Ausgabe 
11.5.1933 Erstes Blatt
 
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Nr. 109 Zweites Blatt

Donnerstag, U. Mai 1935

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhetzei.

V

Delbaumfclb zum anderen. Allerdings fehlt der nationalen Opposition der Führer Die mon­archistischen Offiziere, denen et in der Neujanrs- nacht gelungen ist, aus ihrem Derbannungsort der afrikanischen Landbüchse mit dem schönen Namen Rio de Oro zu entfliegen, sitzen zwar alle in Por­tugal aus dem Anstand, aber wie es scheint, hat sich auch bei ihnen die Führersrage noch nicht ent­schieden. Aus den Führer aber kommt es an. Er­steht ein neuer Primo de Rivera in Spanien, so werden ihm Kräfte aus allen Bevölkerungsteilen zufließen, die heute noch schwanken, und die viel- leicht sogar glauben, die Regierung unterstützen zu müssen, um die vollkommen^ Bolschewisierung zu verhindern.

H o f s t Ihr auf einen neuen Prim o?" so fragte ich meinen Buckligen. Er beugte sich et­was über den Tisch und ließ seine Augen im Dunkel leuchten. Dann legte er sich selbst die Hand auf den mißgestalteten Rücken und sagte:Wir hoffen! Wir glauben!"

Blick in die Volkshalle wahrend der Jeffrcbe von Professor Dr. Kuhn.

In der ersten Reihe von rechts nach link: Staatspräsident und Ehrensenator Dr. Werner; Staats- Minister Dr. Müller; Se. Magnifizenz der Rektor Professor Dr. Ieß; der Stangler der Landesuniver­sität Professor Dr. Rudolf Herzog; Frau Professor Dr. Ieß; Frau Staatspräsident Dr. Werner. In der zweiten Reihe von rechts nach links: Oberbürgermeister Dr. Keller; Exrektor Professor Dr. D a n s e l o w; Prooinzialdirektor G r a e f.

Staatspräsident und Ehrensenator Dr. Werner bei der Verkündung des neuen hessischen Studenten­rechts in der Festversammlung in der Dolkshalle.

Oie Landesuniversiiät huldigt der nationalen Regierung

Bilder von der denkwürdigen Feier.

Oer Schallen primo de Riveras Steht Spanien am Vorabend der Gegenrevolution?

Von unserem -m-Berichterstatter.

oölkerung, die so ungebildet sind, daß sie eigentlich gar keinen Begriff dafür haben, was Republik und was Monarchie ist, und die durchaus glauben, der König sähe immer nochirgendwo". Der Begriff des Gotkesgnadentums wird in diesen Teilen des spanischen Volkes einfach buchstäblich genommen, und die bewußt monarchistischen Kreise nützen diese Stimmung sehr geschickt aus. Die Zeitungen haben in Spanien, obwohl sie im allgemeinen größere Auflage,Äffern als in Deutschland haben, doch nicht die Bedeutung für die politische Willensgestattung, die man ihnen vielleicht im Auslande zuschreibt. Hier ist alles auf Mundpropaganda gestellt, und diese Mundpropaganda läuft von Tür zu Tür, von der einen Herde zur anderen Herde, von einem

Festkommers im Studentenheim.

Don rechts nach links: Der Kanzler der Landesuniversität Profesior Dr. Rudolf Herzog; Frau Staats- Präsident Dr. Werner; Se. Magnifizenz der Rektor Profesior Dr. Ieß; Dr. G u y o t, Alter Herr der Landsmannschaft Chattia (der Landsmannschaft des Herrn Staatspräsidenten^ und Beauftragter für die Durchführung der Veranstaltung; Staatspräsident und Ehrensenator Dr. Werner; Frau Professor Dr. Ieß.

Sämlliche Aufnahmen: Photo-Pfaff, Gießen.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Cordoba, Mai 1933.

