundeskanzler und sein engerer Freundeskreis mußten unter dem gebiete­rischen Zwang der Tatsachen ihre seltsamen An­sichten über Stärke und Dauer der Hitler-Regie­rung im Reich gründlich, revidieren. Die Erkennt­nis aber, daß die Boraussetzungen falsch waren, unter denen man das Abgeordnetenhaus, den Bun­desrat und den obersten Verfassungsgerichtshof aus- schaltete und das kriegswirtschaftliche Ermächti­gungsgesetz zur allmächtigen Grundlage einer christ­lich-sozialen Heimwehrdiktatur machte, konnte nur mehr akademischen Wert haben; denn die Regie­rung Dollfuß halte sich auf ihrem verhängnisvollen Wege schon allzuweit vorgewagt. In dem Augenblick, wo man dem Nationalsozialismus mit Bajonetten und Gummiknütteln, mit Verhaftungen, Verboten und Gefängnisstrafen gegenübertrat, war es zur Umkehr zu spät geworden. Denn, und dies ist wohl das Entscheidende, aus einer inner­deutschen Frage ist inzwischen durch das Verschul­den der Wiener Regierung eine außenpoli­tische Angelegenheit geworden und aus der Abhängigkeit vom Auslands, in die sich Herr Doll­fuß bewußt durch die Inanspruchnahme ausländi­scher Unterstützung gegen den Nationalsozialismus und das Reich begeben hat, gibt es für diese Wiener Regierung nach menschlichem Ermessen kein Entrinnen mehr.

Damit ergaben sich für die Beurteilung der österreichischen Frage wesentliche Gesichtspunkte außerhalb der rein innerpolitischen Sphäre. Ihren Niederschlag fanden diese Gesichtspunkte in den an­dauernden Verhandlungen zwischen den Staats- kanzleien in Rom, London und Paris, in den Reisen des ungarischen Ministerpräsidenten Gömbös nach Wien und Nom und zuletzt in der Konferenz von Riccione zwischen Dollfuß und Mussolini. Es zeigt sich, daß der Konflikt zwischen Deutschland und Oesterreich in Anbetracht der Stellung Oester­reichs im Donauraum von allen Mächten, die in der Erstarkung des deutschen Volkes in Mittel­europa eine Gefährdung ihrer eigenen Machtinter­essen erblicken, in der skrupellosesten Weise ausge- schrotet wird. Es zeigte sich aber auch, daß diese außenpolitische Unterstützung der Regierung Doll­fuß in ihrem Kampfe gegen die gewaltige deutsche Volksbewegung des Nationalsozialismus keine Lösung des österreichischen Existenz- Problems und der national-völkischen Span­nungen, sondern im Gegenteil eine weitere Kom» vlizierung der österreichischen und damit auch der donaulänoischen Frage bedeutet. Diese Politik auf dem Rücken des deutschen Volkes, diese Abhängig­keit der Wiener Regierung von einem nur in der Abwehr und nicht im Aufbau einigen nichtdeutschen Ausland mündet zwangsläufig in einer Sack­gasse, aus der weder Sir John Simon, noch Paul-Boncour, weder Mussolini, noch Herr Benescy einen Ausweg finden werden.

So gesehen kann und wird es also keine mittel­europäische und keine donauländische Lösung geben, solange der Konflikt zwischen Wien und Berlin an­bauert und solange der Nationalsozialismus als Träger der Staatsgewalt im Reiche in Oesterreich

