Ausgabe 
18.8.1933 Frühausgabe
 
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nenstandes bestimmten Stelle, dem Standesamt, geführt werden sollen, um doppelte Nachforschungen zu vermeiden.

3. Das Familienregister soll alle Erb stamme in der Familie aufzeichnen, insbesondere nachweis­lich ocrerbbare Krankheiten; Maßnahmen, wie etwa die Unfruchtbarmachung erbuntauglicher Personen, sollten ebenfalls im Familienregister unter den Erb- stämmen vermerkt werden.

Ausgleichskassen für Kinderreiche

Berlin, 17. Aug. (TU.) Der Deutsche Ge­mein d e t a g teilt mit:

Bei Durchführung der 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich zeigt sich, daß die Löhne der Kinderreichen häufig unter den Unterstützungs­sätzen der Arbeitsämter und der Fürsorgebehörden und damit unter dem Existenz Minimum liegen. Die Gemeinden sind bei ihrer schwierigen Finanzlage nicht in der Lage, die Differenz zwischen Lohn und Fürsorgebetrag zu zahlen. Die Frage könnte am besten durch Schaffung sogenannter Ausgleichskassen geregelt werden. Diese Ausgleichskassen sind so'organisiert, daß d i e Ar­beitgeber entweder nach Gebieten oder Berufen zufammengefaßt gewisse Beträge a n eine zentrale Kasse, die Ausgleichskasse, abführen, die dann ihrerseits soziale Zulagen an die kinderreichen Arbeiter gewährt. Der einzelne Arbeitgeber hat bei diesem Verfahren durch die Beschäftigung kinderreicher Arbeiter keine finanziellen Nachteile. Seine Beitragspflicht für die Ausgleichskasse bleibt immer die gleiche, da die Beiträge auf die Kopfzahl der Beschäftigten abge­stellt sind. Im Hinblick auf die soziale Bedeutung der Frage hat der Deutsche Gemeindetag den Reichs­arbeitsminister gebeten, auch in Deutschland Aus­gleichskassen ins Leben zu rufen Wenn diesem Wunsche entsprochen wird, werden die kinderreichen Familien ausreichend geschützt werden, wie es aus nationalen und bevölkerungspolitischen Gründen dringend geboten ist. Die geringe Mehrbelastung der Wirtschaft', die mit der Schaffung der Ausgleichs­kassen verbunden ist, muß der Errichtung des höhe­ren Zieles wegen mit in Kauf genommen werden."

Oie Notwendigkeit

eines Bewahrungsgesetzes.

Berlin. 17. Aug. (BDZ.) Der Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge seht sich erneut für die Schaffung eines Bewahrungsgesetzes ein. Bei dem von einem Bewahrungsgesetz zu erfassenden Kreis von Menschen handele es sich durchweg um solche, die aus irgendeinem Grunde nicht imstande seien, sich in das Gemeinschaftsleben einzufügen und ein geordnetes Leben zu führen. Zu den Ut» fachen gehören psychopathische Konstitutionen, Fehlen einer geordneten Erziehung, Rauschgift, hemmungsloses Triebleben und insbesondere Wandertrieb. Was die Kostenfrage angeht, so wird betont, daß die Bewahrung als öffentlich- rechtliche Aufgabe von den Landesfür­sorge- und Fürsorge-Verbänden zu erfüllen sei.

LandeSbtschof Müller

an die evangelische Jugend.

Berlin, 17. Aug. (TU.) Landesbischos Müller, der Schirmherr des evange ischen Zu­gendwerkes in Deutschland, wendet sich mit fol­gendem Wort an die evangelische Jugend.

An das evangelische Jugendwerk Deutsch­lands, das sich zu meiner Freude unter seinem Reichsführer soeben neu zusammen­geschlossen hat, richte ich in dieser entscheidungs­vollen Stunde der deutschen evangelischen Kirche ein Wort herzlichen Grußes und ausrichtiger Ermutigung. Ich erwarte, daß das Werk mit seinen mehr als 700 000 Mit­gliedern s i ch geschlossen zum Einsatz für die große volksmissionarische Ausgabe bereit stellt, wie das seine Führerschaft mir bereits gelobt hat. Jeder, der hier aus der Reihe bricht oder eigenmächtige Wege geht, erschwert die Durchführung der un­geheuren Ausgaben, die uns die Verkündigung des Evangeliums im Dritten Reiche stellt."

