Ausgabe 
11.4.1933 Erstes Blatt
 
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An seine Stelle wurde ein Vertreter der Hitler-Jugend in die Leitung des Reichs- verbandes entsandt.

Oie Neuwahl der Schöffen, Geschworenen und Handelsrichter. Berlin, 11. April. (CNB. Funkspruch^ Im Reichsgesetzblatt wird das Gesetz über die Neuwahl der Schössen, Geschworenen und Handelsrichter ver­öffentlicht. Das Gesetz bestimmt, daß die laufende Wahlperiode der Schöffen und Geschworenen m i t dem 3 0. Juni 1933 endet. Die am 1. Juli 1933 beginnende neue Wahlperiode endet mit dem 31. Dezember 1934. Die Neuwahl der Schöffen und Geschworenen hat nach den Vor­schriften des Gerichtsverfassungsgesetzes alsbald zu erfolgen. Der Neuwahl kann 'bi'c Urliste zugrunde gelegt werden, auf die die Schöffen und Geschwore­nen für die Jahre 1933 und 1934 gewählt worden sind. Die Landesjustizoerwaltungen werden ermäch­tigt, über die Bestellung der Schöffen und Geschwo­renen, die bis zum Ende der Wahlperioden tätig sein sollen, Bestimmungen zu treffen und hierbei von den Vorschriften des Gerichtsverfassungsgesetzes abzuweichen. Für die Beendigung der Amtsdauer der Handelsrichter und die Ernennung neuer Handelsrichter gelten analoge Bestimmungen. Das Gesetz bestimmt, daß in bürgerlichen Rechtsstreitig­keiten und in Strafsachen die Revision und Nichtig­keitsklage nicht darauf gestützt werden kön­nen, daß ein Gericht zwischen dem 21. März und dem 1.Juli 1933 nicht vorschriftsmäßig besetzt gewesen sei.

Kleine politische Nachrichten.

Staatspräsident Dr. Werner emp­fing Vertreter des Katholischen Deutschen Leh­rerinnenvereins, des Roten Kreuzes, der notlei­denden Reuhausbesiher, des Alice-Frauenvereins und des Hessischen Automobilklubs.

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Die Einführung einer Reichsange­hörigkeit an Stelle der bisher in Deutsch­land üblichen verschiedenen Staatsangehö­rigkeiten wird im Zusammenhang mit der Reichsreform im Reichsinnenministeriium bear­beitet.

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Der Stabsletter der politischen Organisation der NSDAP., Dr. Robert Ley, hat den nationalsozia­listischen Reichstagsabgeordneten Rudolf Schmeer (Aachen) zum Rj-ichsinspektor der obersten Leitung der politischen Organisation ernannt.

Wie das nationalsozialistischeHamburger Tageblatt" berichtet, wird der zurückgetretene Derbandsvorsitzende des DHV., D e ch l y , der RSDAP. beitreten. Die Parteileitung er­klärt, daß dem Beitritt nichts im Wege steht.

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Infolge der dringenden und wiederholten Vorstel­lungen der Reichsregierung, die sie sowohl bei der französischen Botschaft in Berlin wie durch Ver­mittlung der deutschen Botschaft in Paris erhoben hat, hat sich die französische Regierung endlich be- reitgefunben, die Ausweisungsverfügung gegen den nationalsozialistischen Pariser Berichterstatter Albert Körber zurückzunehmen.

Die Pressestelle beim badischen Staatsministe­rium teilt mit: Die Strafkammer des Landgerichts Offenburg hat auf Grund der letzten Amnestieoer- ordnung die an der Beseitigung Erzbergers Beteiligten außer Verfolgung gefetzt. Damit können sie nach langen Jahren mieber un­behelligt deutschen Boden betreten.

Der Reichskommissar für das Land Sachsen hat den Sozialistischen Aerztebund mit so­fortiger Wirkung aufgelöst. Die von dem auf­gelösten Bund etwa verwendeten Räume sind

polizeilich zu schließen. Das Vermögen ist zu be­schlagnahmen.

Kunst und Wissenschaft.

