r. Schacht als Nachfolger Luthers zum Präsidenten der Reichsbank gewählt.
Oie Gihung des Generalrats der Reichsbank.
Dr. Lchacht einstimmig zum Präsidenten gewählt.
Berlin, 16. Mär;. (MTB.) 3n der heutigen Sitzung des Generalrats der Reichsbank hat der Vorsitzende Reichsbankpräsident Dr. Luther unter eingehender Begründung den Antrag gestellt, ihn von seinem Amt als Reichsbankpräsident ;u entbinden. Der Generalrat hat von diesem Entschluß mit allergrößtem Bedauern Kenntnis genommen und zum Ausdruck gebracht, datz unter der Führung von Dr. Luther die Interessen der deutschen Währung und die damit zusammenhängenden Wirtschafts in teressen ge wahrt sind. Roch sorgfältiger Prüfung alles Für und w.der hat der Generalrat dennoch geglaubt, der Beurteilung der Sachlage durch den Präsidenten zu- stlmmen zu müssen und hat demzufolge das R ü ck - tritlsgesuch angenommen. Dem scheidenden Präsidenten wurde dabei vom Generalrat herzlichst gedankt für die hervorragenden Verdienste, die sich Herr Dr. Luther in schwerster Krisenzeit um die deutsche Wirtschaft und Währung erworben hat.
Um keine Vakanz in der Leitung der Reichsbank eintreken zu lassen, schritt der Generalrat sofort zur Wahl des Nachfolgers und wählte einstimmig den früheren Reichsbankpräsidenten Dr- Hjalmar Schacht mit Wirkung vom 17. März ab zum Präsidenten des Reichsbank- d i-r e k l o r i u m s.
Or. Luthers
Rücktrittsschreiben.
•Berlin, 16. März. (WTB.) Reichsbank. Präsident Dr. Luther hat seinen Entschluß, sein Amt zur Verfügung zu stellen, dem Herrn Reichspräsidenten in einem Schreiben mitgeteilt, dessen hauptsächlicher Inhalt wie folgt lautet:
Dah die Reichsbankleitung stetig und von parteipolitischen Strömungen unabhängig zu sein hat, müsse zum Schutze der Währung als tragender Grundlage deutschen Volks- und Wirtschaftslebens jetzt und auch künftig Geltung behalten. Bei der durch die jüngsten politischen Ereignisse bevorstehenden Reuordnung vieler Verhältnisse sei es eine dringende Staatsnotwendigkeit, dah d i e Reichsbank in allen Fragen von Belang, die Währung, Kredit, öffentliche Finanzen und Wirtschaftspolitik betreffen, von Anfang an zugezogen wird und in enger Zusammenarbeit mit der Reichsregierung die Autorität ihrer Erfahrung und Sachkunde zur Geltung bringen kann. Eine besondere und sogar vornehmliche Aufgabe des Reichsbank- Präsidenten sei es, diese Verbindung durch seine Person herzustellen. Aus den Erörterungen mit dem Herrn Reichskanzler habe Dr. Lv'h:r entnahmen müssen, dah bei der Reichsregierung gegen eine derartige Ausübung des Reichsbankpräsidentenamts durch ihn Hemmungen vor liegen- Bestände aber in einer Stunde wie der gegenwärtigen nicht auch von feiten der Reichsregierung die Bereitwilligkeit zu enger und vertrauensvoller Zusammenarbeit, so müsse die Sache selb st darunter schweren Schaden leiden. Dem wolle Dr. Luther vorbeugen, indem er den Posten des Reichsbankpräsidenten zu anderweitiger Besetzung durch die hierfür im Bonkgesetz vorgesehenen Organe f r e i m a ch t. Dah die Reichsregierung keinerlei Währungsexperimente zu machen gedenkt, ginge nicht nur aus ihren bisherigen Erklärungen hervor, sondern sei ihn»
vom Herrn Reichskanzler ausdrücklich versichert worden.
Hindenburgs Dank an Luther.
