Ausgabe 
15.7.1933 Erstes Blatt
 
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Wandern und Reisen Bäder und Sommerfrischen.

Gommer an der Wied.

23on Or. Zosef Saal.

Unter den Fluhläufen des Westerwaldes ist die Wied nicht nur der gröhte, sondern auch unstrei­tig der schönste. Allerdings hat der milde Reiz dieses zuweilen mit einem Zug ins Großartige gebildeten Talschnittes nichts von der herben Stim­mung des hohen Westerwaldes, die nur in sein Quellgebiet, die bekannten Seeweiher um Drei­felden, hereinrauscht. Vielmehr ist die Nähe des Rheins bestimmend für die leichtere und freiere Bildurig des Wiedtales, in der sich die Fülle rheinischer Landschaft unverkennbar äußert. Das ganze Tal ist eine einzige, ideal zu nennende Som­merfrische mit duftendem Walvreichtum, herrlichen Wanderwegen talauf und talab, mit seinen frischen Dörfern, seinen zahlreichen Burgen und steinernen Geschichtszeugen an den Ufern des klaren Fluhbandes. Kein Wunder, daß das lange Zeit sehr zu Unrecht vergessenen Wiedtal, unter dem Zeichen der Besinnung auf die Schönheiten heimischen Bodens, als Wander- und Crholungs- land mehr und mehr in den Vordergrund tritt.

Für den Fremden ist die Wahl unter den vielen Wiedkurorten nicht leicht. Eine Rangordnung läßt sich nicht aufstellen, denn auch in den kleinsten Orten ist der Gast gut aufgehoben, wenn auch die größeren ein Mehr an Behagen bieten. Folgt man dem Lauf des Flusses, so liegt nächst der Quelle die Kreisstadt A l t e n k i r ch e n. Ein freundliches Landstädtchen mit anmutigem, ruhi­gem Gesicht, einer Hauptstraße und vielen wink­ligen Quer- und Rebenstraßen, einem Markplatz, auf dem spitze Giebelhäuser altersgraue, ernsthafte Mienen machen und alle Monate ein ländlicher Vieh- und Krammarkt Abwechselung in den ge­wohnten Gang der Tage bringt. Von einem Tor zum anderen ist nicht weit. Spaziert man hinaus, so stehen am Horizont die geschwungenen Bergket­ten des hohen Westerwaldes. Breithutige Laub- bäume säumen die Landstraßen, ein buntes Bild von Hügel, Wald und Weide umrahmt das gast­liche Städtchen.

Weiter unterhalb, wo der silberklare Puls des Bächleins lebhafter unter Erlen- und Weiden­strünken klopft, winken die rotbedachten Häuser von Flammersfeld in den Wiesengrund. Das Bild wird lebhafter, die Zeichnung des Tales gewinnt durch einen Waldreichtum, den man stun­denlang mit dem wechselnden Eindruck immer neuer Motive durchwandern kann.

Stärker noch entfaltet sich die eigenwillige Schön­heit des Tales in der Lahrgegend, wo der Fluß, durch Holz- uni) Lahrbach gestärkt, breitbrüstig durch die Talbucht schäumt. Von einem ganz sanft absteigenden Bergsattel klettert Oberlahr bis hinab ans Flußbett. Teichreste, Spuren alter Parkanlagen in der Umgebung der naheliegenden Brüchermühle zeugen von Ritterherrlichkeit, die jahrhundertelang im verschwiegenen Wiedtal ihr Zuhause hatte. Die neue Zeit winkt aus den Ber­gen, wo sich die Förderräder der Erzgruben em- porrecken. Hier liegt oben im Sattel der Berge Horhausen in gesunder waldreich^ Umge­bung. Wieder tief unten im Tal zeigt sich das lustige Burglahr, dessen lebensfrohe Svmmer- stimmung nicht nur die Fremden, sondern auch die Wiedbewohner selbst sehr wohl zu schätzen wissen. Auch Peterslahr, der dritte Ort der empfehlungswerten Endunglahr" hat in seinem stimmungsvollen Landschaftsrahmen und feiner sehenswerten Kirche Vorzüge befonderer Art.