unterdrückt und verfolgt wird. Jede Verankerung Oesterreichs in einem anderen als dem deutschen Raum muß für Mitteleuropa zu verhängnisvollen Weiterungen führen. Und hier muß und wird schließlich der Wille des deutschen Volkes in Oesterreich entscheidend bleiben; denn nichts kann darüber hinwegtäuschen, daß sich in den letz­ten Wochen die nationalsozialistische Bewegung in Oesterreich mit Riesenschritten weiter a u 5 ge­breitet hat und daß diese Entwicklung auch in der Zukunft anhalten wird. Es sind dies die natür­lichen Folgen einer völlig verfehlten und psycholo- gisch falsch aufgezogenen Propaganda derVater­ländischen Front" und jener blindwütigen Ver­folgungsmethoden, die unter der Verantwortung desSicherheitsministers" F e y in der letzten Zeit angewandt wurden. Vor allem das Geisel- s y st e m, die Praxis, zu hunderten angesehene, un­beteiligte und nur wegen ihrer nationalen Gesin­nung bekannte Bürger in der Provinz anstelle ak­tiver Parteimitglieder, die man nicht fassen konnte, wochenlang in die Gefängnisse zu werfen, hat die Empörung der Massen aufs höchste gesteigert. Es gehört in Oesterreich bereits zum guten Ton und ist eine nationale Ehre, im Gefängnis gesessen zu haben. Je mehrAktivität" die Regierung aber entfaltet, um die öffentlichen Aemter, das Heer und die Universitäten von den nationalsozialistischen Ein­flüssen zu säubern, desto unangenehmere Erfahrun­gen muß sie machen. Und nicht zuletzt sind die nahezu endlos langen Listen über Verhaftungen, Disziplinierungen, Pensionierungen und Entlassun­gen von Staatsbeamten, die dievaterländischen" Blätter Tag für Tag veröffentlichen, ein schlagender Beweis dafür, daß das Volk in einem ande­ren Lager steht, als dies Herr Dollfuß und die Seinen wahr haben, wollen.

Dies ist die Sackgasse, in der sich die gegen­wärtige Wiener Regierung befindet. Es ist die Krise, die in dem Augenblick ausbrechen mußte, wo es sich um die geistige Unterhaltung eines Dik-

Das Institut für Arbeitsphysiologie beschäftigt sich in erster Linie mit der Suche nach den b e ft e n Arbeitsbedingungen, denen es jedes Jahr um einen kleinen und unendlich wichtigen Schritt näher -kommt.

Eine herrliche Entschuldigung für die Menschen, die gern lange schlafen und mit Vorliebe den Tag zur Nacht, die Nacht zu Tag machen, sind die Er­gebnisse, die die Arbeit des geistigen Menschen an- betreffen. Endlich hat er es einmal schwarz auf weiß, daß für ihn die vielzitierten Lesebuchweis­heitenDer Schlaf vor Mitternacht ist der beste" oder auchMorgenstunde hat Gold im Munde" nicht zutreffen.

Im Durchschnitt, erklärt Professor A tz l e r, der Leiter des Instituts für Arbeitsphysiologie, ist der geistig Arbeitende in den frühen Morgenstunden weder mit Einfällen noch mit Arbeitslust gesegnet. Es ist daher höchst ungeschickt, wichtige Arbeiten oder Besprechungen in die frühen Morgenstunden zu verlegen. Nach den Studienergebnissen des Insti­tuts ist für die meisten geistig Arbeitenden 1 0 b i s 11 d i e beste Arbeitszeit! Um diese Stunde ungefähr ist ihre Leistungsfähigkeit und ihre Ar­beitslust am größten.

Allerdings können sich leider auch die Folgsam­sten nicht immer nach diesem Rezept richten. Wenn zum Beispiel ein Chef feiner Sekretärin morgens

taturregimes handelte, das feine Kräfte gegen das Volk aus der Liebedienerei gegenüber dem Aus­lande zieht. Man hatte in Wien offenbar gehofft, den Allgemeinen Deutschen Katholi­kentag und die Türkenbefreiungsfeier zu einer Klärung dergeistigen Grundhaltung" der Regierung Dollfuß und des von ihm verkörperten Systems zu benutzen; wenn aber diese Wiener Festtage irgendeine Klärung gebracht haben, so nur die, daß man die Verlegenheit rund um die Ver­wirrung der Meinungen und Konzeptionen offen­baren mußte. Es gibt im deutschen, im volksmähi- gen Sinne keine idcenmäßige Erklärung und keine Entschuldigung für die gegenwärtige Wiener Negie­rungspolitik, es fei denn, es wären willkürliche Äonitruttionen. Freude und Zuversicht zugleich ist es, feftzuftellen, daß der Erzbischof von Wien, Kar­dinal Innitzer, sich auf dieser, wie Herr Dollfuß meinte,internationalen" Feier unbeirrt auf der Volksdeutschen Linie in seinen Handlungen und Kundgebungen bewegte.