Der Herr Reichspräsident hat darauf u. a. geantwortet: Ihr Rücktritt von der Leitung der Reichsbank gibt mir Veranlassung, mit Dankbarkeit und Anerkennung der vielfachen Verdienste zu gedenken, die Sie sich in schicksalsschweren Jahren als Reichsfinanzminister und Reichskanzler wie auch als Reichsbankpräsident um Deutschland erworben haben. Ihre Mitarbeit bei der Ueberwindung der Inf la t i o n und die Ueberleitung der gesamten öffentlichen Wirtschaft Deutschlands in geordnete Verhältnisse werden als Ihr besonderes Verdienst in der harten Geschichte der Nachkriegszeit weiterleben. Ebenso werden Ihnen die Verdienste unvergessen bleiben, die Sie sich als Leiter der Deutschen Reichsbank in der gefahrvollen Krisenzeit der letzten Jahre um die deutsche Währung erworben haben. Namens des Reichs wie eigenen Namens spreche ich Ihnen für alles, mas' Sie in hingebender Arbeit im Dienste des Reichs geleistet haben, tiefempfundenen Dank aus. Ich gebe dabei der Hoffnung Ausdruck, daß Ihre große Erfahrungen und Ihre unermüdliche Schaffenskraft auch künftig für unser Vaterland nutzbringend Verwendung finden werden.
Mit freundlichen Grüßen bin ich Ihr ergebener gez.: v. Hindenburg.
Oer neue Reichsbankpräsident
Dr. Hjalmar Schacht, der die Leitung der Reichsbank übernommen hat, ist nicht zum ersten- mal Präsident dieses Instituts. Seine fruchtbare Tätigkeit in dieser Eigenschaft in den Iahren 1924 bis 1930, die der Inflation folgten, ist ebenso unvergessen wie seine außerordentlichen Verdienste um Wiederherstellung einer
stabilen deutschen Währung. Rur der großen Energie Dr. Schachts und seiner unbestrittenen Autorität, die er vor allem auch im Ausland genießt, ist es zuzuschreiben, wenn damals sein Plan zur Stabilisierung der Währung durchgeführt wurde. In das Verdienst der Rettung der deutschen Währung teilt sich Dr. Schacht mit dem jetzt scheidenden Reichsbankpräsidenten Dr. Luther, der ihm damals als Reichsfinanzminister die notwendigen Voraussetzungen schuf. Auch an der Wiederher st ellung des deutschen Kredits in der Welt bzw. der Kreditwürdigkeit der deutschen Wirtschaft hat Dr. Schacht hervorragenden Anteil.
An der Pariser Reparationskonse- renz im Iahce 1929, die schließlich zur Unter- zeichnung des Poung-Plans führte, nahm Dr. Schacht als erster deutscher Sachverständiger teil. Im Dezember 1929 übergab er der deutschen Öffentlichkeit überraschend ein aufschlußreiches Memorandum, in dem ersichgegendieVer-
f älschung des ursprünglich von ihm gebilligten Voung-Plans aussprach, sowie gegen die Finanzpolitik der damaligen Reichsregierung. Dle Folge dieses Memorandums war der R ü ck - tritt des damaligen Deichsfinanzministers HiI- ferd ing. Da Dr. Schacht konsequent an seinen Auffassungen sesthielt, kam es im Iahre 1930 auf der Haager Konferenz zu einem Streit zwischen ihm und der damaligen Reichsregierung in der Frage der Beteiligung der Reichsbank an der BIZ. Die damalige Reichsregierung deckte diese von Dr. Schacht vertretene Forderung nicht. .Als Dr. Schacht seine Auf- fassung im Haager Schlußprotokoll nicht durchsetzen konnte, zog er die Konsequenzen und trat am 1. März 1930 von der Leitung der Reichsbank zurück, um Dr. Luther Platz zu machen. Der tiefere Grund für die Gegensätze zwischen Dr. Schacht und der damaligen Reichsregierung war der, daß er eine Gleichschaltung der Reichsbankpolitik mit der Reichspolitik für notwendig erachtete.
Daß Dr. Schacht ebenso wie der scheidende Aeichsbankpräsident Dr. Luther schärfster Gegner aller inflationistischen Ten- d e n z e n ist, liegt bei seinem Werdegang auf der Hand'. In ihm als Reichsbankpräsidenten hat die nationale Regierung den Mann, der auf der einen Seite unbedingt und unbeirrt an der Stabilität der Währung als der Grundlage der volkswirtschaftlichen Tätigkeit festhält, auf der anderen Seite aber alles tun wird, als Leiter des deutschen Roteninstituts die Pläne der Regierung in der Arbeitsbeschaffung und mit dem Ziele der Wiedereingliederung von Millionen Arbeitsloser in den Produktionsprozeß durch Gleichschaltung der von ihm zu vertretenden Politik der Reichsbank zu unterstützen.
