Ausgabe 
14.9.1933 Erstes Blatt
 
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Nr. 215 Erstes Blatt

185. Jahrgang

Donnerstag, 14. September 1955

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. DerantwoNlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange: für Feuilleton vr.H.Thyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den An­zeigenteil i.D.TH.Kümmel sämtlich in Biesten.

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Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhesfen

Randnoten.

Das edelste Wollen, die private Liebestätigkeit, wie sie in den Winterhilfen der vergangenen Jahre fick ausdrückte, war doch nur aus einzelne Kreise beschrankt, und soviel auch die Not gelindert wurde, so entbehrte das Hilsswerk doch der Beteiligung aller. Der Sinn der Opsergemeinschast liegt aber darin, daß alle in Zeiten der Not ihre Lebens- haltuna herabdrücken, um die Aermsten und Ar­beitslosen vor der grimmen Wintersnot zu bewah­ren. Die Arbeitslosen und alle Schichten, die das Opfer eines Systems wurden, das wirtschaftlich und politisch zur Berproletarisierung führte, haben einen Anspruch darauf, daß die Nation sich ihrer an- nimmt und wenigstens die grimmigste Not fern­kält. Das Stück Brot, die warme Wohnung und Kleidung, können sich diese Volksgenossen nicht mehr mit ihrer Hände Arbeit erwerben. Nicht sie, sondern der Gang der Zeit ist schuld an dem Massenelend. Der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit läßt sich, da das Ucbel fast eine chronische Krankheit geworden war, nicht von heute auf morgen zum Ziele füh­ren, aber wenn schon trotz weiterer Verschlechterung der Wirtschaftslage in aller Welt es im neuen Deutschland möglich geworden ist, rund zwei Mil­lionen in Arbeit und Brot zu bringen, dann ist das der beste Beweis für die Tragfähigkeit und Wirk­samkeit einer einheitlichen Willensrich - tung und eines gutgeführten Kampfes um Woh­nung, Brot und jene Grundlagen, ohne die ein Deutscher nicht zu leben vermag. Als Goethe, der betont schlicht seine Arbeitsräume hielt, aus einer Reise nach Goslar im Winter bei einem Wirt seine nassen Sachen am Ofen trocknen konnte, machte er die Bemerkung, es freue ihn,daß der Mensch so wenig bedarf, an dem wenigen aber hängt, weil er fühlt, wie sehr er dessen bedarf". Dieses Wenige, an dem der Deutsche hängt, ihm wiederzugeben, muß und wird gelingen, wenn alle Kreise sich ein- schränken derart, daß sie auch fühlen, was Opfer Sib. Und wenn sie mit diesem Opfergefühl das issen verbinden, wie ihre Entsagung den Armen Ä kommt und ihnen das Gefühl verschafft, daß hland ein Vaterhaus für alle Deut- schen ist.

Pflicht und Sache des ganzen Volkes ist es daher, im kommenden Winter nach einem genauen organi­satorischen Plan die Opfer zu sammeln und gerecht zu verteilen, die gebracht werden können, wenn Ein­fachheit und schlichte Lebenshaltung in den Familien einzieht. Jeder Opferpflichtige und jeder gegen Win- tersnot Geschützte kann das Vertrauen und die Ge­wißheit haben, daß nichts umkomme und jeder gleich­mäßig feine Kräfte im Kampf anzustrengen hat. Der Vorschlag des Eintopfgerichtes ist nur ein äußeres Symbol für die Einfachheit, bei der trotzdem eine zureichende Ernährung möglich ist, aber wenn n allen Haushaltungen auch nur an einem Sonntag ein Eintopfgericht auf den Tisch kommt, füllen die Einsparungen doch gegenüber dem üblichen Sonn­tagsessen viele hunderttausend Töpfe, die sonst leer» ständen. _ .