Aus dieser Sackgasse heraus ergibt sich aber auch deutlich sichtbar die Gefahr, daß die politi­schen Hasardeure, die führenden Persönlichkeiten der Heimwehr, Starhemberg und Fey, ihre Stunde gekommen sehen: die letzte Chance: den Austrofaschismus legitimi st i scher Prägung zu verwirklichetl. Seit der Rückkehr des Fürsten Starhemberg aus Italien scheint diese Gefahr aktuell geworden zu sein, und was wir in den letzten Tagen in Oesterreich erleben, sind bereits die Auseinandersetzungen zwischen der christlich- sozialen Partei und den von Starhemberg und Fey vertretenen Heimwehrideen um die Macht im Staate. Die Nutznießer volksdeutscher Not begin­nen sich also bereits gegenseitig zu bekämpfen, und wieder ist es bas Ausland, das hier durch die Unterstützung der einen oder anderen Gruppe die Entwicklung in Oesterreich im Sinne ihrer egoisti­schen Machtinteressen vorzutreiben gedenkt. Den­noch, man kann auch hier beruhigt sein: diese Auseinandersetzungen sind Beweis für die Schwäche des Regimes, sind bezeichnend da­für, daß die nackte Jnterefsenpolitik der im Solde unb im Dienste ber ausländischen Mächte stehenben volksfeindlichen Kräfte naturnotwendig in diesem Lager zu einem Kampf aller gegen alle führen muß.

um neun Uhr ein schwieriges Diktat geben wollte, unb bie Sekretärin würbe ihn freunblid) barauf aufmerksam machen, baß es besser für sie beibe wäre, bis zehn zu warten, so wäre es interessant, das Gesicht des Chefs zu sehen.

Andere Erfahrungen wieder lassen sich auf jedem Sportplatz und in jeder Fabrik berücksichtigen. So müssen Menschen, die in großer Hitze zu arbeiten haben das gilt gleichzeitig für Arbeiter, Bauern und Berufssportler ihre Ernährung nach ganz besonderen Gesichtspunkten bestimmen. Es gibt eine Reihe von Nahrungsmitteln, wie etwa das Eiweiß, durch die nicht nur die notwendige, sondern auch überflüssige Körperwärme geschaffen wirb. All solche Nahrungsmittel finb von Menschen, die bei größerer Hitze längere Zeit arbeiten müssen, möglichst zu nermelben. Man hat beobachtet, baß in solchen Fällen viel häufiger als bei Vermeibung dieser Nährmittel eine starke Erhöhung der Körper­temperatur und in manchen Fällen sogar Hitzschlag eintrat.

Ebenso wichtig ist in solchen Fällen die Frage der Getränke. Der Mensch kann bei besonders großer Hitze und Anstrenaung an einem Arbeits­tage mehrere Liter Schweiß absondern. Da im menschlichen Schweiß beträchtliche Mengen von Kochsalz und andern Salzen enthalten sind, geht dem Körper ein großer Teil des Salzgehaltes

Zehn bis elf hat Gold im Munde.

Neue Ergebnisse des Instituts für Arbeitsphysiologie.

Don £. Oßwalv.

Oie Märchensammler.

3u Jakob Grimms 70. Todestage.

Don Robert Braun.