(Eine Morgenfeier des Kampfbundes für deutsche Kultur an Hitlers Geburtstag.

Der Kampfbund für deutsche Kultur veran­staltet am 20. April anläßlich des Geburts­tages des Reichskanzlers Adolf Hitler eine große Morgenfeier in der Berliner Staatsopcr. Die Veranstaltung, die um 11.30 Uhr beginnt, wird durch das Kampfbund­orchester, verstärkt durch nationalsozialistische Mitglieder sämtlicher großen Berliner Orchester unter Leitung von Pros. Dr. h. c. Gustav Ha­be m a n n durchgeführt. Zum Vortrag gelangen u. a. Werke von Bach und Beethoven.

Einstein wird Professor in Spanien.

Wie aus Madrid gemeldet wird, hat Prof. Dr. Albert E i n st e i n ein Angebot, ordentlicher

Professor an einer spauycyen Universität zu werden, angenommen.

Aus aller Wett.

Llly Beinhorn in Kairo gestartet.

Die deutsche Fliegerin Cllh Beinborn ist in Kairo zur Fortsetzung ihres Fluges gestartet.

Tödlicher Unfall eines Segelfliegers.

Beim Segelfliegen der Segelfliegergruppe Ober- langenbielau (Schles.) ereignete sich ein töd­licher Unfall. Der 31jährige Flugschüler Pfeiffer stürzte aus etwa 20 Meter Höhe ab und wurde so schwer verletzt, daß er bald darauf st a r b.

Zwei lote bei einem Motorradunglück.

In der Rähe der Stadt Zwickau fuhr ein Mo­torrad in einer Kurve, die der Führer der Ma­schine in sehr schneller Fahrt nehmen wollte, gegen einen Daum. Der Fahrer und fein Begleiter wurden auf die Straße geschleudert und sofort getötet.

Aus der provinzialhauptstadi.

Oie lesende Straße.

E-s ist immer wieder von Reiz, behaglich aus dem Fenster gelehnt das bewegte Treiben einer Geschäftsstraße anzusehen.Vom sicheren Port läßt sich's gemächlich raten." Herrlich unbeteiligt beobachtet man das Gewimmel, das Hasten, Sto­ßen, Eilen die plötzlichen Stockungen wegen eines wütenden Hundes, eines gestürzten Rad­fahrers, einer interessanten Dekoration hinter großen Spiegelscheiben der Geschäfte.

Verkehrsknoten schürzen sich, entwirren sich, Autos hupen in erschreckte Ohren eine ewig wechselnde Szenerie, weniger gemütlich für die Mitspieler, aber durchaus zerstreuend für den Beschauer. Selbst die grimmigsten Ereignisse ge­winnen in der Vogelperspektive einen Schimmer von Humor, immer fühlt sich der von oben Hin­unterblickende überlegen, und was dort unten aufregt, regt oben nur an.

Ich betrachte also gewissermaßen aus der Loge die häuserumfäumte, langgestreckte Bühne, deren Steine jetzt die Welt bedeuten. Und da pflanzt sich mir gegenüber ein Mann auf und verteilt, an eine Laterne gelehnt, von einem grohen Stapel unter seinem Arm Flugblätter an die Passanten. Erster Akt aus. Vorhang.

Zweiter Akt! Wo eben noch angespannte Auf­merksamkeit und energisches Vorwärtsstreben das Spieltempo diktierte, greift nun eine gemächliche Geruhsamkeit Platz. Die Akteure, Passanten ge­nannt, ergreifen die Blätter, verzögern den Schritt, lesen. Riemand hat es mehr so eilig. Die Köpfe über den Tert gesenkt, so zieht es langsam dahin. Immer dünner wird der Stapel, immer literarischer das Gesicht der Bühne. In­zwischen hat sich, weiter oben, ein zweiter Sta­pelmann ausgestellt, so daß sich jetzt die ganze Straße, soweit man blicken kann, mit Lesen be­schäftigt. Und das ist ein ganz ausgezeichneter Regieeinfall des Derkehrsgottes. Denn eine City­straße ist fein Lesekränzchen. Großstädter oder Bücherwurm! Derkehrsgerecht oder verschmokert! Kompromisse sind auch hier verderblich. Und so ergeben sich denn auch aus der Richtbeachtung dieser Tatsache höchst bühnenwirksame Komplika­tionen.