Oer „Angriff" über den künftigen Wirischasiskurs. Berlin, 16. März. (RB.) Zu dem Rück- tritt des Reichsbankpräsidenten Dr. Luther schreibt der „Angriff": Damit wird der W e g s r e i für eine Wirtschaftspolitik, deren Ziel die Eingliederung der 10 Millionen Arbeitslosen in den Wirtschaftsprozeß ist. Mit Dr. Luther fällt die letzte große Stütze des wirtschaftlichen Liberalismus. Er war es, der in der letzten Zeit immer wieder jedes großzügige Anfassen eines Arbeitsbeschaffungsprogramms verhinderte. Immer wieder stellte er den vermeintlichen Schuh der Währung über jede andere Lieberlegung, mochten darüber Millionen dem Hunger und der Verzweiflung preisgegeben werden. So wurde Luther in Wahrheit der Gr alshüter d § r internationalen Hochfinanz. Es wär von vornherein klar, daß dieser Mann untauglich ist, am Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft unter nationalsozialistischer Führung mitzuwirken. Dieser Hemmschuh der Entwickelung muh weg. Dr. Luther ist ein typischer Vertreter des abgewirtschafteten Rovembersystems.
Der Abgang des Reichsbankpväsidenten Dr. Luther ist eine Tatsache von ungeheuer wirtschaftlicher Tragweite. Denn mit der Besetzung dieses für die Wirtschaft so ausschlaggebenden Postens mit einer Person aus der Reihen der nationalen Erhebung wird gleichzeitig ein neuer G ei st durch d i e deutsche Wirtschaft wehen. Wenn auch der großzügige Ausbau des Arbeitsbeschaffungsprogramms den äußeren Anlaß zum Rücktritt gegeben haben dürfte, so wird doch im gleichen Augenblick damit das gesamte Kreditwesen (d. h. die Banken) hiervon betroff. So wie der politische Liberalismus in Deutschland vor wenigen Togen beseitigt worden ist, so ist nunmehr auch der erste entscheidende Schritt zur Ausrottung des wirt- s ch a f t l i ch e n Liberalismus getan worden.
Kleine politische Nachrichten.
Der Frankfurter Oberbürgermeister Dr. Landman n hat an den Magistrat folgendes Telegramm gerichtet: „Erfahre, daß in Frankfurt Gerüchte über meine Flucht nach Holland verbrei
tet werden. Liege infolge schweren Herzanfalles seit Dienstag Berlin Krankenhaus."
In M i ch e l st a d t, Erbach und Zell im Odenwald sollen die linksstehenden Bürgermeister durch die zuständigen Aufsichtsbehörden, das Kreisamt, beurlaubt worden fein.
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Der kommissarische badische Finanzminister hat durch eine Verordnung die Pension des früheren Ministers Dr. h. c. Remmels, des Ministers Dr. Trunk und des früheren Staatspräsidenten Geiß g e st r i ch e n.
Die Kommissare des Reiches in Preußen haben beschlossen, den Landrat Graf von Wedel in H e r s s e l d in den einstweiligen Ruhestand zu versetzen. *
Der Sozialdemokratische Pressetz i e n st ist mit sofortiger Wirkung auf 14 Tage v e r- boten worden.
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Die irische Kammer hat mit 70 gegen 39 Stimmen eine Vorlage angenommen, wonach die Großbritannien geschuldeten Landannuitäten dem Schatzamt des Irischen Freistaats zur gesonderten Aufbewahrung überwiesen werden sollen.
Ministerpräsident Or. Heid znrückgetreten.
Ein kommisjarnches Staatsministerium in Bayern.
München. 16. März. (TU.) Ministerpräsident Dr. Held hat seine Amtsgeschäfte als ge- schäftsfübrender Staatsminister und Vorsitzender des Ministerrates niedergelegt. Reichskommissar von Epp hat daher eine Verordnung erlassen, wonach die Befugnisse des Gesamtministeriums von jetzt ab ausschließlich dem Kommissarischen Ministerrat zustehen Die Befugnisse des Ministerpräsidenten und des Ministers des Aeuheren übernimmt als Kommissarischer Ministerpräsident General von Epp. Er ernannte zu kommissarischen Ministern: Für das Ministerium des Innern den Staatskommissar Adolf Wagner, für das Finanzministerium den Staatskommissar Siebert, für das Iustizmini- sterium den Staatskommissar Dr. Frank, f ü r d a s Kultusministerium den Reichstagsabge- ordneten S ch e m m. Die Staatskommissare zur besonderen Verwendung, Hermann Esser und Ernst Boehm, sowie der Staatskommissar Georg Suber bleiben im Amt.
