Ausgabe 
15.6.1933 Frühausgabe
 
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an dieser Stelle darauf aufmerksam machen, daß die Zugehörigkeit zu einer anderen Par- lei, soweit sie nicht als staatsfeindlich erklärt wor­den ist, keineswegs ein Hindernis in der beruflichen Laufbahn fein soll.

Der Arbettswaffenstillstand ist noch in Wirksamkeit.

Berlin, 14.3uni. (CAB.) Der Bezirks- leiter der Deutschen Arbeitsfront für Münster in Westfalen hat, wie dasBerliner Tageblatt" meldet, eine Erklärung erlassen, in der es u. a. heißt:

Das unverantwortliche Vorgehen gewisser Ele­mente im Arbeitgeberlager hat in der Oeffentlich- leit die Meinung auftommen lassen, als ob die Anordnungen des Leiters der Deutschen Ar­beitsfront Dr. Ley vom 16. Mai betreffend einen W affen still st and" von acht Wochen für alle Arbeitsmenschen der Stirn und der Faust nur für einzelne Geltung hätten. Ich warne dringend davor, diese Anordnungen Dr. Leys unbeachtet zu lassen, um Taris- Verträge zu durchbrechen, sei es in Lohn-, Ge­halts- oder sonstigen Bestimmungen. Desgleichen warne ich, den Waffenstillstand durch Kündi­gungen oder Entlassungen zu gefährden. Die Amtswalter der ASBO. sind beauftragt, Zuwiderhandlungen gegen diese Anordnungen so­fort nach Münster zu melden.

Am 8.Juni wurde ein Fabrikant aus dem Ruhrrevier von dem Bezirksleiter dcr Deutschen Arbeitsfront wegen Durchbrechung des Wirtschaftsfriedens und wegen Gefährdung der Arbeitsstätte sowie wegen staatsfeindlicher Aeuhe- rungen in ein Konzentrationslager übergeführt. Dcr Betrieb wird unter nationalsozialistischer Leitung wcitergeführt. Wie die Pressestelle der ASBO. in Essen noch mitteilt, ist auch der Inhaber einer Photofirma wegen wirtschaftlicher Sabotage von der politi­schen Polizei verhaftet worden.

Der Hessische Volksbund zur Reichsreform.

Gießen, 15. Juni. (WEM) Der Landes- a r b e i t s a u s s ch u h des Hessischen V o l k s b u n d e s hat zur Frage der Reichs­reform folgende Entschließung gefaßt:

Der Landesarbeitsausschuß des Hessischen Bolksbundes (Vereinigung zum Zusammenschluß von Hessen und Hessen-Aassau) begrüßt es, daß die nationale Regierung im Reiche unter dem Volkskanzler Adolf Hitler, zu dem auch wir stehen, nach 14 Jahren des Geredes an ter Reichsreform vorbei es unternommen hat, auch hier die Tat den vielen Worten folgen zu lassen. Wir sehen in der Einsetzung der Reichs st atthalter in den Ländern keine Gefährdung der Eigenart der Reichsteile, sondern begrüßen das Re ichsstatt- h a l t e r a m t im Gedenken an jene große Zeit deutscher Geschichte, da man keine Landesherren und Kleinstaaten kannte, da noch das Reich nach des Volkes Stämmen und Landmannschaften gegliedert war und die Souveränität des deutschen Volkskönigs in den Ländern des Reiches durch die Herzöge und Mar kgrafen ausgeübt wurde.

Wir haben das Vertrauen zu der nationalen Regierung, daß sie sich nicht mit dem Statthalter­amte begnügen wird. Das grvhdeutsche Volks­reich ter Zukunft, dem auch unser Streben gilt, soll die politische Verkörperung der deutschen Ra­tion sein. Das Reich der Zukunft soll nicht auf irgendwelche bundesstaatlichen Zufälligkeiten ge­gründet werden, sondern aus das deutsche Volk und seine seelischen, geistigen und wirtschaftlichen Kräfte. Linser Volk ist davor bewahrt ge­blieben, dem öden Einerlei des Zentra­lismus zum Opfer zu fallen. Es gilt, sei­nem natürlichen Wuchs die Fesseln abzunehmen.

