Ausgabe 
19.8.1933 Frühausgabe
 
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nr. 195 KvüVattSsabL

185. ZahrgtMg

Samstag, 19.August (955

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Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Frtedr. Wilh. Lange. Berantroortlid) für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange: für Feuilleton Dr H.TKyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein unbfür denAn» zeigenteil i.B.Th.Kümmel sämtlich in Bietzen.

Das Retz der neuen Reichöauiobahnen.

Generalinspekieur Or. Todt erläutert Zweck und Durchführung des Plans.

Lpd. Frankfurt a. M., 18. Aug. Anläß- lich der Generalversammlung der Hafraba hielt der Generalinspekieur für das deutsche Straßenwesen, Dr. Todt, einen richtunggeben- den Dortrag über die Reichsautobahnen. 3m Dürgersaal des Rathauses waren aus allen Teilen des Reiches die Spitzen der Landes- behörden und der politischen Organisationen ver­treten, darunter Oberpräsident Prinz Phi­lipp von Hessen, Kassel, und der stellver­tretende Gauleiter H e y s e für den Reichsstatt­halter und Gauleiter Sprenger.

Generalinspekteur Dr. Todt erklärte in seinem aufschlußreichen Dortrag u. a., die Idee der Auto- bahnstrahen sei entstanden aus dem Miß - hältniszwischen derEntwicklungdes Krastwagens und dem Zustande der Landstraßen. Selbst die serienmäßig herge- stcllten Kraftfahrzeuge könnten Geschwindigkeiten bis äu 150 Kilometer entwickeln, der Zustand der Landstraßen lasse aber nur eine Geschwindigkeit von 40 bis 60 Kilometer zu, so daß die Geschwin­digkeit des Wagens noch nicht einmal zu 50 Prozent ausgenuyt werden könnte. Kurven, unübersichtliche Stellen, Ortsdurchfahr­ten, Heuwagen, Radfahrer. unabgcblendete Scheinwerfer böten alle zwei bis drei Kilometer ein neues Hindern s. und das Auto komme sich auf der Landstraste wie ein gerupfter Dogel vor, der nicht fliegen könne.

Man dürfe nicht mit dem Vorwurf kommen, daß das Autofahren eine Sache einer kleinen Schicht der Bevölkerung fei. Denn gegenwärtig liefen in Deutschland 1,5 Millionen Kraftwagen mit 3 bis 4 Millionen Insassen, und es unter­liege keinem Zweifel, daß sich diese Zahlen nach der Fertigstellung der Autobahnen leicht ver­doppelten.

Zur Rechtfertigung der außerordentlichen Auf. gaben für die projektierten Autobahnen führte Dr. Todt folgende drei Punkte an.

1. In den vergangenen Jahren seien Unsum. men für die Verbreiterung der Land­straßen von 4 auf 6 und von 6 auf 8 Meter aus- gegeben worden, ohne daß man aber .damit bas Uebel an d e r Wurzel habe fassen können. Trotz der großen Ausgaben hätten wir heute doch keine vernünftigen Auto st raßen, da sei cs doch besser einmal eine ordentliche Ausgabe zu machen, und dafür auch etwas Vernünftiges zu schaffen. Gerade Adolf Hitler, der beste Kenner der deutschen Landstraßen, denn er habe in den leg­ten 14 Jahren 1,3 Millionen Kilome­ter auf d e n deutschen Land st raßen zu- r ü cf g c 1 e g t, d. h. eine Strecke, die 33mal um die Erde reicht, habe seine Erfahrungen gemacht, die ihn oon der Notwendigkeit der Schaffung eines Netzes guter Autostraßen in Deutschland überzeug- ten. So müsse die Frage 6er Rentabilität aufgefaßt werden.

2. Auch vom verkehrspolitischen Standpunkte aus sei der Dau der Auto- straßen zu begrüßen. Die Rcichsbahngesellschast sei zwar ein wunderbares Verkehrsinstrument, aber bei weitem nicht vollkommen. Sie könne die Güter nur sammeln und von einer Station nach der anderen schaffen. Das Abholen u n d d a s An liefern der Güter müsse aber durch an­dere Verkehrsmittel geschehen, am idealsten durch dasAuto. Die Wirtschaft habe nun das größte Interesse daran, daß auch das Abholen und das Anliefern mit dem eigentlichen Trans­port der Güter verbunden werde. Das könne natürlich nur geschehen, wenn dem Auto ausgezeichnete Straßen zur 'Verfügung ständen, auf dem es die zur schnellen Deförderung der Güter notwendige Geschwindigkeit entwickeln könne.