GOA und nationale Regierung.
Berlin, 15. März. (TU.) In einem Rundschreiben an sämtliche Berufs- und ehrenamtlichen Mitarbeiter im Reiche schreibt der Bundesvorstand des GDA. u. a.: Vizekanzler v. P a ° pen hat am 4. März in Mülheim a. d. Ruhr davon gesprochen, dah die Gewerkschaften starke Pfeiler in derVolksbewegung sein könnten. Wir begrüßen dieses Bekenntnis. Es entspricht unserer Auffassung vom Wesen der Gewerkschaftsarbeit. Das Ziel ist die Heber- brüdung der sozialen Gegensätze. Wir haben die These vom unüberbrückbaren Klassengegensatz stets verworfen und in Wort und Schrift unermüdlich um größeres Verständnis für den Abwehrkampf der Angestellten, gegen d i e zunehmende Proletarisierung geworben
Die Regierung verfügt im neuen Reichstage über eine klare arbeitsfähige Mehrheit, die es ihr ermöglicht, den seit Iahren beschrittenen Weg der Rotverordnungen zu verlassen und die wirtschaftlichenVereinigungenwie- der zu stärkerer Mitarbeit heranzuziehen. Das würde am schnellsten zu einer Versöhnung der Gegensätze führen, die unser Volk zerklüften. Manche Maßnahme würde leichter getragen werden, wenn ihre Unabwendbarkeit in gemeinsamer Aussprache vorher geklärt würde.
Kleines Nachtgespräch.
Von Martin Andrae.
Zweifellos war Clemens ein schwieriger Mensch — sogar er selber gab es zu: er pflegte jede Frau vor der Freundschaft mit ihm zu warnen.
Aber Anita ließ sich nicht abschrecken — dieser „verrückte Kerl" gefiel ihr, seine Bosheiten amüsierten sie, und sein Widerstand verstärkte den Reiz, ihn zu gewinnen. Im übrigen brachte beider Beruf sie immer zusammen: Clemens entwarf häufig die Bühnendekorationen zu den Stücken, in denen Anita beschäftigt war.
Nach der Generalprobe eines neuen Lustspiels kam Anita langsam aus döm Theater — sie befand sich in dem unangenehmen Zustand von überreizter Wachheit und unerträglicher Uebermüdung. Es war drei Uhr nachts — der Direktor bevorzugte Nachtproben, die erst nach Schluß der Abendvorstellung begannen.
Clemens, verärgert wie meist bei solcher Gelegenheit (er war nie mit der Szenerie zufrieden), machte sich stumm an seinem Wagen zu schaffen.
„Würden Sie mich mitnehmen?" fragte Anita. Ihr Ton war sachlich, ohne Koketterie.
„Bitte schön!" murmelte Clemens; es klang nicht sehr erfreut.
Anita stieg ein: „Ich bin erledigt — das Komödiespielen ist ein Unfug!" Sie vergaß den Blick in den Spiegel und sogar das Nasepudern, was sie sonst in keiner noch so wichtigen Situation unterließ.
„Armes Ding —" dachte Clemens. „Sie muß wirklich kaputt sein. Der Direkwr hat sie reichlich gequält." Er warf einen raschen Blick auf ihr hübsches, ermattetes Gesicht. Und dann fuhren sie ab — in unerlaubtem Tempo.
„Würde Ihnen ein Kaffee gut tun? Ich habe so etwas wie einen Dachgarten — Sternenhimmel, Blick über Berlin. Zwei Kakteen — was meinen Sie, Anita?"
„Dankbar für alles!" ftammelte sie. „Ich könnte doch nicht schlafen; ich habe zuviel Bosheit geschluckt!"
10 Kilometer. Endlich ein Luftzug. 10 Kilometer. Ein hübscher Neubau — sie hielten an. Lift, ein schmaler Gang, der sich überraschend auf ein grün bewachsenes, von Sträuchern umhegtes Plateau öffnete. Anita sah sich schweigend um — es war wirklich wie ein Zaubergarten.