die Bruderkriege, Erbteilungen unu Herraten iei­ner Fürsten in Gestalt der Landesgrenzen ihm auf- erlegt haben, die vielfach den Blutkreislauf der natürlichen Zellen des deutschen Volks- und Wirt- schaftskörpers mittendurch abschnüren. Die Kräfte des deutschen Volkstums und der deutschen Volks­wirtschaft können erst die erforderliche staatliche Pflege erhalten und erst dann dem Reiche wahr­haft dienstbar gemacht werden, wenn d r e G r e n- zen der politischen Zellen ter zu schaffenden Reichsländer mit den Gren­zen der deutschen Stämme, Land- mannschaften und W i r t s ch a f t s g e- bietesichdecken. Wir fordern für die Reichs- länder nicht etwa irgendwelche geheiligten Re- servate des ancien regime, sondern die zur Pflege

des heimlichen Volkstums und der heimischen Wirtschaft, zum Ausbau der Heimat als kraft­volle Zelle des Reiches erforderlichen Selbstver­waltungsrechte.

Wir danken dem Herrn Hessischen Ministerprä­sidenten Professor Dr. W e r n e r , daß er sich bei seinem Amtsantritt zum Gedanken der Reichsneugliederung und zu einem zu schaffenden gröherenReichslandH essen bekannt hat. Wir haben das Vertrauen zu den nationalen Regierungen im Reiche und in Hessen, daß nunmehr endlich der Wunsch aller Vernünf­tigen in Hessen und Hessen-Aassau Wahrheit wer­ten möge, nämlich der Zusammenschluß bei­der Gebiete in einem deutschen Reichsland.

Oer dritte Konferenztag in London.

Oie Delegierten Englands,

London, 14. Juni. (WTB.) Zu Beginn ter heutigen Sitzung ter Weltwirtschaftskonferenz er­griff, nachdem der Belgier Hymans einstimmig zum Vizepräsidenten der Konferenz gewählt wor­den war, Bundeskanzler Dr. Dollfuß das Wort. In einer unerwartet kurzen Rede (sie dauerte nur etwa sieben Minuten) trat Dollfuß nachdrücklich gegen jede Abwertung und Infla­tion ein und drang auf die Regulierung der Pro­duktion und Ausfuhr als Vorbedingung für Her­absetzung der Tarife. Weiter teilte er mit, daß Oesterreich für den Zollwaffenstillstand sei.

OerbntischeSchahkanzlerEhamberlam legte dann die Wirtschaftslage nach dem Kriege dar. Cv bemerkte, Großbritannien habe sich hoff­nungsvoll daran gemacht, im Jahre 1925 die Vor­kriegsbedingungen wiederherzustellen und sei zum Gold st andard zurückgekehrt. Es sei da­mals noch nicht erkannt worden, wie weit die er­forderlichen Bedingungen für das Wirken des Goldstandards sich verändert hatten. Das unvermeidliche Ergebnis sei ein Sturz des Preises der Waren gewesen. Eine endgül­tige Regelung der Kriegsschulden­frage stehe nicht innerhalb des Programms die­ser Konferenz. Aber eine solche Regelung müsse erfolgen, wenn die auf anderen Gebieten er­griffenen Maßnahmen wirksam sein sollen. Die Zentralbanken mühten reichlich Geld zu günstigen Sätzen zur Verfügung stellen, um die notwendi­gen Voraussetzungen für eine Erhöhung des Preisniveaus zu schaffen.

Die Stabilisierung der Währungen müsse in zwei Etappen durchgeführt werten, uni) zwar müsse man zuerst die Währungen der Hauptländer ungefähr ins Gleichgewicht bringen, und dann müsse man auf eine Wieder­herstellung des Goldstandards hin- gieXcn. Sie Rückkehr Großbritanniens zur Gold­währung habe eine Erhöhung des Preis­niveaus zur Voraussetzung, denn nur so könne das Gleichgewicht zwischen Preis und Produk­tionskosten wieder hergestellt worden. Die Wie­deraufnahme des normalen internationalen Kre­ditverkehrs müsse erörtert werden. Dor allem müßten alle Wege besprochen werden, die es einem notleidenden Lande ermöglichen, die zur D e * s eitigung der Währungsbeschrän­kungen notwendige finanzielle Unterstützung von den Gläubigerländem selbst zu erhalten. Alle übertrieben hohen Zolltarife seien herabzusetzen. Dieses Ziel erreiche man am besten durch eine Reihe zweiseitiger Ver­träge. Solche Vereinbarungen könnten aller­dings nur voll zur Wirkung kommen, wenn die Meistbegünstigungsklausel in ihnen enthalten sei. Willkürliche Kontingente seien allmählich zu beseitigen. Regierungsprämien, wie zum Beispiel Ausfuhr- und Schiffahrtsprä­mien, seien allmählich herabzusetzen und schließ­lich durch internationale Vereinbarungen zu be­seitigen.