Es scheint kein Zufall, daß zu Beginn des 19. Jahrhunderts Napoleons Stern meteorhast rasch stürzt und erlischt, daß Hölderlin in Wahnsinn endet, daß Goethe und Beethoven immer tiefer in Einsamkeit geraten: alles über die Grenzen Schwei­fende vergeht oder erreicht letzte einsame Höhen. Die eigentliche Gunst des Zeitgeistes aber leuchtet dem neuen Volkhaften, Heimatlichen, Innigen, das mit der Romantik heraufkommt: Brentanos und Arnims Volksliedsammlung, Runges Mal­kunst, Fichtes philosophische Heimatverteidigung, Friedrich Schlegels und der beiden Brüder Grimm Bemühungen um bas Mittelalter. Ge­rade ein Jahr vor Der Schlacht bei Leipzig, am 13. Oktober 1812, erschienen bie deutschen Kin - der- und Hausmärchen als ein Vorbote dieser gegen das Weite einer allgemein-europäi­schen Kultur gerichteten Welle.

Der Sinn für das Wunderbare ist verbunden mit der Gabe, treu auf dem Boden der Wirklichkeit zu stehen. Nur der Mensch, der im Begrenzten Genüge findet, begreift auch das Zauberhafte. Nun ist zwar die Liebe zu Familie, Heimat, Volk allen Grimm gemeinsam sie hangen an ihrem Geburtshaus, Der Stube ihrer Iugenchahre, den Büchern mit einer das ganze Leben erfüllenden Treue, doch Wil­helm, ber eigentliche Herausgeber ber Märchen, scheint von Kindheit an mit Nachdruck auf Be­schaulichkeit verwiesen zu werden. Eine heftige Herzkrankheit versagt dem Knaben jede Ab­wechslung, da sie ihn ein halbes Jahr lang zur Gefangenschaft im Zimmer verurteilt. Und auch soäter hält Häuslichkeit ihn immer in engsten Grenzen.

Die beiden Brüder schlafen zuerst in einem Bett und schreiben ihre Aufgaben an einem Tisch. Und trennen sie Jahre bann, inbem jeher feinen eigenen Arbeitsort erhält, so überbacht hoch biefelbe altväterliche Zimmer­becke bie in ihre Stubien Vertieften. Selbst in Berlin, wo sie sich gegen bas Enbe ihres Lebens als längst Berühmte mit ihren Angehöri- gen nieberlaffen, scheibet sie nur eine Türe von einanber.... immer unter einem Dach in gänz­lich unangefochten unb ungestört beibehaltener Gemeinschaft unserer Habe und Bücher", bezeichnet Jakob ihr Verhältnis.

Wenn einen von ihnen das Schicksal vom Hause fortführt, was beim Weiteren, da er der Tatkräf­

tigere ist, viel öfter geschieht, bleiben sie durch einen getreuen Briefwechsel miteinander verbun­den. Dann klagt etwa der Daheimgebliebene:Ich merke deutlich, daß ich darum in letzter Zeit nicht so fleißig arbeite, weil ich allein bin, d. h. Dein Platz leer steht." Und der Auswärtige:Wie oft, wenn ich allein bin, mach ich die Augen zu und stelle mir die Stube genau vor, jedes, auch das Geringste, wie es darin steht und wie Du auf Deinem Stuhle sitzest und arbeitest; das kann mich ordentlich bis zum Weinen rühren."

Obgleich sie einander so gut finb, empfinben sie boch ihren Unterschieb unb sprechen ihn offen aus. Er wirb aUerbings schon aus ihrem Aeußeren er­sichtlich. Jakob hat trotz bcs Gemüthaften ber gan­zen Erscheinung etwas Kühnes, was sich in einer Adlernase, schmalen scharfen Brauen unb ben über ber steilen Stirn aufflammenben Locken tunbgibt. Ueber Wilhelms Gesicht aber liegt ein Beschau­liches. Das Wort bes BrubersSeine ganze Art war weniger gestellt auf Erfinben als auf ruhiges, sicheres in sich Ausbilden" gilt dafür.