Da wandelt, lesend, ein würdiger älterer Herr. Erst rechts, nach Vorschrift. Dann in der Mitte. Dann links, gegen die Vorschrift. Strafe: ein Laternenpfahl, der überzeugend beweist, daß er entschieden unempfindlicher als ein Ellenbogen ist.

Ein biederer Mann mit Stehkragen und Zwicker. Er lieft nicht, denn jemand hat ihm den Zettel vor der Rase weggeschnappt. Run

ist er empört über die andern und schreitet, ein Musterschüler des Verkehrs, überlegen und be­leidigt durch diesen bedauerlichen Zustand der Unaufmerksamkeit. Als ihm ein Junge, der mit Hingabe seinen Zettel buchstabiert, auf die Schuh- spitze tritt, statuiert er jedoch ein Cxempel und gibt dem Dengel eins hinter die Ohren. Sicht­lich erleichtert entschreitet er, während das Opfer dieser angewandten Pädagogik vor Verblüffung ganz das Heulen vergißt.

Versöhnlicher gestimmt wird man durch einen feschen Jüngling, der, lesend, auf der rechten Seite geht. Ihm entgegen, lesend, auf derselben Seite eine fesche Same. Beide wissen von ein­ander noch nichts, während der Zuschauer aus der Loge bereits erfreut den Zeitpunkt dieser pikanten Karambolage berechnet. Die Rechnung stimmt, er zieht galant den hellen Hut, beide lachen. Rur fehlt ihm leider der nötige Mut, die Chance auszunutzen. Geht also weiter und dreht nur sehnsüchtig den Kopf zurück, wobei er über eine Hundeleine stolpert.

Die Stapelmänner verteilen und verteilen. Die Straße liest. Ein Zusammenstoß nach dem andern. Fast wird das Schauspiel zur Tragödie, als eine alte Frau, lesend, auf den Fahrdamm gerät und nur mit knapper Mühe den Reifen eines Liefer­wagens entgeht.

Dritter Akt: Die Stapelmänner sind ver­schwunden. Das Lesekränzchen ist beendet. Die Straße macht sich nun, besät mit weißen Zetteln, durchaus winterlich, während im übrigen der Normalzustand des ersten Aktes erreicht ist. Das Stück ist aus, und im Hintergrund sehe ich schon die Bühnenarbeiter der Strahenreinigung bei den Aufräumungsarbeiten.

Qlun fragt sich bloß: was war eigentlich auf ben Zetteln zu lesen? Cs soll der Phantasie des Lesers überlassen bleiben... H. v. M.

Taten für Dienstag, 11. April.

1806: der Dichter Anastasius Grün (Anton Alexander Graf von Ausperg in Laibach geboren; 1921: Kaiserin Auguste Viktoria in Haus Doorn in Holland gestorben.

Gießener Wochenmarktpreise.

' Gießen, 11. April. Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Süßrahmbutter Pfund 1,10: Landbutter 1,10; Kochbutter 90; Matte 20 bss 25; Wirsing (gelb) 12 bis 15; Weißkraut 8 bis 10; Rotkraut 15 bis 25; gelbe Rüben 10 bis 12; rote Rüben 10; Spinat 15 bis 20; Unter« Kohlrabi 6 dis 8; Feldsalat 80 bis 1,00; To- maten 50 bis 60; Zwiebeln 10; Meerrettich 30

bis 50; Schwarzwurzeln 25 bis 30; Rhabarber 25; Kartoffeln 3; Aepfel 20 bis 30; Dörrobst 35 bis 40; Obstmus 40 bis 45; junge Hähne 70 bis 90; Suppenhühner 70 bis 80; Tauben Stück 40 bis 60; Käse 5 bis 10; Eier (inl.) 8; Dlumenkvhl 30 bis 60; Salat 20 bis 30; Salatgurken 50 bis 60; Lauch 5 bis 10; Sellerie 10 bis 30; Rettich neue Dund 50 bis 60; Radieschen 10 bis 15; Kartoffeln Zentner 2,50 Mk.