Amerikas und Rußlands.

Der amerikanische Haupidelegierie Eordell Hüll

malte ein äußerst düsteres Bild von der augenblick­lichen Weltlage und den herrschenden chaotischen und panikartigen Verhältnissen. Die Menschheit fei heute schlimmer dran und unsicherer als vor 12 Jahren. Wir würden das in uns gesetzte Vertrauen täuschen, wenn die Konferenz vertagt werden würde mit der demütigenden Folgerung, daß wir unfähig sind, eine angemessene neue Politik zu bieten, und daß die weltzerstörende Nachkriegspolitik andauern muß. Wenn irgendeine Nation die Konferenz zum Scheitern bringen sollte, so werde sie vielleicht zeit­weiligen Nutzen daraus ziehen, aber zugleich für unbestimmte Zeit die Hilfe für die Notleidenden in jedem Lande verzögern. Diese Nation würde Hin­richtung durch die Menschheit verdienen. Der wirt­schaftliche Nationalismus der Nach­kriegszeit, fuhr Hüll fort, behindere das inter­nationale Kapital und den Handel. Die Drosse­lung des internationalen Handels von 50 Milliarden Dollars auf 15 Milliarden Dollars enthülle die tragischste Phase der kurzsichtigen und rücksichtslosen Politik, die nach dem Kriege ange­nommen wurde. Die Zeit sei für die Regierungen gekommen, aufzuhören, dem Handel Schranken zu errichten, die nur wieder Vergeltungsmaßnahmen zur Folge haben. Hüll erklärte weiter, daß brauch­bare Märkte nur erzielt werden könnten durch die Befreiung des Welthandels im Wege gemeinsamer Aktionen aller Regierungen, durch die Stabilisie­rung der Devisen und der Währungen und durch die Herabsetzung der Handelsschranken auf ein an­gemessenes Maß. Hüll drana auf eine Politik all­mählicher, sorgfältiger Anpassung übertriebener Ta­rife. Eine solche Politik werde gesündere und gedeih­lichere Bedingungen sichern und gleich weit vom extremen Nationalismus entfernt fein. Der erste Schritt müßte ein sofortiger allgemeiner Tarifwaffen st ill st and sein. Geeignete Maß­nahmen müßten ferner auf dem Gebiete des Geld­wesens getroffen werden, um eine größtmögliche Stabilität zu erreichen. Die amerikanische Dele­gation sei bereit, einen konkreten Vorschlag für alle diese Fragen zu machen.

Oer russische Außenminister Litwinow erklärte, die Ziffer über die Einfuhrmöglich­keiten Sowjetrußlands feien bekannt, und forderte die Delegierten auf, auch d i e Einfuhrmög­lichkeiten/hier Länder bekannt zu geben. Die Sowjetunion ethebe keinen Einwand gegen den Vorschlag eines wirtschaftlichen Waffenstill­standes. Ein solcher Waffenstillstand, fügte er unter deutlicher Anspielung auf .den briti­schen Boykott russischer Waren hinzu, wäre jedoch nur wirksam, wenn die Staaten davon abliehen, bestehende Maßnahmen des Wirt­schaftskrieges auch weiterhin anzuwenden. Er schlage deshalb vor, gleichzeitig mit dem Waffen­stillstand eine sofortige Suspendierung de» Mahnahm en des Wirtschaftskrieges

eintreten zu lassen, und werde die Annahme einer dahingehenden Entschließung beantragen.

