B 518
Ijvonnes Geheimnis
Vornan von Klothilde von Stegmann llrheberrechtsschuh: günf »Türme »Verlag Halle (Saale) 12. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Irene, die vergeblich versucht hatte, Bertas Redestrom einzudämmcn, mußte laut auflachen. Dabei war ihr gar nicht nach Sachen zumute. Seeburgs Interesse an Yvonne schien ja immer starker zu werden. Aber die Borstellung, die gute alte Berta mit Lippenstift und Schminke hantieren zu sehen, war gar zu drollig.
Frau von Merten, die erst begierig zugehört hatte, sand es für richtig, ihre Wurde als Dame zu betonen.
„Berta, Sie sollen nicht so über unsere Mieter sprechen. Das schickt sich nicht."
„Schickt sich nicht! Schickt sich nicht!" brummte Berta halblaut. „Aber das schickt sich, daß der arme Herr von Seeburg sich an so eine wegwirft. Wo der bloß seine Augen hat, machte ich wissen!-' Sonst würde er sehen, daß es noch andere Menschen gibt, bte sich nicht erst zwei Stunoen lang putzen müssen, bis sie sich sehen lassen können."
Irene wußte sehr wohl, daß Bertas Worte auf sie gemünzt waren. Blutiibergossen ging sie in ihr Zimmer. Dort setzte sie sich ans Fenster, starrte trübselig hinaus. Das Herz mar ihr schwer. Sie mußte zurückdenken an den Abend, an dem sie Seeburg kennengelernt hatte. Jenen Abend, da er sie weinend auf der Bank am Tiergarten gesunden hatte! Wie wohl ihr seine ruhige, herzliche Art damals tat. Wie gut hatte er ihr zugeredet und sich ihrer angenommen! Als er dann plötzlich mit dem Vorschlag kam, selbst zu ihnen zu ziehen — was für ein unwirkliches Glucksgefühl war da in ihr erwacht! Irene erinnerte sich jeder einzelnen Sekunde. Wie sie ans Fenster getreten war, nur damit Seeburg ihr Erröten nicht sehen sollte. Eine unsinnige Freude hatte sie empfunden.
Und dann war alles ganz anders gekommen! Denn dann war ^oonne Dumont eingezogen. Seitdem hatte Seeburg kein Auge mehr für sie selbst gehabt. Mein Wort, außer dem Notwendigsten und den üblichen Redensarten, war mehr zwischen ihnen gefallen. Machtlos hatte Irene zusehen müssen, wie Seeburg immer mehr in 'floonnes Bann geriet. Und Liebe, wirkliche Liede war es doch nicht, was Yvonne zu Seeburg trieb. Das hatte sie aus jenem eigentümlichen Gespräch zwischen Wassiliew und Yvonne gehört. Wie hatte Doktor Miller gesagt?
Jede Beobachtung sollte sie ihm Mitteilen, auch wenn sie ihr noch so unwichtig erschiene. Da wollte sie sich doch morgen gleich mit ihm in Der- I
binbung setzen. Tatenlos würbe sie fcbenfaffs nicht zusehen, wenn Seeuurg sich in eine Gefahr begab. War er auch für sie verloren — was sie dazu tun konnte, um zu verhindern, daß ihm etwas zustieße, das sollte geschehen.
10. Kapitel.
Berta hatte mit ihren Bemerkungen über von Seeburg den Nagel auf den Kopf getroffen. Seeburg war überglücklich von Yvonne gegangen. Yvonne war reizender und zärtlicher gewesen, als er je erhofft. Daß eine Ehe zwischen ihnen nicht möglich sei, das war ja der Grund gewesen, der Seeburg solange zaudern ließ, Yvonne zu betennen, welchen Eindruck sie auf ihn gemacht habe, daß er sich in Verlangen nach ihr verzehre. Yvonne hatte ihm nur mit einem leisen, spöttischen Lächeln über das Haar gestrichen und ihm geantwortet:
„Ch^ri, ist es nicht das Wichtigste, daß wir uns lieben? Ich wurde nie eine Mette fein wollen für einen Mann. Wir sind doch freie, erwachsene Menschen."
Seeburg hatte darauf nicht viel erwidert, hatte sie an sich gerissen und ihr Gesicht und ihre Hände mit Müllen bedeckt.
„Oh, wie jung du bist und wie stürmisch!" hatte sie ihm zugeflüstert. „Nein, Ch6ri! Du sollst dich nicht in Sehnsucht verzehren. Warte noch, nur eine kurze Weile. Ich liebe dich viel zu sehr, um dir etwas zu versagen."
