Ausgabe 
10.5.1933 Erstes Blatt
 
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Nr. 108 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Mittwoch, JO. Mai (955

Jugend und Hochschule.

Oie Grundlagen der neuen Hochschule.

Don Or. £)r.3- W Mannhardl, o. ö. Professor der Grenz- und Auslandkunde an der Universität

Marburg.

Soeben erscheint bei der Hanseatischen Der- lagsanslalt Hamburg eine neue Schrift Hochschulrevolution' (Preis 2,20 Ml.), in der der Marburger Dozent dem Dritten Reich sein nationalpolitisches Erziehungsprogramm gibt und die konkreten Grundzuge einer ra- dikalen Neuordnung im Ausbau des deutschen Universitäts- und Schulwesens darstellt. Wir entnehmen der programmatischen Schrift den folgenden Auszug:

Wir stehen am Anfang einer neuen Zeit. Sie übernimmt die Hochschule der vorausgegangenen Epoche. Diese Hochschule war ihr Herzstück gewesen, ihr Stolz, daran sie sich klammerte. Aber mit der Epoche war auch die Hochschule tröst allem Glanz abgesunken, die am wenigsten an das Ende eines Zeitabschnittes gedacht hatte, die sich gar nichts an­deres vorstellen konnte, als daß eine geistige Um­gestaltung von ihr ausgehen müßte. Nun, wo es anders gekommen ist, sindet die Zeit die Hochschule selbst am allerwenigsten vorbereitet auf die Um- stellung, die der Geist der neuen Epoche von ihr fordert. Die Hochschule muß erleben, daß die gei­stigen Triebkräfte der neuen Zeit außerhalb von ihr selbst entstanden sind, wenn auch einzelne ihrer Träger bereits den Hochschulen zugehörten oder sich in sie eingliederten, um sie zu sprengen, ent­standen sind in den Schützengräben des Weltkrieges, im Kampfe gegen einenFriedenszustand", gegen den sie selbst nur protestieren konnte. Sie muß er­leben, daß der Mann, der der Führer dieser Be­wegung wurde, nicht einmal ein Akademiker war, daß die Männer, die den von der Gnade geweckten Geist in diesen vierzehn Jahren zu einer lodernden Flamme entfacht haben daß sie das getan haben, müssen auch diejenigen zugeben, die über die Art es zu tun die Nase rümpfen, keine Professoren zu ihrer Unterstützung herangezogen haben, sogar ein ostentatives Mißtrauen gegen Hochschulange- hörige hegen. Wie die Erneuerung des Volkes von innen heraus und damit die von Staat und Ver­fassung ohne Begutachtung durch die Universität erfolgt ist, so kann die Umgestaltung der Hochschule ihr nicht überlassen werden, schon deshalb nicht, weil sie eine solche gor nicht will. Sie wird vom Staate selbst, gestützt auf die hinter ihm stehende und mar­schierende Jugend, zu der auch manche Akademiker gehören, in die Hand genommen werden müssen, wobei nur zu hoffen ist, daß ihm dabei zum Heil der Hochschule möglichst viele Hilfskräfte von ihr her entgegenwachsen werden. Das darf aber die­jenigen nicht hindern, schon jetzt aktiv die Lösung mit vorzubereiten.

Die Umgestaltung der Hochschule ist nicht eine sich jetzt plötzlich stellende Forderung. Planen und Wille dazu sind zugleich mit dem Werden des neuen Gei­stes gewachsen. Wie eifrig haben bie jmn der Hoch­schule kommenden Krieger in den Schützengräben über das hier zu leistende Werk sich besprochen! Welch gutes, wenn auch kleines Schrifttum ist dar­über unmittelbar nach dem Kriege entstanden! Eini­ges davon ist auch in die Tat umgesetzt worden, ohne daß das ausfiel und auffallen sollte. Aber die Träger solcher Ideen und Werke wußten, daß die Zeit noch nicht gekommen ist, solch starke Um­bauten vorzunehmen. Erst mußte die ablausende Epoche den Todesstoß erhalten haben. Das ist mit den Ereignissen zu Beginn des Jahres 1933 ge- schehen. Der Weg zur Tat ist frei geworden. Was ist zu tun? Othmar Spann hat kürzlich geschrie- den:Noch niemals ist in der Geschichte die Wand­lung eines Weltbildes durch die politische Tat allem auf die Dauer gelungen." Das ist zweifellos rich­tig, wenn es recht verstanden wird. Es gibt keine aus irgendeiner andern Zeit entnommene Rezepte für die freie schöpferische Tat. Wir haben in diesen Zeiten so recht erlebt, wie Tat und Plan Zusommen- fallen, weil sie aus einem Geist stammen. Der Geist ist es, der das Weltbild wandelt, indem er Tat und Pläne werden läßt. Aber die Tat ist das Entschei­dende. Ohne sie kann eine Epoche nicht obgelost werden, wenn auch sonst die Voraussetzungen vor Händen sind. Ohne die politische -lut y) 111 c r s

Das Werkhalbjahr der Abiturientinnen.

