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19.1.1933 Frühausgabe
 
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Reichskabinett und Reichstag.

Konflikt mit der Reichstagsmehrheit und Auflösung unvermeidlich?

Berlin. 18. Ian. (TU.) In gut unterrichteten politischen Kreisen herrschte am Mittwochabend alb gemein der Eindruck, baß die Ereignisse aus einen Konflikt zwischen Reichsregierung und Reichstag zutreiben.

Dieser Eindruck wird vor allem darauf zurück- gcsührt, das; an die Möglichkeit einer Unter­redung zwischen dem Reichskanzler von Schleicher und dem Führer der NSDAP. Adolf Hitler nicht mehr geglaubt wird. Man ist auch nicht mehr der Meinung, daß Hitler zu einer Besprechung mit Schleicher bereit wäre.

Die bisherigen Vermittlungsaktionen, die, wie ver­sichert wird, übrigens ohne jede Initiative des Reichskanzlers stattfanden, hätten jedenfalls bisher zu nichts geführt. Was die gestrige Unterredung Dr. h u g e n b e r g s mit Hitler angeht, so kann hin­zugefügt werden, daß diese nicht einer Vermittlung im Sinne der akuten Frage des Verhältnisses zwi­schen Reichstag und Rcichsregierung von Schleicher gegolten hat. Dagegen dürfte eine Unterredung zwischen Hitler und Herrn v. Pap en, die am Mittmochnachmittag stattgefunden haben soll, dem Bemühen gegolten haben, eine Unterredung Hitler-Schleicher zustandezubringen. Da eine Anmeldung von Papens beim Reichskanzler aber nicht vorliegt, rechnet man damit, baft die Be­mühungen Papens gescheitert sind. Ob von dritter Seite noch ein weiterer Versuch gemacht wird, ist nicht bekannt, wird aber nach Uage der Dinge auch nicht als besonders aussichtsreich betrachtet.

Während es an unterrichteter Stelle noch vor wenigen Tagen hieß, daß die Reichsregierung in einer Zustimmung der Nationalsozialisten zu einer zweimonatigen Vertagung des Reichstags eine Tolerierung der Regierung betrachten würde, kann heute gesagt werden, das; unter den obwaltenden Umständen diese Meinung kaum noch weiter ausrechterhalten wird. Es ver­lautet weiter, das; die Regierung es nicht zu einem geschäftsführenden Kabinett kommen lassen will, das heißt also, daß sie für den Fall eines drohenden Mißtrauensvotums voraus­sichtlich vorher zur Auslösung schreiten dürfte.

Als Zeitpunkt für die Neuwahl wurde am Mitt­wochabend mit ziemlicher Bestimmtheit der 1 9. Fe­bruar genannt, da der 26. Februar wegen der Fa° schingsfciern in Süd- und Westdeutschland kaum in Frage kommen kann. Die erneut aufgetauchte Be­hauptung, das, es fraglich sei, ob Herr v o n S ch l e i- ch e r noch die Vollmacht zur Auflösung erhalten würde, wird in unterrichteten Kreisen als eine mehrfach bereits dementierte Zweckdarstellung bezeichnet.

Inzwischen konzentriert sich das Interesse auf die nationalsozialistischc Führerbespre- ch l> n g, die im Mittwochnachmittag im Hause des Landtagspräsidenten Kerrl im Beisein von Frist Thyssen und, wie es heißt, auch von « ch a ch t stattgefunden hat. Bei den Nationalsozialisten scheint keine unbedingte Neigung für sofor­tige Neuwahlen zu bestehen, und es komme hinzu, daß auch die Kreise der Wirtschaft ernstlich vor neuen Erschütterungen warnen, die ein Wahl­kampf zweifellos zur Folge haben würde.

Deshalb ist es nicht ausgeschlossen, baß sich auch bei den Nationalsozialisten das Bestreben durch­setzt, baldige Neuwahlen tunlich st zu vermeiden.