.3^n!cn, "oben anderen schönen Dingen, die der Welt bekannt sind, ganz herrliche kleine Knei­pen. Und in Spanien hat hinwiederum Cordoba m seinen maurischen Gäßchen die verschwiegensten Stätten, wo man Bachus huldigen kann. Ein klei­ner verräucherter Raum, in den man von der Straße sozusagen hineinfällt. Nichts als ein paar Bänke und ein Tisch und ein halbes Dutzend über- einanbergeftapclter Fässer, aus denen direkt der Wein in kleinen Glasern geschenkt wird. Und so ein Glas köstlichsten jungen Jerez kostet nach deutschem Gelde nicht viel mehr als ein paar Pfennige, wobei man sich immer wieder wundert, daß dieser Südwcin, den man in der Heimat als beinahe süß empfindet, so herb und vom stärksten taninhaltigen Geschmack sein kann, so lange er jung ist. Wenn irgendwo, so kann man hier in diesen Kneipen das spanische Volk studieren, wie es wirk­lich ist. Das spanische Volk besteht, auch das muß einmal festgestellt werden, nur aus Männern, Frauen Haden auch heute, trotz der Revolution und trotz aller schönen Worte über die Gleichberechti­gung der Frau, nichts zu sagen. Nur wählen kön­nen sie; und dieses Geschenk der Revolution ist mit einem Strick vergleichbar, mit dem sie sich selbst langsam aber sicher den Hals abschnüren.

In einer solchen Kneipe hafte ich ein Erlebnis, das vielleicht mehr als alle langen Untersuchungen zeigt, welche politischen Unter ft römun- gen heute im spanischen Volk vorhanden sind. Ich saß und trank meinen Jerez und an der anderen Seite des Tisches saßen zwei Männer, von denen man im Halbdunkel nur einen nagen Umriß sah. Man kam über den Tisch hinüber ins Gespräch, ich lud sie ein und sie tranken mir zu. Bald hagelte es Fragen, was denn eigentlich in Deutschland los (ei. Man tut das ©einige, um der Greuelpro- paganba zu begegnen. Man versucht die Entwick- lung in Deutschland zu erklären, und greift ganz selbstverständlich auf spanische Vorgänge zurück. Dabei fällt der Name Primo de Rivera. Kaum habe ich diesen Namen gesagt, da winkt mir der eine Mann dringend zu, zu ihm herüber zu kommen. Ich weiß nicht recht, was er will und gehe um den Tisch herum, bis ich dicht vor ihm stehe. Erst jetzt bemerke ich, daß er verwachsen ist. Er ergreift meine Hand und legte sie auf seinen Buckel. Dabei sagt er:Tenor, Sie sollen Glück haben, und Deutschland soll Glück haben."

Es ist ein alter, auch in einigen Teilen Deutsch- lanbs verbreiteter Aberglaube, daß die Berührung eines Buckels Glück bringe. Aber daß ein Würf­liger selbst jemand auffordert, seine Mißgestalt zu berühren, das ist doch wohl ein besonderes Zeichen von Freundschaft. Und dieses besondere Zeichen habe ich nur der Erwähnung Primos zu ver­danken, der geradezu legendäre Gestalt gewinnt. Schon als 1931 die Revolution losbrach, waren sich alle Spanienkenner einig darüber, daß diese Re­volution und die Republik, die auf sie gegründet wurde, nur ein vorübergehender Zu - st a n d sein werde. Dieses oorausschauende Urteil schien sich aber keineswegs zu bestätigen. Im Ge­genteil. Es sah eine zeitlang, besonders hier in Andalusien, durchaus so aus, als ob die Revolu­tion weitertreiben und offenen bolschewisti­schen Charakter annehmen würde. Das Land war mit kommunistischen Emissären wie gespickt. Der Anarchist V a l i n n a entfaltete mit bedeuten­den eigenen und fremden Geldmitteln eine ebenso zähe wie aufwühlende Tätigkeit, und es gelang ihm in der Tat, große Aufmärsche des in einer schrecklichen Verelendung lebenden Landarbeiter- Proletariats nach Sevilla, nach Cordoba, nach Je­rez de la Frontera, nach Cadiz und anderen Städten zu inszenieren.