Aus aller Welt.

Aus dem Arbeitsbefchaffungsprogramm der Reichsbahn.

Die leistungsfähigste bisher erbaute Güter- zualokomotive der Reichsbahn, eine elektri­sche AEG.-Lokomotive der Bauart Eoco, wurde in der AEG.-Lokomotiofabrik Henningsdorf eingeweiht. Ihre Entstehung verdankt sie, wie ihr geistiger Vater Baurat K l e i n o w ausführte, dem großzügigen Arbeitsbeschaffungsprogramm der Reichsbahn, die die neue Lokomotive auf der Strecke StuttgartUlm einsetzen wird. Bei einem Gewicht von 120 Tonnen kann diese Lokomotive, deren sechs Treibachsen durch je einen Tatzenlager­motor angetrieben werden, auf einer Steigung von 1:100 einen Güterzug von 1600 Tonnen mit einer Geschwindigkeit von 65 Kilometern in der Stunde befördern

Amundscns FlugzeugLatham" gesunden?

Dagens Nyheter" erfährt aus Oslo: In Tromsö find Gerüchte im Umlauf, daß Fischer, die von der Bäreninsel eingetroffen sind, Wrackstücke von Roald Amundsens FlugzeugLatham" ins Netz bekommen hätten. Der französische Konsul in Tromsö hat sich mit den Fischern in Verbindung gesetzt, die nach ihren Heimatorten- zurückgekehrt sind. Man wird Nachforschungen über die Richtigkeit der Erzählungen einleiten. Die Fischer sollen ver­schiedene Teile des Flugzeuges so weit über Wasser gehabt haben, daß sie den ganz bestimmten Eindruck hatten, Teile eines verunglückten Flugzeuges vor sich zu haben. Ein anderes Flugzeug aber als das Amundsens ist, soviel man weiß, in der Nähe der Bäreninsel nicht verunglückt. Amundsen war, wie erinnerlich, seinerzeit zur Hilfeleistung der ver­unglückten Nobile-Flugschiffbesatzung aufgebro­chen. Die schwer belastete Maschine verunglückte unterwegs. Die norwegischen Behörden inter­essieren sich lebhaft für die Entdeckung.

Zwei Alpinisten tödlich abgestürzt.

Der Schweizer Bergführer F. Lochmatter aus St. Riklaus ist nach einer Meldung aus Zermatt mit einem amerikanischen Touristen vom 4512 Meter hohen Weißhorn beim Abseiten etwa 403 Meter tief abgestürzt. Eine Führer­kolonne ist unterwegs, um die Leichen der Ver­unglückten zu bergen

Zirkuspferde in einem brennenden Waggon.

Der Zirkus Dusch, der in den letzten Tagen in Pasewalk gastierte, hat "beim Verladen seiner Tiere einen beträchtlichen Schaden erlitten. In einem Waggon, in dem sich neun wertvolle Dressurpferde befanden, brach plötzlich ein Brand aus. durch den die Pferde Brandwun­den erlitten. Drei Pferde wurden so schwer verletzt, daß mit dem Eingehen der Tiere gerechnet werden muß. Der Schaden beträgt an- gebl'ch 40- bis 50 000 Mk Die Ursache des Brandes ist noch unbekannt

Große Brände in Frankreich.

Aus der Hocyeoene von Montrieux m dec Rühe von Toulons ist ein W a l d b r a n d aus­gebrochen. der an Ausdehnung angeblich alle bis­her in Frankreich beobachteten Waldbrände über­trifft und eines der schönsten Waldgebiete Frank­reichs zu vernichten droht. Trotz des Einsatzes größerer Militärabteilungen ist es nicht gelun­gen, den Brand zum Stillstand zu bringen. Das Gasthaus von Montrieux, ein uraltes, sehr bekanntes Hotel, sowie das berühmte Kloster von Chartreux, drohen ein Raub der Flammen zu werden. Es wurden Vorkehrungen getroffen, um im Rotfall die ganze Gegend zu räumen.