Don Or. Hertha Siemering, Berlin.

03ot wenigen Wochen begann das unlängst verordnete Freiwillige Werksemester für Abi­turienten und Abiturientinnen. Sein Ziel ist es. auch der akademischen Jugend bewußt zu machen, daß in der eigenen Lebensgestaltung der frct- willige, uneigennützige D i e n st a m D o l k c und an der Gemeinschaft an erster Stelle stehen ,ol- len". Das Werkhalbjahr will den Abiturienten vor Augen führen, daß der Wille z u r K a- meradschaft wert ist, über das Erlebnis der Jugend hinaus lebendig zu bleiben. Die Teil­nahme am Freiwilligen Arbeit sdiens will dem Abiturienten den Sinn praktischer Ar­beit, den Zusammenhang körperlich^ und geistiger Tätigkeit, die Verbundenheit mit Boden. Heimat und Nation bewußt machen. Sie will ihn mit allen Volksschichten in tätige Berührung brm- gen Eie will dadurch seine Lebenserfah­rung steigern. Die Teilnahme am Freiwil­ligen Arbeitsdienst soll ihn vor allen Singen auch in den Stand sehen, ferne eigene Lage als die Loge der gleichaltrigen Jugend aller Stande zu werten und aus Grund eigener Erfahrungen seine Verufswünsche noch einmal uachzuprusen

Diese allgemeinen Leitgedanken des Wcrkhalv- jahrs gelten für die jungen Mädchen ebensogut wie für die jungen Manner. Einige Jugendbundc haben ihren Abiturientinnen die Pflicht auferlegt, sich sogleich beim Abgang von der Schule für das freiwillige Werksemester zu melden. Der ursprünglich vorzugsweise für die erwerbslose Jugend bestimmte Freiwillige Arbeitsdienst bie­tet besonders mit seinen Freiluftunternehmungen gewiß einen starken Anreiz für bestimmte Gruv- pen unserer weiblichen Jugend aus den höheren Schulen die in den Jahren des körperlichen Heranreifens in die Enge ihrer Klassenzimmer gebannt war. DieLandsehnsuchtderiun-

würde alles kulturpolitische Wollen und ausgereifte Handeln aus neuem Geist nicht seine Erfüllung fin- den. Andererseits würde die politische Tat die Wand­lung des Weltbildes nicht vollenden können, wenn nicht alle ihr verbundenen und verpflichteten Kräfte ihr zuströmen werden. Die Tat Hitlers löst weitere Taten aus gleichem Geist aus. Die Umgestaltung der Hochschule wird von Männern erfolgen, die planen und handeln können.

Die Vollendung des Menschengeschlechtes auf Er­den ist immer wieder den sich ablösenden Völkern, jedem auf seine Eigenart, als Aufgabe aestellt wor­den. Die neue Epoche stellt dem an Kräften und großen Geistern so reichen, aber an völkischem Pflichtbewußtsein so armen deutschen Volke diese Ausgabe mit besonderer Dringlichkeit. Immer wie Der hoben noch r>lh die neuen Männer das Ziel verkündet: Zusammenfassung aller Kräfte der Na- tion zur Einheit. Das hätte zugleich die Bindung der physischen, geistigen und sittlichen Kräfte der einzelnen deutschen Menschen untereinander an das Ganze bedeutet. Aus welchem Geist konnte das da­mals gefordert werden? So konnte auch weder das Klagen über Hödur, der den Baldur erschlug, noch die Mahnung des alten Attinghausen helfen. Jetzt aber befiehlt der Zeitgeist, mit dieser Aufgabe ganz ernst zu machen. Die Bereiten sollen geordnet wer­

den, um dann selbst Ordner zu werden, die Lässigen sollen angefeuert, die Widerwilligen gezwungen werden. Die reifen Männer der neuen Zeit stehen heute alle in den besten Jahren. Ihre Zahl Ht nicht groß, weil sie durch Kriegsverluste geschmälert wurde. Wer heute nicht zu ihnen gehört, wird zum Neubau des Ganzen nicht herangezogen werden. Konjunkturbeflissene kann man dazu nicht brauchen. So wird in außerordentlichem Ausmaße die Nach- kriegsjugend herangezogen, die oft nur Begeisterung und Gehorsam mitbringt und in ihre Arbeit erst hineingewachsen sein muß. So ist die Umbildung der Nation in doppeltem Sinne eine eminent er- zieherische Ausgabe.