Es fragt sich nur, um welchen Preis. Daß die Negierung von Schleicher mit sich handeln lassen werde, ist noch immer anzunehmen, aber nur dann, wenn ein nationalsozialistischer Vertagungsbeschlnfz eindeutig als eine Tolerierung gekennzeichnet werden kann, wobei der Reichskanzler auch noch weitere Sicherungen für die Innehaltung eines so geschaffenenpolitischen Moratoriums" Bedangen würde. Vorbedingung einer solchen Ab­machung würde jedoch sein, daß doch noch im leg­ten Augenblick eine persönliche, wenn auch nur mit­

telbare Fühlungnahme zwischen dem Reichskanzler von Schleicher und der nationalsozialistischen Füh­rung erfolgt. Gerade daran aber wird, wie gesagt, in Regierungskreisen nicht mehr geglaubt. Wenn dieDeutsche Zeitung" in Zusammenhang mit den in den leisten Tagen geführten Unterredungen, sowie mit der Aussprache Hitlers mit seinen Unlerführern meint, daß von Schleicher in den nächsten Tagen vor eine ganz neue Lage gestellt sein werde, so dürfe diese Voraussage intern zuweitgehend fein, als sich eine neue Konstellation, die die ursprünglich als Uebergangsregierung betrachtete Lösung Schleicher ablösen würde, vorerst zweifellos noch nicht abzeich­net. DieGermania" warnt erneut vor einer Auf­lösung ohne sofortige Wiederwahl und bringt die dahingehenden Bestrebungen mit hugenberg in Zu­sammenhang. Der Gedanke, notfalls die Neuwahlen hinauszuschieben, scheint jedoch ganz anderen Ur­sprungs zu sein. Denn heute schreibt dieTägliche Rundschau" erneut, daß

der Zeitpunkt der Neuwahlen von der Gestal­tung der Verhältnisse im Innern abhängen würde.

Das Blatt erinnert an die kürzliche Warnung des Kanzlers, im Zusammei'.hang mit dem Anwachsen der Zusammenstöße und Terrorakte und erklärt, es

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)

An Bord derSchlesien", im Januar 1933.

Am 2. Januar ward die Fahrt nach Reykjavik angetreten. Zum erstenmal besucht ein großes deutsches Kriegsschiff Island. Zum erftemnai nach dem Vötterringen, das eine Welt in Brand gesegl. Reykjavik, Islands Hauptstadt, längst nicht mehr weltverloren im Ozean liegend, längst eine Stadt mit Fremdenverkehr, mit nicht unbedeu­tendem handel geworden, hatte dennoch bisher ledig­lich deutsche Fischerei-Schutzboote zu Gesicht be­kommen. Ein wirkliches deutsches Kriegsschiff, das mußte doch zur Sensation werden!

Mit diesen Erwartungen wurde an besagtem Ja­nuartage um 14 Uhr Wilhelmshaven verlassen, und schon in der ersten Nacht umbrandete der Sturm das deutsche Linienschiff: Windstärke 7, Seegang 7! Einsam bahnt sich das Schiff seinen Weg durch die Fluten, bis plöglich im Zwielicht der englische han- delsdampserSunderland" auftaucht. Auch er ar­beitet schwer mit der stürmischen See, die auch bann nicht ruhiger wird, als die Inseln Fär-Oer auf- tauchen, und dann senkt sich langsam die Nord­nacht auf dieS ch 1 e s i e n". Zwanzigstündige Dunkelheit am Tage, und nur um die Mittagszeit bringt ein hellerer Schimmer für kurze Zeit durch die Wolken.

Einsam liegen die weiten Fischereigebiete, in die das Linienschiff jestt eindringt. Der Sturm, der un­verdrossen heult und die Wolkenfcstcn vor sich her­treibt, die Wogen sich aufbäumen läßt, er erlaubt es nicht, daß sich kleine Schiffe auf die hohe See wagen. Dann kommt eine Nacht, in der ein A lärm" durch dieSchlesien" geht. Besahung und Offiziere eilen an Deck und blicken gebannt auf das Wunder eines Nordlichts, das seine leuchtenden Pfeile über die stürmische See hin- schießt. Jene wundervolle Naturerscheinung, deren letzte Rätsel von der Wissenschaft noch nicht gelöst sind, jene magnetischen Stürme, die mit ihrem feurig-schönen Schauspiel wahrscheinlich vom Schöp­fer gemacht sind, um den Menschen, der in der langen Nordnacht der Sonne entbehrt, einen Trost zu spen­den in dunkler Einsamkeit.