Anita legte sich auf den Bambusliegestuhl und schloß die Äugen: „Danke!" sagte sie leise. Sie war so zerschlagen, daß sie nicht mehr daran dachte, ob ihre Haltung vielleicht kleidsam war.
Clemens starrte ungläubig zu ihr hin. Aber im nächsten Augenblick schlief Anita bereits. Nun begann Clemens die ruhige Geschäftigkeit des Jung- aesellen zu entwickeln, der es gewöhnt ist, sich seine Kaffeemaschine allein zurecht zu machen.
„Die Künsllerin dürfte nun erwachen!" sagte er nach einer Weile mit lauter Stimme und sah mit ironischem Interesse zu, wie sein Gast sich mühte, Unbefangenheit und Natürlichkeit wie ein beschämend ärmliches Kleid abzustreifen. Anita hatte sich aufgerichtet: das kindlich Vertrauende, das eben noch ihr Gesicht so anmutig verjünat hatte, wich der Bewußtheit einer Frau, die gefallen will. Sie griff sich mit instinktiver Bewegung in das Haar, holte Spiegel samt Puderdose hervor und suchte nach dem Lippenstift.
„Schade!" sagte Clemens ruhig.
Anita ließ den Stift sinken. „j)abc ich geschlafen?" fragte sie unsicher.
„Auf sehr sympathische Art!" erwiderte (Siemens und schenkte den Kaffee ein. Sie betrachtete fein zu- gefd)Ioffenes Gesicht: „Sie können mich schon wieder nicht leiden?", sagte sie ernsthaft.
„Ist bas eine ungewohnte Tatsache?" fragte er zurück.
„Nachts muß man die Wahrheit sagen!" behauptete Anita. „Geben Sie doch einmal zu, daß Sie mich manchmal richtig gern haben!"
„Manchmal —", sagte er trocken und reichte ihr die Zigaretten hinüber.
„Ich möchte erreichen, daß die .Manchmals' sich häufen, Clemens!" Jetzt war eine gewinnende Offenheit in ihren Augen.
.Hätte nichts dagegen", brummte er. „Aber Sie sind leider raffiniert, launenhaft, anspruchsvoll und unzuverlässig--"
„5ßic?r Sie war so entgeistert, daß sie kein Wort sand.
„Und da das alles auch meine Eigenschaften sind", fuhr Clemens fort, „so wäre eine Verbindung zwischen uns beiden nicht ratsam!"
Anita legte die Zigarette beiseite und stand auf. Sie trat an die Brüstung: vor ihr lag die schlafende Stadt.
„Wirkungsvolle Pause —" sagte (Siemens. „Aber die Generalprobe ist zum Glück beendet — gönnen wir uns in Ruhe diesen Nachtkaffee, liebe Anita!"
Sie wandte sich um — ihr Blick hielt ihn fest: „Warum kränken Sie mich? Ich habe ja das Buch gelesen ... ich weiß doch —"
Er schüttelte den Kops: „Welches Buch?"
„Sie hoben mir diesen kleinen Roman geborgt, ,Tityana' — Sie entsinnen sich?"
„Nun und —? Lag etwa ein Brief darin?"
„Unsinn! Aber Sie leugnen wohl nicht, das Buch mit großer Aufmerksamkeit gelesen zu haben?"
„Absolut nicht", gab (Siemens zu. „Ich gab es Ihnen, weil ich es für ein besonders kluges, lebenswahres Buch hielt. Aber ich verstehe noch immer nicht —" („Eigentlich ist sie entzückend!" konstatierte er wider Willen.)
„Es sind einzelne Stellen darin angestrichen ... wichtige Stellen ... ich habe begriffen, was Ihnen daran auffiel —"
„Aber Anita —"
Sie lächelte: „Soll ich Ihnen einige der angekreuzten Stellen aufsagen? Sie wissen, mein Gedächtnis ist gut."