3m Mittelpunkt jeder völkischen Erziehung steht aber die Hochschule. Sie ist das Gewissen der Na­tion, wie wir in Anlehnung an das schöne Wort Kurt Bauers, des deutschen Lehrers in Chile, sagen dürfen, der die Schule das Gewissen der Stadt genannt hat. Die Hochschule hat die Elite, die innere Trägerschaft von Volk und Staat heranzubilden, die wir nach dem Zusammenbruch des Bürgertums nicht mehr besitzen. Damit stellt sich also als dring- lichste Ausgabe der neuen Hochschule die Erziehung zum politischen Menschen, zum Menschen, der, in­dem er selbst einordnet, an das Ganze denkt und für das Ganze handelt.

proseffor unb Slubenienschast im neuen Staat

Einleitende Worte bei Eröffnung seiner Vorlesungen im Sommersemester.

Don Or. Ernst Günther, a. o. Professor der Wirtschaftlichen Staatswissenschafien an der Universität Gießen.

Früher konnte wohl der Professor bei Beginn des Semesters sofort medias in res gehen, sich nach ein paar allgemeinen, einleitenden Phrasen sofort seinem eigentlichen Thema zuwenden, aber diesmal liegen I zwischen dem Schluß des alten und dem Beginn des neuen Semesters, zwischen dem Vorabend des 5. März und dem deutschen 1. Mai so bedeutungs­voll entscheidende Tage und Vorgänge, daß niemand sich einfach- vorsichtig und leise daran oorbeidrücken kann, sondern jeder offen irgendwie dazu Stellung nehmen muß. Denn in dieser Umwertung aller Werte, in diesem Neubau des äußeren und auch des inneren Lebens, die jetzt mit so heroischem Kraft­aufwand unternommen werden, kann vielleicht auch die altüberlieferte Stellung und Aufgabe der Wissen­schaft im Rahmen unseres Gesamtlebens, und der Universität als der vornehmsten Pflanzstätte der Wissenschaft nicht einfach unbesehen beibehalten wer­den, sondern sie müssen auf ihre Zweckmäßigkeit, auf ihre Gemeinnützigkeit nachgeprüft werden: und auch das Verhältnis zwischen Dozentenschaft und Stu­dentenschaft ist sicher nicht unberührt geblieben vom Wandel der Zeiten und der Herzen. Sie verlangen heute mehr als je statt toter, kalter Kenntnisse war­mes, lebendiges Wissen, und hinter dem Vermittler dieses Wissens, hinter dem Professor suchen Sie den Menschen. Jedenfalls ist das Verhältnis zwischen ihnen und uns ganz auf gegenseitiges Verstehen, auf gegenseitiges Vertrauen gestellt, und deshalb halte ich eine klare, offene Aussprache für richtig, für notwendig.

Inter arma silent musae, im Kampfgetümmel, im Getöse der Waffen ist keine Zeit und keine Zuhörer- chast zu finden für ruhige wissenschaftliche Unter- uchungen und Betrachtungen, inter arma silent eges. wenn ein Volk im Kampfe um seine Existenz, um die Grundlagen dieser Existenz um die Grund­legung einer neuen, besseren Existenz steht, ist offen­bar nicht die beste Zeit für feine theoretische Betrachtungen über das Wesen der Gerechtigkeit, über Recht und Unrecht. Recht und Unrecht treten hier offenbar ganz zurück hinter dem Zwang und Zweck, die jedes Mittel heiligen, das zum Ziele zu führen verspricht. Die ungeheuere, un­geduldige Aktivität unserer Tage schasst keine be­sonders günstige Atmosphäre für die dankbare Aus­nahme der Ergebnisse der doch stets mehr auf das Abwägen und Abwarten eingestellten Wissenschaft.