Auch die. Lebensbögen der beiden beschreiben verschiedene Bahnen. Den Aelteren treibt es, wenn auch gegen seinen Willen, weit hinaus, während dem Jüngeren stets der engere Bezirk überlassen bleibt. Schon als Zwanzigjähriger darf Jakob 1805 mit seinem Rechtslehrer Savigny nach Paris reifen. Wilhelm aber verwaltet daheim die Kasse, die zur Anschaffung der für ihre Pläne nötigen Bücher gestiftet wurde. 1814 befindet sich der Aeltere mit der vormarschierenden Armee wieder in Frankreich, 1815 im Kongreß führenden Wien. Der Bruder leitet indes in Kassel bas Hauswesen unb gibt von ber kleinen Ueberfieblung von einem Gäßchen in bas anbere ebenso genau Bescheid wie biefer von seiner großen, ben Weg ber Schlachten oerfolgenben Reise.

Während ber Mannesjahre, ba beibe in Kassel Bibliothekstellen verwalten, unb ungestört ihren gelehrten Stubien leben, steht Wilhelm immer eine Spanne hinter Jakob: ber Bruder vertritt den höhe­ren Rang, erhält ein besseres Gehalt. Auch die be­kannte Protestaktion gegen den Fürsten von Hanno­ver macht Wilhelm nur an zweiter Stelle mit. Er unterzeichnet zwar als einer der Sieben das Mani­fest, doch der Sturm der Ungnade trifft nur Jakob, der mit Dahlmann und (3 e minus flüchten muß. Und wenn elf Jahre später der Aeltere in die Nationalversammlung gewählt wird, so wiederholt sich nur, was stets der Fall war: Wilhelm verfolgt mit stiller Teilnahme die Ereignisse aus der Ferne und überschreitet nicht den Kreis, den Familie unb engste Freundschaft gezogen haben.

Auch der Bogen feines Lebens wird überwölbt

von dem weiteren des Bruders: ob er gleich ber Jüngere ist, stirbt er um vier Jahre früher.

*

Die Anregung zu ben Märchen war eigentlich von Arnim unb Brentano ausgegangen, bie nach Des Knaben Wunberhorn" nun ben epi­schen Teil beutscher Volksbichtung ans Licht bringen wollten. Die Brüber, bie als Studenten (als sie noch in rotem, schwarzsamtig ausgeschlagenen Frack, mit Reithosen und gespornten Stiefeln herumgin- gen) die beiden Dichter im Hause Savignys kennen lernten, erboten sich zuerst, für sie zu sam­meln. Dies wurde nun einige Jahre lang eifrigst ins Werk gefetzt: sie schrieben aus Büchern Ver­schollenes aus, wechselten darüber Briese mit Freunden und suchten endlich die auf, bei denen alles noch ursprünglich vorhanden war: die Er­zähler des Volkes selber. Obgleich die Sammlung nach sechs Jahren fast in der heutigen Fassung vorlag, entschloß sich Wilhelm nicht zur Heraus­gabe. Er bot sie vorerst Arnim an, der sie aber als bas durch jahrelange Mühe erworbene Gut ber Brüber anerkannte unb ihnen abtrat. Es ge­hört zum Anmutigsten, was je über Entbeckung berühmter Werke geschrieben würbe, in Wilhelms Vorrebe von jener entscheibenben Begegnung mit Arnim zu lesen.Er meinte, wir sollten nicht zu lange bamit zurückhalten, weil bei bem Streben nach Vollständigkeit bie Sache am Ende liegen bliebe. Es ist alles schon so reichlich und sauber geschrieben, fügte er mit gutmütiger Ironie hinzu, denn bei den kühnen, nicht sehr lesbaren Zügen seiner Hand schien er selbst nicht viel auf deutliche Schrift zu halten. Im Zimmer auf- und abgehend, las er einzelne Blätter, während ein zahmer Kana­rienvogel, in zierlicher Bewegung mit den Flügeln sich im Gleichgewicht haltend, auf feinem Kopse saß, in dessen vollen Locken es ihm sehr behaglich zu sein schien."

