Das Wunder
Nachdruck verboten!
11. Fortsetzung.
der Magussi Weiser
Vornan von Fr. Lehne.
Urheberschutz durch E. Ackermann, Stuttgart.
Erste Künstler der Stadt hatten der Fürstin ihre Mitwirkung zugesagt, darunter auch die sehr beliebte Koloratursängerin Ida Wulfert vom Stadttheater, die aber zwei Tage vor dem Konzert an Erkältung erkrankte und absagen mußte.
Die Fürstin war außer sich, und da hatte die Frau Professor Schülein als Ersatz, als »ganz vollwertigen Ersatz', ihre Schülerin, die wundervolle, junge Frau Magussi Weiser, vorgeschlagen, deren Stimme und Vortragskunst die mancher Sängerin von Namen weit überstrahlte. Nun war eine glänzende Gelegenheit da, mit ihrer Schülerin zu prunken. , .... ~..
Die sehr musikliebende und musikoerständige Fürstin war neugierig geworden. Sie hatte sich durch die Professorin, mit der sie öfter musizierte, die junge Dame vorstellen lassen und war ganz begeistert von deren liebreizender, anmutsvoller Erscheinung. ....
Es wurde vereinbart, daß sie am nächsten Tage der Fürstin und dem Kapellmeister des Stadttheaters, Bruno Halling, eiäige Lieder Vorsingen sollte, unter denen man dann wählen konnte.
Mit einem Herzklopfen, das größer war als das der Fürstin gegenüber, nahm Magussi die Vorstellung des Kapellmeisters entgegen, dem der Ruf eines außerordentlich begabten und außerordentlich anspruchsvollen Künstlers vorausging.
Man saß im Musiksaal der Fürstin, der, ganz in Weiß und Gold gehalten, einen hellen, festlichen Eindruck machte.
Die Fürstin Waldenau war eine sehr temperamentvolle, stattliche Dame von ungefähr sechzig Jahren mit schneeweißem Haar, zu dem in reizvollem Gegensatz die dichten, dunklen, hochgeschwungenen Augenbrauen über den lebhaften schwarzen Augen standen.
Man sprach über das Programm.
„Ich denke, daß die Zusammenstelluna ganz glücklich ist!" meinte die Fürstin, „meine Ansicht war, Las Programm auf einen fröhlicheren, heiteren Ton zu stimmen und allzu Schweres zu meiden."
Der Kapellmeister stimmte ihr zu.
„Darum hatte ich ja den Bariton Zorn gebeten, von den »Vier ernsten Gesängen' von Brahms, die er gern singen wollte, abzusehen, obwohl sie seine
Glanzstücke sind. Unser vortrefflicher Hans Sachs wird mir dennoch, so hoffe ich, nicht zürnen. Künstler sind ja ein leicht gekränktes Völkchen — nicht wahr, Herr Kapellmeister?" lächelte die Fürstin liebenswürdig den Kapellmeister an.
„Und nun zu unserer kleinen Frau Weiser! — Meinen Sie, liebste Frau Professor, daß sie einfach die Programmnummer der Wulfert übernehmen kann?"
Ohne Schwierigkeiten, Durchlaucht, wäre sie dazu imstande. Dennoch möchte ich eine andere Wahl treffen, — ein paar schlichte Lieder statt der ausgesprochenen Koloratursachen. Und als Zugabe, damit das Publikum sieht, was meine Schülerin kann, irgendein italienisches Meisterstück."
„Zugabe?"
Frau Professor Schülein ärgerte sich ein wenig über den ironischen Ton dieser Frage des Kapellmeisters, und nachdrücklich erwiderte sie ihm:
„Jawohl, Kapellmeister, Zugabe! — Oder lieber gleich Zugaben, betone ich! Und die liebe, gnädige Frau wird darum als Schlußnummer Les ersten Programmteils herausgestellt."