Nach einer Haoasmeldung brach auf dem Feld des Weilers Ave Maria im Departement Pas de Calais an einer Stelle, wo die Engländer im Welt­kriege ein Munitionslager angelegt hatten, ein Brand aus. Das Feuer vernichtete eine An­zahl Hafergarben und frißt sich am Erdboden wei­ter fort. Nach Angaben des Eigentümers der Felder soll das Munitionslager noch eine größere Anzahl Granaten, Schrappnells und Torpedos enthalten. Unter diesen Umständen wurde eine Artillerieabtei­lung benachrichtigt. Es werden Gräben ausgewor­

fen, um dem Feuer Einhalt zu tun. Noch Aussagen eines Sachverständigen soll sich allerdings an der Brandstelle kein Munitionslager befinden, das eine " für die Bevölkerung in der Nachbarschaft gefährliche Explosion verursachen könnte. Es handele sich nur um dort lagernde ßeud)trafeten und Gasbomben.

Brandstifter am werk. Sieben Anwesen eingeäschert.

Das im Birkenfelder Land bei Türkismühle ge­legene, etwa 600 Seelen umfassende Dorf Neunkir­chen, war in den letzten Tagen von einem G roß - f e u e r heimgesucht worden, dem fünf große land­wirtschaftliche Anwesen zum Opfer fielen. In einer der letzten Nächte wurde nun der Ort wieder von einem Brand heimgesucht, dem zwei große land­wirtschaftliche Anwesen zum Opfer fielen. Auch dies­mal konnte so gut wie nichts gerettet werden. Der Sachschaden dürfte insgesamt über 300 000 Mark betragen. Die amtlichen Kreise teilen die Ansicht, daß unbedingt Brand st iftung vorliegen muß. Für diese Annahme spricht die Tatsache, daß beim Aus­bruch beider Brände explosionsartige Geräusche wahrgenommen wurden. Es ist bereits eine Reihe von Festnahmen erfolgt. Ein großer Sicherheits­dienst ist eingerichtet worden.

24 Gehöfte in Polen eingeäschert.

In einer polnischen Ortschaft unweit Prasnitz brach ein Großfeuer aus, das 24 Gehöfte mit allen Gebäuden, sowie dem lebenden und toten In­ventar e i n ä s ch e r t e. Die Löscharbeiten waren durch Wassermangel sehr erschwert. Wie die polizei­lichen Ermittlungen ergeben haben, ist das Feuer von Kindern angelegt worden, die mit Zündhölzchen spielten. Der Sachschaden ist erheblich und durch Versicherung nicht gedeckt.

Beim welken vom Blitz getötet.

J.l Nagboel bei Lunderskov (Nordschleswig) wurde die beim Melken von Kühen beschäftigte Bauersfrau Kroll mit sämtlichen elf Kühen vom Blitz ge­tötet. Die Kühe waren an ein'em Drahtzaun fest- gebunden, an dem der Blitz entlanggelaufen war

Unter Konservendosen verschüttet.

In der Konservenfabrik von Zinner in Potsdam ereignete sich ein schwerer Betriebsunfall. Drei Frauen waren im Lagerraum damit beschäf­tigt, Konservenbüchsen, die bis zu fünf Meter hoch aufgestapelt waren, zu verpacken. Dabei kam der Etat ins Rutschen und Tausende von Konserven­büchsen, von denen jede einzelne ein Gewicht von 3 Pfund hat, begrubendieArbeiterinnen unter s i ch. Während zwei der Frauen bald ge­borgen werden konnten, lag die dritte so tief unter dem zusammengestürzten Stapel, daß die herbei- gerufene Feuerwehr erst von einem Nebenraum aus eine Bretterwand durchbrechen mußte, um die Verunglückte bergen zu können. Alle drei Arbeite­rinnen wurden mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht.

iunft unö Wissenschaft.