„Es ist ein Mißverständnis, Anita —"
Sie begann, als remitierte sie, folgende Sätze her- zusagen: „Seite 37: mein Liebstes, kommen Sie zurück — ich kann ohne Sie nicht mehr leben. Durch Ihre Abwesenheit ist mir endlich zum Bewußtsein gekommen, was ich so eigensinnig nicht fein wollte. Ich liebe Sie, sehne mich nach Ihnen. Stoßen Sie nicht an meinen Unarten —" Anita brach ab: ollen Sie noch mehr hören? Seite 93, Unsere
wahre Intimität liegt in unserem Schweigen. Aus Instinkt oder Gewohnheit kenne ich Ihre Urteile und Ansichten. Ihre flüchtigsten Wünsche —" Jetzt errötete sie. „Ach, es ist genug —"
Siemens stand in peinlichster Verlegenheit neben ihr: „Liebste Anita — das ist sehr merkwürdig, aber ich würde niemals in einem fremden Buch etwas anftreichen. Dieser Roman gehört nämlich gar nicht mir: Ludwig hat ihn mir geborgt, unser guter Edgar Ludwig, Ihr Kollege Ludwig —"
Anita machte eine abwehrende Bewegung; dann veränderte sich ihr Gesicht wie das eines Kindes, das meinen will: ihre Lippen zuckten, die Nase rötete sich. Tränen sammelten sich.
Diese Unbeherrschtheit, die sogar ihre Eitelkeit besiegte, rührte ihn.
Er nahm sie in die Arme: „Ich konnte dich furchtbar gern haben^Anita, wenn du öfter vergäßest, daß du eine gute Schauspielerin bist."
..Aber du hast ja überhaupt kein Verständnis für mich!" sagte sie hastig und machte sich frei, „Gib mir sofort mein Täschchen herüber — ich muß meine Nase —"
(£r küßte sie auf die bedrohte Nasenspitze und bann auf ben 2^1) — es war überraschend angenehm. '
„Gefällt es dir bei mir?" fragte Clemens unb vergoß alle Ueberlegenheft.
Anita sah ihn an . . plötzlich ueränberte sich ber Zärtlich hingehende Ausdruck ihrer Augen: sie wurde sehr nachdenklich. Mit ber spielerischen Bewegung eines Kinbes drängte sie ihren Kops an seine Schul
ter — so klang ihre Frage ein wenig undeutlich an fein Ohr: „Wußte denn eigentlich der Ludwig, daß du mir bas Buch borgen würbest?"
„Lind es leuchtet die pußia.^
Ungarn, mit Land unb Leuten, mit Honveds unb Csardas-Musik, ist von jeher als Schauplatz unb grünweihrotes Motiv in ber Operette unb im Film beliebt gewesen. Man erinnert sich noch an „Melodie des Herzens", einen ber allerersten großen Tonfilm-Erfolge; dieser neue Ufafilm von der leuchtenden Puhta ist technisch reifer, in ber Handlung allerdings weniger einheitlich. Der Regie (Heinz Hille) kam es mehr auf die optftch-akustische Ausschöpfung des landschaftlichen Motivs an, auf den stimmungsmähigen Zusammenklang von Bild unb Ton. Man sieht schone unb malerische Photographien aus ber ungarischen Ebene unb ber von Brückenbögen weiträumig gegliederten, pompösen Stadtperspektive ber Bubapester Metropole. Die Fabel formt sich aus Operetten- unb Kriminalstück-Motiven 3U einer immerhin unkonventionellen Mischung; das Ganze ist mit großzügigen Mitteln beweglich und aufnahmetechnisch geschickt in Szene gefetzt. Rose Barsony, ein neuer Stern der Lisa, den wir schon kennenlernten, erweist sich vor allem tänzerisch als eine in diesem BHIieu sehr verwendbare Soubrettenbegabung. Ihr Partner ist Wolf A l b a ch - R e 11 y , der einen feschen und lustigen Honved-Leutnant zu spielen hat. In komischen Partien: Tibor von H a l m a y , Olga Limburg und Zesch - Bal- l o t. Außerdem sieht man noch Magda Kun. S a l f n e r , Karoly Sugar unb Hansi Arn - ft übt. Ernst Erich Buder schrieb eine schmissige, fangbare Begleitmusik. — Im Beiprogramm gibt es u. a. eine interessante Werbereportage von der Luft-Hansa und einen neuen Kabarett- Film der Ufa, der eine Reihe hübscher und origineller Schaunummern aufweist. Von heute ab toftb das Gesamtprogramm überdies durch eine Rordlandreise-Revue unter dem Titel „Schiff ahoi!" auf der Bühne des Lichtspielhauses bereichert. Der Besucher wird also .bis zum Wochenende anregend unterhalten. - r -
Ood)fd)utnocbnd)teiL
®er B o ft o de r geographische Lehnstuhl ist dem Kölner Ordinarius Professor Otto Hessen angeboten worden; er wird dem Bv-f (als Rach- folger von Professor Ule) Folge 'leisten.