Die Fürstin blickte mit Wohlgefallen auf das in der Verlegenheitsröte so -unbeschreiblich reizvolle Gesicht Magussis, — „ich bin mit Lieser Steigerung einverstanden. Und nun möchte ich die kleine Frau hören. Wenn ihre Stimme so ist, wie sie aussieht, liebe Professorin, kann man ja Außerordentliches erwarten."
„Etwas ganz Einfaches, Schlichtes, Unaufdringliches will ich fingen, — kein ausgesprochenes Liebeslied", hatte Magussi vorher ihrer Lehrerin erklärt, und die richtete ihre Vorschläge danach.
„Ganz entzückend singt Frau Weiser Schubert, —- deshalb müssen »Der Lindenbaum' und »Die Forelle auf dem Programm stehen —"
„— und ich liebe sehr »Gretchen am Spinnrad — »Meine Ruhe ist hin'," meinte die Fürstin lebhaft.
„Wenn ich Durchlaucht bitten dürfte, dies nicht! — Ich hatte Frau Professor schon gebeten, kein Liebeslied fingen zu müssen!" sagte Magussi leise, und auf ihren Wangen lag ein heißes Rot.
Groß sah die Fürstin sie an! sie verstand die junge Frau, deren keusches Empfinden sich sträubte, ihr Inneres zu offenbaren.
Magussi fürchtete, die Fürstin durch ihren Widerspruch gekränkt zu haben: darum -sagte sie schnell, — „wenn Durchlaucht das Lied gern hören wollen, will ich es Durchlaucht nachher fingen, — nur nicht im Konzert!"
„Ich werde es Ihnen nicht schenken, kleine Frau! — Darf ich nun bitten?"
Erwartungsvoll setzte sich die Fürstin zurecht, indessen der Kapellmeister vor dem Flügel Platz nahm. In leichter ungezwungener Haltung stand Magussi da; jede Spur von Befangenheit war ge«
schwunden, als die Begleitung einsetzte — und dann perlten die Töne glockenklar von ihrem Munde Bruno Halling warf ihr einen überraschten Blick zu — das hatte er nicht erwartet von der reizenden, blonLen Frau, der er mit einem gewissen Vorurteil entgegengetreten war; denn gutzahlende Schülerinnen werden ja immer von ihren Lehrerinnen gelobt, wie er ein wenig ironisch gedacht.
Und auch die Fürstin war höchlichst überrascht, — war das der »Lindenbaum', den sie so oft schon hatte fingen hören? In dem Vortrag t)er jungen Frau nahm das Lied eine ganz andere Gestalt an. Wie einfach und schlicht und volkstümlich und doch mit tiefster Innigkeit und Beseelung wurde es gesungen! Voller Bewunderung lauschte die Fürstin dieser bezaubernden Stimme, die nicht nur Besitz vom Ohr des Hörers nahm, sondern auch seine Seele unrettbar in ihren Bann schlug.
Nein, die Musikprofessorin hatte nicht zu viel gesagt, — diese junge, mädchenhafte Frau war ein aanz großes Talent, das wohl verdiente, aus feiner Verborgenheit gezogen zu werden.
Begeistert war die Fürstin, als Magussi geendet.
und immer hör ich's rauschen, du fändest Ruhe dort!' — Von wem hatte sie das so fingen hören?
„Nun, bitte, die zweite Programmnummer!"
Ganz anders als vorhin, mit leichtem, silbernem Klana und entzückender Schelmerei, sang Magussi das Lied von der armen Forelle, so daß die Fürstin ganz hingerissen war und sie ihrer Bewunderung auch in beredten Worten Ausdruck gab.
„Nun, lieber Kapellmeister, erklären Sie Ihre Bedenken für ungerechtfertigt?" lächelte sie Bruno Halling zu.
Er verneigte sich. „Durchlaucht, ich bekenne mich auf der ganzen Linie geschlagen!"
„Darf ich den Damen verraten, daß unser Kapellmeister sehr mißtrauisch war, als ich ihm auf Empfehlung der Frau Professor eine ihrer Schülerinnen als Ersatz für Ida Wulfert vorschlug?" wandte sich die Fürstin in ihrer lebhaften Art den beiden Damen zu.
