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19.8.1933 Erstes Blatt
 
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Nr. 195 Zweiter Blatt

Samstag, 19. August 1955

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Vision am Kap der Guten Hoffnung

Don Dc. Paul Rohrbach.

Kapstadt, August 1933.

von den großen berühmten Aussichtsstraßen der Welt ist die schönste, die ich kenne, die zwischen Kapstadt und dem Kap der Guten Hoff­nung. Fels und Ozean geben ein meilenlanges grandioses Bild. Gelbrot leuchtet der Fels, blau der Himmel, weiß die Brandung, purpurnoiolett die unendliche Weite des Meeres. Wohltuend schmiegt sich dazwischen das {9rün aus den Hängen der Berge.

Die letzte felsige Spitze der Kap-Halbinsel besteht aus weißlichem, wie Kreide anmutendem Gestein. Dazwischen gelbliche Schichten und Blöcke und eine seltsame, ganz fremde, nur auf diesem Fleck der Erde am Südende von Afrika lebende Vegetation. Die Stürme, die hier toben, lassen keinen Baum und keinen Busch aufkommen, nur Kräuter und niedrige Sträucher. Ein Felsenpsad'von einer halben Stunde führt von der Autostraße bis auf das letzte, zwi­schen die Ozeane hinausgeschobene, einem zertrüm­merten Riesenkastell gleichende Ende des Festlandes. Hier brandet zur Linken das Indische, zur Rechten das Atlantische Weltmeer. Aus den brauenden Ne­beln und slurmgetriebenen Wogen um diese äußerste Spitze der Alten Welt erhob sich die düstre See­mannssage vom Fliegenden Holländer. Heute aber zab es weder Sturm noch Nebel, sondern Sonnen- chcin und nur ein leises, sanft aus der Ferne heran- treichendes Wehen um die Höhe des Kaps. Durch )ie lange Dünung rollte das Wasser aus ozeanischen Weiten heran und brach sich rauschend und schäu-

land ist nicht mehr frei, die Politik eines unangreif­baren Insellandes zu machen, sondern nur noch eine solche, bei der es mit Frankreich nicht zusammen- stößt.

Don allen Folgen des Weltkrieges, von allen Umgestaltungen der Weltlage, greift dies« am tiefsten. Daß England keine Insel mehr ist, macht eine Tatsache aus, die bis in die Fundamente der Weltpolitik hinabwirkt. Doch fehlt viel dar­an. daß die Welt es begriffen hätte. Haben es überhaupt schon die Engländer begriffen? Ich glaube, sie haben es. In der Stille, denn in England spricht man nicht von unangenehmen Dingen. Ich sehe drei nationale Lebenslinien kon­vergieren: die deutsche, die englische, die italie­nisch«. Deutsche, Engländer, und Italiener können alle drei gemeinsam nicht anders nationale Handlungsfreiheit erlangen, als indem sie sich verständigen, dem französischen Druck, der aus ihnen liegt, ein Ende zu machen.

Krieg? Dicht nötig! Wenn die drei gemeinsam wollen, sind sie auch ohne Krieg stark ge­

nug. Politischer Unverstand als Hindernis, sei es hier, sei es dort? Gewiß, es ist ein altes Wahrwort, daß nicht viel Derstand aus die Welt­regierung verwendet wird- Aber die Linien, die dem politischen Geschehen durch die innere Datur der Dinge vorgezcichnet werden, lassen sich wohl krümmen und vorübergehend verbiegen, aber nicht endgültig aus ihrer Dichtung bringen. Eng­land wird es lernen müssen, daß es keine Insel mehr ist. Die blaue Ozeansarbe bedeutet nicht mehr Englands ..übrigen Besitz"! Das Meer an Englands Kreideklippen und die Ozeane am Kap der Guten Hoffnung rauschen dasselbe: England ist keine Insel mehr! Dies Kap sollte einmal Cabo Tormentoso, daS Kap der Stürme heißen. So nannte es Dartholomeus Diaz. der portugiesische Seesahrer, der als erster Sohn Europas bis hierher gelangte. Er kehrte um, weil seine lecken Schiffe ihn nicht weiter trugen und meldete seinem König, er habe das Ende Afrikas gefunden König Iohann von Portugal aber sagte: Dicht Kap der Stürme, sondern Kap der Guten Hoffnung! Des Königs Hoff­nung war Indien unsere Hoffnung ist ein neue- befreites Deutschland, ein neues befreites Europa. Dom Kap der Guten Hoffnung wende ich den Schritt wieder der Heimat zu. Gute Hoffnung Nomen sit omen!