Und bann, in eben jenen wenigen Hellen Mittags- ftunben erhebt sich plötzlich über bem Horizont bie Küste ber Insel, bie bas Ziel ber Fahrt ist. Der

sei nicht unwahrscheinlich, daß bei einer Schärfung der Lage im Innern tatsächlich ein Notstand ein­trete, der unter Umständen auch auf den Termin der Neuwahlen nicht ohne Folgen bleiben würde.

Besprechungen der national­sozialistischen Führung.

Berlin 18. San. (TU.) Sn der Dienstwoh­nung des Landtagspräsidenten Kerrl fand am Mittwochnachmittag eine Besprechung statt, ander Adolf Hitler, Kube, Göring, Thyssen, einige andere Persönlichkeiten der Wirtschaft, so­wie der frühere Reichskanzler von Popen teil» nahmen.

Der Preußische Pressedienst der NSDAP. teilt mit:

Von einem Nachrichtenbureau wurde die Mel» düng verbreitet, daß bei dem Landtagspräsiden» ten Kerrl einpolitisches Essen" stattgefunden hätte. Der Preußische Pressedienst der NSDAP, erfährt dazu, daß es sich um eine private Einladung des Landtagspräsidenten zu einem zwanglosen Beisammensein unter Parieigenossen gehandelt habe. Die Meldung Don einempo­litischen Essen" sei wieder einmal müßiges Ge­rede."

Es handelt sich um die bereits gemeldete De» s p r c ch u n g im Hause des Landtaaspräsidenten. Don anderer Seite wird Übrigens bestritten, daß auch Herr v. Popen an dieser Besprechung teil» genommen habe.

größte Berg Islands, der Vodnojeukull, grüßt her­über. Die ber Insel vorgelagerten Vestmanna-Eilanbe tauchen auf, unbewohnt, ber Küste vorgelagert, unb halb behnt sich bie Küste in ihrer ganzen Breite vor unfern Augen. Unb als wollte ber Meeresgott zum Schluß noch bas beutsche Linienschiff auf eine Probe stellen, erhob sich ein furchtbarer S ü b o st - ft u r m Winbstärke 11 eine Probe, bie bie Schlesien" natürlich glänzenb bestaub, unb ber in­folgebesten nicht verhinbern konnte, baß bie ersten, natürlich völlig bunklen Morgenstunben bes Sams­tags bie beutsche Einheit im Hafen von Reykjavik sahen. Aber: an ein Einlaufen in den Hafen war nicht zu benfen. Der Sturm wollte nicht Nachlassen. Man warf auf ber Reede Anker, und Leichter muh­ten für die notwendig gewordene Äohlenübernahme Sorge tragen. Kapitän zur See C a n a r i s , ber Kommanbant berSchlesien", machte schon am Tage ber Ankunft feinen ersten Besuch an Laub, ber bem bänischen Gesandten unb bem islänbischen Minister­präsidenten galt. Arn Nachmittag waren Komman­dant und Offiziere derSchlesien" Gäste berGer­mania", bes beutschen Klubs in Reykjavik. Man braucht wohl nicht erst bes längeren zu beschreiben, mit welcher Freude unb mit welchem Stolz biese beutschen Menschen auf ihre Offiziere, auf ihre Schlesien" blickten. Daß ber Empfang an Herzlich­keit nicht überboten werben konnte, wer wollte bas bezweifeln! Unb auch bie Damenwelt sollte zu ihrem Rechte koinmen: ein Tanztee im Lichterglanz, im festlich geschmückten Saal, bildete den äußeren Rah­men der Veranstaltung, während draußen die Ele­mente tobten, und bie Norbnacht wie eine bunkle Kappe über ber Erbe lag. Ein Kontrast, ebenso seltsam wie prickelnb unb schön!

Natürlich erfolgte ber Gegenbesuch bes Gesanbten von Dänemark, bas ja formell noch immer eine Art von Oberhoheit über Island ausübt, die sich aber praktisch kaum noch auswirkt. Salutschüsse! Und um die Bevölkerung von Reykjavik, die bie beutschen Offiziere unb Mannschaften so herzlich ausgenommen hatte, in irgenbeiner Weise zu entschädigen, eine feierliche Flaggenparade. Islands Mi­nisterpräsident erschien an Bord, unb beim Frühstück verrann bie Zeit in sreunbschaftlichsten Gesprächen. Aber bie Jslänber lasten sich nichts schenken! Kapitän zur See Can'aris und fünfzehn seiner Offiziere sinb noch am selben Abenb Gäste bes islänbischen

DieSchlesien" in der Tiordnacht.

