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19.1.1933 Erstes Blatt
 
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Donnerstag, 19.Zanuar 1935

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

HrJ6 Zweites Blatt

Wirtschaft

Viel schärfer als eine

Schafft Lebensmut und neue Hoffnung durch die Winternothilfe.

hier kommen sie; saft sagt man, sie kehren hierher zurück hier schließt sich der Zirkel; es ist, als ob sie hier entstanden wären und nun zurückkehr­ten wie in ihren Llrsprung, wie in ihre .Idee", Der Leser im Kaffeehaus als der eigentliche Be­weger und Llrheber der Zeitung... Draußen m den Redaktionen und Pressen wird ja nur ^reali­siert", was da im Cafe, als Idee schon existiert, was hier, im Cafe, täglich aufs neue vorausge­setzt wird.

Das sind die Sachen, um die es im Wiener Kaffeehaus sich handelt. Es handelt sich nicht um Musik und auch nicht um Architektur; köst­lich gleichgültig steht das braun-goldene Llnwe- sen aus der Renaissance von 1830. Lind die At­mosphäre ist, Gott sei Dank, ansteckend; in dem Plüsch der Bänke wandert es nein, nicht In­sekten, gewiß nicht, aber Leitungen, die an die Rerven gehen; und in der Luft, die physikalisch keine mehr ist, geistern die Meinungen, die Kon­flikte, die Beziehungen.

Die Kellner bald eilen sie, bald stehen sie wie Standbilder dieser Kafseehausösfentlichkeit. Kein Gast muh warten, und die Kellner haben, o Wun­der. dennoch Zeit zu stehen! Einige sind alt und wackeln, aber der Mechanismus ihres Dienstes, ihrer Intelligenz und ihrer Fürsorge geht weiter. Einer sieht aus wie der selige Offenbach: Backen­bart, sehr österreichisch, Kneifer mit Schnur. Mein Gott, wie ist es so nrtt, einem solchen alten Kell­ner zu begegnen, der nichts ist als ein einziger Prägedruck seines Berufs...

Tassen klappern ein wenig, die Billardkugeln klopfen; die Spiegel an den Wänden sind still und spiegeln alles bis dorthin, wo aus der Wie­derholung des Gespiegelten das Grenzenlos- Gleiche wird. Die Dillards sind scharfgrün, die Plüschbänke purpurrot, die Sitten liberal. Cs ist eine Heimat; wahrhaftig, es ist ein Zuhause; und ich gehöre schon dazu.

Es ist nicht laut. Die Kellner erfüllen das Einnhafte ihres Menschenlebens in diesem ge­meisterten, täglichen Berus und sind mit ihrer lebenslangen Arbeitsdauer am gleichen Platz ein Stückchen von einem Gleichnis der Achsen der Ewigkeit. Sie haben das lange Gedächtnis, und wir gehen vorüber.

braucht lediglich die Möglichkeiten dieses Berufs zu begreifen, um dessen gewiß zu fein. Schön ift, was man ernst nimmt und ganz und gar kann.

Am groben Tisch dort drüben, dem Tisch mit der langen Plüschbank, haben sie jeder ein Glas Wasser vor sich stehen und diskutieren nicht laut, aber eindringlich.

Vielleicht ist das Ganze eine Art von Verschwö­rung. Richt der Tisch dort allein; sondern auch der Kellner und auch ich. Er hat mir die Zeitun­gen gebracht, weil es sich für ihn versteht, daß ein Kellner einen Gast in die Atmosphäre des Cafös einbezieht und diese ist publizistisch ge­speist, ist politisch. Es gibt nicht nur D.llard und Schach und Kaffee undKipferln"; es gibt auch Zeitungen und Gespräche. Lind es wird klar: ein Kaffeehaus das ist für Wien, was die Agora für Athen gewesen ist, die Agora, der Hauplplah, der Markt, der Ort der öffentlichen Zusammen­kunft; und was das Forum für das alte Rom ge­wesen ist. Das Wiener Kaffeehaus ist die Zelle der österreichischen Oeffentlichkeit. Rur daß eben viele solche Zellen da sind, so viele, wie es Cafes gibt; während die Alten nur die eine Mitte hat­ten und damit natürlich noch eine stärkere Oeffent­lichkeit.