Wohl der schönste Ort an der Wied ist Reu- st a d t, im Herzen des Wiedtales, hinein gestellt in einen großartigen Schnitt der Talbucht, die ringsum von scharf emporgereckten Bergrücken ab­geschlossen ist. Weit und frei ist die Aussicht vom Bertenauer Kopf, dessen rundlicher Dergkegel die

Landschaft krönt. Eine besonders anziehende Um­gebung macht den Ort zum Ausgangspunkt zahl­reicher fesselnder Wanderungen: Durch die Met- telshahner Schweiz nach Ehrenstein mit imposan­ten Burganlagen und wertvoller Klosterkirche oder nach S ch l o ß A l t e n w i e d, der Stammburg der Fürsten zu Wied. Als geologische Sehenswürdig­keit sei das Kratermaar unweit des Bertenauer Kopfes genannt, der letzte Rest vulkanischer Erd­erschütterungen auf der rechten Rheinfeite.

Aber auch Waldbreitbach, der besuchteste unter den Wiedkurorten, zeichnet sich durch einzig­artige Lage in waldreicher, von vielen reizvollen

Ist es möblich, mein Kind allein nach Nürnberg reisen zu lassen? Meine Schwiegermutter würde es abholen."

Eine junge Mutter sitzt mit besorgtem Gesicht im Zimmer eines Bahnhofsmission. Eine von vielen Müttern, die zu Hause bleiben müssen. Das Kind muß allein in die Ferien fahren. Mama muß sparen. Kleine Kinder sind noch keine perfekten Globetrotter. Mama ängstigt sich!

Die Bahnhofsmissionen sind die besten Kinder­mädchen. Nur wissen es die meisten Mütter nicht. Täglich stellen Mütter dieselbe ängstliche Frage. Besonders jetzt zur Reisezeit. Im letzten Jahre ist die Zahl der alleinreisenden Kinder um fünfzig Prozent gestiegen. Väter sind abgebaut. Die Kin­der werden zu Verwandten oder Freunden aufs Land gegeben. Da wächst das Brot, Kühe warten darauf, gemolken zu werden, Hühner liefern Eier frei Haus.

Schon dreijährige Knirpse gehen allein auf Wan­derschaft. Meistens kommt die Mutter zur Bahnhofs­mission und sagt, sie hätte kein Geld und keine Zeit, ihr Kind selbst an den Bestimmungsort zu bringen. Die Bahnhofsmission übergibt das Kind dem Schaff­ner. Mit einem kleinen Erkennungsschild um den Hals, mit möglichst genauer Adressenangabe, wie man das ja mit wertvollem Handgepäck auch macht. Das Kind wird in das Dienstabteil des Schaffners gesetzt. Die Schaffner sind gute Pflegepapas, die oft auch Kinder zu Hause haben. Sie sind in Hebung, Kinder zu betreuen. Muß das Kind unterwegs um­steigen, wird vorher von der Bahnhofsmission Nach­richt zum Umsteigebahnhof gegeben. Die betreffende Bahnhofsmission erwartet dort schon das Kind, und setzt es in den richtigen Zug. Telgramme werden für das Kind ^ufgegeben, Fahrkarten, Zuschläge, Schlafwagenplätze gelöst. Für die Gepäckbeförde­rung Sorge getragen, verpflegt, wenn es nötig ist. Wenn es einen Anschluß verpaßt hat, schläft es im Heim der Bahnhofsmisston. Alles das ist freie Lie­bestätigkeit. Es kostet nichts.

Die Kinder betrachten..die Damen und Herren der Bahnhofsmission imme. alsXante" undOnkel". Sie fühlen sich sofort heimisch. Die kleinen Mädchen sind meistens sehr geschickt. Aber die Jungens sind täppisch. Man kann froh sein, wenn sie an ihr Ge­päck denken. Zutrauliche Kinder erzählen von Mama und Papa, Großmutter und Tanten. Verlangen Blei­stift und Papier und zeichnen, bis der nächste Zug kommt, Familienporträts und Familiendramen. Verschlossene Kinder sehen ängstlich auf ihr Gepäck und fragen,ob auch niemand ran kommt".