Der tschechoslowakische Außenminister B e n e s ch trat namens der Kleinen Entente für eine schnelle Wiederher st ellung des Gold­standards ein und sagte, die Kleine Entente sei bereit, mit den anderen Staaten Verhandlun­gen anzuknüpfen, die die Abschaffung der Devisen­beschränkungen zum Ziele haben sollten.

Der ungarische Finanzminister I m r e d i er­klärte, die Lage Ungarns sei daraus zurückzu- sühren, daß der Friedensvertrag dem Staat lebendige Glieder entrissen habe. Imredi schloß sich der Forderung Beneschs nach Abschaffung der Devisenbeschränkungen an.

Kunst und Wissenschaft.

Das 9. Deutsche Regerfest in Kassel.

In Kassel findet vom 23. bis 25. Juni unter der Schirmherrschaft des preußischen Minister­präsidenten Göring das 9. Deutsche Regerfest der Deutschen Max »Reger -Gesell» schäft statt. Unter der Gesamtleitung des ersten Staatskapellmeisters Dr. h. c. Robert Laugs sind zwei große Chor- und Orchesterkonzerte im Fest­saal der Stadthalle, ein Kirchenkonzert in der Martinskirche, eine Zwischenmusik auf Schloß Wilhelmstal und eine Kammermusik im Staats­theater vorgesehen. Unter den Mitwirkenden be­finden sich der Organist der Leipziger Thomas- kirche Professor Günther Ramin, ferner Pro­fessor Gustav Havemann (Violine), das Stutt­garter Wendling- Quartett, die Münchener Altistin Johanna Egli und eine Reihe von Kasseler Künstlern.

Max Reinhardt Ehrendoktor von Oxford.

Die Universität Oxford verlieh Max Rein­hardt, der dort denSommernachtstraum" als Freilichtaufführung inszenierte, die Würde eines Doktors Honoris Causa o f Civil La w, die höchste Auszeichnung, die Oxford zu vergeben hat. An der Feier nahm das ganze Professoren- Kollegium teil. Zu Ehren Reinhardts gab der Vizekanzler der Universität anschließend ein Essen. Reinhardt besitzt seit mehreren Jahren bereits den Dr. e. h. der Goethe-Universität Frankfurt a. M. und der Christian-Albrecht-Universität in Kiel.

Professor Erich Leschke f.

In noch nicht vollendetem 46. Lebensjahr ist der Berliner Internist Professor Erich Leschke an den Folgen einer Operation gestorben. Aach an­fänglichem Studium der Philosophie hatte er sich der Medizin zugewandt. Er begann als Assistent am Physiologischen Institut ter Universität Bonn. Unter Pflüger kam er dann an das Cppendorfer Krankenhaus in Hamburg, zuerst zu Much, dann zu Fränkel ans Pathologische Institut. Aach kur­zer chirurgischer Tätigkeit in Bonn wurde er 1912 Assistent von Kraus an der zweiten inneren Kli­nik der Berliner Charite, wo er bis 1927 blieb. Cr wurde von hier aus Privatdozent und außer­ordentlicher Professor. Seine wissenschaftlichen Arbeiten betreffen hauptsächlich die Störungen des Kreislaufs, ter Atmung, des Stoffwechsels und der inneren Sekretion. Aoch vor einigen Mona­ten erschien sein Buch:Die wichtigsten Vergif­tungen, Fortschritte in deren Erkennung und Be­handlung". Vielfach hat Leschke sich auch zu literarischen und philosophischen Problemen geäu­ßert.

Erfolg der deutschen IBagner-Jeftfpirie in Paris.

Die deutschen Wagner-Festspiele wurden an der Großen Oper nachTristan und Isolde" mit der Ausführung von WagnersWalküre" unter Leitung von Dr. Wilhelm Furtwängler fort­gesetzt. Auch diese Vorstellung brachte den deutschen Künstlern einen großen undnachhaltigen Erfolg. Nach dem ersten Akt brach ein Beifalls­sturm los, wie man ihn hier selten feststellen konnte. Es ist damit zu rechnen, daß der große Erfolg der deutschen Wagner-Festspiele die Große Oper veran­laßt, bereits jetzt Verhandlungen über deutsche Auf­führungen unter der Leitung von Wilhelm Furt­wängler für das nächste Jahr einzuleiten.