Warnung vor Gchwindeluniernehmen.

Der heutige Polizeibericht meldet: Die Kauf­leute Alfred Zang er le, geb. 26. 4. 05 in München, und Max Dauer, geb. am 14. 10. 06 in München, befassen sich unter der Firmen­bezeichnungReprod a" in München. Schwantalerstraße 72, mit dem Vertrieb von Photoschecks und der Herstellung photographischer Vergrößerungen und Malereien in schwindel­hafter Weise. Sie suchen durch verlockende Zei­tungsanzeigen gegen Stellung von Sicherheits­einlagen in Höhe von 300 bis 600 Mark Ver­treter, Ausgeher und Kassierer und schließen mit ihnen Verträge ab unter Versprechung guter Verdienstmöglichkeit. Den sich meldenden Vertre­tern wird ein bestimmter Bezirk zugewiesen mit der Auflage, daß sie vor Beginn ihrer Tätigkeit einen größeren Posten Photoschecks, meiste 6000 Stück, gegen sofortige Bezahlung abzunehmen ha­ben. Aus einer Reihe eingegangener Anzeigen geht hervor, daß für die Photoschecks keine Ab­satzmöglichkeit gefunden werden kann und daher die Abnehmer der Schecks um die hingegebenen Beträge geschädigt sind, da die Firmeninhaber eine Zurücknahme der Schecks und Herausgabe der Beträge unter Berufung auf den Vertrag ablehnen. B. betreibt außerdem noch einen Branchen-Adreßbuchverlag für Süddeutschland, wofür er gleichfalls durch Inserate in den Tages­zeitungen Kassierer und Ausgeher mit Jn- tereffeneinlagen bis zu 1500 Mark bei hohem Einkommen sucht. Auch müssen die Bewerber hinterher erfahren, daß sie um ihre Einlagen geprellt sind, da der gebotene Verdienst bei wei­tem nicht erzielt werden kann. Mitunter über­eignet D. den Bewerbern als Sicherheit für ihre Einlagen auch Grundschuldbriefe, deren Wert aber nur einen Bruchteil von dem Rennwert dar- stellen.

Bornotizen.

Tageskalender für Dienstag. Stadttheater: 20 bis 22 Uhr,Andeas Voll­mann. Lichtspielhaus Bahnhofstraße:Der goldene Gletscher". "

Cinbruchsdiebstahl. In der letzten Rächt wurde in einem Feinkostgeschäft in der Frankfurter Straße ein Einbruch verübt. Ge­stohlen wurden ein Sack frisch gebrannter Kaffee. Räucherwaren und Käse. Die polizeilichen Er­mittlungen sind eingeleitet.

" Verhängnisvoller Sturz vom Motorrad. Am Sonntag ereignete sich in Launsbach ein Unfall, der schwerwiegende Folgen hatte. Der 54jährige Landwirt Friedrich Pfaff sollte von einem Motorradfahrer eine Strecke Wegs auf dem Kraftrad mitgenommen werden. Als er sich auf den Soziussitz setzte und das Motorrad im Anfahren begriffen war, stürzte er vom Sitz so unglücklich auf die Straße, daß er eine schwere Schädelverlehung und einen Kie­ferbruch erlitt. Der bedauernswerte Mann mußte nach der Chirurgischen Klinik gebracht werden. Sein Befinden ist, den Umständen entsprechend, gut.

Jahreshauptversammlung des Männer-Turnvereins. Bei ber am Samstag abgehaltenen Jahreshauptversammlung erstattete zunächst der erste Sprecher den Jahres­bericht. Daraus ging hervor, daß sich die ernste wirtschaftliche Lage, in.der sich viele Dereinsange- hörige befinden, auch im Vereinsleben fühlbar machte. Trotzdem waren die turnerischen Erfolge des Vereins sehr erfreulich. So hatte im abge-

Oie stummen Gäste von Zweilinden

Noman vonAnny vonpanhuys.

