Wie sie ihn bezwang
Origtnalroman von 3 Echneiver-Zoerstl.
Urheberrechtsschutz: Verlag Meister. Werdau i. 5.
20 Fortsetzung. Nachdruck verboten I
Joe Brandt kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, aber er mußte zugeben, daß es immerhin ein Gebot der Klugheit war, ihr Inkognito um jeden Preis zu wahren. Man konnte nicht wissen, wem man da aus den heimatlichen Bekanntenkreisen in die Finger lief. Es kamen allerhand Leute nach Italien, die man weiß Gott wo anders in der Welt glaubte.
Frau von Guielmo war eine kluge, weitsichtige Frau, die das Leben kannte und den Tag und seine Wechselfälle. Sie hatte sich auch in der Annahme nicht getäuscht, daß man überall offene Türen fin- den würde. Wo sie auch anklopften, wurde ihnen aufgetan. Sie wurden zu offiziellen Empfängen, xu Diners und Gartenfesten gebeten. Der Chef des italienischen Flugwesens erwies sich ihnen als wohlwollendster Protektor, er stellte Joe eine Maschine zur Verfügung, mit der sie bereits am Ende der ersten Woche Probeflüge aussührten.
Stephanie war noch nicht angstsrei, zuckte zusammen, wenn der Apparat sackte und stieg mit weißem. Gesicht aus dem Führersitz. Die Theorie, die sie damals in der kleinen Waldhütte von Joe Brandt erlernt hatte, war gut. Die Praxis war es weniger, denn die freie Zeit, die sie zur Verfügung gehabt hatten, war herzlich knapp gewesen. Joe war auf dem Flugplatz in München eine zu bekannte Persönlichkeit, und sie hatten nicht allzu oft Gelegenheit gehabt, zusammen in die Lüfte zu steigen.
Aber nun, hier, wo sie als fremde Gäste einer der in Gesellschaftskreisen ganz Roms bekannten Dame aalten, holten sie das nach. Jeden Morgen stiegen sie auf, immer weiter dehnten sich ihre Flüge, bis hinunter in das Tal des Arno und hinauf nach Mailand zu trug sie der schillernde Bogel.
Die Herzogin von Rivolte überließ ihnen ihr Pri- vatflugzeug zur freien Verfügung.- Sie hatte rasch hintereinander zwei Unfälle damit gehabt, die knapp am Tode vorbeigegangen waren und wollte vor- läufig nichts mehr vom Gleiten durch die Lüfte wis- sen.
Stephanie hatte alle Furcht und jedes Bangen abgelegt und Joe Brandt sah sich zur rechten Zeit genötigt, eine Mahnuna zur Vorsicht einzuslechten. „Sie dürfen nie vergessen, Baronin, daß kein Ge- rüst Sie hält, wenn Sie zu stürzen beginnen, und Geistesgegenwart ist das einzige, das Rettung, selbst im verzweifeltsten Falle verspricht."
Und Stephanie befolgte alles. — — Vierzehn Tage später stieg sie das erstemal allein auf. Joe Brandts Gesicht war weiß wie die Federwolken,
-alle hin verschwunden.
„Der Herr rechts! Sie nicht hin, sie
--Um Gottes willen sehen kommen zurück. Ich überlasse Joe!"
Sie Ihrem Geschick, _
Ehe er etwas erwidern konnte, war sie nach der
„Welcher?" Ihre Erregung hatte sich ihm mitgeteilt und flackerte in der Stimme.
Man traf sich erst zum Abendtisch wieder. Joes ernstes Gesicht gab Stephanie zu denken. „Haben Sie mit ihm gesprochen?"---
„Ja!--Er hat mich für einen Italiener ge-
halten und gefragt, warum Sie sich so schnell unsichtbar gemacht haben. Es wäre sehr schneidig gewesen, wie Sie da neben dem deutschen Großflugzeug Schritt zu halten versucht hätten.--Auch
Ihren Namen wollte er wissen!"
„Was haben Sie ihm gesagt?--" Den Kör
die sich über den Horizont schoben. Als fit nach der Richtung des Pincio hin im Aetherblau verschwand, bemächtigte sich seiner eine so grenzenlose Unruhe, daß er einen Flugschüler, der eben seinen Eindecker aus der Halle ziehen ließ, ersuchte, ihn mitzunehmen.