Von derZsland-Iahrt des deutschen Linienschiffes.

Bericht unseres Sei.-Sonberberichterstatters.

Traumstraße.

Von Or. Gustav W. Eberlein, CRom.

Salerno, im Januar.

Schlaglöcher, Scherben unb Hufnägel, brechende Mistgabeln vor überfahrenen Hühnern und Schotter, Schotter, Schotter, daß bie Reifen resigniert ben Geist aufgaben, mit Vorliebe mitten auf einem un­geschützten Bahnübergang das waren bie tücki­schen Objekte, bie ben Schrecktraum bes Automobi­listen von gestern füllten, heute ist bas alles nur noch halb so schlimm. Wir träumen lieber von öl­glatten Asphaltstraßen, Schlittenkufen haben unsere Räber, und es kreiselt toll im Zickzack, wenn man nicht gleich über einen Abgrunb hinauswirbelt ober waiizenhaft hunbertprozentige Steilwänbe hinauf- schleicht. Ober bie Fahrt geht burch bas Reich Scheherazades, Palmen weiße Säulen, ber Ver­kehrspolizist hat eine rote Kamelie zwischen ben verführerisch blitzenben Zähnen unb heißt Zuleima.

Sehr deutlich geschieht zum Beispiel folgendes:

Der Verkehrspolizist hat ein Bleististende zwi­schen amtlich geschlossenen Lippen unb fragt mit eisigem Blick: heißen? Worauf ber Wagen vor Schreck rückwärts schlittert, eine Kurve von 360 Grab beschreibt unb koppheister abhaut. Berg rauf, Berg runter, bas flitzt nur so, unb bann saust man eine Bergleiter hinauf, bas sinb bie Alpen, unb es schneit unb es friert unb ba robelt man eben hem­mungslos nach Süben hinunter, ohne Bremse unb halt, benn es war nicht mehr möglich, einen Gang einzuschalten, unb saust geraberoegs auf einen schma­len Steg zu, ber ins Meer hinausläust. Ach, bas ist ja Italien! Nett. Orbentlich warm wirb einem, ben Schweiß kann man von ber Stirne wischen. Biß­chen Angst gehabt? I wo Herzklopfen vor Glück. Fahren wir eben wie mit bem Finger über die Karte an ber Küste entlang, wie flach bas hier ist, hopla beinahe bie Peterskirche gerammt, noch­mals um bie Ecke, schon in Neapel. Hauptmann, nein, Goethe war bas boch, ist ba auch schon ge­fahren Myrte still Lorbeer hoch wenn nur ber verbammte Nebel nicht wäre, burch ben Mignon ihren Weg sucht. Warum sollen vierzig Pferbe nicht können, was ein Maultier kann? Der Saumpfab ist frisch geteert rein in bie Kurve raus mit neunzig Kilometern aah, bie Nebelbecke ist burch- brochen ...

Wir sinb nun so hoch wie die Kölner Domtürme, wenn man sie aufeinanberfteUt, es läuft ein Sims herum auf dem fahren wir und zur Rechten

fällt die Sache so steil ab, wie es sich für einen Turm gehört. Mit bem Handrücken über die Stirne scheint wieder heiß werden zu wollen. Agaven, die kurz und falsch Kaktus genannt werden, solange sie nicht blühen, und wenn sie blühen, ihr Leben verwirkt haben, denn sie sind vom Stamme derer, bie ba sterben, wenn sie lieben. Das ist von Heine unb war ein Witz, aber träumerische Menschen alau- ben gerne baran. Letztes zitronensaltigeres Wein­laub auf biden Säulenstummeln von schneeigem Weiß. Da hockt ein Mensch im Straßengraben unb starrt in bie höhe unb rabenschwarze Mäbchen um­geben ihn scheu, kirchernb, mitleibig unb spöttisch, er hat einen leberartigen Fetzen um bie Lenben gewor­fen unb eine blonbe Mähne unb blaue Siegfriebs- äugen, hat wohl auch geträumt von einer Fahrt ins Blaue ... gestorben, verborben ...