An sich sollten ja die Wissenschaft, deren letztes Wesen doch die Kritik, die unbestechliche, rücksichts­lose Kritik ist, und die Jugend, die ja in der Regel ein ebenso unerbittlicher, unbarmherziger Kritiker ist, sich begegnen, aber heute ist es wohl so, daß die Jugend die Kritik einmal satt hat, ihrer überdrüssig

ist, nichts mehr davon wissen will: höchstens richtet sich ihre Kritik gegen das zu matte, des rechten, lebendigen Glaubens nicht mehr fähige Alter und gegen die nörgelnde, krittelnde Wissenschaft, die durch ihre ewigen Bedenken, durch ihreAder" den hei­teren, hossnungsfrohen Glauben an die Gegenwart, an die Zukunft nicht recht auskommen lassen will. Selbst wenn der Professor Ihnen lauter Diamanten, lauter Edelsteine des Wissens geben könnte, so ver­langen Sie statt der Steine Brot, lebendige Geistes­nahrung. Vielleicht verlangen Sie damit etwas Un­billiges, etwas, was in der Art, in dem Umfang von der Wissenschaft, von der Universität, vom Pro- feffor gar nicht gegeben werden kann.

Für die Wissenschaft, für den Wissenschaftler gilt der Satz:Amicus mihi Plato, sed magis amica veritas, teuer ist mir, hoch steht mir Plato der hier natürlich nur als der Typ des großen Geistes, des Führers überhaupt genommen ist hoch steht mir Plato, aber über jeber Doktrin und Person steht mir die Wahrheit. Der Wissenschaftler als solcher, als echter Wissenschaftler kann keine an­dere Autorität, kein anderes Gesetz über sich an­erkennen, als die Wahrheit, das immer erneute, durch nichts zu unterdrückende Streben nach Wahr­heit.

Aber Sie suchen heule nach Autorität, nach festen Werten. Und ganz mit Recht. Wir älteren hatten in der Vorkriegszeit noch so viele feste Bindungen in der Staats- und Gesellschaftsordnung, in der unerschütterten Tradition auf so vielen Lebens­gebieten, daß wir ohne Gefahr unb Schaben bie volle Ungebunbenheit auf einzelnen Teilgebieten, bie volle Freiheit ber Kunst unb Wissenschaft for- bern unb vertragen konnten. Denn erstens fanb biefe Freiheit ber Kunst unb Wissenschaft selbst durch bie Bindung, burch bie festere Haltung des übrigen Lebens stets auch einen gewissen Halt, eine selten überschrittene Grenze, unb bann machte es, wie schon angebeutet, auch nichts aus, wenn eine völlig voraussetzungslvse Wissenschaft sich hier und da scheinbar etwas von den Voraussetzungen, von den Grundlagen des staatlich-sozialen Seins ent­fernte, loslöste, denn diese Grundlagen standen, wie wir annahmen, so unerschütterlich fest, daß sie durch ein bißchen Kritik nicht erschüttert werden konnten.

Aber Ihrer Nachkriegszeit find saft alle diese festen Bindungen zerrissen, zerschlagen worden, verloren gegangen; Sie stehen völlig ungebunden, aber deshalb vielleicht auch haltloser im Leben. Völlige Freiheit kann ber Mensch, kann jebensalls ber Durchschnittsmensch auf die Dauer gar nicht vertragen, sie wäre viel zu aufreibend für ihn.

gen Generation kommt hinzu. Aus eigener Anschauung, in straffer Arbeit wollen frische Jungmädchen das Leben der Siedlerfrau kennen­lernen. And nicht zuletzt zieht sie das national­politisch begründete Interesse für die Bevöl­kerung an unsere Grenzen. Jedenfalls lassen vereinzelte Nachrichten darauf schließen, daß ge­rade im Osten die Meldungen junger Abiturien­tinnen zum freiwilligen Werkhalbjahr in größerer Zahl eingehen.

Aber außer jenem gesunden Drang aufs Land, zur Landarbeit, zu den Siedlern und Grenz­bewohnern, hat das Werkhalbjahr noch einen anderen Sinn: den Anentschlossenen, denen, die sich über Neigung und Begabung noch nicht klar sind, die bisher noch nicht genau wissen, ob sie wirklich den Weg zu Studium und Hochschule einschlagen sollen, den ihnen das Abiturium erschlossen hat, oder ob sie besser tun. einen mehr praktischen Beruf zu wählen, kann diese Pause sehr nützlich sein. Vei der den Abiturientinnen ungewohnten kör­perlichen und ganz aufs Einfache und Praktische abgestellten Tätigkeit mag das einzelne Mädchen selbst ermessen, ob es hierfür besser taugt als für die Kopfarbeit, die es auf der Schule fast aus­schließlich geübt hat. Die körperliche Arbeit, be­gleitet von sportlichen Aebungen, wird das ihre tun, um die Mädchen zu kräftigen. So darf erwartet werden, daß sie zum Herbst aufgelodert an Leib und Seele lebensreifer und einsichtiger in die Heimat zurüdkehren.