Oie Arbeitsmarktlage im Bezirk des Arbeitsamts Gießen.

mend am Fuß der Felsen.

Zum ersten, vielleicht zum letztenmal im Leben stand ich an diesem Punkt der Welt. Mir kam eine englische Landkarte in den Sinn, die ich einmal gesehen hatte. Die Farbenerklä­rung dazu lautete: rot England und seine Kolonien: blau Englands übriger Besitz. Blc^i kbaren die Meere und Ozeane. England gehört die See, England herrscht auf den Wogen! Bntannia rulcs the waves!

Ist denn das "noch wahr? So fragte ich mich aus diesem vom Ozean umbrausten Fels, von dem die Schiffskurse hinüberziehen nach In» dien und Australien, nach Amerika und Europa. Es ist nicht mehr wahrl England, das in den Weltkrieg ging, um seine Suprematie auf dem Meere zu bewahren, hat sie verloren, auf im­mer verloren. Es ist nicht nur darum so, weil die Amerikaner jetzt eine Flotte besitzen, die der englischen ebenbürtig ist. sondern der letzte Grund liegt viel tiefer, ist für England viel furchtbarer. In Gedanken zog ich auf dem Stein mit dem Finger die Umrisse Englands, der Insel England.5)ie8 Land ist eine In­sel" so lautete die selbstbewußt hochmütige Festellung englischer Staatsmänner und Parla­mentsredner durch mehr als zwei Iahrhun- derte. wenn die Dede auf Englands Gegner­schaften kam.

Nein, ihr Engländer, euer Land i st keine Insel mehr! So antwortete ich jetzt in Ge- danken den Pitts und Cannings, den Palmerstons, Salisburys und Greys. Es hat aufgehört, eine Insel zu sein, seit Geschwader von Tausenden von Flug- zeugen in weniger als einer Stunde den schmalen Wassergraben überfliegen können, an dessen fest­ländischem Ufer noch der erste Napoleon zähneknir­schend stand. Nur einen Tag die Seeherrschaft auf dem Kanal, und England hätte ihm zu Füßen ge­legen. Nicht nur England die Welt. Er wußte es, der Korse, aber sein Wissen war wie das Wissen der verdammten Seele um den Abgrund zwischen Hölle und Paradies. Hundert Jahre sind vergangen, seit er auf dem ausgebrannten Dulkaneiland mitten im Südatlantik als ein ungroßrnütig behandelter Gefangener Englands verschied. Mit seinem Han- dclskrieg hatte er den Engländern hart zugesetzt, so wie wir ihnen im Weltkrieg mit den Unterseeboten, aber bis zur Unterwerfung Albions hatte es nicht gereicht. -Jetzt hat Frankreich die Genugtuung, daß es reinen Kanal mehr zwischen seiner und der englischen Küste gibt. Englands Luftmacht ist der französischen hoffnungslos unterlegen: Eng-

Dom Arbeitsamt Gießen wird unsmit- gc teilt:

Die Zahl der beim Arbeitsamt Gießen gemel­deten Arbeitslosen sank in der Zeit vom 1. bis 15. August 1933 um rund 250 auf 1 0 64 4. Im Dorjahre wurden 15 060 Arbeitsuchende ge­zählt.