Dann aber hatte sie sich mit sanfter Entschiedenheit frei gemacht und ihn gebeten, zu gehen. Man mußte vermeiden, daß jemand im Hause erfuhr, wie sie beide zueinander standen.
„Die stolze Tochter des Hauses rümpft sonst ihr Näschen über mich. Sie kann mich ohnehin nicht recht leiden, die fade Jungfrau Tugendreich. Die Augen würde sie mir ausfraßen, wenn sie etwas von uns beiden ahnte. Da hast du ein Herzchen gebrochen, Ch6ri, ohne es zu merken."
Seeburg waren diese ironischen Bemerkungen über Irene sehr peinlich. Er hätte für sie eintreten müssen und fand sich feige, daß er cs nicht tat. Auch später noch, als er allein war und die Geschehnisse des Abends überdachte, fühlte er, daß er verlegen wurde, weil er Irene nicht in Schutz genommen hatte. Seit wann war er so unritterlich? Aber — vielleicht hatte er den ersten schönen Abend nicht trüben wollen? Doch er spürte bald, daß er sich selbst etwas vor- täuschte. Da verscheuchte er seine Gedanken, die Irene galten, wie einen lästigen Bettler.
Es war gegen einundzwanzig Uhr, als Yvonne Seeburg verabschiedet hatte. Aber er vermochte es nicht, den schönen Abend einsam in seinem Zimmer zu beschließen. Die Sehnsucht nach Yvonne trieb ihn hinaus. So hatte er sich einen Wagen genommen und war nach Wannsee gefahren, um dort den Rest des Abends zu verbringen. Wie gern hätte er Yvonne mitgenommen! Sie hatte aber für diesen Abend ein Zusammensein abgelehnt.
„Direktor Perlain aus Paris will mich heute sprechen. Wir haben uns im Esplanade verabredet.
| Dort wohnt er auch. Es kommen wahrscheinlich noch ein oder zwei Kollegen hin. Auch Cucienne Gontard wird da sein. Das ist eine sehr wichtige Sache für nicht. Es kommt darauf an, wer in dem nächsten großen Film die Hauptrolle spielen wird: Lucienne oder ich."
„Yvonne, ich wollte dich den ganzen Abend schon fragen", hatte Seeburg gesagt, „in welchen Rollen kann ich dich im Film in den letzten Jahren schon gesehen haben? Je länger ich mit dir zusammen bin, um so mehr habe ich die Empfindung, als hätte ich dein süßes Gesicht schon immer gekannt. Aber nicht so, wie ich es heute sehen darf, froh, beglückt. Es ichwebt mir anders vor. Leidend, mit einem schmerzlichen Zug, verhärmt. Hast du eine solche Rolle gespielt, und in welchem Film war das?"
„Ich weiß nicht, welche Rolle du meinst. Aber du kannst mich morgen in meinen Hauptrollen sehen. Direktor Perlain läßt sich eine Anzahl Ausschnitte aus Filmen, in denen ich aufgetreten bin, vorführen. Komm doch auch hin! Dann kannst du mir gleich sagen, welche Rolle du meinst. Hier, nimm meine Visitenkarte. Um neunzehn Uhr im .Esplanade', Saal fünf. Es darf sonst niemand dabei sein. Wenn du sehr nett bist, kannst du mit mir und Perlain dann bei Borchardt zu Abend essen."
„Das paßt insofern schlecht, Yvonne, als ich übermorgen früh mit dem ersten Zuge dienstlich nach Brandenburg fahren muß. Wenn ich da so spät heimkomme und schon um fünf Uhr von meiner Wohnung aufbrechen muß —"
„Aber das ist doch ein wunderbares Zusammen- treffen, ChtSri! Sleib doch bann die Nacht einfach im Hotel International. Vielleicht wäre es auch für mich praktisch, schon damit du in deiner Ritterlichkeit dich nicht gezwungen fühlst, mich heimzubringen! Ich habe überdies um zehn Uhr schon wieder eine geschäftliche Verabredung im International. Wenn ich gleich an Ort und Stelle bin, kann ich wenigstens ordentlich ausschlafen, dann früh aufstehen, das über- lasse ich gern den deutschen grauen. Und wenn du den Abenden meiner Nähe bist. Ch^ri, bann —" Sie sah ihn mit leibenschaftlichen Augen an.