Oie Dame, die den Apfel.

Elne Wiener Geschichte von Julius Kreis.

War das eigentlich eine feine Dame? So, wie in ten vornehmen Modeblättern etwa die Fürstin Rippenstein oder die Frau Generalkonsul von Kip­felbach in ter Trambahn fahren würden, wenn sie Trambahn führen, in einem Straßenkostüm von schmetternder Schlichtheit, von ganz einfacher Kostspieligkeit. Feine Damen können auch ganz altmodisch erscheinen, mit Mantillen, Zwirnhand­schuhen, Zeugstiefletten, ein bißchenz'samm'- zupft", wie ter Volksmund sagt, aus Beharrung, aus exklusiv-konservativem Geist. Einen ganz sicheren Anhaltspunkt über Art und Herkunft gibt die Aufmachung nicht. Cdeldamen, deren Ahnen schon mit Bodo, dem Eroberer, ins Land ritten, sind manchmal wie Seiltänzerinnen aus einem Wanderzirkus gekleidet, leichtfertige Bajaderen sitzen dir vielleicht wie Sterntreuz-Ordensstifts- damen gegenüber. Die Frage, ob Kleider ßeute machen, ist offen.

älnsere Dame nun war eine Mischung aus Qua­lität und Dazar. Der Mantel, nobel von Pelz und Schnitt, dafür trugen die Schuhe am hellich­ten Aachmittag talergrohe Agraffen aus Glas­brillanten, ein sehr schönes, altgoltenes Halskett­chen von einer giftfarbenen Ansteckblume benach­bart, das Hütchen wieder von rassiger Einfachheit und Qualität, aber die Handschuhe hatten ein extravagantes Farbmuster, außen blau, innen orangefarben. Das Haar quoll verdächtig weizen- blond und filmisch, das Gesicht war, wenn man Männerurteil trauen darf, unbestritten hübsch, ja sogar apart: wenn man die Frauen hörte: Hübsch? Aa ja! Aber doch recht gewöhnlich. Es konnte vielleicht die Frau Generalkonsul von Kip» selbach sein, nicht ganz geschmackssicher, es konnte aber auch das Blumenmädchen Fisi Aazelmaier dahinterstecken. Denn so genau, wie ter Typ in ten Journalen abgcbiltet ist, präsentiert sich das Individuum sehr selten.

Als die Dame den Wagen betrat, ging ein Aufrauschen durch die Passagiere. Die Herren beendeten ungewöhnlich schnell ihre Zeitungslek­türe und manche prüften, reflektorisch, ob ihr Schlips gut saß, die Frauen im Wagen sandten der Aeuangekommenen Blicke zu, die wie Bolzen mit scharfen Widerhaken an ihr hängen Mieten. Der Schaffner, sozusagen amtliches Aeutrum im Raum, schnupperte ganz diskret das Parfüm ein und hatte, als er den Fahrschein abgab, vor Wah­rung des Dienstgesichts eine scharfe Falte zwischen den Brauen.

Die Dame sah sich nach Empfang des Fahr­scheins unbefangen und munter im Wagen um,

wie es vielleicht in ter Unbeherrschtheit einer Fifi Aazelmaier liegt, oder aber auch in dev sou­veränen Sicherheit ter Frau Generalkonsul be­grüntet sein kann. Ater es kam noch problema­tischer.

Die Dame also entnahm einer Einkaufstüte von vornehmer Bauart und bestem Firmenausdruck einen schönen Apfel, besah ihn mit zärtlichem Wohlgefallen und biß unbekümmert mit schönen, blanken Zähnen hinein Es schmeckte ihr sehr gut und sie war auch so ganz in ihre Apfelmahlzeit vertieft, daß sie keinen Blick mehr für ihre Um­gebung hatte. Sie hielt den Apfel mit Charm und Grazie in der Hand und drehte ihn voll sach­licher Teilnahme ten Zähnen zu. Alle Fahrgäste sahen erst diesem Apfelessen gespannt und ge­bannt zu. Dann lächelten einige Damen im Wa­gen mokant, während die Herren neugierig-aner­kennend den Schmaus verfolgten.

