Das Wunder
der Magussi Weiser
Vornan von Fr. Lehne.
Urheberschutz durch C. Ackermann, Stuttgart.
10. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Abwehrend hob er die Hände. „Ach, bitte, nicht! Meine liebe, teure, gnädige Frau, darf ich etwas sagen? Ich kann das Schulmeistern gar nicht vertragen und kämen die Worte auch aus einem so reizenden Munde wie dem Ihren."
Mit einer sehr humorvollen Schmollmiene sah er sie an, so bittend und unwiderstehlich, daß sie lächelnd erwiderte: „In der Tat, Sie haben Talent zum Filmschauspieler, Baron. Lassen Sie es nicht brach liegen, es wäre schade!"
„Frau von Konsilius ist der gleichen Ansicht, und wir beide erwägen ernstlich, ob wir uns nicht einer Filmgesellschaft vorstellen wollen."
„Ach nein, das soll Lilo ja nicht tun!" widersprach Magussi lebhaft, „denn sie ist ein sehr eigenwilliger Mensch, der sich durchaus nicht fugen kann, und leicht ist es beim Theater und Film nicht!"
Er pflichtete ihr bei.
„Sie ist eine schwer zu berechnende Natur, die voller Launen und Widersprüche steckt!"
In diesem Augenblick meldete das zierliche Stubenmädchen — „Frau von Konsilius!"
Mit ausgestreckten Händen ging Magussi der Ein- tretenden entgegen. „Eben haben wir von dir gesprochen, Lilo."
„Darum klang mir das rechte Ohr. Gewiß hat man mich sehr schlecht gemacht!"
Silos Lachen war ein wenig geräuschvoll und ein wenig gezwungen, während sie mit raschem, mißtrauischem Blick Kurt von Langen ansah. Ihre Ahnung hatte sie also nicht betrogen. Statt daß der Geliebte sich ihr widmete, saß er hier. Und sie hatte auf ihn gewartet!
„Kennst du mich von der Seite, Lilo?" fragte Magussi vorwurfsvoll.
„Nein, nein, Liebste!" Und in übertriebener Weise küßte Lilo die Freundin auf beide Wangen, „dem spottlustigen Baron ist allerdings nicht zu trauen. Und es gibt doch interessantere Gesprächsgegenstände, als ich es bin!"
„Aber, meine Gnädigste, wer »wird sich so gering einfchätzen!" Mit seinem überlegenen Blick und Lächeln musterte er ihre mit übermoderner Eleganz angezogene Erscheinung, die eine Wolke des teuersten Modeparfüms umschwebte, — „besonders heute in diesem totschicken Kleid!"
„Gefällt es Ihnen, Baron?" Kokett drehte sie sich vor ihm, „ich bin beglückt, wenn es der Fall ist."
Er verneigte sich. „Zu viel Ehre für meinen Geschmack, Gnädigste!"
Magussi mußte über dieses Wortgeplänkel lachen: sie ahnte ja nicht, wie die "beiden miteinander standen, ahnte nicht, daß nur eine unbestimmte Eifersucht Lilo zu ihr geführt. ______________
Man besprach noch allerlei gesellschaftliche Dinge; dann sprang Lilo auf:
.Ich will dich nicht länger aufhalten, Magu,si! Wenn der gestrenge Gatte kommt, deine Hausfrauenpflichten —" . , .... ...
Oh die drücken mich nicht arg. Uebrigens sind wir heute bei den Eltern zu Tisch. Ich werde ab-
b^Äuch ich möchte mich empfehlen!" Kurt von Langen küßte Magussi die Hand, „und ich bitte, Ihr Versprechen nicht zu vergessen, Gnädigste!"
Silos schwarze Augen blitzten, - mas mar das für ein Bersprechen? — Kurt wandte sich zu ihr: „Wenn Gnädigste gestatten, wird es mir eine Ehre sein, Sie zu begleiten!" , ,
Darauf hatte Silo ja gewartet, und er wußte es. Kaum waren beide draußen, fragte sie: „Welches Versprechen soll Magussi nicht vergessen?"
„Wie bist du neugierig! Daß sie und ihr Gatte sich Gerlitz einmal ansehen." ..
„Mir hat man das noch nicht gesagt! zürnte sie.
„Bitte, sei nicht kindisch, Lilo!" Er war ein wenig unwillig geworden über ihre Art, — „die Aufforderung geht von meinem Bruder aus, der dich gar nicht kennt!"
„Es liegt nur an dir! — Warum hast du mich dort noch nicht eingeführt?"