Die Abnahme der Arbeitslosigkeit im Be­zirk des Arbeitsamts Gießen gegenüber dem Dorjahre beträgt also ein Drittel. Der Rück­gang ist ein erfreuliches Zeichen für die stetige Besserung der Arbritsmarktlage.

Die Dermittlungen von Wehrver­bandsangehörigen schreiten weiter fort. Insgesamt wurden seit Beginn der Sonder-Ak­tion 182 alte verdiente Kämpfer der nationalsozialistischen Bewegung und des Stahlhelms in Arbeit gebracht, immer aber sind noch alte Wehrverbandsangehö- rige ohne Arbeit.

Das Arbeitsamt bittet daher nochmals alle Ar­beitgeber, sofort alle sreiwerdenden Arbeitsplätze dem Arbeitsamt zu melden, damit auch noch die restlichen arbeitslosen Mitglieder der wehr- verbände untergebracht werden.

Es kann kein besserer Beitrag zur Hitler- spende von den Llnternehmungen gegeben wer­den, als in der Form zusätzlicher Einstel­lungen von arbeitslosen Kämpfern.

1200 Londhetfer im Arbeits­amtsbezirk Gießen anerkannt.

Seit Beginn der Landhilfeaktion wurden rund 10 0 0 männliche und über 200 weibliche anerkannte Helfer in der Landwirtschaft un- tergebracht. 80 v. H. von ihnen stellte der Ärbeits- amtsbezirk selbst, 15 v. H. kamen aus anderen Be­zirken des Landesarbeitsamtsbezirks Hessen herein, die übrigen 5 v. H. sind in anderen Teilen des Rei­ches beheimatet. 85 v. H. aller Helfer entstammen der Land-, 15 v. H. der Stadtbevölkerung. Ihre be- rufliche Gliederung ist etwa folgende: Hilfsarbeiter bzw. ungelernte,männl, etwa 33 v. H. weibl. 13

Landwirtschaftliche Arbeiter ... 10

Maurer.......... 8

Schlosser.......... » 6

Fabrikarbeiterinnen, landwirtschaft­

liche Dienstmädchen u. Hausmädchen 5

Weißbinder........- 4

Schreiner......... etwa 3 o. H.

Installateure, Elektriker .... 2

Schmiede, Bäcker, Former, Stein­arbeiter .........etwa je 1,5

Metzger, Zimmerleute, Schuhmacher, Schneider .........1 H

Dachdecker, Buchbinder, Portefeuiller,

Drechsler, Buchdrucker,Kellner und

Sattler, zusammen .....etwa 7

Es wurden vermittelt im Alter von

14 bis 16 Jahren.....10 o. H.*)

16 18.......13,3

18 20 .....25

über 25 .....1,7

über 20 .....50

Verpflichtet wurden vorläufig auf

6 Monate.......ca. 54 v. H.

6 bis 8 Monate..... 17

8 bis 10 Monate ...... 4

bis zu 12 Monaten .... 25

Es waren beteiligt die Kreise: Büdingen.......mit 22 d. j)

Gießen........ 21

Friedberg....... 20

Alsfeld........ 15

Schotten ........ 12

Lauterbach ...... 10

Bis zur Größe von 10 Morgen nahmen

20

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40

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60

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...... 80

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.......100

........110

.......120

........130

........140

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2 o. H.

12

25

21

15

10

5

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2,5

1

0,5

1,5 ,, 0,25 0,75 0,25 0,25

aller zugelassenen Betriebe Landhelfer in Anspruch.

Die Aktion wird bis zur Auffüllung eines noch nicht feststehenden Kontingents fortgeführt mit der Bestimmung, daß die Einstellung der noch

*) Der Anteil der weiblichen Helfer ist hier am stärksten.

geforderten Helfer sich auf Empfänger von Ar­beitslosen-, Krisen- und Ivohlfahrtsunterstüt- zung im allgemeinen bi» zum Aller von 25 Jah­ren beschränkt.