3. Richt zu unterschätzen, vielleicht sogar der größte Vorteil der Autostraßen sei der, daß durch sie eine Vereinigung der Eis en- b a h n g e s e l l sch a f t und der Kraft­fahrwirtschaft erreicht werden könne. Seit­her waren sich in Deutschland, wie auch in allen anderen Ländern der Welt, Eisenbahn und Kraft­verkehr feindlich gesinnt. Es fei nun der ge­nialste Gedanke des Kanzlers, die beiden feind- l'chen Brüder zusammenzubringen zum Ruhen des Volksganzen.

Die Ausgaben, die im Rahmen des Aulobahn- vrojektes der neuorganisierten hafraba ;u- koinmcn, gehen nicht über die Linienfüh­rung, allerdings aller Autobahnen hinaus, während sich die hafraba bisher nur mit dem Projekt der Autostraße Hamburg Bafel be­schäftigte.

Der Leitung der Hafraba sei zu empfehlen, sich mit nichts anderem als dieser Linienführung zu beschäftigen, keine Zenrtalisierungspotttil zu trei­ben, sondern nur die örtlichen Bau­bure a u s einzurichten unb bei den Arbeiten namentlich den Techniker, den Ingenieur, zu Wort kommen zu lassen.

Für die Linienführung habe sich die Hafraba in der Hauptsache av die zwischen zwei großen Endpunkten verkehret m Eisenbahnlinien und Landstraßen zu halten^ Än der Regel werde die neue Autobahn kürzer als die be­stehenden Landstraßen werden, aber

nicht immer bie Kürze der Eisenbahn­linie erreichen können. Ibeal wäre es na­türlich, wenn bie Autobahn bie kürzeste Ver­bindung zwischen den jeweiligen Endpunkten dar­stelle. 2m allgemeinen soll die Autobahn keine Rennstrecke werden, denn schließlich baue man eine deutsche Autobahn, die deutschen Charakter,

unter Umständen sogar romantischen Charakter tragen dürfe. Man hoffe durch einen zehn- prozentigen Längenzuschlag diesen Charakter der Autobahn schafsen zu können. In ungefähr 14 Tagen würden bie ersten Auf träge ver­geben, auch soll sehr bald die zweite Auto- bahnstrecke in Angriff genommen werden.

Die DemmgiW der evangelischen Landesürchen im grvßheisischen Raum.

Eine Verfassungskonferenz in Berlin. Vor entscheidenden Beschlüssen des Landeskirchentags.

Berlin, 18. Aug. (TU.) Am 16. und 17. Au- gust tagte in Berlin unter dem Vorsitz des Ministe­rialdirektors Jäger vom preußischen Kultusmini­sterium ein Ausschuß, berbie Verfassung der künftigen evangelischen Landeskirckie Groh-Hessen-Nassau beriet. Es handelt sich darum, die bisherigen evangelischen Landeskirchen in Hessen-Darmstadt, Hessen-Kassel, Frankfurt a. M. und Nassau zu einer größeren Landeskirche zu ver­einigen. Auf Einladung des Vorsitzenden als des hierzu Bevollmächtigten der Deutschen Evangelischen Kirche waren erschienen: Prälat D. Dr. Dr. Diehl für d i e Landeskirche in Hessen, Metropolitan Dr. Dithmer für die Landeskirche in Hessen-Kassel sowie Präsident Pfarrer Dber- chmidt und Kirchenrat Trommershausen ür die Landeskirche Frankfurt a. M. Der Vor- itzcnbe vertrat zugleich in seiner Eigenschaft als Mitglied der Reichsleitung der BewegungDeutsche

Christen" und damit als Vertreter der Bewegung in Nassau den Bezirk der evangelischen Landes­kirche in Nassau. An den Beratungen nahmen u. a. als Gäste teil: Der Reichsleiter der Be­wegungDeutsche Christen", Pfarrer H o ß e n f e l d e r und Dr. Werner vom Evangelischen Ober­kirchenrat. Der Bevollmächtigte des Reichskanzlers, Landesbischof Müller, erschien selbst, um seiner Freude über den roeit.-ren Bau an der Einheit der Kirche Ausdruck zu geben. Er äußerte seine volle Zustimmung zu dem Inhalt der Beratungen.

Nachdem am 5. September die General- f t) n o b e 'd er Altpreußisch en Union getagt haben wird, werden am 12. September die Lan­deskirchentage in Nassau, Frankfurt a. M., Hessen-Darmstadt und Hessen-Kassel zusammentre- ten, um entscheidende Beschlüsse über die kirchliche Entwicklung unb Einheit in Sübwest- beiU[d)lanb zu fassen.