Was überlegten nun die Psychologen? Fräu­lein Fisi Aazelmaier wenn Sie 's ist und heute als große Dame ausfährt wird nie, nie­mals ihre Vornehmheit durch öffentliches Apfel- essen in Frage stellen. Das kann sich nur even­tuell Frau Generalkonsul von Kipfelbach lei­sten, die so absolut und unerschütterlich große Dame ist, bafr sie die kleinen Gesetze der Kon­vention übersehen darf. Ja, mehr noch: daß sie vielleicht in ter Lage ist, von sich aus das Gesetz über Schicklich und Unschicklich zu diktieren, daß morgen schon die vornehme Welt in ter Tram­bahn Aepfel essen muß! Ober aber: Fräulein Fifi beweist durch ihr Apfelessen ein solches Maß innerer Freiheit, daß sie dadurch von selbst zur großen Dame wird.

Oder aber: Frau Generalkonsul von Kipfelbach ist gar nicht so souverän, sondern hat aus irgend einem Grund ganz plötzlich Heißhunger nach den schönen Aepfeln in der Tüte und würde sich zu Tote schämen, wenn jemand aus ihrem Kreis... Oder ater: Fifi Aazelmaier denkt sich weiter gar nichts dabei, als sie den schönen Apfel verspeist nur das eine: Jetzt könnt' ich eigentlich 'mal einen Apfel essen (Ein Zug, ter nicht gegen sie spricht.)

3m Wagen denken viele Fahrgäste: Warum ißt diese Dame (dieses Fräulein, dieses Mädchen die­ses Frauenzimmer, dieses Flitscherl) so ungeniert einen Apfel?

Die Frauen verurteilen sie ohne lange Psycho­logische Flausen zur Degradation ins Gewöhn­liche, ins Ordinäre. Aur die Herren denken noch mit unvermindertem Wohlgefallen über sie nach.

®ie Dame hat ten Apfelschmaus beendet und teeht ten Apfelrest spielerisch wie ein Kind am Stiel noch ein paarmal herum. Was wird sie tun?

Sie wischt sich die Mundwinkel mit einem Hauch von seidenem Tüchlein, wickelt mit schnellen spitzen Fingern den Apfelrest darein und versenkt das kleine Paketchen in ihre Handtasche. Die bange Frage: Fifi Aazelmaier oder Generalkonsulin von Kipfelbach ist weiter ungelöst. 3st Fifi so ein schlampiges Mädchen oder kommt es Frau von Kipfelbach gar nicht darauf an, für gehabten Ge­nuß ein Seitentuch zu opfern?

Als sie den Wagen verläßt, reicht sie mit dem liebenswürdigsten Lächeln dem Schaffner aus der Tüte heraus einen Apfel. Da salutiert ter Dienst­pflichtige höflich am Mützenschild und sagt: Besten Dank, gnä' Frau! Eine Fahrgastin mit einem Korb auf dem Schoß murmelt ter Aussteigenden nach: Gnä' Frau! Gnä' Frau! Des waar te rechte Gnädige! Aepfel fressen auf ter Tram­bahn! Wenn des zur Buidung g'hort!

Vielleicht gehört dieses Apfelessen nicht zur Bildung. Vielleicht sind sonst gute und tolerante Menschen etwas schokiert darüber, weil die Tram­bahn kein Speisewagen ist.

Sind wir nicht kleinlich! Ein schöner Apfel ist etwas Appetitliches und Erfreuliches, und eine schöne Frau nicht minder. Warum soll beides zusammen den Anstand gefährden?

Seien wir dankbar! Die Schöne hat den schönen Apfel so reizend und appetitlich verspeist, sie hat in das Grau der Trambahnfahrt so etwas wie eine kleine Zirkussensation gebracht. Ein Mensch hat sich einmal nichtscheniert". Wir salutieren vor Fifi von Kipselnazelmaierbach. Wie ter Schaffner: Besten Dank, gnä Frau!

Aber die Frage, die Frage bleibt noch drei Haltestellen weit offen: War es eigentlich eine feine «Same?--Und darüber kommt niemand

weg, leit Eva im Paradies vor aller Oeffentlich- keit ten Apfel verweist hat.

Wie die Zoo-Bewohner reisen.