8300 Festspielbesucher in Bayreuth.

Die amtlichen Fremdenlisten in Bayreuth Mei­sen bisher 83 00 Festspielbesucher auf, davon 1650 Ausländer, also nicht ganz 20 Pro­zent aller Gäste Don den Ausländern sind über 300 Amerikaner, mehr als 200 Engländer, 200 Schweizer, 200 Tschechen, 150 Franzosen, 125 Hol­länder, 90 Italiener, 60 Oesterreicher, 30 Delgier und je 20 Dänen und Rorweger. Unter den De- suchern ist die Fürstin Sophie von Alba- n i e n, die Gräfinnen von Zech, v. War­te n s l e b e n und v. G e tz 1 e r, der deutsche Schriftsteller Hans v. Z o b e l t i h und der fran­zösische Graf von Pourtales, der Ober­präsident Staatsrat von Half.ern, der preu­ßische Landrat v. Lossow, mehrere Diplomaten des Ans.arides, verschiedene Reichstags- und Landtagsabgeordnete und zahlreiche führende Persönlichkeiten der RSDAP.

Bestätigung und Berufung von Intendanten.

Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mit­teilt, wurde der bisherige Intendant Berg-

E h 1 e r t in Wiesbaden als Generalintendant in Breslau bestätigt. Zum Intendanten des Ras- säuischen Landestheaters in Wiesbaden wurde Karl v. S ch i r a ch, Weimar, berufen. Dem für Breslau vorgesehenen Intendanten Maisch wird eine besondere Ausgabe zugewiesen werden.

Ehrenvolle Berufung eines deutschen Architekten.

Professor Dr. h. c. Schulhe-Raumburg, M. d. R., Direktor der Kunsthochschule in Weimar, der große deutsche Baukünstler und bekannte Vorkämpfer des nationalsozialistischen Kultur­programms, weilt augenblicklich in Bled (früher Velber in Jugoslawien), wo er vom König in persönlicher Audienz empfangen wird. Wie wir hören, wurde Professor Schultze-Raumburg nach Jugoslawien zur Beratung über ein wichtiges Bauprogramm berufen. Die ehrenvolle Be­rufung dieses führenden deutschen Architekten beweist, welche Wertschätzung sein Wirken und damit die deutsche Baukunst im Ausland genießt.

Deutsche Gesellschaft für Gartenkultur.

In Anwesenheit zahlreicher Vertreter von Gar- tenbauDereinigungen aus dem ganzen Reich wurde in Erfurt dieDeutsche Gesellschaft für Gartenkultur e. V." gegründet, nachdem der berufsständische Reichsführer B ü 11 n e r-Frankfurt (Oder), Prof. Dr. Eber t-Berlin und Gartenarchi­tekt G. Ä l l i n g e r-Berlin den Zweck und die Auf­gaben der Gesellschaft im neuen Staat aufklärend und rückblickend erläutert hatten. Nicht einbezogen werden Vereinigungen, die rein berufsständische, also wirtschafts- und finanzpolitische Aufgaben zu erfüllen haben. Die neue Gesellschaft gehört korpo­rativ dem Kampfbund für deutsche Kultur an. Zu den Aufgaben der Gesellschaft, die aus drei Säulen (Gartenkunst, Liebhaber und Wissenschaft) besteht, gehörte die Förderung gartenkünstlerischen Schaffens sowie die Bestrebungen zum Schutze und zur vor­bildlichen Gestaltung des Heimat-, Stadt- und Land­schaftsbildes.

Kleine politische Nachrichten.

Reichskanzler Adolf Hitler hat an den ita­lienischen Luftmarschall Exzellenz B a l b o nach­stehendes Telegramm gerichtet:Zur erfolgreichen Vollendung Ihres kühnen Transozeanfluges spreche ich Ihnen meine herzlichen Glück­wünsche aus. Zugleich beglückwünsche ich Sie aufrichtig zu Ihrer Ernennung zum Marschall der Lüfte. Reichskanzler Adolf H i 11 e r."

Reichsminister Dr. Goebbels hat den kultur­politischen Schriftleiter desVölkischen Beob­achters" Dr. Reiner Schlösser zum Reichs- dramaturgen im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda ernannt.