Der ist wirklich vom Geist der neuen Zeit er­füllt, der in der vordersten Front steht und kämpft, um die Ideale der Kameradschaftlichkeit und Mit­verantwortlichkeit zu erfüllen. Wenn jeder Deutsche die Gewißheit hat, daß sein Mitbruder für ihn Opfer bringt, bann wirb ein vertieftes Gemein­schaftsgefühl in ihm lebenbig unb bie Scheibungen in Schichten werben von selbst verschwinben, aus denen früher Klassenhaß, materielle Selbstsucht unb jene Kräfte aufstiegen, bie zu einem Kampf aller gegen alle, einer politischen unb wirtschaftlichen Zer­rüttung unb dem Verfall aller religiösen, sittlichen unb kulturellen Werte führten. Ein einig Volk in Not, eine Nation, stolz nicht auf ihre Armut, aber auf ben Willen, Hunger unb Kälte zu wehren unb sich einzuschränken, bamit keiner vom Hungerwolf ober bem Frostriesen zu Boben gestreckt wirb. Da­bei wollen wir alle Helfer sein.

Auch bie Herren ber Schöpfung, bie so gern auf bie weibliche Eitelkeit herabsehen, sinb bem Ge­schmack unb bem Wanbel ber Mobe unterworfen. Das gilt nicht nur für bie Kleibung, bas gilt auch für bie Haar- unb Bar11racht, bie im Laufe ber Generationen wechseln. Es ist noch keine hun­dert Jahre her, da bedeutete der 23 o 11 b a r t in Preußen bas Zeichen bemokratischer Gesinnung unb durste infolgedessen nicht getragen werden. Es war eine der wichtigsten Errungenschaften der März- reoolution, daß der Preuße sich seinen Dollbart wachsen lassen durfte, und das Gefühl dieser neu gewonnenen Freiheit war so stark, daß es ein ganzes Zeitalter beherrschte. Bis in die Jahr­hundertwende hinein war ber Vollbart bas Cha­rakteristikum bes älteren Deutschen. Mit ber Be­geisterung für bie Flotte schrumpfte ber Vollbart mehr unb mehr zusammen in ben Spitzbart, wie ihn bie Marineoffiziere trugen, würbe aber bann roieber abgelöst burch ben Schnurrbart, wie ihn Kaiser Wilhelm 11. populär gemacht hat, um schließlich ganz zu verschwinben unb bem bartlosen Gesicht Platz zu machen, das bis vor einem Jahr wenigstens in Deutschland das Ideal der männlichen unb ber weiblichen Jugenb war. Aber es ist boch nicht so, baß wie bei ber Weiblichkeit irgenbein Friseur bie neue Mobe kreiert unb bann ben Männern aufgroingt. Der Weg geht umgekehrt. Der Geschmack richtet sich auch ba gern nach einem Führer, ber auf Grund seiner starken Popularität in feinem Wesen und in feiner Persönlichkeit eine große Anziehungskraft ausübt. Kein Wunder deshalb, wenn die Form des kurz­geschnittenen Schnurrbarts, wie sie Adolf Hitler trägt, bei feinen Anhängern und zumal bei der SA. sich eingebürgert hat.

Das ist nicht nur in Deutschland so, sondern überall da, wo der Führer Anhänger hat, selbst­verständlich auch in Oesterreich. Aber hier be-

Oie Verbindung von Partei und Volk.

Reichsminister Goebbels kündigt für Oktober einen großen Propagandafeldzug der nationalsozialistischen Bewegung an.

