Das Wunder der Maguffi Weiser
Vornan von Ar. Lehne.
Urheberschutz durch T. Ackermann, Stuttgart.
14. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Beinahe entsetzt sah Magussi die Freundin an, die in diesem Augenblick ihr wahres Denken offenbarte. Bisher hatte Lilo ihr also immer nur nach dem Munde geredet: nichts war eigene Ueberzeugung ge- gewesen! Förmlich abgestohen fühlte sie sich von ihrer Unwahrheit und Oberflächlichkeit — und ihrer Grobheit des Empfindens.
Kunstschwindel — wie tief beleidigte sie dieses Wort in dem, was der Inhalt ihres Lebens war! Aber es lohnte sich nicht, nur ein Wort noch darüber zu verlieren, und ausgeschlossen war es, je wieder mit ihr über ihre Kunstträume zu sprechen.
In dieser Stunde war ihr die Freundin weltenfern gerückt. Das Stubenmädchen kam. „Gnädige Frau werden ans Telephon gewünscht. Baronesse Andrä, die Gesellschafterin von Durchlaucht, möchte gnädige Frau sprechen!"
Magussi sprang schnell auf mit einer Bitte um Entschuldigung. Langsam ging Lilo der Freunoin nach. Neugierde trieb sie, Zeugin des Telephongesprächs zu werden; Geheimnisse erörterte man ja nicht.
Es handelte sich um die Aufforderung der Fürstin, sich gegen siebzehn Uhr zum Tee bei ihr einzufinden — und da war auch plötzlich die lebhafte und gütige Stimme der hohen Frau selbst am Telephon zu ver- nehmen mit einigen sehr herzlichen Worten, wie Lilo wohl hörte.
„Du bist zu beneiden", sagte sie, als Magussi den Hörer einhängte, „so schnell Persona grata bei der Durchlaucht geworden zu sein —"
„Durch die Musik, Lilo!"
„Du hättest mich gestern abend der Durchlaucht vorstellen können. Ich war doch auch im Künstlerzimmer!"
„Wenn es möglich gewesen wäre, Lilo, gern! — Aber es ging nicht: ich konnte mich doch nicht vordrängen. Die Fürstin war ja so in Anspruch genommen."
. Lilo zuckte ungläubig mit den Achseln, eine Bewegung, über die Magussi sich doch ärgerte. Wie konnte die Freundin so unvernünftig sein!
Magussi mußte daran denken, ihr bequemes Morgengewand abzulegen und sich umzukleiden.
Als ganz selbstverständlich ging Lilo, wie sie cs früher immer getan, mit in Magussis Ankleidezimmer, das ein sehr interessanter Raum für sie war.
Sie öffnete die Kleiderschränke und spähte hinein, und was sie darin hängen sah, erregte ihren heimlichen Neid — es war einfach lächerlich, wie Eduard Weiser seine Frau verwöhnte, und noch lächerlicher, das' die so gar keinen Wert auf Abwechilung in ihren Gewändern legte. Was ihr gerade gefiel, trug sie eine Zeitlang jeden Tag — wie jetzt wieder: hatte sie sich an dem Kleid aus bunter Seide noch nicht satt gesehen, da sie glückliche Besitzerin so vieler anderer schöner Kleider war?
„Ich halte dich doch nicht auf, Magussi? Jetzt muß man immer fragen, ob man nicht stört."
„Nein, Lilo! Doch wenn du erlaubst, werde ich an dem Deckchen arbeiten, das ich Mama zum Geburtstag zugedacht habe."
„Gib mir auch etwas Arbeit. Du hast ja allerlei Angefangenes. Bitte, wenn möglich, Weißstickerei. Dabei plaudert es sich am besten; man braucht nicht so aufzupassen."
In leichtem Geplauder verging die Zeit; Magussi hörte kaum darauf, was Lilo ihr alles erzählte, da ihre Gedanken mit ganz anderen Dingen ausgefüllt waren.
Die jungen Damen saßen in der Loggia von Magussis Empfangszimmer, und der Blumenflor darin war eine gar reizvolle Umrahmung für den blonden und den dunklen Frauenkopf.
„Ich glaube, du bekommst Besuch, Magussi!"