Die Republik hat nun ganze zwei Jahre gewirkt. Und sie hat, wie ja wohl auch in anderen Landern, keine ihrer großen Versprechungen erfüllt. Heute ist das Landproletariat, das noch genau so elend lebt, wie früher, das genau nod) jo verzweifelt über feine Lage wie früher, schon durch­aus bereit, neue Aufmärsche zu machen, um D a s alte Regime wieder zurückzuführen. -Oavei spielen auch religiöse und mystische Empfindur^en eine sehr wirksame Rolle.Gott hat uns geschla­gen!" sagte mein Buckliger in das Dunkel der Kneipe hinein.Gott hat uns geschlagen., als er Primo von uns nahm. Wir waren dieses Mannes nicht wert, und Gott wußte, daß die^Revolufton kommen würde, als er ihn uns nahm. Primo oe Rivera ist in der Tat der e i n z i g e Staatsmann Spaniens gewesen, der wirklich Sichtbares geleistet hat. Die vorbildlichen Autostraßen, die sich durch das ganze Land ziehen, die einen Verkehr e- möglichen, an den Spanien früher "jemals g a) hat, und die in steigendem Maße auch Fremde und mit den Fremden Geld ins Land ziehen sind -venr mäler seines Willens, der, wie man weiß, nicht zur vollen Auswirkung kam, und der auch wohl doch nicht ganz so stark war wie der «nes Mfolm . Seitdem dieProfessoren" 'N Madrid regieren st es vielleicht in Wirklichkeit nicht fo D,cl mer geworden, aber da Hoffnungen e 9 waren, wird alles, alles, das Darmederftegen der Wirtschaft, das ewige Schwanken der Wnmg das tilarfern von neuenanb(c" dort als geradezu unvorstellbar f ch N m mer empfunden. Das Wort von der- guten mien Zeit geht nicht nur oben, ^ern tzt in der Bevölkerung um, und Mbltoerirara die Geistlichkeit, die eine ber ^auPc*^ 9biefem der Revolution war, alles was sie rann,

Äion 193? Mann W mit ben Gemeindewahle n. Die Bevölkerung,

1933 - und nach der Stimmung Der Senol eru^g, die man überall spürt, muß man den DegrM G genreoolution schon gebrauchen . . 9^s ist

"zwar" noch lein völliger" Du^bruch, ^er hier ge-

Schweres SfraßenbahmmM in Minz-Mmbach.

Zwei Zote.

Mainz. 11. Mai. (MTV. Funkspruch.) Ein von Gonsenheim kommender Straßenbahnzug entgleise heute vormittag in Mombach. 6r fuhr gegen einen elektrischen Hochspannungsmast und rannte in die gegenüberliegende wand einer Waggonfabrik, von den Fahrgästen wurden, soweit bis jetzt bekannt ist. zwei Kinder getötet, eine große Anzahl verletzter muhte ins Krankenhaus geschasst werden. Der Motorwagen wurde stark beschädigt.

Eine Bitte aus Hitlers Kanzlei.

Die Kanzlei Adolf Hitler teilt mit: ES besteht Veranlassung, wiederholt darauf bin- zuweisen, daß Zuschriften unmittelbar an den Führer vor allem in feiner Eigen­schaft als Kanzler nur in wirklich wich­tigen Angelegenheiten zu richten sind. Unter den heutigen veränderten Verhältnissen ist die Gewähr dafür gegeben, daß Beschwerden, Vittschriften usw., sofern die Schreiben inhaltlich sich auf das wirklich Wichtige und Volwendige beschränken, von den dafür zuständigen amt­lichen oder Partei-Dienststellen ohne weiteres ihre ordnungsgemäße Erledigung finden. In letz­ter Zeit werden überdies in steigendem Maße führende Persönlichkeiten der Bewegung und Ver­wandte des Führers als Mittler für Anliegen in Anspruch genommen. Abgesehen davon, daß die Betreffenden und ihre Dienststellen durch die Weiterleitung dieser Post an die Privat­kanzlei unnötigerweise von wichtigeren Arbeiten abgehalten werden, wird gerade die Bearbeitung dieser Zuschriften bedeutend verzögert. Die Pri­vatkanzlei des Führers befindet sich nach wie vor in München, Braunes Haus, Brienner Straße 45.

Ergebnisse

des OHD.-Berufswettkampfes.