Das Buch sand die günstigste Aufnahme. Schon nach zwei Jahren mußte eine neue Auflage ver­leg! werden, die vieles verbessert unb bereichert ent­hielt. Dem glücklichen Urnftanb, baß Wilhelm bie .Kasseler Märchenfrau" kennen lernte, ver­danken wir es, daß wir heute ganz Unbekanntes und Urtümliches erhalten haben. Er schreibt von ihr:Diese Frau, noch rüstig unb nicht über fünf­zig Jahre alt, heißt Viehmännin, hat ein festes angenehmes Gesicht, blickt hell unb scharf aus ben Augen unb ist wahrscheinlich in ihrer Jugend schön gewesen. Sie bewahrt diese alten Sagen fest im Gedächtnis, welche Gabe, wie sie sagte, nicht jedem verliehen sei und mancher gar nichts behalten könne, babei erzählt sie bebädjtig, sicher unb ungemein lebendig mit eigenem Wohlgefallen daran, erst

verloren, und da bei starker Hitze meist kalter Kaffee, Tee ober Wasser getarnten wirb, so wird nur die Flüssigkeit ersetzt, nicht aber der verlorene Salzgehalk. Dieser Salzmangel führt dann zu großer Mattigkeit, in schweren Fällen sogar, wie man be­obachtet hat, zu Krämpfen. Man könnte also unter den genannten Arbeitsbedingungen die Arbeitskraft und körperliche Frische weitaus länger erhalten, wenn man systematisch statt der salzlosen Getränke, salzhaltige, wie etwa bestimmte Mineralwasser, zu sich nehmen würde.

Sehr interessante Versuche stellte das Institut über die vielumstrittene Wirkung des lau­fenden Bandes auf Menschen an. Professor Atzler zeigt mit seinen Untersuchungen, wie man die wirtschaftlich wertvolle Methode des laufenden Bandes beibehalten kann, ohne babei ben Menschen wie eine Maschine zu behanbeln. Er sagt: In Laboratoriumsversuchcn über Fließarbeit konnten wir zeigen, baß bann wenn bie Bandgeschwindig- feit nicht konstant war, sonbern entsprechenb der physiologischen Arbeitskurve wechselte, bie tägliche Arbeitsleistung um 10 bis 20 v. H. hoher war, und baß bie Ermübungserscheinungen trotz- bem geringer waren.

Für Arbeit, bie nicht am laufenben Band ge­leistet wirb, hat sich eine Arbeitsuhr bewährt, bie bie Schwankungen ber Arbeitskurve automatisch anzeigt. Auf biese Weise kann ber Arbeiter jeher- zeit selbst feststellen, ob er in seinem Pensum zurück ober voran ist. So wirb oermieben, baß er, wenn er in ben ersten Stunbcn nicht so frisch ist und zurückbleibt, erst zum Schluß bemerkt, daß er sein Pensum nicht geschafft hat und nun im Hetztempo allsss aufholen will, was sowohl der Arbeit wie ihm selber schadet.

Seit einiger Zeit werden auch Untersuchun­gen an Lehrlingen verschiedener Berufs- und Altersklassen angestellt. Hier wirb bis ins kleinste Detail bei jebem bie Entwicklung bes Körperbaues, bie Funktionsfähigkeit bes Kreislaufes unb bes Muskelopparates geprüft unb notiert. Auf diese Weise werden genau statistische Unterlagen für die Leistungsfähigkeit der Jugendlichen in den verschie­denen Altersklassen geschaffen. Man hofft, daß es nach Abschluß dieser Untersuchungen endlich möglich sein wirb, bie für Jugenbliche tragbare Arbeits­belastung so genau wie möglich benn inbivibuelle Abweichungen wirb es immer geben festzustellen. Diese Untersuchungen übrigens bauern bereits brei Jahre an unb werben in ber nächsten Zeit noch nicht zum Abschluß kommen. Das ist eine lange Zeit, wenn man bebentt, wie in biefer Zeit ber Rekordgeschwindigkeiten manche Pseubowissenschaft- ler im Hanbumbrehenwissenschaftliche" Maximen aufstellen. Aber es ist eine kurze Zeit, wenn man einrechnet, von welchem Nutzen biese Forschungen sowohl für bie gesamte Volkswirtschaft wie für (3e- sunbheit und Existenz des Einzelnen sind.

Kunst und Wissenschaft.

Professor Dr. Heimbergers letzte Fahrt.