Diese Publizität des Kaffeehauses, diese kollektive ßuft, diese verbindende Atmosphäre: sie ist der Bereich der Verschwörung, in die der Kellner mich hineinz'ehen wollte, weil es sich in Wien eben so versteht. Er begreift, daß ich ein Novize bin. Ich aber ich werde sofort ergriffen. Die Luft überträgt; ich schlage die Blätter auf: die Buch­staben werden lebendig; die Blätter reden mich an, und ich spüre, wie gut sie .gemacht" sind. Lind ich spüre auch: sie sind so gut gemacht, weil sie wissen, daß sie gelesen werden, und zwar hier gelesen werden, in diesem Cafe, mit diesem Eifer! Denn mit Eifer werden sie wörtlich gelesen. Lind auch in diesem Eifer gibt es Versenkte, gibt es Eremiten. Reihenweise sitzen sie auf den Plüsch- bänken und lesen Zeitung, jeder für sich jede für sich und so sehr lesen sie, daß zwischen Männern und Frauen, die jedes für sich auf der gleichen Plüschbank sitzen, sogar das Geschlecht erloschen scheint. Hier also im Cafe gibt es Leser, echte, fast professionelle Zeitungsleser, und darum sind die Zeitungen so unterhaltend, ja aufregend. Hier-

Wiener Kaffeehaus.

Don Wilhelm Hausenstein.

Es ist warm und ein wenig üppig und auch ein wenig kahl: es ist bräunlich und golden und ein wenig nachgeräuchert, und es ist auch einfach. ia fast ein bißchen nüchtern. Eine merkwürdige Mi­schung warm-braun und üppig-golden, und dennoch ein bißchen nüchtern. Fast sage schwäch­lich. Ja. sachlich: denn offenbar ist dies Lokal nicht ein kunstgewerblicher Zweck, sondern es dient einer Sache. Einer Sache. Wir werden sehen Welcher Sache? Dem Kafseetrinken. Gewiß. Aber beileibe nicht nur dem Kaffeetrinken, sondern noch vielen anderen Sachen dazu. Sicher ist vorab nur dies: das Kunstgewerbe ist hier nicht Zweck ge- worden. Cs ift da nicht so wie manchmal bei uns in Deutschland: daß im Cafe die Kunst beinahe schon die Hauptsache ist und die Menschen eigent­lich nur herumsihen wie Staffage, wie eine leben­dige Ausstattung; wie eine Menge, die da ist. um dem blendenden Kunstgewerbe durch mensch­liche Anwesenheiten mehr Relief zu geben. Es ist auch nicht so, wie sonst manchmal in der neu- sachlichen Welt: dah man die Hygiene spurt und in ein Lokal geht, um dem von diesem Standpunkt einwandfreien Bilde der Lokalität zu hickdigen. Jemand hat einmal gesagt, es gäbe Cafes so neu­sachlich und so weiß wie ein Sanatorium. -Jcun, dies Wiener Cafe ist kein Sanatorium Es ist altmodisch, wie unsere Väter waren. Es hat noch die Haltung von 1870, 1883. Renaissance mit Braun und räucherigem Gold und mit Vergol­dungen und mit Plüsch. Ich finde es herrlich. Ich brauche an keine Kunst zu denken und kann wich den Sachen hingeben. Den Sachen. Dem Kaffeetrinken (und natürlich ist der Kaffee aus­gezeichnet). Lind den anderen Sachen. Welchen? Wir werden sehen.

lammen einen Rhythmus machen, das Anklop­fen des Elfenbeins der einen Kugel am Elfen­bein der anderen. Es ist ein trockener, kurzer, ganz und gar präziser Ton. Peng.

Ich schaue auf den kleinen runden Marmortisch vor mir und gewahre einen Schachgrundriß. Er ist fest: eingefärbt oder gar eingelegt? Gleich­viel. Man kann ihn nicht wegwischen, wegschie- ben. Da sitze ich nun, allein und talentlos. Wie gerne würde ich spielen. Ich schaue neidisch an die anderen Tische. Da spielen sie Schach. Es ist erstaunlich: ich zähle fünf Tische in meiner näch­sten Rahe, an dc.cen sie Schach spielen mit der ganzen wunderbaren, fast metaphysischen Der- senktheit der Menschen, die vom Schach einmal er­griffen sind und es lebenslänglich bleiben. Sie haben die Ruhe von guten Buddhisten. Da sitzen sie wie in der Mitte des Richts: reine Anschau- ung, die mathematisch und auch ein wenig mystisch ist. Viel mehr als Entdecker: Mönche des Spiels, Eremiten des Spiels, Eremiten, die einander be­suchen und dabei allein bleiben, dabei immer ihre Eremitage Herumtragen.