Rußlands und Italiens) Jrenndschastsverlrag.

Berlin, 18.Aug. (CNB. Funkspruch.) Die So» rojetbiplomatie ist in den letzten Wochen mit Erfolg bestrebt gewesen, die schwierige politische und wirt­schaftliche Lage des großen Reiches durch Erweite- rung unb Festigung seiner Beziehungen zu ben Nach­barn unb zu ben Großmächten zu erleichtern. Wäh- renb bie Wirtschaftsverhanblungen mit Eng 1 anb trotz ber politischen Entspannung noch nicht weit ge­bieten finb, mit 5 r a n t r e i d) in ber Schuldenfrage erhebliche Differenzen bestehen, und die Anerkennung durch die Vereinigten Staaten auf große Widerstände stößt, haben sich die Beziehungen zwi- schen der Sowjetunion und Italien entsprechend dem beiderseitigen Interesse in der letzten Zeit sehr günstig entwickelt.

Im Juli waren Bestrebungen im Gange, auch Italien in das System der Londoner O st p a f t e, die mit der Definierung des Angreifers eine poli­tische Annäherung der teilnehmenden Staaten be­zwecken und ein Gegengewicht gegen den Vier­mächtepakt darstellen sollen, einzubeziehen. Italien ist auf diese Angebote, die die politische Konstella­tion in Europa völlig verändert und die eben erst geschaffene Arbeitsgemeinschaft der westlichen Groß­

mächte entwertet hätten, zur Enttäuschung Rußlands und Frankreichs nicht eingegangen. Es hat sich daraus beschränkt, mit der Sorojetregie- rung, mit der es bisher nur durch Handelsver­träge verbunden war, einen eigenen Pakt auszuarbeiten, der in seiner Bedeutung etwa dem deutsch-russischen Vertrag von Rapallo entsprechen dürfte, indem er deutlich den Charakter eines Freundschaftsvertrages trägt. Seine wichtigsten Be­stimmungen werden eine Nichtangriffs­klausel und eine Neutralitätsklausel, d. h. die Verpflichtung zur Nichtbeteiligung an ir- gendwelchen sowjetfeindlichen Unternehmungen ober Koalitionen enthalten.

Dieser Ausbau ber Beziehungen zwischen dem faschistischen Italien unb bem bolschewistischen Ruß­land entspricht, vom Standpunkte des italienischen Interesses gesehen, der latfaaje, daß Italien als roh- Öarmes Land für eine ganze Reihe wichtiger erialien, insbesondere für Petroleum, auf den Importangewiesen ist und deshalb Rußland, dessen Ausfuhr nach Italien die italienische Ausfuhr nach Rußland beträchtlich übersteigt, als einen wich­tigen Lieferanten betrachtet.

Teuerung in LISA.

Roosevelts Kampf gegen die Krisis.

Don unserem He-Berichterstatter.

(Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Reuyork, August.

Daß die Vereinigten Staaten sich mitten in einer 3nf lation befinden, von der man noch nicht weiß, wo sie Halt machen wird, kann nie­mand, trotz des vorübergehenden Stillstandes der Wechselkurse für den Dollar, bestreiten. Sie Re­gierung hat aber vorerst einmal gebremst, um eine überstürzte Entwicklung zu verhindern und um in Ruhe denIndustrial Recovery Act (in­dustrielle Industrie-Gesundungs-Altion- durch­führen zu können, der die Einführung einheit­licher Arbeitszeit und einheitlicher Entlohnung für die einzelnen 3ndustriezweige vorsicht. Trotz­dem ist nicht ifa leugnen, daß bereits letzt eine weitgehende Beunruhigung in der Bevölkerung Platz gegriffen hat, die nicht ohne eine getollte Sorge in die Zukunft sieht. Denn bie erfte geige der neuen Wirtschaftspolitik in ben UbA. ist ein allgemeines Steigen der Preise fur ben täglichen Bebars, vor allem für alle Rah- rungsmittel, die zum großen Teil Verteuerungen um bis zu 60 v. H. auftoeifen, also um einen Ve­rtag, der sehr erheblich unb spürbar ist. Die Frage, die daher allgemein interessiert, ist toohl, toie man das in den USA. aufnimmt, und was der Einzelne toohl zu dieser Teuerung sagt. Man könnte sich toohl vorstellen, daß eine solche Teue­rung allgemeine -Entrüstung erregte, wenn nicht gleichzeitig die Einkommen stiegen. Gerade bas ist doch aber nicht ber Fall, benn gerabe jetzt wer­ben überall erst einmal bie Einkommen für die großen Massen genau festgelegt.