Aber Stephanie mußte wohl die Flugrichtung aeändert haben. Es war, so sehr Brandt auch seine Augen anstrengte und das Feldglas kaum mehr sinken ließ, nichts von ihr zu erspähen. Sein Gehirn kombinierte die schrecklichsten Dinge: Propellerbruch, Notlandung, Vergaserbrand. Er hätte es nicht zugeben dürfen, daß sie ohne jegliche Begleitung ausslieg.
Von Norden kam das deutsche Verkehrsflugzeug, das erst seit zwei Wochen durchgehenden Dienst verrichtete. Er konnte ganz deutlich dessen typische Merkmale unterscheiden. Unter ihm jagte ein klei- neres, — — ein Kolibrioögelchen, das vergeblich den großen Bruder einzuholen suchte.
„Stephanie!" Die fürchterlich« Erregung flaute ab und machte einer grenzenlosen Müdigkeit Platz. Joe Brandt ließ es nicht mehr aus den Augen. Wie Zugvögel im Herbst pendelten sie hintereinander her.
Dann ein graziöses Gleiten auf den großen weiten Platz, der von Menschen wimmelte. Stephanie kletterte eben vom Führersitz, als Joe aus sie zugelaufen kam. „Meinen Glückwunsch, Baronin!" Sie blickte in sein noch immer blosses, von Erregung zuckendes Gesicht. „Nun?---Hab ich
es denn nicht brav gemacht, mein Lieber?"
Er vermochte nur zu nicken, hob ihre Rechte empor und drückte seine Lippen darauf. In demselben Augenblick schritten zwei Herren an ihnen vorüber. Stephanie schrie leise auf und wandte das Gesicht der Flugzeughalle zu. Der eine sah sich nach ihr um, trug ein Lächeln um die Mundwinkel und setzte dann den Fuß weiter.
„Was war, Baronin?"--Joe Brandt sorgte
sich, denn ihre Augen waren noch immer schreckgeweitet.
„Mein Mann!"
per etwas xu ihm hinübergeneigt, ruhten ihre verängstigten Augen in den seinen.
„Daß Sie die Nichte Frau von Guielmos sind und — — — meine Schwester. Er hat mich beglückwünscht, Baronin!"
„So!--Sonst nichts?"
Aber was Joe Brandt nicht erfahren hatte, das meldeten die Abendblätter. Die italienische Regie- rung hatte den berühmten deutschen Ersinder Hans Jörg Baron von Merlin cingeladen, für einige Zeit ihr Gast zu sein. Das Programm der einzelnen Empfänge, Festlichkeiten, Diners usw. waren im Anschluß daran niedergelcgt. Im ersten Moment dachte Stephanie zu fliehen. Frau von Guielmo widerriet. — „Warum?--Ich glaube, du kannst
ein Zusammentreffen wagen. Du hast dich wirklich verändert. Es erinnert fast nichts mehr an dein süßes, blondes Gesichtchen, das du mit aus Deutschland gebracht hast. Zudem glaubt er dich in Wien. Ich würde es für alle Fälle auf einen Versuch an- kommcn lasten. Fühlst du dich dann nicht sicher genug, kannst du immer noch von der Bildfläche verschwinden. So lange würde ich jedenfalls bleiben, bis ich wüßte, ob überhaupt ein Erkennen zu fürchten ist.
Und so blieb Stephanie.
Andern Morgens war großes Frühstück auf der deutschen Botschaft. Für den Nachmittag war großes Schaufliegen angesetzt. Das sollte die erste Probe ihres Zusammentreffens bringen. Ihr Herz schlug bis zum Halse, als sie sich von der Zofe dazu ankleiden ließ. Der weite, ganz aus Spitzen gefügte Hut beschattete ihr Gesicht.
„Was erinnert noch an mich, Tante?" flehte sie, als Frau von Guielmo sie aus die Wangen küßte.
„Eigentlich nichts mehr, Liebling. Vielleicht dein Lachen noch. Und zudem---eine Ähnlichkeit
kann doch ruhig bestehen. Man muß nur den Mut haben, sie ohne Verwirrung zur Schau zu tragen." Auch Joe bekam noch eine ernste Mahnung zu hören. „Vergessen Sie nicht, daß es sich um Ihre Schwester handelt."