Wo bie Felswanb aufhört, bie ockergelb aus bem Meere aufsteigt, ba liegt eine seltsame Stabt, irgenb- wo in einer Ausstellung habe ich bieses Bilb hän­gen sehen unb geglaubt, es wäre nur Phantasie. Tief unten raucht ein Schiff, unb Wastervögel krei­sen herum unb schreien, baß sich bas Echo am hohen Felsen bricht: Royal Majestic Lurlei. Ihre könig­liche Majestät bie Lorelei > Verrückt. Aber was ist hier nicht verrückt? Die Pferbe vor ben putzigen Pärchenbroschken tragen Pleureusen auf bem Kopf. Ober meterlange Fasanensebern wie ber Lukas, haut ihn, auf bem Oktoberfest.

Der Saumpfab ist mittlerweile zu einer schier zimmerbreiten Asphaltstraße geworben, bie als lau fenbes Banb, ber Wagen braucht sich nur mittragen zu lassen, in bie Felsen huscht, auf kahle Zinnen kraxelt unb um bie Spitzen herumringelt wie Zi­garettenrauch. Blauer Dunst ringsum. Es ist nicht unangenehm, barauf zu fahren, was bie Feberung anbelangt, nur geht es so verteufelt schwinblig zu. Man klammert sich an ben Volant an, wozu ist er benn sonst ba. Wie viele Kurven wohl noch kämen? Der Mann kriegt bie Maulsperre so bumni hat noch keiner gefragt. Es können zweitausenb, es können auch brei ober viertausenb sein, im Durch­schnitt entfallen vier auf fünfzig Meter, wenn man bas Schlangengeringel unb Lockengekräusel nicht rechnet. Denn bie Bergnasen haben bie sonberbar- sten Formen, von ber Messerschneide bis zum Well­blech, und jede Nase will umschmeichelt und um­streichelt sein. Und jede starrt aufs Meer hinaus. Sicherlich ist bie Brandung drunten gewaltig, nur hört man sie nicht, so hoch sind die Steilwände.

Dünne, zuweilen verfallene Mäuerchen am Ab­grund bemühen sich um einen wenigstens suggestiven Schutz. Wer anstreift, fährt geradewegs in bie

Ewigkeit, beren Tiefe übrigens entgegen ber lanb- läufigen Meinung durchaus meßbar ist: zwischen 30D und 600 Metern. Aber ich werde schon nicht, denkt man, ich träume ja bloß. Ein froschgrüner Wagen kommt entgegen, ein Taxi tassiiii! schreit man in Neapel unb barinnen sitzt ein käse­weißer Mensch und über seinen Kitten liegt seine amore und hält die Hände schaudernd vor die Augen. Kann ich verstehen, kann ich gut verstehen wirb bir auch schlecht, Anita?

Anita meint, es ginge noch, aber eine Schüssel Spaghetti müsse sie jetzt haben. Wir wollen halten, sagte ich, unb schwebte in eine gespaltene Stabt hin­unter, beren eine Hälfte aus bem Meere zum Gipfel hinauswuchs, ein Haus auf bem anberen wie bie Akrobaten im Varietö, währenb bie anbere Hälfte vom Gipfel herunter, ein Haus unter bem anderen, ins Meer stürzte. Auf den fchutzlofen, flachen Dä­chern turnten halbnackte Kinder herum, unb es war fein Schupo $u sehen. Auf ben Spaghetti saßen Fliegen, unb ich. nahm ben Kragen ab, unb es war mörderlich heiß, benn bie Stabt steht auch im Ja­nuar wie ein Ofenschirm vor ber Glut.

Nach einer Weile ging bie Vertikale tuieber in bie Horizontale über, es bürste einem mit Recht schlecht werben, unb ein Engländer, beinahe hätten wir ihn umgefahren, beutete' mit ber Stummelpfeife noch höher bergaufwärts unb schrie: Emmelfei! Emmel­fei! (Er meinte wohl Amalfi.) Gewiß, sagte einer mit bunter Mütze, gewiß könne er einen Tragstuhl haben. Die Herrschaften auch? Danke, winken wir ab, wir sitzen ja schon. Tragstuhl, Fahrstuhl, Auto, Schwebebahn wie logisch sich boch bie Entwick­lungsstufen folgen. Nur eben dieses iinangenehme Abgrundgefühl unter sich beim Schweben.