Die hier aufgeworfene Frage laßt sich erftaun- lichertoeise sehr schnell unb ganz anbers beant­worten, als man das in Europa anzunehmen scheint: Man muß feststellen, daß die große Masse zunächst einmal noch durchaus zufrieden ist, unb

baß ernstliche Zweifel an der Vernunft des Regie­rungsprogrammes vorerst nicht geäußert werden. 3m Gegenteil, trotz der Teuerung sieht man der Zukunft noch durchaus optimistisch entgegen, und man hat weitgehend das Gefühl, es ginge wieder aufwärts trotz des letzten Börsenkrachs. Daß die Regierung diesen Krach so schnell abgestoppt hab, hat übrigens wesentlich zur Stärkung des Vertrauens in RooseveltsReues Spiel" beige- tragen.

Es ist eben etwas anderes, wenn eine Teue­rung plötzlich aus heiterem Himmel einseht, gegen den Wunsch der Regierung, oder wenn eine Teu­erung erwartet wird wie ein Regen vom Landmann nach langer Dürre. Man hat der Be­völkerung seit langem, unb zwar recht gründlich, eingehämmert, daß die Tlrsache ber Krise bie niebrigen Preise seien. Rur sie wären daran schuld, da.h die Farmer nicht mehr kaufen könnten, und daß der Industrieabsah zu­rückgegangen sei. (Der Außenhandel zählt in Amerika nicht.) Die Preise müßten wieder stei­gen, dann werde alles wieder besser. Das hat man so oft wiederholt, daß jeder daran glaubt, so daß der Einzelne auch bereit ist, dafür Opfer zu bringen. 3a, es besteht kein Zweifel daran, daß die große Masse das Steigen der Preise freu­dig begrüßt hat, weil sie nun hoffte, daß die schlechte Zeit vorbei sei. Davon, daß die Wechsel­kurse fielen, hat man ja nichts gemerkt, denn man lauft in Amerika eben keine ausländischen Waren.

Es kommt hinzu, daß bas Steigen ber Preise sich zunächst einmal nicht auf allen Gebieten gleichmäßig bemerkbar gemacht hat. Die Lebensmittel unb bie Textilien finb teu­rer geworben, aber noch nidjtbie Mieten, bie in Amerika fast bis 50 v. H. ber kleineren Einkorn- men aufzufressen pflegen, nicht bie Fahrgelegen.

Helten, unb nicht ein ganzer Haufen sonstiger Br- barfsartifel. Die Teuerung setzt hier vielmehr erst langsam ein, so baß sie nicht so spürbar wirb, wie bas wohl sonst ber Fall wäre. Auch hat sie im All­gemeinen noch nicht bas Ausmaß ber Dollarentwer- tung erreicht, so baß nur einzelne Artikel bie an- angegebene hohe Verteuerung ausweisen was in ben Einzelsällen prompt zu Schwierigkeiten geführt hat (BrottraroaUe in einzelnen Stabten).

Aehnlich günstig ist auch zunächst bie Wirkung des Industrial Recovery Acts mit feiner Fest­setzung ber Löhne unb ber Arbeitszeit. Aus europäischen Kritiken geht hervor, baß man Sinn unb Ursache dieser Maßnahme im allgemeinen in Europa mißverstanden hat. Es handelt sich nicht um einemarxistische" Planwirtschaft, die man hier einführt, sondern zum erstenmal um eine Regelung der Verhältnisse auf bem Arbeitsmarkt, bie gerade infolge ber Krise notwendig geworden war. Man hat in Europa die primitive Vorstellung, daß in Amerika alles ungeheuer modern, typisiert und ver­einheitlicht fei, weil man immer nur Neuyork im Auge hat. Äichts ist jedoch so falsch wie das, und zwar ganz besonders in ber amerikanischen Indu­strie. Neben Anlagen, die so mechanisiert sind, baß ber Mensch daneben fast überflüssig geworden ist, gibt es ganz veraltete und primitive Fabrikationsmethoden, neben hochmoder- nen Einrichtungen solche, die noch aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts flammen, und die sich nur dank der Tatsache zu halten vermögen, daß es keine Regelung der Arbeitslöhne gab, und baß jeber Unternehmer nur soviel zahlte, wie er bei ent» sprechenbem Gewinn zahlen konnte.