Der bekannte Strafrechtslehrer ber Frank­furter Universität, Professor Dr. Joseph Heim- b e r g e r würbe in Amorbach im Odenwald unter starker Anteilnahme ber Bevölkerung beigeseht. Heimberger war in Amorbach 1865 geboren; es war fein letzter Wunsch, auch in ber heimatlichen Erbe seine letzte Ruhestätte zu finben. Man führte den Gelehrten noch einmal durch die Straßen des Städtchens. Unter ben Trauergästen bemerkte man u. a. Seine Durchlaucht ben Fürsten Emich z u ßeiningen, sämtliche Dekane ber Wolfgang- Goethe-Universität, ben Lehrkörper ihrer juristischen Fakultät sowie Aborbnungen ber Hochschulgruppen der SS. und des Stahlhelms und die Chargierten der Frankfurter Studentenschaft. Die Rede des Geistlichen kennzeichnete die tiefe Heimat- und Va­terlandsliebe des großen Gelehrten. Die Hessische Landesuniversität Gießen, wo Heimberger im Jahre 1902 ein Ordinariat für Strafrecht innehatte, war ebenfalls vertreten, um dem Gelehrten bie letzte Ehre zu erweisen.

ganz frei, bann, wenn man will, noch einmal lang­sam, so baß man ihr mit einiger Uebung nach­schreiben kann."

,-Oas Ende von Marabu."

Die Deutsche Universal bringt eine in deutscher Sprache nochsynchronisierte amerikanische Produk­tion der Universal Pictures Corporation unter dem TitelDas Ende von Maradu" heraus, die seit gestern im neuen Programm des Lichtspiel­hauses läuft: exotisches Abenteuer zweier Euro­päer in den Urwäldern von Borneo, die Liebes­geschichte einer weißen Frau am Hose eines mär- chenhaften Eingeborenenfürsten inmitten bes wil­desten Dschungels. Der Regisseur Georg M e I f o r b hat für diesen im Geschmack des amerikanischen Publikums aufgezogenen Sensationsfilm den gan­zen Urwald mobil gemacht: es wimmelt nur so von Krokodilen, Giftschlangen, Tigern, Büffeln, Affen und halbnackten Wilden. Ein mit erstaun­lichen Mitteln in Szene gesetzter Vulkanausbruch gibt der mit unheimlichen Uebcrraschungen gespick­ten Phantasiehandlung den effektvollen Abschluß. Von den Darstellern zeichnet sich eine sympathisch ausdrucksvolle, hier bisher unbekannte Schauspiele­rin namens Rose Hobart aus. In ben männ­lichen Hauptrollen: Charles Bickforb unb Georg Renavent. Das abwechslungsreiche Beipro­gramm bringt einen KulturfilmIm Lanbe ber Bretonen", ein lebhafte Heiterkeit erregenbes Lust­spiel, einen technisch interessanten amerikanischen Farbenfilm, bie neue Wochenschau unb ben Vor­spann zurSaison in Kairo" mit Renate Mül- l e r unb Willy Fritsch.

Zeitschriften.

Die neueste Nummer ber LeipzigerIltu­st r i r t e n Zeitung" (Verlag I. I. Weber) enthält u. a. einen reizvollen AufsatzSpreeroafb- fahrt" von G. Heybe mit prächtigen Silbern dieser schönen beutschen Landschaft. Aus der Fülle ber weiteren illustrierten Beiträge sei das100-Jahr- Jubiläum des Rauhen Hauses in Hamburg" er­wähnt. Dem Niederwalddenkmal ist anläßlich fei­nes 50jährigen Bestehens eine historische Bildertafel gewidmet. Den Forderungen Der neuen deutschen Bewegung trägt der ArtikelStändestaat einst und jetzt" Rechnung, in bem Reg.-Rat Dr Dr. H. Schmal; ein klares Bilb über ben stänbischen Auf­bau gibt. Im übrigen finb auch in biefem Heft die tagesgeschichtlichen Ereignisse durch technisch voll­endete, bildliche Wiedergaben ausgiebig berücksichtigt.