Der Teufel glotzt über bie Wanb! Unsinn, Anika, es ist ein schwarzer Ziegenbock. Siehst bu, nun sinb wir boch im Orient, ich mochte auf bieser maurischen Loggia sitzen!

Halte nur noch ein Stündchen aus gleich wer­den wir krach! krach! Gott, es war nur ein Wagen gegen die Felswand geprallt. Der Herr blieb sitzen und sagte, ich hätte zu stark gehupt. Ich habe nur einmal gehupt, erwidere ich, zu Beginn der Teufelsstraße, unb es tönt immer noch, bebenfen Sie bas Echo von breitaufenb Bergnasen, es können auch viertausenb sein!

Weiter. Wir schweben, gleiten, rutschen, ringeln und kräuseln uns, manchmal ziehender, manchmal kreisender Schwindel, und bann hatte ich zwei Schwielen am Finger unb Anita, ihrer Behaup­tung nach, graue Haare.

| Ministerpräsidenten im HotelBorg" in Reykjavik. I Eine wahrhaft glanzvolle Veranstaltung, in deren Verlauf manche Ansprache getauscht wurde, aus der man die Gemeinsamkeit vieler Interessen ersah, und als man bann loieber ben Weg zurSchießen* antrat, hatte man bas Gefühl, es konnte kein veßere» Einvernehmen geben als bas zwischen Jslänbern unb Deutschen.

Zu kurz fast büntte bie Zeit, als am Montag, 9. Januar, nachmittags bieSchlesien" mit frischen Kohlenvorräten roieber ihre Anker lichtete unb aus ber Reebe hinausbampfte, in bie hohe See. Ganz Reykjavik war zum Hafen gekommen, unb bie Augen blickten halb auf bieSchlesien", bald auf ben Himmel, unb bie Ohren lauschten bem Sturm, ber mit unoerminberter Winbstärke 11 aus Süboften tobte. Und gerade diesem Süboft ging es entgegen. Kurs auf S t a g e n , bie Spitze ber Halb­insel Jütland, und über Skagerrak und Sattegatt geht es in die Ostsee nach Kiel, ber Heimat zu.

Aus aller Wett.

Sämtliche Schulen in Braunschweig wegen Grippe geschlossen.

Die Grippe hat in ber Stabt Braunschweig in ben letzten Tagen eine so starke Ausbehnung ge­nommen, baß auf Anorbnuna bts braunschweigi­schen Volksbilbungsministers sämtliche Volks- unb Mittelschulen in Braunschweig auf etwa acht Tage geschlossen werben. In ben letzten Tagen war in einigen Schulen nur ein Drittel ber Schüler zum Unterricht erschienen. Auch ein großer Teil ber Lehrer war erkrankt, so baß her Unterricht in zehn Schulen ausfallen mußte. Wie von ortsamtlicher Seite versichert wirb, besteht zu einer Beunruhigung kein Anlaß, ba bie Erkrankungen meistens einen gutartigen Verlauf nehmen.

Für 27 000 Mark Wertzeichen gestohlen.

In einer ber vergangenen Nächte brangen E i n- b r e d) e r in ein in Borgfelbe bei Hamburg ge­legenes Postamt unb erbrachen ben Gelbschrank. Den Einbrechern fielen Wertzeichen im e r t e von 27 000 Mark, unb zwar für 12000 Mark Jnvalibenrnarken sämtlicher Werte unb für 15 000 Mark Briefmarken in ben Werten von 3 bis 80 Pf. in bie Hänbe.

Zwei Todesurteile des Posener Standgerichts.

Das Posener Standgericht verurteilte nach zweitägiger Verhandlung die Mörder des Prä­fekten des Posener Lehrerinnenseminars zum Tode durch den Strang. Während der eine Ber- brccher geständig war, leugnete der andere bis zum letzten Augenblick. Der Staatspräsident hat das Gnadengesuch abgelehnt. Das Urteil wurde im Posener Gerichtsgcfängnis durch den War­schauer Henker vollstreckt. Der Präfett, Pro­fessor Maslowski, war in den letzten De- zemöertagen v. 3. in der Nähe des Posener Domes erschossen und beraubt worden.