Eine Mutter kam zur Bahnhofsmission, kündigte die genaue Ankunft ihres Söhnchens an und bat, es abzuholen, da sie durch Arbeit verhindert märe.

Seitentälern durchschnittener Bergmulde aus. Fockenbachtal und Burgruine Reuerburg mitten in idyllischer Waldeinsamkeit sind lockende Wan­derziele. Man darf auch Roßbach nicht vergessen am Fuße einer majestätischen Berghaube, oder Riederbreitbach, Altwied mit Burgruine Datzeroth und Riederbieber, wo allmählich die Industrie den Charakter der Flußlandschaft bestimmt. Rengsdorf mit seinen vielen Kureinrichtungen mit Recht den rheinischen Bädern zugezählt, gehört nicht mehr zum eigentlichen Wiedtal, doch borgt es von der Schönheit der kleinen Wiedzuflüsse den Glanz seines schon sehr bekannten Ramens.

Der kleine Junge wurde für Mama aufgehoben. Kindergepäckabgabe.

Glück im Unglück hatte ein vierzehnjähriger Junge in den Pfingstferien. Er wollte zu Verwandten nach Berlin. Die waren ohne Wissen der Mutter plötz­lich verzogen. Das Kind kam hier an und stand vor einer leeren Tür. Der Junge ging zur Bahnhofs- mission, die Mutter wurde benachrichtigt. Damit nun der niedergeschlagene kleine Kerl sich nicht umsonst auf Berlin gefreut hatte, lud ihn die Bahnhofsmission auf zwei Tage in ihr Heim ein und zeigte ihm Berlin. Am meisten imponieren den Kindern in Berlin die zweistöckigen Autobusse. Das ist das größte Erlebnis.

Heute reifen natürlich auch Kinder allein ohne Wissen der Eltern. Winzige Knirpse brennen mit einer Bahnsteigkarte durch, verkrümeln sich unter den Kindern der Erwachsenen, sind während der Zug- kontrolle auf einemGeheimplatz" im Zuge und flitzen an der Sperre nach einem Erwachsenen durch. Auf diese unerlaubten Globetrotter ist die Bahnhofs­mission vorbereitet. Sie kennt ihre faulen Ausreden. Wohin willst du denn, mein Kind?"Ach, der Vater erwartet mich." Ja, wirklich, der Vater kommt. Aber unerwartet. Die Bahnhofsmission hat ihn be­nachrichtigt. Und mit der Weltreise auf Bahnsteig- karte ist es für die nächsten zehn Jahre für den Krümel aus.

Zweitägige Wanderfahrt in das untere Lahntal.

1. Tag: Rassau Muhlbachlal Singhofen Hof Saalscheid Kloster Arnstein Obernhof.

Vom Bahnhof Rassau überschreiten wir die Kettenbrücke, kommen bald darauf durch Berg- Rassau und an der Idiotenanstalt Scheuern vor­über, um sodann in das Mühlbach tal zu gelangen, das von großartiger Schönheit ist. Wir folgen jetzt dem L des Lahnhöhenwegs. Teils über saftige Wiesengründe, teils durch Wald, bald unten am Bache einen Steg überschreitend, dann wieder hoch oben mit entzückenden Blicken auf das viel- gewundene herrliche Tal, auf zumeist von präch­tigem Buchenwald bedeckte Talhänge und schroffe Felswände zieht sich der Weg. Rach etwa zwei­stündiger, überaus genußreicher Wanderung er­reichen wir die am Fuße des Schildekopfs reizend gelegene Schulmühle, wo Erfrischungen zu haben sind. Der weitere Weg führt uns an der Reu­muhle vorbei hinauf zum Schildekopf, einem Fel­sen mit herrlichem Rundblick (ein Schildchen be­zeichnet die Stelle) und weiter nach dem hoch­gelegenen Städtchen Singhosen an der Bäder­

straße mit guten Gasthäusern. Das l. leitet uns weiter über den Hof Saalscheid, später über die Kanzel mit wundervollem Blick in die Tiefe und über das Kloster Arnstein mit reizendem Lahn­blick hinab nach dem schönen Lahnstädtchen Obern­hof, wo wir übernachten. Wanderzeit 41/2 Stunden.