Vom Wettkampfleiter des DHV -Derufswett- kampfes 1933 wird uns berichtet:

Am 19. März versammelte der Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband (DHV) im ganzen Deutschen Reiche und in Deutsch-Oesterreich die deutschen Kausrnannslehrlinge und Junggehilsen zu seinem diesjährigen Berufswettkampf. Die Aufgaben waren aus der Praxis entnommen und in die Klassen A-Lehrlingc im ersten Lehr­jahre, B-ßchrlingc im zweiten und dritten Lehr­jahre und C-Junggehilfen bis 22 Jahre geteilt. Reben den Pflichtaufgaben Deutscher Aufsatz, Kaufmännisches Rechnen und Situationsaufgaben waren als Wahlfächer Buchhaltung, Wirtschafts­geographie, Kurzschrift und Fremdsprachen zuge­lassen. 3n Gießen fand der Berusswettkampf im Verbandshaus des DHV. unter Leitung des Wettkampfleiters Heinrich Seibert statt. Rahezu 50 3ungmannen waren zum Wettstreit erschienen- Die abgegebenen Arbeiten sind als gut, teilweise sogar alssehr gut anzu­sprechen. Der Prüfungsausschuß unter Vorsitz des Handelsstudienrats Rück stellte die besten Arbeiten fest, die dem Gauprüfungsausschuß zu­geleitet wurden. Der Gauprüfungsausschuß er­kannte als für den Wettkampsort Gießen beste Arbeiten:

Klasse A: 1.Preis Helmut Seibert, Gie­ßen (t 5a. Gebrüder Kahl); 2. Preis Heinrich Schmück, Gießen (i. Fa- August Wallenfels); 3. Preis Karl Rodenhausen, Wieseck (i. Fa. Gebr- 3ullmann); Anerkennung Walter B e n d e, Gießen (i. Fa. Handels- und Gewerbebank).

Klasse B: 1. Preis Tyilli Brückmann, Gießen (i. Fa. W. & G. Schuchard); 2. Preis Emil 3 o st, Gießen (i. Fa. W. & G. Schuchard); 3. Preis Alwin Rüffer, Gießen (i. Fa Carl Petri).

Klasse C: 1. Preis Max Müller, Kinzen­bach (i. Fa. Schunk & Ebe).

Konzert des Roth'schen Männerchors in Lich.

# ßid), 10. Mai. Dieser Tage veranstaltete der Rothsche Männerchor unter Leitung seines Chormeisters Lehrer Stein sein diesjähriges Kon- zert. Der Verein ist sich seiner Verpflichtung und der großen Aufgaben in der deutschen Sängerbeweoung verantwortungsvoll bewußt, unsere großen Tondich­ter in ihren Werken zu ehren. Zur Einleitung g". dachte man Josef Haydns. In sachkundiger Weise verstand man ein Bild seines vielseitigen Schassens zu geben, indem ein Querschnitt seiner Werke, von der kleinsten Form, der Sonate, bis hinaus zum OratoriumDer Schöp'ung" geboten wurde. Die Wiedergabe lag in künstlerischen Händen. Herr Leh­rer Stein (Klavier), sowie die Herren Mohr (Violine) und Reinhardt (Cello) haften den instrumentalen Teil übernommen. Der Kirchenchor, mit gutem Material, brachte mit abgerundetem Chorklang dasDanklied zu Gott" zum Vortrag. Nicht zuletzt krönte mit seiner wohlklingenden Te> norftimme und seiner künstlerischen Wiedergabe Leh­rer Dietrich mit der Arie aus der Schöpfung: Und Gott schuf den Menschen" die Ehrung des Meisters. Auch die anderen Arien und Lieder, bc- sonders das Wanderlied von Schumann, zeugten von einer großen Elastizität dieser Tenorstimme. Der Männerchor erfüllte seine Aufgabe, die P'Iege des Volksliedes, mit dem Vortrag einiger Volks­lieder, in denen dem 1. Tenor ein besonderes Lob zukommen möge. Mit dem letzten Volkslied:Der verliebte Fähnrich" muhte sich die Sängerschar zu einer Wiederholung verstehen. Einen Chorklang von reicher Farbenpracht, wie er dem gemischten Chor von Natur aus gegeben ist, konnte man in der hüb­schen Wiedergabe einiger Volkslieder des Kirchen- chors vernehmen. Zusammenfassend sei noch beson­ders der begabte Leiter Lehrer Stein erwähnt, der immer wieder in seinen Konzerten versucht und das ist ihm diesmal auch wieder gelungen, die Zuhörer auch mit anderen Musikzweigen bekannt zu machen. Seine Zielrichtung ist gut, sein Wille und sein Können sind stark genug, hier weiter bauen zu können.