Berlin, 13. Sept. (WTB.) Der ©au Groß- Berlin der NSDAP, hielt am Mittwochabend im Sportpalast einen ©autag ab. Gauleiter Reichs­minister Dr. Goebbels war zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder als Redner auf einer öffentlichen Massenkundgebung angekündigt. Schon lange vor Beginn der Veranstaltung war die riesige Halle mit 20 000 Menschen gefüllt. In Erwartung der Rede des Gauleiters lauschten die Massen zu­nächst den Klängen der SA.-Kapelle, bis minuten­lange Heilrufe das Eintreffen des Gauleiters an- kündigten. Nack; dem Einmarsch der Sturmfahnen wurde die Versammlung durch den stellvertretenden Gauleiter, Staatsrat G ö r 1 i tz e r, Mitglied des Preußischen Landtages, mit ©ebenfroorten für Reinholb Muchow eröffnet, ben alten treuen Mitarbeiter ber Berliner Organisation, ber auf so tragische Weise plötzlich aus bem Leben ge­rissen worben ist. Bei gesenkten Fahnen erklang bas Lieb vom guten Kameraben. Staatsrat ©örlitzer mahnte bazu, ber Sache bes Hakenkreuzes weiter so bie Treue zu halten, wie ber Verstorbene sie fchon in ben Anfängen ber Berliner Bewegung Adolf Hitler gehalten hat. Dann nahm, stürmisch begrüßt, das Wort der Berliner Gauleiter,

Reichsminister

für Volksaufklärung unb Propaganda Or. Goebbels: Wenn man aus einer gewissen Entfernung her­aus bie vergangenen sieben Monate, ba wir bie Macht besitzen, rückschauenb überprüft, bann fällt es schwer zu sagen, welche Taten eigentlich unter ben vielen Aktionen ber neuen Reichsregierung bie einschneibenbsten unb hervorragenb» ft e n fein mögen. Für uns ist es sehr schwer, über alle großen Aktionen ber letzten Monate heute schon zu urteilen, was benn eigentlich bas B 1 ei­ben b e, bas Ueberzeitliche unb bas Historische an ihnen sein konnte. Ich glaube aber, bas Entschei- benbfte unb auch bas historisch Wertvollste ist bie Tatsache, baß wir jetzt in Deutschlanb eine ein­zige zentrale Leitung haben, baß nicht mehr hunbert Instanzen burcheinanberpfuschen.

Die Einigung, bie wir in Deutschlanb vollzogen haben, ist noch bedeutungsvoller für unsere Zukunft als die Bis- marckfche Einigung. Denn Bismarck einigte nur die Fürsten unb bie Cänber. Hitler aber einigte das Volk. Das ist bas Entfcheidenbe. Denn damit ist Deutsch­land wieder als Faktor in bie große TDeltpolitif eingeschaltet. Es gibt im Reich nur einen zen­tralen willen, der bas deutsche Schicksal gestaltet unb leitet. Ich will bamit nicht sagen, baß der verfassungsmäßige Umbauprozeß schon beenbet fei. Das Gesetz über bie Reichsstatlhalterschaften ist nur ein Anfang, unb biefer Anfang muh fortgesetzt werben. Der Führer hat es ja selbst in Nürnberg gesagt, baß wir nicht bie Ausgabe haben, bie Länder zu konservieren, sondern vielmehr die Aufgabe, sie zu liqui­dieren. (Beifall.)

Es ist gut, daß wir mit dem Erreichten nicht zu­frieden sind. Denn wollten wir einmal zufrieden fein, dann wäre es das Beste, wir träten von der Bühne der öffentlichen Politik ab. Menschen, die zu­frieden sind, werden niemals mehr vorstürmen. Für uns war die Macht nie Selbstzweck. Wir wollten sie besitzen, um dann ein Volk frei und glücklich zu machen, wir wollten es in ben Kreis ber anberen Nationen als ehrlichen unb gleichwertigen Partner zurückbringen (Beifall). Solange bas nicht gelungen

ist, darf es bei uns keinen Atemzug geben, der nicht der Bewegung, der Wiedergeburt unseres Vaterlandes, geweiht wäre. Ob wir dabei schon im Augenblick zu einem materiell glücklichen Zustande kommen, ist nicht so erheblich, denn spä­tere Generationen werden unser Werk nicht danach beurteilen, ob wir, die Vorkämpfer dieser Wieder­geburt genug Brot hatten, sondern sie werden uns danach beurteilen, ob wir historische Werte vollbracht haben. Und je mehr Aufgaben wir hinter uns gebracht haben, um so größer wird die Aufgabe, die vor uns liegt. Denn wir dürfen nicht nur wissen, daß wir die Macht besitzen: wir müssen auch wissen, daß wir die Verantwortung tragen, und zwar die Verantwortung vor 66 Millionen, die da sind und ich weiß nicht vor wieviel 100 Millionen die da kommen werden. (Beifall.)