Lind es ist kein Konzert.

Lind es ist nicht strahlend hell, sondern dämm­rig wie bei Rembrandt.

Lind es surrt kein Ventilator, wohl aber ziehen bläulichweiße Rauchfältchen fein umher, fein und langsam, wie in die Linendlichkeit entsandt und in ihr umherträumend, während sie ziehen.

Der Kellner sieht mich sitzen und fühlt, wie allein ich bin, und ungebeten bringt er mir Zei­tungen. Ich müßte meinen, es fei System dabei; denn die Auswahl, die er mir bringt, ist voll­kommen. Es ist eine Enzyklopädie der Parteien und der sogenannten Weltanschauungen; Illu­striertes und Linillustriertes; Inländisches und Ausländisches. Ich bin dem Kellner noch un­durchsichtig, er macht Stichproben mit mir. Offen­bar wird er von morgen ab genau wissen, was ich brauche. Ich bewundere ihn. Er ist «'in Diplo­mat, ein Psychologe; ein fürsorgenrer Verwand­ter ohne Grad; er hat es mit meiner o.eie zu tun; er ist ein Freund ohne Rainen kurz ein guter Kellner: Verkörperung des Ideals, das diesem schönen Beruf gesetzt ist. Denn es ist ein schöner Beruf; man braucht lediglich die Meister­schaft in ihm zu haben, um es zu wissen; man

eingliederung in den Berus noch immer die tüch­tige Derufsleistung ist und nicht eine irgendwie geartete politische Llmwälzung. Die Gefahr dieser schiesen Betrachtungsweise lag besonders im ver­gangenen Jahr hauptsächlich bei der jüngeren Berufsgeneration vor. Erfreulicherweise konnte sie überwunden werden. Heute ist die Erkenntnis wieder gefestigt, ja im Wachsen, daß der einzelne sich in erster Linie durch eine tüchtige Berufs­leistung im Daseinskampf behaupten muß und daß diese Bewährung kein irgendwie geartetes poli­tisches System ihm abnehmen kann.

Einige große Probleme harren im neuen Jahr der Erledigung. Kann die 40-Etunden- Woche allgemein auch für die Angestellten ein­geführt werden? Hier zeigt sowohl der einzelne Angestellte wie auch seine Berufsvertretung starke Zurückhaltung, weil sich kaufmännische Tätigkeit nicht so leicht verkürzen läßt, wie es in den meisten Fällen bei gewerblicher Arbeit möglich ist. Bei dem Kaufmannsgehilfen droht nur die mit der Arbeitszeitverkürzung möglicherweise verbundene Gehaltskürzung, aber die Arbeitsleistung soll die gleiche bleiben. Lleberall wird heute bei der An­gestelltentätigkeit ein vermehrter Arbeits­anfall beobachtet, weil infolge der allgemeinen Verarmung die Zahl der Käufe trotz gesunkenen Llmsatzes nicht kleiner, sondern oft größer gewor­den ist, was fast in jeder Hinsicht eine mengen­mäßig größere Angestelltentätigleit erfordert.

In der Sozialversicherung hoffen die Angestellten einen weiteren Ausbau der be­ruf s st ä n di sch e n Selbstverwaltung in