Unter Bezugnahme auf die in der Presse bekannt­gegebenen Pläne der Reichsanstalt für Arbeitsver- mittlung und Arbeitslosenversicherung erscheint es wünschenswert, daß die Landwirtschaft alsWinter- hilse" soweit nicht schon gcscheben von der Be­schäftigung der Helfer bis zur höchstzuläffigen Dauer von 12 Monaten Gebrauch macht.

Zum Landestreffen der ALSO.

Frankfurt a M., 18. August. (WSN.) Die G a u - N S B O. teilt mit: Wir werden augenblick­lich überlaufen mit Angeboten von Händlern, die am Main und im Stadion alles mögliche verkaufen wollen. Wir machen darauf aufmerkfam, daß die gesamte Drganifation der Verkaufsstände am Main, sowie alles, was sich auf dem Wasser abspielt, in den Händen unseres NSBO - Mitgliedes Direktor Hans Detter vom Frankfurter Derkehrsoerein, Bahnhofsplatz 8, liegt. Pg. Vetter teilt in Der- bindung mit dem Wirtschaftsamt der Stadt Frank- furt a.M. die Stände ein und gibt die Ausweise für die Verkäufer aus. Auf dem Main übernimmt Pg Vetter die Vermietung der Boote, sowie der Plätze aus der Untermaininsel. Man wolle sich also in allen Angelegenheiten, die Verkaufsstände betref­fen, und das, was sich auf dem Main abspielt, nur an den Frankfurter Verkehrsverein wenden.

Der Verkauf der Festabzeichen und Programme dagegen erfolgt durch die Dienststellen der N«BO. und den von diesen belieferten Geschäften.

Längst hat die Zahl der Teilnehmer am Lan- bestreffen der NSBO. (26. und 27. August) 100000überschritten, und noch immer bringt die Post Berge von Zusagen. So erhielten wir heute z. B. die Nachricht, daß allein aus Marienberg und Hachenburg (im oberen Westerwald) 1155 deutsche Arbeiter nach Frankfurt a. M. kommen, und zwar schon am Samstag. Aber nicht nur aus dem Gebiet unserer beiden Gaue allein kommen die An- Meldungen, nein, auch in andere Teile des Reiches ist schon unser Aufruf zur Massenkundgebung des Deutschen Arbeitertums gelangt, und daß an diesen Tagen in Frankfurt a. M. etwas los ist. Soeben be­kamen wir einen Brief aus Fulda, daß sich 400 nationalsozialistische Arbeiter freuen würden, nach Frankfurt zu kommen. Sie kämen schon am Sams­tag mit Fahnen und Kapellen, wir sollten nur alles vorbereiten. Unsere Fuldaer Arbeitskameraden sollen die Frankfurter Gastfreundschaft nicht umsonst an- gerufen haben.

Geradezu rührend sind die Zuschriften, die wir manchmal bekommen. So schreibt eine Betriebszelle aus der Wetzlarer Gegend:Einen Haken hat allerdings die Sache. Wir sind fehr arm (53 Pf. Kassenbestand) und die Mitglieder können auch nicht alle die teure Fahrt von ... nach Frankfurt und zurück erschwingen. Ist vielleicht ein Mitglied des NSKK. aus der Umgegend bereit, uns nicht zu teuer dorthin zu befördern? Wenn es nicht anders geht, fahren wir mit Fahrrädern, aber wir kommen."

Zum letzten Mal ergeht unser Ruf an die be­kannte Frankfurter Gastfreundschaft. Spendet Geld auf Postscheckkonto 6622, spendet haltbare Lebens- mittel; wir haben erst 2000 Suppenportionen zusammen, spendet Freitische und Nachtquartiere. Kein Auswärtiger soll am Abend des 27. August Frankfurt enttäuscht verlassen!