.Mein Bruder sucht sich seine Gaste selbst aus!
„Ah, willst du damit sagen, daß ich nicht gesellschaftsfähig bin?"
Er stieß einen ungeduldigen Seufzer aus. „Herrgott, jetzt höre mal auf! Deine Unvernunft fängt nachgerade an, mir auf die Nerven zu gehen!"
„Und um dich davon zu erholen, gehst du zu Magussi Weiser!" spöttelte sie.
„Allerdings ist diese entzückende Frau von einer wohltuenden Ausgeglichenheit und Ruhe. Und wenn du etwas von ihr hättest, würde es nur von Vorteil
für dich sein."
„Warum hast du diese entzückende Frau nicht geheiratet?" fauchte sie ihn an.
„Lilo, Lilo, ich fürchte, du bist imstande, mir die Augen auszukratzen", sagte er mit überlegener Ruhe, die sie noch mehr aufbrachte, „ganz einfach: ich hätte es getan, wenn sie mich gewollt —"
„— und wärest dann grenzenlos hineingefallen wie Eduard Weiser! Oder hätte dir gepaßt, den ganzen Tag Gesang und Klavier zu hören?"
„Offen gestanden, nein, Lilo!" lachte er. „Du, sag mal, wollen wir uns eigentlich nun den ganzen Weg entlang so zanken und uns den schönen Sonntag verderben?"
„Du bist ja immer so eklig, Kurt!" —
Silo schmollte noch immer. Sie konnte es nicht vertragen. wenn der Freund die blonde, langweilige Magussi als eine .entzückende grau' bezeichnete. Wiederum war sie aber zu klug, es Kurt gegenüber auf die Spitze zu treiben. Nach einigem Hin und Her hatte man sich wieder vertragen und ging einträchtig nach der Promenade, um dort zu sehen und gesehen zu werden.
8. Kapitel.
„Du willst also wirklich fingen, Magussi? Mir klopft das Herz für dich!"
Silo! Warum soll ich nicht fingen? — Bitte, bediene dich! Hier sind Zigaretten, Kuchen —"
Mi goß der Freundin den Tee in die hauchst und tat ihr Rahm und Zucker hinein, während Silo sich die unvermeidliche Zigarette an- brannte.
„Ich meinte nur, weil es zum erstenmal ist, daß du dich vor der Oeffentlichkeit hören läßt — und so plötzlich und gleich als Ersatz für die Wulfert, die beim Pubikum so beliebt ist! Ich hätte Lampenfieber —"
„Ich nicht im geringsten! Im Gegenteil, ich bin glücklich, daß ich endlich einmal Gelegenheit zum Singen habe! Du hast mir doch sonst immer zugeredet."
„Gewiß, Magussi! Das war jedoch etwas anderes, — den Gesang als Sebensberuf wählen! Hier aber in einem Wohltätigkeitskonzert, so gewissermaßen als Dilettantin! Du weißt, wie da gekrittelt wird! Man zieht doch unbedingt Vergleiche mit dieser beliebten Sängerin. Und dem möchte ich dich, die du so zart und empfindsam bist, nicht ausgesetzt wissen. Bedenke, wenn du stecken bleibst."
Magussi lächelte leicht. „Stecken bleiben? Dilettantin?"
„Und dein Papa? Weiß er es schon? Erlaubt er es dir?"
„Wie du seltsam fragst, Lilo! Ich bin ja jetzt so weit, wie du immer gewünscht hast; in meine Entschlüsse lasse ich mir nicht mehr von ihm dreinreden. Er wird meinen Namen auf dem Programm lesen. Und mein Mann hat nichts dagegen!"
„Nun ja, er ist so blind in dich verliebt, daß er alles tut, was du willst!"
„Gönnst du es mir nicht?" konnte Magussi sich nicht enthalten zu fragen; Silos deutlich spürbare Mißgunst tat ihr weh. Daß die Freundin sich doch so klein machte!
„Natürlich, Magussi! Ader damals kurz nach eurer Verlobung sagtest du mir doch, du liebtest ihn nicht. Wenn er das wüßte!"
„Ich habe ihm gegenüber kein Hehl daraus gemacht, daß mein ganzes Herz, mein ganzes Streben der Kunst gehört! Glaubst du, daß ich gegen den ehrlichen, vornehmen Menschen unwahr sein wollte?"
„Aber jetzt — jetzt liebst du ihn doch?"
Peinlich empfand Magussi die Taktlosigkeit dieser Fragen.