Die Professorin war leicht gekränkt.
„Ich meine, Kapellmeister, Sie müßten mich dahin kennen, daß ich nur Tatsachen sprechen lasse und nicht übertreibe, weil ich sonst schaden würde! Und in diesem Falle: ich bin stolz auf meine Schülerin! Sagen Sie selbst: habe ich nicht Ursache dazu? Ist die gnädige Frau nicht vollwertiger Ersatz für die Wulfert?"
Die tiefen, dunklen Augen des Kapellmeisters ruhten mit seltsamem Ausdruck auf Magussis Gesicht. Zustimmend nickte er — „in jeder Hinsicht! Die Stimme der Wulfert hält keinen Vergleich aus. Ich beglückwünsche Sie zu dieser Schülerin, Frau Professor —"
Das Urteil dieses Mannes, dessen große Strenge in musikalischen Dingen gefürchtet war, hob Ma- aussis Selbstgefühl. Wenn er lobte, war es keine leere Redensart. Und ehe sie noch recht zur Besin- nung gekommen, spielte er schon die ersten Takte zu »Meine Ruh ist hin —'
„Gnädige Frau, Ihr Versprechen, — darf ich bitten?"
Es blieb ihr gar keine Gelegenheit zu einem Einspruch; sie mußte jetzt das Lied fingen — unL wie wundervoll sang sie es! Tief und dunkel, wie eine schwingende Glocke, klang diesmal ihre zauberhafte Stimme, von leiser Schwermut und drängender Glut erfüllt.
Magussi sah niemanden — sie hatte ihre Umgebung ganz ausgeschaltet — sie sang nur für sich allein, und das gab ihr immer die große Sicherheit.
Als sie geendet, sprach niemand. Die Professorin, rot vor Erregung, wartete auf das Lob der Fürstin. Auch Bruno Halling sagte nichts, — in ihm war plötzlich eine Erkenntnis aufgegangen, — „sie ist es, die du gesucht, die zu dir gehört." Wie ein Feuerfunke war es in seine Seele gefallen, — diese Frau mußte seine Muse werden, sie zu erringen, feines Lebens Ziel!
Die Fürstin nahm jetzt Magussis Kopf zwischen ihre beiden Hände, blickte mit beinahe zärtlichem Lächeln in die großen, blauen Augen und drückte einen Kuß auf die klare Stirn der jungen Frau.
„Sie liebes, begnadetes Kind!"
„Und dieses Talent, Durchlaucht, ist unbegreiflicherweise im Elternhause nicht anerkannt." Lebhaft erzählte die Professorin, wie brennend gern das junge Mädchen zum Theater gegangen wäre, daß aber der Wille des Vaters dies vereitelt und sie statt zur Bühne zur Ehe gedrängt habe.
In den Augen des Kapellmeisters leuchtete es auf, — diese Mitteilung kam seinen Wünschen gelegen.
„Schade!" sagte er, „an der gnädigen Frau ist eine unvergleichliche Elsa und Elisabeth verloren gegangen; alle diese reinen, poetischen Gestalten hätte sie wunderbar verkörpert."
Magussi sah ihn groß an; sie wollte etwas sagen, schwieg aber; nur um den Mund zuckte es wie in geheimem Schmerz, und in den Augen lag ein trauriger Schein.
In diesem Augenblick lag das Innere der jungen Frau offen vor ihm — er las darin unerfüllte Künstlerträume, ein Wünschen und ein Sehnen — und ein Sichfügenmüssen!
Es war ein günstiger Boden für ihn, seine Wünsche hineinzusäen und die Seele dieser Frau sich geneigt zu machen! Und er wollte es nützen.
(Fortsetzung folgt.)
Die Schneiden»»»«!« Gießen bat beschlossen, sich dem Vorgehen der Sckneiderinnung Wetzlar anzuschließen und ab 1.,Oktober 1933 keinerlei von der Kundschaft zugebrachte Stoffe mehr zu verarbeiten.