Da leuchtet es uns scharfgrün in die Augen, viel schärfer als eine Wiese mit zuviel Licht. Das Grüne empfängt einen Schlagschein von niedrig hangenden Lampen. Das Grüne das sind die Billards. Leise und langsam gehen die Spieler um die Dillardtische, deren viele sind, und man hört in unregelmäßigen Abständen, die doch zu-

der Angestellten- und Krankenversicherung und vor allem endlich die Zulassung von be­rufsständischen Ersatzkassen in der Arbeitslosen . Versicherung. Hier ha­ben die Angestellten mit dem großen bürolratis- en Zwangsapparat der staatlichen Arbeitslosenver­sicherung sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Auf dem Wege der Selbsthilfe sich eigene berufsstän­dische Arbeitslo'enkasien schaffen zu dürfen, die den beruflichen Bedürfnissen angepaßt sind, ist die Forderung, die im Gesamtinteresse baldigst ihre Verwirklichung finden muß. Da gegen Schluß des alten Jahres die Berufsverbände der Arbeitneh­mer auch von Seiten der Regierung eine neue Würdigung erfahren haben und ihre Daseins­berechtigung, ja Notwendigkeit im modernen Wirtschaftsstaat anerkannt wird, darf gehofft wer­den, daß die vielseitigen berufsständischen Er­fahrungen ter Gewerkschaften bei der Krisenüber- Windung und der Vorbereitung des neuen wirt­schaftlichen Aufstiegs im Gesamtinteresse wieder stärkster.s eingeschaltet werten. Die Auffassung der Angestellten bezüglich Lieberwindung der Wirt­schaftsnot geht jedenfalls dahin:

Gebt im neuen Jahr dem Kaufmann, den sach­verständigen, an der Wirtschaft unmittelbar be­ledigten Derussstän.en größerenRaumzur Mitbestimmung und Selbstverwal­tung, gebt ihnen die Freiheit zur selbständigen Regelung ihrer sozialen und berufsständischen Angelegenheiten. Möge der Staat von Eingriffen in das absehen, was sich verantwortliche Berufs­stände auf dem Wege der Selbsthilfe geschaffen haben und noch schaffen werden, dann wird er auch zur Lösung der ihm gestellten Ausgaben fähig werden, dem Volke Freiheit und neuen politischen und wirtschaftlichen Lebensraum zu schaffen.

Durch die Reihen der Angestellten, insbesondere der Kaufmannsgehilfen, gehl heute unoeriennbar eine hoffnungsfrohe Regung. In ihrem Bereich ift im Ganzen gesehen eine gewisse Stabilisierung der Berhältnisse eingetreten, die auf manchen Gebieten sogar ersreuliche Ansätze zum Besseren erkennen lägt. Die Gehaltskürzungen scheinen hoffentlich für immer zu Ende zu fein. Die Deflationsepoche ift überwunden. Die mehr als zweijährigen Erfahrun- gen mit dem fast ununterbrochenen Lohn- und Ge­haltsabbau genügen, um zu erkennen, daß auf die­sem Wege der Wirtschaftsschrumpfung nicht Einhalt geboten werden kann, sondern höchstens ihre För­derung erreicht wird.

Die Massenkündigungen und Entlassungen haben aufgehört; ja es sind in zahlreichen Fällen die ge­kündigten Anstellungsoerträae neu abgeschlossen worden. Die Zahl der Prozesse vor den Arbeitsge­richten um Gehalt und Anstellungsbedingungen ist wesentlich geringer geworden. Die Vermittlungs- Möglichkeit von kaufmännischen Kräften ist in den letzten drei Monaten erheblich größer als früher, besonders nach den mittleren und klei­neren Betrieben, die für neues Personal heute auf- nahmesähigcr als Großbetriebe find. Die große Wirtschaftskrise hatte den wirklichen Kaufmann sehr zum Schaden der Gesamtwirtschaft stark in den Hin­tergrund treten lassen. Durch Organisation, Technik und Verringerung des Personalkörpers glaubte man der Krise Herr zu werden. Jetzt besinnt man sich wieder auf den Kaufmann, der bei der Ge­staltung der gesamten Wirtschaft ebenso entscheidend mitzusprechen hat, wie er für den einzelnen Be­trieb verantwortlich ist. Politiker und Techniker, die das Feld der Wirtschast fast einseitig jahrelang beherrscht haben, treten in die zweite Linie. Aus der Erkenntnis, daß die Wirtschaftsführung i n er ft er Linie Aufgabe des Kaufmanns ift, der schöpferische Unternehmerinitiative zu ent­falten hat erwachsen auch dem Kaufmannsgehilfen wieder größere Chancen, besonders in der Kunden­werbung, wo branchekundige Werbekorrespondenten, Derkauss- und Reisepersonal verlangt werden, wie überhaupt die individuelle schriftliche und mündliche Behandlung des In- und namentlich auch des Aus­landskunden heute wieder mehr geschätzt wird, als das schablonenmäßige der Rationalisierungsepoche. Die persönliche Initiative des wägenden und wagen­den Äaufmanas ist erfreulicherweise also vielerorts im Anmarsch. Das aber bedingt ein gutes Ver­trauensverhältnis zw : schen Arbeit­geber und Angestellten und eine Würdi­gung der Persönlichkeit. Gerade der Kaufmann muß seinem Mitarbeiter eine freie, aufrechte und selbstbewußte Haltung wünschen und nicht jene Un­terwürfigkeit, die eines mitdenkenden und geschäfts­interessierten Mitarbeiters unwürdig und am Ende dem geschäftlichen Erfolg nur abträglich ift.