Trotz ihrer Arbeit hatte Lilo ihre Augen fleißig umherschweifen lassen: niemand entging ihr, der vor- beikam; in der vornehmen, stillen Straße, in der die Weisersche Billa lag, war wenig Verkehr.
Magussi blickte auf — in der Tat, Lilo hatte recht — es war Kapellmeister Bruno Halling, der eben in den Vorgarten trat. Ein flüchtiges Rot färbte ihre Wangen, und ihr Herz klopfte schneller, — hatte sie ihn nicht im Geheimen erwartet? War ihr darum Lilas Anwesenheit gerade heute nicht so angenehm? An Fortgehen schien Lilo aber nicht zu denken, denn erfreut rief sie aus: „Nun lerne ich den interessanten Mann auch endlich kennen. Er wird ja so sehr umschwärmt!"
Sie warf einen Blick in den Spiegel, der an langer, silberner Kette über ihrem Kleid hing, und fuhr rasch mit einem winzigen, immer bereiten Pu- derquästchen über ihr Gesicht. Erwartungsvoll sah sie dem vom Stubenmädchen Gemeldeten entgegen, während Magussi den Eintretenden freundlich begrüßte und ihn dann mit der Freundin bekannt machte.
In der ihr eigenen lebhaften, temperamentvollen Art riß Lilo sofort die Unterhaltung an sich und erging sich in den größten Lobpreisungen über Ma- gussi und über des Herrn Kapellmeisters wundervolle Begleitung.
„Solche Stimmen zu begleiten, ist ein Genuß, Bn- ronin, der einem nicht jeden Tag bereitet wird", erwiderte er höflich: dann wandte er sich an Magussi: „Gnädige Frau, einen Sondergruß und aufrichtige Bewunderung soll ich Ihnqn von unserer
Baumann sagen. Sie Ulktet dringend um den Vorzug, einmal einen Nachmittag mit Ihnen zu verplaudern. Die paar Worte, die Sie gestern abend mit ihr gesprochen, hätten ihr nicht genügt. Wörtlich sagte sie: .Diese entzückende Frau, die für mich die verkörperte Poesie ist, sollte einmal die Sieglinde oder Elsa fingen, da hätte das Publikum etwas zu schauen und zu hören!'"
„Wirklich, Herr Kapellmeister, hat Frau Baumann das gesagt?"
Magussis Blick ruhte ausdrucksvoll auf Lilo, die einen Augenblick verlegen beiseite sah. Was hatte die ihr vor kaum einer Stunde erzählt? Magussis Gefühl war ja gleich gewesen: sie lügt! Sie will dich bloß ärgern und heruntersetzen!
Aber der gewandten Lilo Verlegenheit dauerte kaum eine Sekunde. Unschuldig sah sie den Kapellmeister an.
„Oh, und ich habe doch selbst gehört, daß Frau Baumann sich etwas abfällig über die Stimme meiner Freundin geäußert hat — die Höhe sei zu scharf —"
„Verzeihung, Baronin, das ist ausgeschlossen", widersprach Bruno Halling lebhaft, „denn gerade diese lerchenfrohe, jubelnde Höhe lobte sie sehr. Die Baumann ist ehrlich, und — was man nicht allzu häufig bei Künstlerinnen findet — aus ihrem großen musikalischen Empfinden heraus erkennt sie neidlos bei den Kolleginnen das Gute an, ohne sie herabzusetzen!"
„Ich habe mich bestimmt nicht verhört!" beharrte Lilo, „ober die Dame, die das geäußert, habe ich irrtümlich für die Baumann gehalten. Sie war groß und hellblond in einem resedafarbenen Seidenkleid —"
„Aber, Lilo, du hast doch Frau Baumann auf dem Konzertpodium gesehen, — sie ist doch nicht blond, ist kastanienbraun, und das Kleid, das sie trug, war von einer eigenartigen Terrakottafarbe."
Lilo, die sonst nie um eine Ausrede ober Erfinbung verlegen war, war jetzt boch außer Fassung. Himmel, ba hatte sie sich schön vertan — unb noch peinlicher: Magussi hatte sie burchschaut unb in einer etwas boshaften, ihr sonst nicht ähnlichen Art ihre Verbesserungen angebracht.