Heideöheim

ehrt Landespolizeipräsident Or. Best.

Heidesheim, 18. Aug (WSD.) 2m Dah- men einer eindrucksvollen Feier wurde dem ersten Ehrenbürger der Gemeinde Heides- Heim, Landespolizeipräsident Dr. Werner B e st. durch den kommissarischen Bürgermeister M a i - son die Ehrenbürgerurkunde überreicht. Ferner soll die im Bau befindliche Ingelheimer Straße nach Fertigstellung den DamenWerner-Best- Strahe" führen.

kunst beiPuhlmanns Sommerbühne" in der Schönhauser Allee anbot. Ich kannte Berlin ziemlich gut, hatte aber bisher von der Existenz dieser Bühne keine Ahnung gehabt. Zudem war es von meiner Wohnung am Moritzplatz nach der Schön­hauser Allee eine kleine Reise. Die Fahrverbindun­gen waren 1873 noch nicht gerade glänzend zu nen­nen. Man fuhr mit einem Omnibus, den ein Pferd zog, gemütlich seinem Ziele zu. Mit diesem Omnibus konnte man für einen Silbergroschen bis zum Schön­hauser Tor gelangen, von dort aus hatte man mir gesagt, sei es dann nicht mehr weit zu gehen.

Ich machte mich also, nicht sehr hoffnungsreich, auf den Weg, flieg in den braven Rumpelkasten und fuhr los. Hinter dem Hackeschen Mark: war mir bic Gegenb unbekannt, aber so etwas Neues,^Unbe­kanntes reizt immer, zumal einen jungen Schau­spieler. Ein bißchen ernüchternb wirkte ber erste Ein- druck, den ich von diesem Musentempel gewann. Ucber dem Eingang zu einem freundlichen Kaffee- garten grüßte mich der jedem Berliner bekannte Spruch:Der alte Brauch wird nicht gebrochen, hier können Familien Kaffee kochen!" In dem schat­tigen Garten neben einer recht primitiven Sommer- bühne ein Bierausschank, Schieß- und Wurfeibuden und allerlei sonstige Belustigungen.

Die Fahne mit der 'Aufschrift:Heute frische Blut- und Leberwurst" hatte mir schon am Eingang ent- aegenqeleuchtet. Es stellte sich auch bald heraus, daß die Leiter dieses Kunsttempels der Musikdirektor Kent sch und ein Oesterreicher waren, der als Spielleiter fungierte. Beiden Herren wurde ich vor­gestellt und erfuhr von ihnen, daß unsere Borstel- hingen nachmittags um 5 Uhr begannen. Der -spiel- plan umfaßte verschiedene bekannte alte Einakter, die gelegentlich mit Gesangseinlagen verschönt wur­den, wie das Publikum des Puhlmannfchen Etablis­sements sie liebte. Bei gutem Wetter wurde auf der Gartenbühne gespielt, bei ungünstigem Wetter war die Vorstellung im Saal, wo bann zwischendurch immer mal, für einen Sildergroschen die Tour, ge­tankt wurde. Es bauerte einige Zeit, bis ich mich an diesenKunstbetrieb" gewöhnt hatte. Das nette Verhältnis des alten Direktors mit den cd)au(pie- lern trug aber dazu bei, das Ganze bald ertrag licher zu finden, und dann sorgte das Publikum auch dafür, daß einem die Sache Spaß machte.^Es war ja alles nur ein Uebergang für ein paar Sommer­monate.

Die Bekanntschaft mit dem Publikum, aus ber sich bald ein fast familiäres Verhältnis entwickelte,

Gommertheater 1873.

23cm Kammersänger Robert Philipp.

Robert Philipp, einer ber Senioren ber deutschen Bühne, ist kürzlich hochbetagt in Berlin gestorben.