Gewiß ist es uns manchmal hart angekommen, deutsche Menschen, die alsVerführte" der kommu­nistischen Fahne gefolgt waren, mit harten und dra­konischen Strafen zu belegen. Aber auch das war notwendig. Denn wie Deutschland im Februar und

Anfang März stand, dafür ist das jüngste Buch Bewaffneter Aufstand" ein beredtes Zeugnis. Wir waren damals im Begriff, in den bolschewi­stischen Umsturz hineinzuschliddern. Hätte die Regierung Hitler nicht in diesem Augen­blicke zugegriffen, bann wäre bas Chaos ganz unocrmeiblid) gewesen. Heute aüerbings kann von einer kommuni st ischen Gefahr ganz unb gar nicht mehr gesprochen werben. Das sinb Sektierer, bie heute noch ver­suchen, im Canbe Unfrieben zu stiften unb auf Schreibmaschinen-Flugblättern bie breiten Massen zu mobilisieren. Sie werben Mann für Mann von Schlacht zu Schlacht ihre oerbiente Strafe erhalten. (Beifall.)

Schlimmer ist es schon, was bie kommunistischen Hetzer betreiben, bie außerhalb unserer Lanbesgrenzen sich befinben. Wenn ich bas mir vor einigen lagen in bie hänbe ge­falleneBraunbuch" burchblättere, und wenn ich ba haarscharf bewiesen sehe, baß in m e i - mem Kopf ber Plan zum Reichs­

Herrioi von seiner Ost-Reise zurück.

Propaganda gegen die Abrüstung. Oie französische Industrie empfiehlt sich.

Berlin, 14. Sept. (CNB.-Funkspmch.) Der ehemalige französische Ministerpräsibent Herriot ist nach einer mehrwöchigen Reise, bie ihn burch Bulgarien, burch bic Türkei unb bie Sow­jet-Union geführt hat, gestern nach Paris zu­rückgekehrt. Aehnlich wie nach seiner Amerikareise im Frühjahr scheint Herriot auch biesmal ben Wunsch zu haben, bie Ergebnisse feiner Fühlung­nahme mit ben auslänbischen Regierungen als sehr bebeutungsvoll hinzustellen. Es ist jebenfaUs ein merfroürbiger Zufall, baß gerabe in biefem Augen­blick ein Pariser Blatt von einem wirtschaft­lichen unb militärischen Bünbnis zwischen Frankreich unb ber Sowjet- Union, bas burch Herriots Vermittlung ange­bahnt sein soll, sprechen kann. Hier werben bie nächsten Tage unb Wochen wie seinerzeit nach Washington bie notwendigen Korrekturen einer übertriebenen optimistischen Darstellung brin­gen. Herriot selbst hat bekanntlich während seines Moskauer Aufenthaltes ben Gebauten politischer Verhanblungen in A b r e b e gestellt unb als Zweck seiner Reise ausschließlich seine persön­liche Informierung über ben russischen Auf­bau unb bie Förberung ber kulturellen Beziehungen zwischen ben beiben ßänbern angegeben. Daß es ihm hierauf nicht allein angekommen ist, be­weist eine Unterrebung, bie er auf ber Rückreise mit dem Außenpolitiker desMatin" hatte. Herriot ließ bei dieser Gelegenheit burchblicken, baß er auf Orunb seiner osteuropäischen Einbrücke im Ausschuß der Kammer mit einer großen Rede heroortreten will, die den Ausschußmitgliebern neue Grund­lagen für die Beurteilung des Abrüstungsproblems geben soll. Herriot will darauf hinaus, daß i n ft e u r o p a niemand mehr an 21 b - r ü ft u n g denke, ja, daß die von ihm bereiften Länder fieberhaft mit ber Ergänzung ihrer Rüstungen beschäftigt seien, weil sie von ber Abrüstungskonferenz unb bem Volker- bunb nichts mehr erwarteten. Selbftner- stänblich führt Herriot biefen von ihm behaupteten Umschwung in Rußlanb, ber Türkei unb in Bul­garien sowie in ben anberen Balkanlänbern a u f d i ebeutsche Bebrohung" zurück. Moskau befürchte einen beutschen Angriff unb fabriziere in» folgebessen Tanks, erklärt Herriot, währenb gleich­