„Mir ist kein Mann so wert wie mein Mann!" antwortete sie, und sprach damit auch nicht die Unwahrheit; denn alle Männer waren ihr gleichgültig.
„Ah, du hast nun doch eingesehen, daß bas wirkliche Glück in der Ehe und in der Häuslichkeit zu finden ist? Du bist auch viel zu zart für die Aufregungen, die ein Leben in der Oeffentlichkeit mit sich bringt!"
Lilo wurde für Magussi immer mehr zum Rätsel. Warum sprach sie mit einem Male so anders? Früher hatte sie ihr doch zu allen Abenteuerlichkeiten zugeredet — selbst wenn sie, Magussi, ,durchbrennen' sollte.
„Das habe ich damit nicht sagen wollen, Lilo. Es ist müßig, darüber noch weiter zu sprechen, da du ja meine Ansichten und Wünsche zur Genüge kennst. Schwer genug wurde der Verzicht", — .vorläufige Verzicht' hatte Magussi ursprünglich sagen wollen, aber dieses eine Wort hätte wieder zu allerhand
Fragen Veranlassung gegeben, die zu beantworten sie durchaus keine Lust verspürte.
„Die Güte meines Mannes macht mir erträglich, was sonst unerträglich wäre. Hier darf ich fingen und üben nach Herzenslust."
„Wird dir das Ueben noch immer nicht langweilig? Deine Stimme ist doch so weit ausgebildet, daß du das gar nicht mehr nötig hast!"
„Raste ich, so roste ich! Das muß ich dir entgegnen. Mir macht das Ueben Freude, wie anderen es Freude macht, bei der Schneiderin und Modistin Kleider und Hüte zu wählen und in den Casts zu sitzen."
„Soll ich mich betroffen fühlen? Du wirst boshaft, Magussi!" warf Lilo in unbegründet gereiztem Tone hin.
„Wieso, Lilo? Ich sprach doch ganz im allgemeinen! Warum willst du mich mißverstehen?"
Der Regen klatschte an die Scheiben; in ein einförmiges, dunkles Grau war der Himmel gehüllt, daß alles Maiengrün und alle bunte Maienlustigkeit erloschen schien.
Lilo sah zum Fenster hinaus. „Seit drei Tagen dieser Regen und noch kein Aufhören, Es wird nicht von Vorteil für das Konzert fein. Ueberhaupt ist jetzt die Zeit zu einem Konzert gar nicht günstig. Wäre es Winter —"
„Nun, um des guten Zweckes willen, und aus Neugierde werden doch viele kommen."
„Man muß sich mit der Kleidung danach richten. Was ziehst du an? Wohl das lichtgrüne Crepe-de- Chine-Kleid mit den Silberspitzen?"
Magpssi zögerte einen Augenblick mit der Antwort, ehe sie sagte: „Mein Mann hat mir ein Kleid ausgesucht!"
„Bei wem? Wohl bei der Schulz?" fragte Lilo lebhaft.
„Nein, Lilo, er hatte bei Relek ein Kleid gesehen, das ihm gefiel."
Silos Auge funkelten — bei Relek! — Dem teuersten Schneider, bei dem zu kaufen sie sich versagen mußte, obgleich es ihr Herzenswunsch war, sich dort zu kleiden.
„Du hast es gut", sagte sie, und unverkennbarer Neid klang aus ihrer Stimme, „hast du es schon da?"
Magussi schüttelte den Kopf, obwohl das Kleid schon in ihrem Besitze war. Zum erstenmal, daß sie nicht ehrlich war! Sie wollte aber Silos Neid nicht noch mehr erregen; denn unbedingt hätte die doch darauf gedrungen, das Kleid zu sehen. Aber um eine ausführliche Beschreibung kam sie nicht.
„Wirst du die gleichen Sieber wie die Wulfert singen?" fragte Silo.
„Es ist noch nicht bestimmt. Morgen vormittag wird bei der Fürstin Waldenau das Programm festgesetzt. Ich soll ihr vorsingen."
„Kennst du sie denn?" fragte Silo erstaunt.
„Heute vormittag hat mich meine Gesangslehrerin, die Frau Professor Schülein, ihr vorgestellt. Sie ist eine sehr lebhafte, liebenswürdige Dame, — von ihr stammt auch der Gedanke, ein Wohltätigkeitskonzert für die Abgebrannten von Zandorf zu veranstalten, — du erinnerst dich doch noch des großen Feuers in dem Dorfe? Gleich nach Ostern war es."
(Fortsetzung folgt.)
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