Copyright by Belletristische Korrespondenz Bechthold.

14. Fortsetzung. Rachdruck verboten!

Arn Tisch saß Angelas Mutter Maria Landay Mora. In Spanien nimmt die Frau nicht wie in Deutschland nach der Hochzeit den Namen ihres Mannes an, sondern sie behält ihren Mädchennamen. Und ihr Mädchenname setzt sich zusammen aus beiden Namen von Vater und Mutter.

Frau Maria war tiefbrünett und wäre sehr hübsch gewesen, wenn man ihr nicht Sorge und Entbehrung gar zu deutlich vorn Gesicht hätte lesen können.

Als Angela eintrat, glitt ein mattes Lächeln über ihre Züge.

Die Kleine legte die Bananen auf den Tisch. --Zwei sind für dich, Mutter, und zwei für den Vater. Die Zigeunerin hat sie mir geschenkt. Du weißt doch, ich habe dir schon oft von ihr erzählt. Sie heißt Miguela, hat sie mir heute gesagt. Wir beide reißen meist zusammen aus, wenn der Rote kommt, und sie kann so sehr lachen. Sie lacht den Roten immer aus."

Die Frau lächelte wieder; aber das Herz tat ihr weh, als sie dachte, sie mußte es dulden, daß ihr Liebling als Straßenhändler etwas mitverdienen half, damit man das tägliche Brot kaufen konnte. Die Frauen kauften ihrer Tochter viel leichter Blu­men ab als ihr.

Angela legte Geld auf den Tisch.

Zähle mal nach, Mutter, ich kam noch nicht dazu. Ich glaube es find beinahe drei Peseten."

Die Frau zählte das Geld.

Ja, Angela, es sind beinahe drei Peseten." Angela klatschte in die Hände und freute sich: , Ich will cs auch dem Vater sagen. Wo ist er denn?"

Der Vater schläft nebenan, erzähle es ihm später, und fei jetzt nur recht leise", mahnte die Frau, und dann sie eine Banane, gab Angela auch eine in die Hand und begann bunte Perlen zu Ketten auf­zureihen, deren Herstellung sie als Heimarbeit von einem Spezialgeschäft billiger Schmucksachen über­nommen hatte.

Angela setzte sich und half ihr dabei. Die kleinen Finger waren sehr geübt.

Nach einem Weilchen sagte sie:Blumen mache ich lieber, Mutter, die kommen mir, wenn sie fertig sind, fo hübsch lebendig vor. Manchmal denke ich aber, unsere Blumen sind zu groß und ihre Farben sind nicht richtig, sie find viel zu grell."

Frau Maria sah chr Kind nachdenklich an. Eigent- lich^hatte Angela recht.

Sie antwortete:Die Frauen, die von uns künst­liche Blumen kaufen, wollen so große Blumen und

so grelle und leuchtende Farben, sonst gefallen sie ihnen nicht."

Von nebenan hörte man lautes Gähnen, und ein paar Minuten später öffnete sich die Tür, und ein sehr großer Mann trat ein. Sein blondes Haar war reich von weißen Fäden durchsponnen, und In das vornehm geschnittene Gesicht hatten Sorge und Laster ihre scharfen Zeichen eingegraben. Er hinkte stark, und seine Stimme hatte einen heißeren Klang, als er verdrossen fragte:Wie steht es mit dem Essen? Ich habe verdammten.Hunger."

Frau Maria erhob sich sofort.

Ich brauche nur aufzuwärmen, ich koche immer für zwei Tage im voraus."

Sie ging an den Herd, der aus einer offenen Feuerstätte bestand, wie man sie hier viel benützt, da die geschlossenen Kohlenherde im Sommer zu heiß machen. Sie legte dünnes Anmachholz zusammen, baute Holzkohlenstückchen darüber und entzündete dann das Holz. Die Flammen sprangen auf die Kohlen über, und durch eifriges Fächeln mit einem für diesen Zweck bestimmten Strohfächer wurde das Feuer immer mehr entfacht und griff außerordent­lich schnell um sich.