Reichsobmann Weinberg hat angeordnet, daß alle öffentlich-rechtlichen und alle freien Organisa­tionen, Verbände und Vereinigungen der Land­wirtschaft, Forstwirtschaft, des Gar­ten-, Ob st-, Gemüse- und Weinbaues und der Tierzucht irgendwelche organisatori­schen, personellen oder finanziellen Maßnahmen, die den Aufbau des Standes der deutschen Landwirtschaft berühren oder berühren kön­nen, nur treffen dürfen, nachdem sie die ausdrück­liche Zustimmung des Reichsobmannes vorher eingeholt haben. Das gleiche gilt für jede Beteili­gung an solchen Maßnahmen.

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Die Stadtverwaltung Saarbrücken wollte den städtischen Beamten das Septembergehalt be­reits am 26. August auszahlen, um ihnen die Teilnahme an der Saarkundgebung am Riederwalddenkmal zu ermöglichen. Die Regierungskommission hat dies aber ver­boten.

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Am Donnerstag wurde in dem Kurort Tschepino auf den ehemaligen bulgarischen Ministerpräsiden­ten, Professor Zankoff, ein Bombenan­schlag verübt. Auf offener Straße schleuderte ein Unbekannter gegen Zankoff zwei Eierhandgranaten, die einen Leibwächter verletzten. Zankoff selbst blieb unverletzt. Der Attentäter entkam. Man vermutet aber, daß Kommunisten die Hand im Spiele haben.

Ludwig WüNner.

3um 15. Geburtstage des Dortragsmeisters.

Von Paul Wittko

Ludwig Wüllners, dieses großen Künstler­menschen Leben, war bis ins reife Mannesalter ein Suchen feiner selbst. Sohn eines hervorragenden Musikers, des Tondichters und Meisterdirigenten Franz Wüllner, kam er in Münster i. W., der Hei­matstadt feines Vaters, zur Welt, besuchte Gym­nasium und Universität München, dann die Uni­versitäten Berlin und Straßburg, wo er Germa­nistik studierte, promovierte 1882 zum Dr. phil. und wirkte von 1884 bis 1887 als Privatdozent für Ger­manistik an der damaligen Akademie feiner Ge- buctsstadt. Doch trieb es ihn mit Macht zur Musik, zum Theater, zu den Künsten. Nach Vollendung sei­nes 30. Lebensjahres und einer, wie die Univerfität Frankfurt ihm zu [einem goldenen Doktorjubiläum bestätigte,glänzenden und noch heute gültigen Ar­beit auf dem Gebiete der althochdeutschen Glosso- graphie" bezog er das Kölner Konservatorium, das damals sein Vater mit großem Erfolge leitete. Schon im nächsten Jahre, 1888, wurde der Schüler des Konservatoriums Lehrer an dieser berühmten An­stalt. Im Jahre darauf bereits wurde der bisherige Lehrer der Vortragskunst an das Meininger Hof­theater verpflichtet, an dem er sechs Jahre in der Zeit von dessen höchster Blüte wirkte. Er spielle alle die großen Rollen: Hamlet, Lear, Macbeth, Othello, Shylock, Faust, Egmont, Nathan, Wallen­stein, Talbot, Richter von Zalamea, Erbförster. Und er errang, später auch am Deutschen Theater in Berlin und an der Wiener Burg bedeutende Erfolge als ein durch eigenwüchsige Auffassung erschüttern­der Bühnendarsteller.