Cin heißes Gefühl der Leidenschaft durchrann den Mann-, aber gleich darauf meldete sich ein peinliches Empfinden, dessen er nicht so schnell Herr werden konnte. Das geheime Versprechen, das Yvonne ihm da gemacht — ob andere grauen auch so handeln würden, wenn sie liebten? Ach was, er war ein schwerfälliger Deutscher und verstand nicht, keck zu- zugreifen, wenn das leichte Glück ihm die Hand bot. Er wollte auch einmal bedenkenlos sein! Aber besser war es, wenn man im Hotel International nicht auf den Gedanken käme, daß er und Yvonne zusammengehörten.
*
Irene hatte am nächsten Tage Doktor Miller an- gerufen. Der hatte geraten: „Lassen Sie in Ihren Beobachtungen nicht nach, Fräulein von Merten. Es ist ja möglich, daß wir uns unnötige Sorgen um Seeburg machen. Ich bin mit meinen Ermittlungen nicht weitergekommen. Aber irgend etwas steckt da- I
hinter, und so ist zu viel Vorficht bester als zu wenig!"
Irene war in ihrer Sorge um Seeburg etwa, erleichtert, wenn sie mit Doktor Miller g^procheu hatte. Nun konnte sie an ihre eigenen Angelegenheiten denken. Sie halte von der Beta-Film-Gesellschaft auf ihre schriftliche Bewerbung den Auftrag bekommen, sich bei dem Personalchef oorzustellen. Es wurde eine Privatsekretärin gesucht. Wenn die Stellung und das Gehalt einigermaßen annehmbar waren, würde sie den Posten übernehmen. Sie konnte und wollte nicht langer untätig zu Hause sitzen. Sie mußte Arbeit haben, mußte sich von ihren Gedanken befreien, die ununterbrochen um Seeburg kreisten.
Der bärbeißige Türhüter wollte Irene zunächst nicht herrinlassen, ehe er genau wußte, was der Zweck ihres hommens sei.
Erst als Irene ihm den Brief, in dem ihr Be- such erbeten wurde, zeigte, gab er den Eingang frei. Er tat es, als ob er allein zu bestimmen hatte, wer das Gebäude betreten dürfe, als ob er damit eine Gnade gewähre. Der Personales, Herr Ritzow, der Irene empfing, machte einen guten Eindruck. Er hatte tadellose Formen und schien ein angenehmer Mensch zu sein. Irene hatte die Empfindung, daß auch sie einen günstigen Eindruck mache
Nach eingehender Prüfung sagte Herr Ritzow, der hl feinem ganzen Wesen den ehemaligen Offizier verriet:
„Wir wären bereit, Fräulein von Merten, Ihnen den Posten zu übertragen. Ein Probemonat ist bei uns Grundsatz. Das ist allerdings mehr eine Formalität. Wir müssen uns vor all.tn auf Sie verlassen können, daß über die Dinge, die Sie in Ihrer Eigen- schäft als Sekretärin des Herrn Direktor Friedrich erfahren, nicht gesprochen wird. Sie, mein Fräulein, sind ja von Ihrer Tätigkeit bei der Bayrischen Gesandtschaft, die recht gute Auskunft erteilt hat, das als eine Selbstverständlichkeit gewohnt.- Es ist möglich, daß man von der Konkurrenz versuchen wird. Sie auszuhorchen. Das ist in unserer Branche leider nichts Außergewöhnliches. Da müssen Sie natürlich auf der Hut fein. Und auch der Presse gegenüber ist Diskretion geboten. Sie haben ja wohl kaum Fühlung dahin. Auf eines muß ich Sie noch aufmerksam machen, ehe Sie sich binden: Der Ton hier unterscheidet sich leider zu seinem Nachteil in manchem von dem, den Sic von Ihrer letzten Tätigkeit her gewöhnt sind. Er ist — sagen wir — etwas ungenierter. Aber Sie machen mir ganz den Eindruck, (jräulein von Merten, als ob Sie es verständen, jemand in die Schranken zurückzuweisen, wenn der Versuch gemacht würde, diese zu überschreiten. Herrn Direktor Friedrich selbst ist dieser Ton verhaßt, aber sonst — wir können nicht nur auf gute Formen sehen. Sie konnten in dieser Hinsicht bei Direktor Friedrich und mir natürlich auf jede Unterstützung rechnen. Also wollen Sie morgen antreten? Wir bieten Ihnen dreihundertfünfzig Mark; davon geht natürlich Ihr Anteil an den Soziallasten ab."
(Fortsetzung folgt.)
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