Es scheint sich jene Wertschätzung des geschäfts- interessierten Angestellten wieder anzubahnen, die für eine Konjunkturbelebung von erheblicher Bedeu­tung ist. Je mehr die Heraushebung der Angestellten aus d e r Arbeitnehmer- mässe auch vom Unternehmer bejaht wird, umso früher können die vielerorts zu beobachtenden An­sätze zu einer bcrussständischen Entwicklung zur vol­len Entfaltung gelangen. Ein weitblickender Kauf­mann muß an der Differenziertheit der Gesellschafts- und Berufsschichten, ihrer verschiedenen Geschmacks­bildung und ihrer ständig begründeten sozialen- und Kulturlage interessiert sein, denn je mehr wir das amerikanische Typen- und Schablonenmäßige auf allen Gebieten anwenden, umso mehr entfernen wir uns von deutscher Art und umso mehr wird der Kaufmann zum bloßen Verteiler geringwertiger Massenware, anstatt Wecker und Befriediger echter Kulturbedürsnisse zu fein.

So ist der V i l d u n g s w i 11 e der Ange­stellten in Sonderheit nach der fachlichen Seite hin in letzter Zeit erheblich stärker geworden, toerm auch nicht eine gewisse Müdigkeit bei vielen stellenlosen Derufsgenossen zu verkennen ist, weil sie glauben, keine Anwendungsmoglichkeiten für größeres Derufswissen und -können in naher Zukunft zu sehen. Hier muß der Derussverband immer wieder aufrichten und die Erkenntnis ver­mitteln, daß der Ausgangspunkt für die Wieder­

Berlin schwächer später etwas erho'.t.

Berlin, 19. Ian. (WTB. Funkspruch.) Unter dem Eindruck der weiter verworrenen innerpoliti- schen Lage und verstimmt durch einige Sonderbe- wegungen nach unten eröffnete die Börse bei sehr kleinem Geschäft in schwächerer Haltung. Die leichte Teilerholung der Deutschen Bonds in Reuyork war zu unbedeutend, um sich stärker aus- zuwirken, besonders da die Allgemeintendenz in Wallstreet schwach war.

Montane setzten bis zu VA Prozent schwächer ein. Das Interesse für Gelsenkirchen hat auf das Dementi der JG.-Farben stark nachgelassen. Rhein­stahl waren 2% Prozent gedrückt, während Mans- felder und Schlesische Bergbau etwas freundlicher lagen. Don Braunkohlenwerten verloren Rheinische Braunkohlen 4 Prozent. Kaliaktien gaben bis zu 2 Prozent nach. Von chemischen Werten waren Farben VA Prozent niedriger. Contigummi ver­loren 3% Prozent, holten aber im Verlaufe VA Prozent wieder auf. Elektropapiere büßten bis zu VA Prozent, RWE. darüber hinaus 23A Prozent ein. Gasaktien, Maschinenfabriken, Kabel- und Drahtwerte, Autowerte, Papier- und Zellstofswerte verloren bis zu etwa VA Prozent. Metallwerte, Textilpapiere, Brauereien, Banken, Schiffahrts­aktien und andere Verkehrswerte zeigten nur Ab­bröckelungen um Bruchteile eines Prozentes. Kunst­seideaktien waren im Einklang mit Am terdam schwach und etwa 3 Prozent gedrückt. Aku er chienen anfangs mit Minus-Minus-Zeichen. Den größten Verlust wiesen Holzmann nach anfänglicher Minus- Minuc-Rotiz mit einem Rückgang von l'A Prozent auf. Dieses Papier war schon gestern abend in Frankfurt auf die notwendig gewordenen Abschrei­bungen, die einen Eingriff in das Aktienkapital er­forderlich machen könnten, sehr schwach veranlagt. Heute waren zum ersten Kurse etwa 40 bis 50 Mille vorhanden. Die Anteile von Wasserwerken zeigten gut behauptete Tendenz.