Doch so wenig ihn die akademische Laufbahn be­friedigt hatte, so wenig beglückte ihn das Bühnen­leben. Er fühlte andere Pflichten gegen sich selbst wie gegen die Menschheit. Er wurde selbst der Ratten­fänger des Wolf-Goetheschen Liedes, das er beson­ders gern fang,der wohlbekannte, vielgewandte Sänger", der allenthalben Hunderts von Hörern zu 1 einen Abenden lockte. Was die Ohren bestach, war lebung der Kehle, was zu Herzen sprach, das kam aus dem Herzen. Seine Kehle besaß ursprünglich nicht die geringste Wohllautfülle. Seine sehr spröde Sitmme hatte weder Höhe noch Tiefe und war nur in der mittleren Lage leuchtkräftig. Er war ein großer Sänger ohne Stimme, wie man ihn in Amerika nannte. Sänger nannten ihn bewundernd einen meisterlichen Schauspieler, und Schauspieler einen meisterlichen Sänger. Aber bezaubert war

jeder, allein von der Wucht und Größe seiner Auf­fassung, von der bezwingenden Eindringlichkeit sei­nes Vortrages, die an schauspielerische Zugespitzt- heit grenzte und doch einzig aus dem tiefen Born der künstlerischen Wahrheit, aus dem lauteren Quell menschlichen Fühlens schöpfte Gleichsam in einen Zustand, der Verzückung sich versetzend, drang er in das Innerste des Liedes, gestaltete es für seinen

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Gesangsovrtrag aus, schmückte es auf, übertrieb und entstellte es, hörte aber nie auf, trotzdem künstle­risch in hohem Grade zu fesseln. Maß zu halten war feine Sache nicht. Bei seinem überstarken Tempe­rament kam fast jeder seiner Vorträge einer seeli­schen Entladung gleich.

Immer noch hatte er, um ein Schleiermachersches Wort zu gebrauchen, seinewiges Selbst", den Kern seines Künstlertums, nicht erreicht. Erft als er sich nahezu ausschließlich zur Sprechkunst des Vortrags­meisters hingefunden hatte, gelangte er endgültig in den Kreis der Auserwählten. Nun erst konnten feine letzten Tiefen aufbrechen, nun erst war er eine ethi­sche Künstlerpersönlichkeit bei treuester Selbstbe­wahrung.

Wüllner hat sich für feinen rezitatorischen Vor­trag einen eigenen künstlerischen Stil geschaffen. Er läßt alle seine hervorragenden mimischen Künste spielen und bewahrt zugleich alle Innerlichkeit des Einzelvortrags. Er wagt in der Darstellung, Dar- lebung aller Gefühlsseiten das Aeußerste in Ton und Gebärde. Während er [eine seltsame Ange­

wöhnung ein Blatt Papier oder ein Tuch in der Rechten heftig preßt, wächst [eine Kunst, der das Dramatische längst zur Natur geworden ist, gewaltig hinaus über die Grenzen der epischen oder philo­sophischen ober balladesken Lyrik ins Seherische, schafft er plastisch dem Hörer kühne, groß geartete Phantasiegemälde. Er ist nicht Deklamator, noch viel weniger Erzähler, er lebt und schaut die stets frei aus dem Gedächtnis oorgetragenen Poesien in lei­denschaftlicher Erregtheit. In der bildhaften Be- und Vertonung des über das gewöhnliche Maß sich Er­hebenden ist seine Vortragsart von überwältigender Wirkung. Seine seelische und künstlerische Einfüh­lungskraft ist so ungemein, daß er, der eigentlich die (ein wenig weicher geformten) scharf gefurchten, grüblerischen Züge Beethovens trägt, bald die er­habene Majestät des Weimarer Olympiers, bald das Antlitz eines Dichters ober Denkers der Antike zu besitzen scheint. Schnell wechselt sein Mienenspiel und immer wieder sammelt er sich, um sein unermüd­bares Jprgan zum Orkan anschwellen zu lassen. Die­ser Baritonsprecher, der als Sänger ein Tenor war, streift bei melodramatischen Vorträgen den Gesang, geht in ihm für einen Augenblick über. Bezaubernde Kraft, priesterlicher Ernst, dem aus dunkeln Quellen der Antrieb zu überwallender Wildheit zufließt, das ist der Eindruck, den man von diesem Meister im Dortragssaale mit sich nimmt auch heute noch!

Wüllner besitzt noch immer eine physische und psychische Spannkraft, so daß er an seinem 75. Ge­burtstag mit dem freudig-stolzen Gefühl herzlichen Anerkanntfeins seines Lebens Abend entgegensehen kann.