Die Frau stellte dann einen Topf mit Reis und ein wenig feingehacktes Fleisch zum Wärmen auf.

3n einer Viertelstunde können wir essen", sagte sie.

Der Mann verzog den Mund, aber er antwortete nicht. Wozu immer wieder brummen und schelten, wie sehr ihm ausgewärmtes Essen zum Ekel war. Wie ihm überhaupt alles hier zum Ekel war. Die elende Wohnung, das billige Essen, die ganze jämmer­liche Umgebung, in die er festgebannt war für die Zukunft.

Aber wo sollte er hin? Er war einer der über­flüssigsten Menschen, die es auf Erden gab. Angela bot ihm die Bananen, und er nahm sie. Das Kind liebte er, soweit ein Mensch, wie er, überhaupt jemand lieben konnte.

Angela fragte:Warst du früher Schreiber auf einer Bürgermeisterei, Vater?" Sie sah ihn er­wartungsvoll an.

Er machte ein erstauntes Gesicht.

Wie kommst du darauf?" fragte er zurück.

Sein Spanisch war geläufig, aber man erkannte daran sofort den Ausländer.

Die Kleine wiederholte ihr Gespräch mit der Zigeunerin.

Er lachte höhnisch:Nein, so ein feiner Herr bin 'ch nicht gewesen. Aber ein Graf war ich. Weißt du, was das ist? Nein? Grafen find Menschen, die mit ganz vornehmen Leuten verkehren und manchmal in Schlössern wohnen und sich bedienen lassen." Er nickte.Siehst du, so einer bin ich gewesen, und in einem Schloß habe ich auch gewohnt, und morgens bin ich ausgeritten. Manchmal bin ich auch aus- gefahren, und mein Schloß hat dreißig Zimmer ge­habt. Ucberaü haben seidene Sessel gestanden und Bilder mit goldenen Rahmen gehangen."

Die Frau lauschte mit andächtig gefalteten Hän­den, ihre dunklen Augen hingen bewundernd an dem Mann.

Das Mädchen fragte:Warum bist du denn nicht m dem schönen Schlosse geblieben?" Dabei sah sie erwartungsvoll auf ihn. Ihre Mutter lächelte bei den Worten ein wenig.

Das Schloß lag in Deutschland, Angela, und wenn Vater dort geblieben wäre, hätte er uns doch nicht kennengelernt."

Angela nickte ernsthaft:Das wäre schade ge­wesen."

Der Mann sah seine Frau an und wiederholte ingrimmig:Das wäre wirklich schade gewesen."

Er betrachtete die Frau von oben bis unten. Ihr schwarzes Haar war lockig und dicht, aber es war auch ungeordnet, hing liederlich um den Kopf. Ihr Kleid war schmuddelig und zeigte ein paar Risse, die Hacken der Halbschuhe waren niedergetreten.

Er schloß die Augen und die Erinnerung kam, zeigte ihm Bilder, die einmal Wahrheit gewesen. Schöne Frauen sah er in leichten Kleidern mit zar­tem Puder auf den feinen Zügen, mit koketten Auaen. Wieviel Zeit hatte er beim Sekt und mit solchen Frauen verbracht, die ihm die Stunden mit Küssen und Lachen gekürzt. Aber er hatte dabei nicht bedacht, wie schnell auf solche Weise doch ein Ver­mögen verbraucht werden kann.

Ein Bild erschien ihm, zeigte ihm ein schmales -Nädchen, das mit bräunlichem Haar und großen, blauen Augen ihn ansah. Sie gehörte nicht zu der Klasse der leichtlebigen Geschöpfe, an die er Zeit und Geld verschwendet, und hätte er sie geheiratet, selbst wenn sie keinen Pfennig besessen, stände er heute doch als ein ganz anderer da. Sie aber war reich geworden, während man seinen Namen dort, wo er einmal in Deutschland daheim gewesen, wohl kaum noch nannte. Geschah es aber, dann geschah es sicher aeringschätzend und verächtlich. Heute könnte er Herr auf einem der größten Taunus­güter sein, statt dessen war er em invalider Ge­legenheitsarbeiter, der mit einer Frau, die nicht einmal ihren Namen schreiben konnte, zusammen in einer Baracke hauste. Gut, daß die verheiratete Frau hier auch in der Ehe ihren Mädchennamen weiter­führte; es wäre unglaublich, in ihr eine Gräfin Speerau zu sehen.