In den ersten Jahren meiner Schauspielerzeit steckte ich voller Begeisterung und Ideale. Ich war kaum 20 Jahre alt, hatte meinen ersten Schritt auf die Bühne in Berlin gewagt, und war bann, gutem Rat folgend, in die Provinz gegangen, um an klei­neren Bühnen erst die nötige Routine zu bekommen. Damals schwebte mir als herrlichstes Ziel vor, das mit heiliger Scheu und tiefer Verehrung geliebte Schauspielhaus, da» zu erreichen, ich nur in meinen kühnsten Träumen z» hoffen wagte. Wer mir da­mals gesagt hätte, ich würde einmal nach zwanzig Jahren im Königlichen Opernhaus landen und dort an erster Stelle stehen, den hätte ich wahr- fcheinlich ob solcher Phantasterei ausgelacht.

Zu Pvlmarum endete in der Provinz die Winter­spielzeit, und bann hieß es für den Sommer ein Engagement finden, das über die Sommermonate bis zum Herbst, dem Beginn der neuen Spielzeit, hinhalf.

In Berlin war dafür immer die meiste Aussicht, und so gab es denn alljährlich ein freudiges Zu­sammentreffen mit Kollegen aus allen Gegenden Deutschlands, die bei den Theateragenten der Metro­pole neue Abschlüsse zu machen suchten und wohl auch meist etwas fanden. Bei dieser Gelegenheit traf man sich bann zu einem fröhlichen Frühtrunk beim alten Weißbier-Haase in der Französischen Straße. Für 2!4 Silbergroschen hatte man seine schöne frische Märzweiße, Butter und 51äse, und Brot dazu, soviel man essen wollte. Das war meist ein sehr vergnügtes Wiedersehen, und viel wurde erzählt von Erfolgen und Erlebnissen, von neuen Hoffnungen und Aussichten. Ich möchte diese Zeit in meinen Erinnerungen nicht missen, was den Jüngern von heute gänzlich fehlt, diese Jahre voller Idealismus und köstlicher Schwärmerei, die vielleicht nur der ganz verstehen kann, der mit ganzer Seele beim Theater ist.

Bei einer solchen Rückkehr nach Berlin hatte ich Pech gehabt. Ich war wohl ein bißchen verspätet zu meinem Agenten gekommen kurz, die guten An- Sebote für den Sommer waren bereits vergeben.

m nun nicht ganz ler auszugehen, mußte irf) einen Vorschlag annehmen, der mir eine vorläufige Unter-

kam auf sehr einfache Weise zustande. Unsere Som- , merbühne war nur vom Garten aus, mitten durch bas dort sitzende Publikum, mittels eines Aufganges 3U erreichen, der einer Hühnerleiter sehr qhnlich sah. Auf diese Weise bildete sich bald ein freundliches Bekanntjchaftsverhältnis zwischen den biederen Leut­chen, die dort jeden Nachmittag ihre Stammplätze hatten, und uns Schauspielern. Ich hatte in dieser Beziehung besonderes Glück bei der hier schon etwas bejahrten Weiblichkeit. Die Aufforderun­gen, vor ober nach der Vorstellung an den Tischen mit Platz zu nehmen, ergingen täglich von den ver­schiedenen Seiten. Eifersüchtig wurde darauf ge- sehen, daß man ja bei ber Nachbarin nicht länger blieb, als man vielleicht am Tisch der vielen andern Beobachterinnen gesessen hatte. Die verlockensten Angebote wie:Philippchen, wollen Sie nid) mal unfern felbftgebadenen Napfkuchen versuchen sind ooch Rosinen drin!" und ähnliche gastliche Auf­forderungen ergingen täglich an den glücklichen Kunstjünger. Oder die mir sehr geneigte Schlächter- srau sandte ein Paketchen mit den verschiedensten Wurstsorten. Zu wem der Berliner einmal Zu­trauen gefaßt hat, den läßt er so bald nicht wieder los, den läßt er aber auch seine Gutheit spüren.