Zeitschriften.

Erst kürzlich hat wieder auf dem Kolonial­kriegertag in Leipzig der Kolonialgedanke ein machtvolles Bekenntnis gefunden. Es wird sich auch auf die Dauer der gegenwärtige Zustand nicht aufrechterhalten lassen, eines Tages wird man auch dem Deutschen wieder das Recht zur Kolonialarbeit einräumen. Die Leipziger2Hu­st r i r t e Zeitung" bringt in diesem Zu­sammenhang einen interessanten historischen Rück­blickAus der Frühzeit von Deutsch-Südwest - Afrika" von Violet Vogelsang, dem zahlreiche ausgezeichnete Bilder beigegeben sind. Lieber Schloß Ebersdorf und die Arbeit an der Deut­schen Musitbühne plaudert Heinrich XIV. Erbprinz Reuh. Auch dieser Bericht ist gut illustriert. Außerdem enthält das Heft einen Beitrag über die Schlacht an der Kahbach und einen Bild­bericht aus einem westdeutschen Arbeitslager.

,/Oie Tänzerin von Sanssouci.^

Es war wohl nur ein Zufall, daß dieser Film am Todestage des großen Königs bei uns zuerst er­schien: der letzte vorerst in der Reihe der Fridericus- Filme. Die Produktion hat sich des historischen Stoffs schon früh bemächtigt, aber er scheint unerschöpflich und jedenfalls immer aufs neue seine Anziehungs­kraft zu beweisen. Zwar gibt es diesmal nur eine historische Episode, die schon früher als Teilmotiv in die heroische Szenerie eingefügt worden war. Die kleine, galante und etwas intrigante Geschichte der Barberina Campanini am preußischen Hofe, die Friedrich wider ihren Willen für seine Oper ver­pflichtet hat. Die im Grundton ganz lustspielmäßige Fabel würde an sich für einen so groß angelegten Film nicht ausgereicht haben; man half sich mit der Einbeziehung anderer, ebenfalls schon bekannter und bewährter Motive, die dem Rokoko-Idyll den ernste­ren Hintergrund geben: die schillernde Figur des großen Abenteurers Cagliostro tritt auf, von ihm spinnen sich die Fäden zu den Oesterreichern hin­über, zum Kriegsschauplatz und zu der denkwürdi­gen Episode im Schloß zu Lissa. Doch werden die befeuernben Klänge bes Parademarsches ber langen Kerls (aus den älteren Fridericus-Filmen bekannt) übertönt von ber entzückenben Melodie der berühm- ten Flotenferenade. Marc Roland schuf die Mu­sik, nach zeitgenössischen Vorbildern; allerdings hat man (leider) auch ganz moderne Motive verwendet, wodurch bas große Antritts-Ballett einen etwas revuemäßigen Charakter erhält, ber dem historischen Gegenstände kaum angemessen erscheint. Friedrich Zelnik führt bie Regie: mit aphoristischem Sze­nenwechsel, mit pompöser Ausstattung und reichen Mitteln an Kostüm und Dekoration. Den König spielt natürlich wieder Otto Gebühr: in ausge­zeichneter Maske und Haltung, mit kavaliermäßiger Würde, vornehm, gelassen und überlegen. Lil D a - g o d e r als Barberina, sehr apart und kokett im verführerischen Rokoko-Kostüm; im Tänzerischen auf ein paar routinierte Andeutungen beschränkt. Den Geheimrat Cocceji, in den sich die Campanini heftig verliebt, gibt Hans Stüwe; ein paar hübsch ab­gerundete Chargen: die Valetti als Barberinas Mutter; Otto als Cagliostro; Brausewe11er als Geheimschreiber; Dr. Manning als Johann Sebastian Bach. (Das Bach-Konzert ist übrigens rein bildmäßig eine ber besten Szenen bes Films.) Im Beiprogramm bringt das Lichtspiel­haus u. a. Aufnahmen von ber Hunbertjahrfeier ber 116er auf bem Trieb, eine Bilberfolge, bie ge- rabe in diesen Tagen allgemeines Interesse in Gießen beanspruchen darf.