Erdbeben in Jugoslawien.

Wie derPester Lloyd" aus Belgrad erfährt, verzeichnete oie dortige Erdbebenwarte ein starkes Beben, dessen Zentrum 115 Kilometer südwest­lich von Belgrad liegt. 3n der Bevölkerung ent­stand eine Panik. Der Materialschaden ist nicht bedeutend.

Das Schicksal des russischen DampfersSachalin".

Das Schicksal des im Ochotskischen Meer ge­strandeten russischen DampfersSachalin" ist noch immer unbekannt. Ter von Nikolajewsk zur Hilfe­leistung entsandte Dampfer konnte dieSachalin" noch nicht erreichen. Heftige Schnee stürme machen es auch unmöglich, von der Landseite her an den Strandungsort vorzudringen. Die Passa­giere sind nach einer drahtlosen Meldung des Schiffes auf dem Cis gelandet. Das Ober­deck des Dampfers soll in Flammen stehen.

Das Schicksal zweier Afrikafliegerinnen.

Die beiden Fliegerinnen Joan Page und Audrey Salebarfer, die auf dem Weg von Kapstadt nach Europa waren und als vermißt ge­meldet wurden, befinden sich im Krankenhaus in Nairobi (Kenialand). Sie waren über dem Busch abgestürzt, wobei sich die eine einen Beinbruch und die andere Kopfverletzungen zuzog.

Verantwortlich für Politik:

I. V.: Ernst D l u m sch e in.

Cameriere, einen Espresso! Nein, für jeden zwei Tassen! Aber bollente, kochend!!

Ach, tat das wohl. Da wurde man nüchtern, da wachte man auf, da wurde es einem wieder warm und klar ...

*

Da wußten wir, wir hatten gar nicht geträumt.

Jeder kann die Straße des Albdrucks, den man doch lieber mit b schreiben sollte, benn er hat so wenig mit ben Alpen zu tun wie Alberich, aber viel mit bunflem, brückendem Albengesindel, jeder kann sie befahren. Wir sitzen jetzt in Salerno, und die Bootsleute in der verrückten Stadt hatten nur Hotel namen beim Ausbooten ausgeschrien, benn bas war Sorrent. Unb der Engländer wollte einfach nach Amalfi und die maurische Loggia glänzte von Ra- oello herunter. In Positano war bas mit ben zwei Stabthälsten und den Januarfliegen. Und die Aga­ven junb das Meer, die Bergnasen und der blaue Dunst da kann man gar nicht übertreiben.

Cameriere, noch einen Espresso!

Was Znsekien leisten.

Aeußerst interessante Versuche sind von einem amerikanischen Forscher angestellt worden, der sich mit den körprlichen Leistungen der Insekten beschäf­tigte. Er beobachtete z. B., wie eine Ameise eine tote Spinne in ihren Kiefern eine kleine Anhöhe hinaufschleppte. In einer Sekunde legte sie eine Strecke von ihrer 48sachen Körperlänge zurück, das entspräche der Geschwindigkeit eines Autos von 640 Kilometern in der Stunde. Eine Spinnenart, Agelaena nevia, vermag sogar in der Sekunde bas Hunbertfache ihrer Körperlänge zurückzulegen. Die Lokomotive, bie mit ber gleichen Geschwindigkeit fahren würde, müßte in der Sekunde 1,2 Kilometer bewältigen können. Ebenso erstaunlich sind die Lei­stungen gewisser Insekten im Sprung. Eine rote Heuschrecke sprang das Fünfzigsache ihrer Korper- länge weit: dementsprechend müßte ein Känguruh 60 Meter schaffen können. Einzelne Exemplare der Jnsektenfamilie Sminthurus mit einer Körperlänge von 0,5 Millimeter bewältigten bas Fünfhunbert- fache. Ein Mensch müßte, um bieser Leistung nach­zukommen, 400 Meter aus bem Stanb springen können. Achnliche Leistungen zeigen bie Insekten beim Heben von schweren Gegenstänben. Ein Skara­bäus hob mit Bleistücken beschwerte Körbchen, die 850maI so schwer waren wie er selbst. Das ent­spräche einer Last von 2500 Tonnen bei einem Elefanten.