Die Art des Puhlmannschen Kunstbetriebes läßt sich am besten durch eine kleine Begebenheit wäh­rend einer Probe oercßischaulichen. Der gute Puhl­mann, der sich vernünftigerweise, da er vom Theater nicht allzu viel verstand, nur fetten auf den Proben sehen ließ, war eines Tages bei einer Probe an­wesend und versuchte verschiedentlich in die Anord­nungen des Regisseurs hineinzureden. Dieser, schon ziemlich erregt, verbat sich das schließlich. Da schlug der olle biedere Puhlmann auf den Tisch, daß es krachte:Wenn Sie den Lehm besser vastehn, tep» pern Sie! Und auß^dem is bet m i n Theater!" Sprach's und verließ beleibigt ben Schauplatz.

In einem Einakter:Die Rückkehr bes Land­wehrmanns" hatte ich die Hauptrolle zu spielen und legte, da ich immer gern ein bißchen gesungen hatte, ein damals sehr beliebtes LiedDie Königs- grenabiere" (Text von Wilkens) mit ein. Das würbe ein ungeahnter Erfolg. Ich mußte bas Lieb wohl vier- bis fünfmal wieberholen, immer wieder unter tosendem Beifall. Damit aber hatte ich mich auch in das Herz meines braven Direktors gesungen, der daraufhin eine geradezu rührende Zuneigung zu mir I faßte. Ich war mit einem Schlage eins der belieb» I testen Mitglieder bes Puhlmannfchen Sommerthea­

ters geworben unb mußte mich vorsehen, baß biese allgemeine Begeisterung meinen 20 Jahren nicht zu sehr zu Kopf ging. Damals schon prophezeite mir mein guter Kapellmeister Kentsch eine Sängerlauf- bahn, an bie ich in meiner Begeisterung für das Schauspiel aber nicht glauben mochte. Ich nahm eine wunderschöne Erinnerung mit an frohe Som- merwochen im Herzen des alten Berlin.

Oer Bienenschwarm als Lebensretter.

Ein Dienenschwarm, der in einem höchst ge­fährlichen Augenblick über den Kopf eines euro­päischen Reisenden flog, rettete diesem in einem abgelegenen Gebiet von Digerien das Leben, das durch Menschenfresser bedroht war und brachte ihn bei diesen Wilden zu hohem Ansehen. Diesen bemerkenswerten Dorfall erzäHlt Frank Penn-Emith, ein englischer Reisender und Aben­teurer, der in den 70 Jahren seines Lebens durch die ganze Welt gewandert ist, in seinem soeben in London erschienenen Erinnerungsbuch Das Unerwartete". Der Derfasser befand sich vor dem Kriege auf einer Wanderung im Innern Afrikas, um dort nach Gold zu suchen. Er sah sich plötzlich von Eingeborenen umringt, die eine drohende Haltung annahmen und ihn augen­scheinlich für einen guten Braten ansahen. Plötzlich stob die ganze Menge wild ausein­ander", so schreibt er.Ich vernahm ein Sausen und Brummen in der Lust und sah, wie ein Bienenschwarm gerade über meinen Kopf wegflog. Als sie mit lustigem Schwirren verschwunden waren, klang mir ein Iubelgeheul von den Bäumen entgegen, und mein Dolmetscher stürmte auf mich zu.Dun ist alles gut, rief er,sie sind von dir begeistert, denn sie denken nun, daß du ein freundlicher und heiliger Mann bist- Wer hätte ihnen das besser klarmachen können als die Dienen? Sind sie doch die ältesten Bewohner der Berge, älter als die Menschen selbst-. Sie wissen alles, und da sie dich so freundlich grüßten, so haben sie dir ein besonderes Ansehen ver­schafft"

Oochschulnachrichten.

Professor Dr. Moritz Weyer mann, Ordinarius für Wirtschafts- unb Sozialwissenschaften an Der Universität Jena, würbe auf seinen Antrag aus dem Staatsbienft entlassen.