Er lachte laut auf, so unsinnig erschien ihm der Gedanke.

Angela fragte:Hast du an etwas Lustiges ge­dacht, Vater?'7

(fr gab zurück:Es ging mir ein alter Scherz durch den Kopf."

Die Frau räumte die bunten Glasperlen weg und brachte die Mahlzeit auf drei Tellern herbei. Da­neben legte sie drei Löffel.

Er würgte die ersten Bissen mit Widerwillen hin­unter, dann zwang ihn der Hunger, schneller zu essen. Nach dem Mahl ging er fort; er wollte wieder ein­mal Beschäftigung suchen. Große Hoffnung hatte er

nicht. Sein verkürztes, schwaches Bein störte die Arbeitgeber.

Er machte sich widerwillig auf den Weg, und als er abends entmutigt heimkam, fand er eine ganze Menschenversammlung vor dem stallartigen Häuschen, in dem er wohnte. Er schob die Leute beiseite, fragte erschreckt:Was ist geschehen?"

Er horte plötzlich Angela drinnen im Hause laut meinen in langgezogenen, klagenden Tonen,

Er wartete keine Antwort ab, eilte, so schnell er kannte, ins Haus. Da lag seine Frau auf ein paar alten Decken am Boden mit geschlossenen Augen und rührte sich nicht.

Eine Nachbarin schob sich ihm entgegen.

Ihre Sennora wollte Perlenketten abliefern gehen, aber draußen auf der Straße, ich sah es vom Fenster aus, faßte sie mit einemmal nach dem Her­zen und fiel um. Sie war gleich tot; der Doktor ist eben weggegangen. Sie hat wohl ein schwaches Herz gehabt, der Doktor sagte, es wäre Herzschlag."

Angela drängte sich dicht an ihn heran.

Vater, wecke doch Mutter auf, die Nachbarn be­haupten, Mutter sei tot, und das glaube ich nicht."

Sie weinte wieder so jammervoll laut und lang- gezogen.

Er legte den linken Arm um die Weinende, fuhr sich mit den Fingerspitzen der Rechten über die Augen. Er wußte, seine Frau hatte immer ein krankes Herz gehabt, sie hatte oft geklagt, es täte ihr weh ober klopfe zu stark und angstvoll. Aber es war ja nie Geld dagewesen für den Arzt.

Er ließ die Hand, die ein paar schwerfällige Tränen meggetupft, sinken, stöhnte laut:Was soll ich tun, ich habe kein Geld, und sie muß doch be­graben werden?"

Eine Stimme antwortete:Auch die Armen schafft man ins Grab, aber ihr Sarg hat keine silbernen Beschläge, und alles geht schnell und natürlich auch ohne jede Feierlichkeit vorüber. Das ist nun einmal unser Schicksal!"

Er bat mit wirrem Blick:Ich mochte allein sein mit meiner Frau und meinem Kind."

Die Leute entfernten sich langsam, und er setzte sich an das Fenster, das jemand weit geöffnet hatte, zog die weinende Angela auf seinen Schoß.

Werde ruhig, mein Kind, nun müssen wir sehen, wie wir ohne die Mutter durchkommen."

Er wußte, es war schwer, denn die Frau hatte ihn meistens miternährt durch die Anfertigung der bunten Perlenschnüre und der künstlichen. Blumen.

Angelas Weinen verstummte plötzlich.

Mutter war fleißig', lobte sie,von nun an will ich fleißig sein. Die Perlenketten kann ich auch auf- reihen, und die Blumen bringe ich fast so wie Mutter fertig. Wenn du dir Mühe gibst, Vater, konntest du mir sogar helfen. Ich zeige dir, wie man es macht. Dann brauchst du dir gar keine andere Arbeit zu suchen und bleibst bei nur."

(Fortsetzung folgt)

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