Das hat in ber Krise dazu geführt, baß jeber Arbeitgeber nur noch ben Lohn zahlte, ber ihm paßte, baß bie Arbeitszeit überall enblos ausgebcljnt würbe bis zu sechzehn Stunben am Tag (!) unb baß schließlich überhaupt kaum eine rechte Kalku­lation möglich war, da bie amerikanischen Unter­nehmer natürlich bie Gelegenheit wahrnahmen, um zu brücken, wo sie konnten. Es ist so bazu gekommen, daß zweifellos der amerikanische Arbeiter, einst nominell ber bestbezahlte in ber Welt, heute einer ber schlechtbezahlte st en unb am schamlose­sten ausgenutzten geworben war. Dagegen Haden auch die amerikanischen Gewerkschaften nichts burdj- zusetzen vermocht. Nicht nur, daß ihnen überhaupt nur etwa ein Sechstel ber Arbeiterschaft angehörte, bie Arbeiter waren ber Auffassung, daß ihnen die Gewerkschaften doch nicht zu helfen vermochten, so daß auch Terrorakte einzelner Gewerkschaften an ber Lage nichts änderten. Die Folge war denn auch, baß die Belebung ber Industrie zunächst nur sehr wenigen zugute kam, und so gut wie nichts zur Be­hebung der Arbeitslosigkeit tat.

Da hat man es außerordentlich begrüßt, daß die Regierung durchgegriffen hat, unb zunächst einmal einheitliche Löhne und Arbeitszeiten festgesetzt hat, selbst wenn das in Einzelfällen Opfer kostete. Erst so kann ja die Masse an dem Aufschwung teilneh- men, unb erst mit diesem Mittel wird der Unter­nehmer gezwungen, mehr Arbeiter einzustellen, wenn mehr Arbeit gegeben ist, anstatt wie bisher einfach Ueberftunöen machen zu lassen. Und auch erst durch diese Mittel wird der elende Konkurrenzkampf der Arbeiter gegeneinander, bas sich gegenseitige Unterbieten der einzelnen Arbeiter untereinander um die einzelne Stelle, beseitigt, was in ben letzten Jahren ben Arbeiter zum Lohnsklaven gemacht hatte. Wenn gleichzeitig nun auch Gewerkschaften für alle Arbeiter und Angestellten, unb zwar Zwangsgewerkschaften geschaffen werden, so ist bas zwar Sozialismus, aber eben ein Sozialismus, der begrüßt wird, weil er dem Kampf aller gegen alle ein Ende bereitet, der sich bisher in der amerikani­schen Wirtschaft breit machte...

Das macht es auch verständlich, warum man an­gesichts der Teuerungswelle zunächst einmal mit einer Festlegung der Löhne einverstanden ist: Bc- beutet bas doch eben einen so ungeheuren Fort- schritt gegenüber dem Chaos des bisherigen Zu­standes, daß man darüber die Gefahr der Inflation zu vergessen geneigt ist. Es muß eben eine gewisse Zeit dauern, bis man merkt, daß die Bindung der Löhne bei steigenden Preisen auch seine Schatten- selten haben kann.

Neue Maßnahmen Roosevelis

Washington, 17. Aug. (WTB.) 3n wirt­schaftlich interessierten Kreisen ist man verschie­dentlich in der Beurteilung der neuen Maßnah­men der Regierung etwas skeptischer geworden, wozu u. a. auch die Tatsache beiträgt, daß der von Roosevelt erstrebte Arbeitsfrieden bisher nicht völlig zu erreichen war, vielmehr die arbeitsmarktpolitische Lage durch den Ausstand von ungefähr 60 000 Konfektions­arbeitern s ich verschärft hat.

Das besondere 3nteresse konzentriert sich auf die Maßnahmen, die zur Einordnung der wichtig st en Grundindustrien Kohle, Eisen, Erdöl in das Programm des nationa­len Wiederaufbaus ergriffen tocrLen sollen. B s- her haben sich gerade hier erhebliche KomPlika- tionen ergeben) so daß die Befürchtung aufge­taucht ist, daß die wünschenswerte Regelung der Produktion und des Absatzes nicht mit der notwendigen Schnelligkeit erfolgen kann. Der zur Durchführung des nationalen Wie- deraufbauprogramms eingesetzte Administrator Hugh 3 o h n s o n hat einen Entwurf für einen Blankett-Code für die Oelindustrie aus­gearbeitet. 3n ihm sind Vorschläge zur Rege­luna der Erzeugung und der Preise des Erdöls enthalten. 3n einer Besprechung zwischen Präsi­dent Roosevelt, 3ohnson und dem Staatssekretär des 3nnem Ickes wurde eine Einigung über die tarifliche Arbeitszeit und Ar b ei ts- entlohnung in der Petroleumindustrie er­zielt. Roosevelt ist bemüht, auch die Tarife für