Im Verlaufe setzten sich allgemein Besse­rungen bis zu 1 Prozent durch. Deutsche An­leihen waren stark unregelmäßig. Ältbesitz eröffne­ten 3A Prozent niedriger, gewannen bann aber mehr als 1 Prozent. Neubesitz blieben gehalten. Reichsschuldbuchforderungen lagen eher etwas schwächer. Die übrigen Rentenmär kie verkehr-

Oie Lage der Angestellten

D.n Heinrich Auerbach,Gauvorsteher im OHD.

ten mit Ausnahme der variablen Jndustrieobliga- tionen zumeist in behaupteter Haltung. Von Aus­ländern waren Bosnier 20 Pf. höher, Lissabonner Stadtanleihe erholten sich um % Prozent. Auch sonst bemerkte man vielfach kleine Erholungen.

Am Geldmarkt hat sich auch heute nichts an der augenblicklichen Situation geändert. Tagesgeld blieb mit VA bzw. 4% Prozent an der unteren Grenze weiter leicht. Privatdiskonten, Reichswechsel per 15. April und Reichsschatzanweisungen per 17. Juli blieben gefragt.

Frankfurt schwächer.

Frankfurt, 19. Jan. (WTB. Drahtmeldung.) Die Tatsache, daß die erhoffte Zusammenkunft Hitler-Schleicher trotz neuerlicher Bemühun­gen des Herrn von Papen als gescheitert zu be­trachten sein dürste, hat die an und für sich schon unsichere innerpolitische Situation noch verstärkt, was an der heutigen Börse zu erneut schwä­cherer Tendenz und starker Zurück­haltung aller am Börsengeschäft beteiligten Kreise führte. Das gestern von der IG.-Farven- Industrie veröffentlichte Dementi über die Gelsen­kirchen-Gerüchte wird jetzt noch dahingehend er­gänzt, daß nicht nur die JG.-Farben-Industrie, sondern der ganze Konzern die Reprivatisierungs- absichten als unzutreffend bezeichnet, was das In­teresse für den Montanmarkt merklich erlahmen lieh. Auch die schon an der Abendbörse durch Ka- pitalzusammenlegungsgerüchte schwache Veranla­gung der Holzmann wirkte verstimmend nach, zu­mal die Gesellschaft in einem heute herausgegebe- nen Kommunique einen mäßigen Eingriff in das Aktienkapital infolge der schlechten Geschäftsver­hältnisse, insbesondere bei den südamerikanischen Gesellschaften, zugibt.

Bei sehr schleppendem Geschäft schritt die Kulisie zu Abgaben, so daß Rückgänge bis zu 2 v. H. überwogen. Es eröffneten IG. mit 99,75 v. H. 0,25 v. H. schwächer. Deutsche Erdöl verloren 1 v. H., Gelsenkirchen, Mannesmann, Phönix und Stahl­verein bis zu 1,75 o. H. Die Holzmann-Aktie kam zunächst mit Minus Minus-Zeichen mit 50,50 v. H. gegen den gestrigen Schlußkurs wieder 7,50 v. H. schwächer zur Notiz. Allgemeine Lokal und Kraft gaben 1,40 v. H. und Elektrowerte etwa 0,50 bis

1 v. H. nach. Aku waren nach dem Verlust von gestern abend um 0,25 v. H. erholt, ebenso lagen Zement Heidelberg und Zellstoff Waldhof im glei­chen Ausmaß gebessert. Reichsbank waren 0,75 v. H. niedriger, Schiffahrtswerte lagen uneinheitlich bei nur geringen Abweichungen. _

Renten lagen durchweg schwächer. Altbesitz minus 0,75 o. H., Neubesitz minus 0,25 o. H. Am festverzinslichen Markt war die Tendenz etwas freundlicher. Gold- und Liquidationspfand- briefe, sowie Kommunalobligationen waren gesucht und etwa von 0,50 bis 1,25 v.H. erholt. An den übrigen Marktgebieten war die Tendenz uneinheit­lich bei jedoch nur geringen Abweichungen. Von fremden Werten blieben Türken, Rumänen, Mexi­

kaner und Bosnier unverändert, Schweizer Bundes­bahnanleihe lagen bis zu 1 v. H. fester.