„Ach, es war ja ein so großes Durcheinanber unb solch Stimmengeschwirr, — ich muß bie Damen verwechselt haben, habe gebacht, bie Baumann sei es gewesen, bie so geurteilt hat, — denn biefe Worte sind gefallen", redete sich Lilo aus.
„Nun, wer sie gesprochen hat, soll mir gleich sein! Ich bin dankbar, wenn man mich auf Fehler ruf- merksam macht. Ich habe noch viel zu lernen, um das Ziel zu erreichen, das mir als vollkommenes vor Augen steht."
„Nein, Magussi, du bist am Ziel. Was gibt es für dich denn noch zu lernen! Du bist schon die Vollkommenheit, nicht wahr — Herr Kapellmeister?" rief Lilo in ihrer theatralischen Art.
Bruno Halling hatte bie Unterhaltung der beiden Freundinnen verfolgt und herausgefühlt, daß die Baronin neidisch auf die Triumphe der anderen war und, um sie herabzusetzen, sich da einen kleinen Roman zusammenphantasiert hatte.
„Was ist denn vollkommen auf der Welt, Baronin!" antwortete er auf Silos Bemerkung, „wirt- liche Künstlerschaft kennt nicht das Gefühl der Vollkommenheit, — sie strebt und sucht bis zum letzten Atemzuge. Nur Spießbürgertum, gedankenlose Ober- flächlichkeit fühlt sich vollkommen unb glücklich."
„Sie sprechen bas aus, was ich empfinbe, Herr Kapellmeister", sagte Magussi lebhaft, „wie habe ich unter Schmerzen gerungen unb an meinem Können gezweifelt — unb dabei bin ich ja nicht einmal schuf- fend, sondern nur nachschaffend. Aber ganz kann ich mich in die Seele des schaffenden Künstlers versetzen, wie er mit dem Gott in sich ringt — ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!"
In Bruno Hallings klugen, dunklen Augen leuchtete es auf, — „ob schaffend ober nur nachschaffend, Künstlerin sind Sie, gnädige Frau, was ich barunter verstehe! Unb wenn Sie keinen Ton fingen könnten, bennoch wären Sie Künstlerin, durch Ihr Empfinden allein!"
Magussi errötete leicht. Lebhaft und interessiert gingen Lilas Augen von einem zum andern — das war interessant —, sollte sich da etwas anspinnen, etwas Ernstlicheres? Bei der herben, strengen, kühlen Magussi? Doch bie Kunst konnte eine gar gefällige Vermittlerin sein, wer sich ihrer bebienen wollte.
Bruno Halling war enttäuscht gewesen, daß er Magussi nicht allein angetroffen hatte, ba er mit einer für ihn wichtigen Angelegenheit gekommen war. Nun mußte er bas auf eine gelegenere Stunbe verschieben. Er erhob sich. Sein Blick hastete beredt auf den roten Rosen, die in einer schlanken Kristall- aase auf dem runden Tisch standen — und ba wußte Magussi, was sie ohnedies schon erraten: dieser Mor- gengrufj war von ihm.
Als er sich nun verabschiedet, sagte Lilo gering« schätzend:
„Ich hatte mir den Mann im Privatleben eigentlich interessanter vorgestellt: er ist ziemlich fade unb langweilig. Seltsam, baß man gerabe burch Künstler so häufig enttäuscht wirb. Am besten ist, man genießt unb berounbert sie aus ber Ferne; bann bleibt wenigstens die Illusion gewahrt."
„Ist es barum, weil er dir nicht hen Hof gemacht unb versucht hat, mit bir zu flirten, daß du so enttäuscht bist?" mußte Magussi denken; auf Lilas Worte erwiderte sie nichts.
Wie eine leise Spannung lag es aber jetzt zwischen den beiden Freundinnen, bie wieder arbeitend in ber Loggia saßen, unb nicht so leicht wie sonst floß bas Plauderbächlein bahin.
Am liebsten wäre Lilo gegangen; boch für die sonst so Gewandte fand sich nicht ber richtige Augenblick.
(Fortsetzung folgt.)
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