2. lag: Obernhof Gelbachtal Dies Holzappel Geilnau Balduinstein.

Von Obernhof wandern wir über Schloß Lan­genau nach dem fchmucken Weindorf Weinähr mit alten Fachwerkhäusern und hierauf (Markierung schwarzes Kreuz) das liebliche Gelbachtal auf­wärts, dem enge und tiefe Schluchten, hervor- springende Felsklippen und Zacken einen eigen­artigen, wildromantischen Charakter verleihen. An verschiedenen Hütten und Höfen vorbei erreichen wir nach zweistündiger überaus lohnender Wan­derung das in einem Talkessel liegende, rings von hohen, steil abfallenden Bergen eingefchlofsene Dörfchen Dies (gute Einkehr). Gin gezeichneter steiler Waldpfad bringt uns in kurzer Zeit hinauf zur Groblei. einem 80 Meter über dem Tal ge­legenen Felsvorsprung mit einem prachtvollen Blick auf das unten liegende Dies und das rei­zende Tal. Durch Wald und Feld kommen wir nach dem freundlichen Städtchen Holzappel, wo wir das L antreffen, dem wir nunmehr, mit hüb­schen Blicken unterwegs, abwärts nach Geilnau folgen. Am ilfer der Lahn entlang gehen wir jetzt auf einer der reizvollsten Strecken im unteren Lahntal, am Geilnauer Brunnen vorbei nach un­serem Endziel Balduinstein am Fuße der Schaum­burg, die uns vom Bahnhof entgegengrüßt. Wan­derzeit 5 Stunden.

Oie naffauischen Bauern ehren Oarr4

Limburg, ?4. Juli. (WSN.) Die nassauischen Bauern haben zum 38. Geburtstag des Reichsernäh­rungsministers Darrs, dessen Heimatgau Nassau ist, eine außerordentlich sinnvolle Ehrung geplant. An der Stelle, wo Darre sein erstes grundlegendes Buch über die Rettung des Bauernstandes geschrieben hat, an der Rentmauer bei Wiesbaden, soll ein Erin- nerungsmal errichtet werden. Bei Marienberg auf dem oberen Westerwald wurde ein geeigneter, etwa 120 Zentner schwerer Westerwälder Basaltblock ge­funden, der an der Rentmauer aufgestellt werden wird. Bis zum kommenden Sonntag, en dem Reichsernährungsminister Darrs in Wetzlar zum Besuch des 13. Nassauischen Bauerntages weilt, soll der Stein auf der Platte bei Wiesbaden sein, um im Beisein des Reichsernährungsministers, der heute seinen 38. Geburtstag feiert, noch am Sonntag ein- geweiht zu werden. Er erhält folgende Inschrift: R. Walther Darrs, seines nassauischen Heimatgaues dankbarer Bauernstand." Von Interesse ist, daß die nassauischen Bauern den Transport des Basaltblocks selbst übernommen haben. Ohne Unterbrechung, Tag und Nacht, dauert der Transport an, damit der Stein pünktlich am Sonntag auf der Platte bei Wiesbaden eintrifft. Jeder Ort auf der Transport­strecke wird durch einen SA.-Motorradsahrer be­nachrichtigt, so daß man eine Darrs-Geburtstags- ftafette hergestellt hat.

Neues Schuhhastlager in Wetzlar.

WSR. Wetzlar, 14. Juli. Die Polizeiverwal­tung Wetzlar hat in einem leerstehenden großen Fabrikgebäude ein Schuhhaftlager eingerichtet, in das bis jetzt 38 Gefangene eingeliefert worden sind, und zwar 17 aus Wißmar, 13 aus Wetzlar, 5 aus Krofdorf sowie einzelne Häftlinge aus an­dern Kreisorten, und zwar wegen st a a t s f e i n d- licherHandlungen.in der Mehrzahl wegen Verbreitung kommunistischer Flug­blätter. Das Lager untersteht der direkten Be­treuung des Staatskommissars für die Bekämp­fung staatsfeindlicher Llmtriebe Oberleutnant Stephan.

Ein Kind allein unterwegs...

Oie Missionstante und der Onkel Schaffner.

23 on £o Beyer.

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