Und sie taten beide ihr Möglichstes. Es war das erstemal, daß sie sich du nannten. Stephanie schob während der Fahrt nach dem Flugplatz ihre Hand in die des Oberleutnants und lachte zu ihm auf. „Ist es sehr schwer, mich lieb zu haben ? — Du mußt nicht immer an die Tage auf Jettenbach denken."
Er erwiderte nichts, nur eine brennende Röte stand ihm im Gesicht, als sie jetzt in rascher Fahrt über die Tiberbrücke glitten.
Frau von Guielmo drängte den Chauffeur zur Eile. „Je eher du mit ihm zusammentrisfst", saate sie zu Stephanie, „desto mehr wirst du dich beruhigen."
Und in der Tat, je näher man dem Flugplatz kam, desto zuversichtlicher wurde ihre Stimmung. Der große Platz summte von Motorengeknptter und dem Stimmengewirr der vielen Tausende, die sich ange- sammelt hatten, dem interessanten Schauspiel beizuwohnen. Auto um Auto rollte heran, sie standen in
langen Kolonnen vor der hohen Umfriedung. In die Uniformen und die schwarzen Anzüge der Herren mengten sich die kostbaren Nachmiltagstoilettcn der Domen. Dazu das farbenprächtige opiel der großen und kleinen phantastischen Sonnenschirme, die dem Auge wie eine trunkene Symphonie entgegen» schwammen.
kaum hatten sie den Fuß über das Trittbrett gesetzt, kam die Herzogin von Viterbo auf sie zu- geschossen, schlank, mit einer kleinen, impertinenten Stumpfnase im Gesicht: „Warum sind Sic gestern nidv in die deutsche Botschaft gekommen, mia bella? Der deutsche Baron ist es wert, daß man ihn ansieht. Dio mio! Ein halber Gott! — Heute hat auch der Duce sein Erscheinen zugesagt. Wir verlieren sonst unsere Platze." Aufgeregt schleppte sie Frau von Guielmo mit sich.
Brandt hatte Steffie seinen Arm geboten und lan- eierte sie behutsam durch das Gedränge, immer bedacht, daß sie nicht zu sehr gestoßen und nach der Mitte hin getrieben wurde, der Trubel war unbeschreiblich. Karabinier! vervollständigten das Duich- einander, indem sie hoch zu Pferd eine Gasse zu brechen suchten. ,
Stephanie hatte nur den einen Wunsch, endlich am Platze zu sein, irgendwo unterschlupfen zu können. Aber wenn sie nach den Tribünen sah, schloß sie die Augen. Es war nichts zu unterscheiden als ein wogendes Meer von Gesichtern, Hüten und Schirmen. Wer sich da noch zurechtsand, konnte wahrhaftig von Glück sagen.
Die Herzogin von Viterbo schien zu diesen wenigen zu gehören. Sie winkte nach allen Seiten, rief ein Kosewort nach links, schickte gleich daraus em Lachen nach rechts hinüber und grüßte und dankte und wurde nicht fertig sich zu verneigen. Sie kannte ganz Rom, und ganz Rom kannte sie wenigstens soweit dieses Röm Beziehungen zum Quirinal hatte. Sie war obendrein Montenegrinerin und schon aus den Jugendtagen her Duzfreundin der Königin.
Alles, was irgendwelche Protektion benötigte, kam zu ihr. Ihre Nachmittagstees glichen frohen Volks- festen. Alles drängte in ihre Nähe. Sie war reich, unabhängig und hatte Vettern in aller Welt. Man holte sich eine Empfehlung von ihr ehe man nach Amerika fuhr, und wenn jemand in den Kolonien zu tun hatte, so ließ er sich die Namen der Handels- familien aufschreiben, mit denen sie befreundet war.
Neuerdings sagte man auch, daß die Verlobung des Kronprinzen mit Maria Josä von Belgien ihr Werk sei.
„Carissima! Wo bleiben Sie denn!" Sie winkte zurückschauend Stephanie zu und schritt geradewegs nach einer Tribüne, auf der nach menschlichem Ermessen auch nicht die schlankste Figur mehr hätte Platz finden können. „Hier! — O, wie weiß!" Ihr kleiner grell bemalter Sonnenschirm klappte auf. „Sie müssen eine Reihe unterhalb Platz nehmen. — Dort, ja! Neben dem Marquis von Casteletto!"
(Fortsetzung folgt.)
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