Bis zu diesem Zeitpunkt soll der geehrten Kundschaft Gelegenheit gegeben werden, die evtl, noch im Bentz habenden Stoffe verarbeiten zu lassen. . , .
Durch die Materialzubringung, welche in keinem anderen Berufsstande zu ffnden ist, wird nicht nur das Schneiderhandwerk, sondern auch in vielen Fällen die Kundschaft telbst aufs schwerste geschädigt. ,
Die beute im Schneiderhandwerkbestehende Notlage zwingt uns zu diesem Vorgehen. Schwarzarbeit, der Krebsschaden im deutschen Wirtschaftsleben, und der wilde Stoffhandel müssen unterbunden werden, eine Kampfmahnahme, die jeder gerechtdenkende Volksgenosse unterstützen muh.
Die Angehörigen des Schneiderhandwerkes geben sich der Hoffnung hm, daß sich das geehrte Publikum dieser gerechten Maßnahme nicht verschließen wird. 5h?d
Die Schneiderinnung Gießen.
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Amisverkündigungen aus den oberhessischen Kreisen.
Kreis Gießen.
Betr.: Die Umlagen und die Sondergebäudesteuer des Kreises Gießen für das Rj. 1933.
Der Kreistag hat folgende Steuersätze festgesetzt, die von dem Herrn Minister des Innern genehmigt wurden:
A. Für die in den Gemeindegemarkungen gelegenen Steuerwerte.
Für die Für die Stadt Land- Gießen gemeinden des Kreises
1. Auf je 100 Mark Steuerwert der Gebäude Rpf. Rpf.
und Bauplätze 0,6 3,4
2. Auf je 100 Mark Steuerwerk des land-
und forstw. genutzten Grundbesitzes 1,2 6,4
3. a) auf je 100 Mark des Gewerbekapitals 0,4 2,7
b) auf je 100 Mark des Gewerbeertrags 6 34
4. auf 1 RM. des staatlichen Sondergebäudesteuersolls 1932 (unter Senkung des vollen Jahresbetrags für das Rj. 1931 um 20 v. H. von den Steuerwerten: a) bis 7000 Mark 2,3 9,15
b) über 7000 Mark 2 8
B. Für die in den selbständigen Gemarkungen gelegenen Steuerwerk und den gemarkungsselbständigen Grundbesitz.
. ~ Rpf.
1. auf je 100 Mark Steuerwerk der Gebäude und Bauplätze 14,805
2. auf je 100 Mark Steuerwerk des lanbw. und gärtnerisch genutzten Grundbesitzes 31,725
3. auf je 100 Mark Steuerwert des Waldbesitzes 35,25
4. a) auf je 100 Mark des Gewerbekapitals 2,5
b) auf je 100 Mark des Gewerbeertrags 24
5. auf je 1 Mark des staatlichen Sondergebäudesteuersolls 1931 (unter Senkung des vollen Jahresbetrags für das Rj. 1931 um 20 v. H.) von den Steuerwerten:
a) bis 7000 Mark 41,175
b) über 7000 Mark 35,95
Del Ausschlag und die Erhebung der Kreisumlagen erfolgt wie bisher gemeinsam mit den Gemeindeumlagen. Die Umlagen werden in sechs Zielen, jeweils zum 25. der Monate Mai, Juli, September, November 1933, Januar und März 1934 erhoben. Auf die Steuerschuld, die sich auf Grund der demnächst zur Zustellung kommenden Steuerbescheide ergibt, werden die für das R>. 1933 geleisteten Vorauszahlungen auf Kreisumlagen ausgerechnet.
Bei verspäteter Zahlung der Kreisumlagen werden dieselben Zuschläge erhoben, wie sie der hessische Staat bei verspäteter Zahlung von Steuern und Abgaben erhebt. 5118C
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Gießen, den 14. August 1933. 5122V
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