Manche Insassen der zoologischen Gärten wer­den an Ort und Stelle geboren, aber die weitaus größere Anzahl muß aus ihrer fernen Heimat her­gebracht werden, und ein solcher Transport verlangt große Sorgfalt und Vorbereitung. Eine wilde Be. ftie für eine weite Ozeanreife zuverpacken", ist kein leichtes Stück. Die Korbe und Kisten oder Käfige müssen stark genug sein, um jeden Versuch der Flucht auszuschalten: sie müssen Türen und Öffnungen ent­halten, damit die Insassen gefüttert und gesäubert werden können: auch für Luftzufuhr muß gesorgt sein. Jedes -Lier hat feine besondere Art des Trans» Ports. Alligatoren z. B. reifen in sargähnlichen Äi- sten, Schlangen in Zinnkästen mit Glasdeckeln Da die Zwerg-Fluh-Pferde stets ein Bad brauchen so 1

wurde eins dieser Tiere kürzlich in einem eisernen Tank verfrachtet. Für die Fleisch-Freffer muß die nötige Aahrung in Gestalt von lebenden Tieren an Bord mitgesührt werden. Den Pflanzenfressern aber kann man leider nicht immer ganz frisches Gemüse reichen, und es gibt Tiere, die sterben, weil sie jede konservierte Aahrung ablehnen. Doch selbst bei allen Vorsichtsmaßregeln kommt es zu merkwürdigen Zwi­schenfällen: von solchen plaudert ein Oberwärter des Londoner Zoo in einer englischen Zeitschrift:Zch brachte einmal eine Fracht von wilden Tieren aus Abeffinien, als ein junger Löwe krank wurde. Ich nahm ihn in meine Kabine und legte ihn in das Bett über meinem. Ich hatte ganz vergeßen, daß dieses Lager von einem anderen Passagier, einem dem Whisky sehr zugetanen Schotten, benutzt wurde. Als dieser schwer geladen hereinkam, stieß er einen gellenden Schrei aus und floh. Am nächsten Mor­gen erzählte et, er habe während ter AachtTiere" geleben, und da er das Herannahen des Säufer­wahnsinns fürchtete, trank er während der Reste kei­nen Tropfen mehr. Aiemals werde ich eine Fahrt vergessen, bei der ich einen Büffel-Bullen und fei­ne Kuh mitbrachte. Obwohl die Tiere in getrennten fetten Käfigen untergebracht waten, brach der Dulle aus, und als ich hastig auf Deck eilte, sah ich das wütende Tier alles um sich her zerstören, während die Matrosen ihn vergeblich mit dem Lasso zu fan­gen suchten. Manche der mitfahrenden Araber wa­ren aus Angst ins Meer gesprungen, andere hin­gen zitternd an Seilen, die sie heruntergelassen hat­ten. Die Aufregung war bald beseitigt und das Tier wieder gefangen. Auf einer anderen Reise biß sich ein peruanischer Bär durch die festen Stäbe seines Käfigs durch und kletterte auf die Kommando-Brük- le, von der aus er sich neugierig die Umtr-elt be­trachtete. Der Kapitän zog schon den Revolver, aber ich hielt ihn wegen des Wertes des Tieres zurück. Da kam uns das Meer zu Hilfe, das durch eine plötzliche Erschütterung des Schiffes den Bären von seinem Platze und über Bord schleuderte- Leider konn- ten wir den Ausreißer nicht mehr retten und muß­ten ohne ihn weiterfahren. Ein paar afrikanische Wild­katzen, die in einer Kabine erster Klasse sich einni- steten, nachdem sie ausgebrochen waren, wurden durch die Seekrankheit, die sie zu spüren bekamen, so zahm, daß sie sich geduldig wieder einfangen ließen. Das Landen der Tiere bringt ebenfalls manch unange» nehmes Abenteuer So wollten einmal zwei riesige Strauße durchaus nicht das Schiff verlassen, bis wir schließlich auf einen guten Einfall kamen- wir lie­ßen ein Paar Damenstrümpfe holen und zogen je. dem der Tiere einen über den Kopf, worauf sie ganz friedlich wurden. Heute bedient man sich mit vielem Erfolg bei manchen Tiertransporten ter Flugzeuge".