zeitig ein nationalistisches Blatt anbeutet, daß d i e französische Industrie diese Tanks liefern solle.

Oie Pariser Besprechungen.

London, 13. Sept. (CNB.) Premierminister Macbona 1 d wirb am Sonntag in ß o n b o n zurückerwartet. Am Montagvarmittag wirb Norman Davis mit bem Premierminister in Doroningftreet eine Unterrebung über bie Abrü- ftungsfrage haben. Morgen vormittag will Nor­man Davis mit bem Präsibenten ber Abrüstungs­konferenz Henberfon zusammentreffen. Wäh- renb des Wochenendes wird er vielleicht Unter- staatssekretär Eben sehen, ber am Sonntag nach Paris abfährt, um dort am Montag bie britische Regierung bei ben Abrüstungsbesprechungen mit ber französischen Regierung zu vertreten.

Evcning Stanbarb bezeichnet es als üderraschenb, daß nicht der Staatssekretär des Aeußern S i r John Simon seldst nach Paris gehen wird. Es fei ein offenes Geheimnis, daß die französische und die britische Regierung versuchen würden, über eine gemeinsame Politik, wenn möglich unter Mitwirkung der Ber­einigten Staaten, übereinzukommen. Ange­sichts der großen Bedeutung, die in amtlichen Kreisen den Pariser Erörterungen beigemessen werde, fei es seltsam, baß Simon nicht persönlich daran teilnehme. Die Tatsache, so fährt das Blatt fort, daß er für bie Zeit vom 18. bis 20. September z u m bienjttuenben Minister beim König im Schloß Balmoral ernannt worben fei, fei zu be­merkenswert, als baß sie zufällig fein könnte. In amtlichen Kreisen wird die Betrauung Edens mit der Vertretung Englands in Paris mit seiner engen Fühlung mit den Abrüstungsproblemen erklärt.

Aus Paris meldet Havas, daß ein diplomati­scher Meinungsaustausch zwischen England, Frankreich und Italien über sämtliche schwebenden Fragen des Völkerbundes und vor allem der Abrüstungskonferenz stattfinde, über die Unterstaatssekretär Eden am 18. September mit Ministerpräsident D a l a b i e r unb Außenminister Paul-Boncour verhanbeln werbe. Eben werbe nach ber Pariser Aussprache nach Rom reisen, ehe er an ber Genfer Beratung teilnehmen wirb.

ginnt ber Fall politisch zu werben. Ein besorg­ter Anhänger von Dollfuß ist burch bie Straßen von Wien marschiert unb hat mit Entsetzen festge- stellt, baß ber Hitler-Schnurrbart w i e eine Seuch e" um s i ch greift. Man fühlt orbent» lich, wie ber Boben bes ganzen österreichischen Staates wankt, nur weil bie männliche Jugenb, einen Schurrbart trägt. Aber bas Staatsgefährliche babei ist ja eben, baß biefer Schnurrbart nicht als männliche Zier getragen wirb, fonbern nach ber Meinung ber Dollfuß-Detektive bas Parteiab­zeichen, bas ja sonst in Oesterreich verboten ist, ersetzen soll. Deshalb wirb schon nach ber Polizei gerufen, bie biefem Unfug schleunigst ein Enbe machen soll: in welcher Form allerbings, erfahren wir nicht. Vielleicht werben bann gleichzeitig staat­liche Barbiere angestellt, bie mit Seife unb Rasier- messer Oesterreich von biefer Gefahr befreien sol­len! Wobei ja bann noch besondere Bestimmungen zu erlassen wären, ob jeder Schnurrbart als Hoch­verrat gilt ober nur eine Cippenxier, bie einen Um­fang von brei Zentimeter auf jeder Seite ber Nase überschreitet. Wenn es wirklich noch wahr ist, baß Lächerlichkeit tötet, bann müßte eigentlich mit der Angst vor diesem Hochverrat bas Schicksal der Regierung Dollfuß enbgültig besiegelt fein.