Im Verlaufe war die Stimmung auf einigen Teilgebieten des Aktien- und Rentenmarktes e t - was freundlicher. Am Aktienmarkt ergaben sich Besserungen von etwa 0,25 bis 0,50 v. H. und später für einige Spezialwerte solche von 1 bis 2 v. H. Am Rentenmarkt lagen Altbesitz fest, der Kurs stieg von 65,50 auf 67,25 v. H. an, auch Neubesitz und späte Reichsschuldbuchsorderungen etwas höher.

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Frankfurt, 19. Jan. Austrieb 142 Rinder, 1209 Kälber, 341 Schafe, 619 Schweine (90 Litauer). Es kosteten: Beste Mast- und Saugkälber 32 bis 36, mittlere Mast- und Saugkälber 21 bis 31, geringe Kälber 22 bis 26 Mark; Mastlämmer und jüngere Masthämmel, 23 bis 25, mittlere Mastlämmer, ältere Masthämmel und gut genäl/.te Schafe 20 bis 22, fleischiges Schafoieh 16 bis 1'/Marc; vollfleisch. Schweine von etwa 200 bis 240 Pfund Lebendge­wicht 36 bis 38, von etwa 160 bis 200 Pfund 35 bis 38 Mark. Marktoerlauf: Auf allen Marktge­bieten mittelmäßig, ausverkauft.

Strafkammer Gießen.

* Gießen, 17. Jan. Unter Ausschluß der Oeffentlichkeit wurde gegen einen Arbeiter vo.i hier wegen Sittlichkeitsvervrechens verhandelt. Er wurde zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt, weil er an einem Mädchen unter 14 Jahren unzüchtige Handlungen vorgenommen hatte.

Der Rechner einer Spar- und Darlehnskaffe aus der Gegend von Ortenberg wurde wegen Unter­schlagung zu 7 Monaten Gefängnis ver­urteilt. Trotz feines Leugnens hielt ihn das Gericht auf Grund der Beweisaufnahme für überführt, Kassengelder in Höhe von etwa 1400 Mark sich an­geeignet zu haben.

Ein früher in Grünberg wohnendes Ehepaar war angeklagt worden, Quittungen der Stadtkasse über Holzgeldzahlungen gefälscht zu haben. Das Schöf­fengericht hatte die Frau zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt und den Mann mangels Beweises freige­sprochen. Die Strafkammer stellte heute das Ver­fahren auf Grund der Amnestie ein, da die Straftat aus wirtschaftlicher Not begangen war.

Ein Arbeiter von hier, der auch gelegentlich fremde Rechtsangelegenheiten besorgt, war des Rückfalls­betrugs, Der Urkundenfälschung und der Unterschla­gung bzw. Untreue angeklagt. Er hatte in verschie­denen Fällen den von ihm vertretenen Personen vorgespiegelt, er werde für sie Eingaben an die Be­hörden machen, und sich yierfür bezahlen lassen, während er in Wirklichkeit gar nichts tat. Er ließ sich Geldbeträge für angebliche Zeugenladungen, Anfertigung von Zeichnungen usw. geben und be­hielt Das Geld für sich. Emen Kohlenhändler ver­anlaßte er zur Lieferung von Briketts, indem er ihm oortäuschte, er habe von einem Klienten noch 100 Mark zu bekommen und bezahle dann sofort. Einem Wirt erklärte er auf dessen Bemerkung, es werde nichts aufgeschrieben, er bezahle, während er gar kein Geld hatte, als er Die Zeche begleichen sollte. Für Den Kohlenhändler eintaffierte Beträge behielt er für sich. Nach eingehender Beweisaufnahme wurde er zu 1 Jahr und 2 Monaten Ge­fängnis verurteilt.