Völkischer Wiederaufbau in England.

In diesen Tagen wurde in Springhead-Fontmell Magna (England) eine ländliche Volks­hochschule eingeweiht, die bie Aufmerksamkeit

bes jungen Deutschlanb beansprucht. Rolf G a r b i» n e r, ber burch sein tapferes Eintreten in Englanb für bas neue Deutschlanb in letzter Zeit auch in ber beutschen Presse bekannt geworben ist, hat ein kleines Lanbhaus gekauft, um in biefer Lanbschaft ein Sieblungsjentrum zu schaffen. Die Frage ber Rücksieblung erwerbsloser Bergar­beiter unb insbefonbere bie Wiederauffor­stung der im 18. Jahrhundert umgelegten Wälder ift eine wichtige Frage in der englischen Wirtschafts­krise. Die Vorarbeiten, die in dieser Richtung in Deutschland geleistet worden sind, können in Eng­land zum Teil verwertet werden. Bekanntlich arbei­tet ©arbiner seit langem mit bem Musikheim Frank­furt a. b. O. zusammen unb hat hier seine stärksten Anregungen für ben lanbschaftlichen Wieberaufbau gewonnen.

Minister a. Ä. Sirfsieser der Millionenschiebung bezichtigt

Essen, 14. Sept. (CNB. Funkspruch.) Wie bie Nationalzeitung mitteilt, wirb ber frühere Zen­trumsminister Hirtsieser bezichtigt, öffentliche Mittel in Millionenhöhe gesetzwidrig verwanbt zu haben. Der Arbeiter-Spar- unb Bauverein Oberhausen, eine Grün­dung ber christlichen Gewerkschaften, ber 1930 in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet, wandte sich an bie damalige preußische Regierung, um deren Hilfe

bei ber Sanierung zu erhalten. Das mürbe abge­lehnt. Man wurde daher bei M i n i st e r H i r t - siefer persönlich vorstellig und erreichte, daß Hirtsieser bei einem Besuch in Wen aus öffent» lichen Mitteln 50 000 Mark übermei« s e n ließ, bem geraume Zeit später weitere 97 000 Mark folgten. Eine Deckung für bie gewährten Darlehen war nicht vorhanden. Als diese Mittel nicht ausreichten, wandte man sich an den sozialdemokratischen Ministerialdirektor Meyer, der zusammen mit Hirtsieser einen Sanierungsplan entwarf, dessen Grundlage die Hergabe von weiteren öffentlichen Geldern in Höhe von einer Million Mark war. Ein Revisionsbericht erklärte, daß auch diese Million das Unternehmen nicht retten könnte. Trotzdem bestand Hirtsieser darauf, daß die Anweisungen ausgeführt wurden.

Die zur Auszahlung zuständige Kreiskasse wandte sich nun an den damaligen Finanzminisker Höp - ker-Asch off, der die Auszahlung sperren ließ. Infolge dieser Sperrung war eine parlamen­tarische Aktion des Zentrums gegen Höpker-Afchoff eingeleitet, in dessen Verlauf dieser z u m Rück­tritt gezwungen wurde. Sein Nachfolger, der Sozialdemokrat Klepoer genehmigte sofort nach Amtsantritt die Auszahlung der Gelder. Der Ober­hausener Spar- und Bauverein bekam seine Million unb ging, wie ber Revisionsbericht oorausgesagt hatte, boch zu ©runde.