Für die Durchführung des Werkhalbjahrs hoben zunächst der Reichsminister des Innern und der Reichskommissar für den Freiwilligen Arbeitsdienst in einem Merkblatt und in einem Rundschreiben, später in Ergänzung dieser Ver­öffentlichungen der preußische Minister für Kunst. Wissenschaft und Volksbildung in einem ausführ­lichen Erlaß, der sich allem mit den Abiturien­tinnen beschäftigt, folgendes angeordnet: Die Teilnahme am Werksahr ist keineswegs auf die­jenigen beschränkt, die sich dem Hochschulstudium zuwenden wollen. Die jungen Mädchen sollen zunächst für zwanzig Wochen in eine geeignete Maßnahme des FAD. eingereiht werden. Als geeignet gelten in diesem Fall solche geschlos­senen Arbeitsdienste in denen die Ju­gendlichen auch zusammen wohnen, bei denen nach Möglichkeit Land- und Gartenarbeiten mit hauswirtschaftlicher Betätigung und Näharbeit verbunden sind. Arbeitsdienste dieser Art sind vielfach von choritativen Organisationen einge­richtet worden. Ihre Leistungen helfen in der Regel eine Einrichtung der Wohlfahrtspflege tragen. Ein Erholungsheim für Mütter und Kinder, eine Speisung für Kinder, für Erwerbs­lose oder alte Leute, Näharbeiten für Anstalten, für Arbeitslager junger Burschen, für die Win­terhilfe usw.

Bei den Maßnahmen, in die Abiturientinnen eingestellt werden, wird auf körperliche Ar­beit im Freien, besonders in ländlichen Verhältnissen Wert gelegt.Grundsätzlich kom­men nur solche Freiwilligen Arbeitsdienste in Frage, die eine Lebensgemeinschaft von Abi­

turientinnen und Mädchen anderer Volksschichten ermöglichen. Schwierigkeiten, die sich der Aus­gestaltung einer solchen Lebensgemeinschaft von erwerbslosen Mädchen und Abiturientinnen ent­gegenstellen, sollen durch sorgfältige Auswahl der Dienste und verständnisvolle Einordnung der Abiturientinnen überwunden werden." Auf das Zusammensein der Abiturientintten mit ar­beitslosen Mädchen aus den verschiedenen Volks-

Gerade weil in nahezu allen Berufen die Zukunftsaussichten heute für niemandem mit einiger Sicherheit festzustellen sind, bedarf die Berufswahl auch der Abiturientinnen augen­blicklich besonderer Sorgfalt. Die Berufswahl wird um ein gut Teil treffsicherer, wenn Eltern und Tochter wenigstens den einen Faktor, die Veranlagung des Mädchens, mit einiger Bestimmtheit in die sonst so ungewisse Zukunfts- rechnung einzusetzen wissen. Dazu soll das Wert Halbjahr ihnen helfen. r-

Deshalb suchen Sie rfiif Recht nach einem neuen Halt, nach neuer Binbuifl-

Dir hatten, wenn ich \o jagen darf, die Autor; tat der Institution, ber itz den staatlich.I zzzalen Einrichtungen verhärteten Xrtitiüon; aber da sich, wenn bie alten Institutionen bejt'.figi stnL neue nicht so schnell schaffen lassen unb vor allem zu ihrer Befestigung im Gefühl unb Bewußtsjein der Menschen längere Zeit gebrauchen, so suchen Tre Ersatz für die zur Zeit kaum gegebene Autorität der Institution in ber Autorität ber Person, im Führergebanken, in ber gehorsamen Unterordnung unter den Führer, in der straffen Einordnung in die Partei.

Manche von uns Aelteren. die diese Zusammen- hänge noch nicht richtig erkannt haben, wundern sich immer wieder darüber, können gar nicht be­greifen, daß ausgerechnet die zweifelsüchtige, oppo- fitionsluftigc Jugend auf einmal so gläubig und gehorsam geworden sein soll, bewußt so gläubig und gehorsam sein will. Aber es ist ein durchaus gesunder Instinkt, es ist einfach der Selbsterhal­tungstrieb, der Sie zu solchem Verhalten treibt. Sie fühlen, daß, wenn das Lebensschifs nicht in jedem Sturm abgetrieben, zum Kentern gebracht werden soll, daß es dann genügend Blei am Kiele haben muß, unb ba Sic eben nicht mehr die alten Beschwerungsmittel der institutionellen und tradi­tionellen Autorität zur Versügung haben, jo mäh len Sie mit Fug und Recht bie personelle Autorität unb wohl auch bie Autorität ber Parteidisziplin.

Ich habe cs heute nun einmal mit den lateinischen Sentenzen, und die lateinische Sprache hat wohl auch wie kaum eine zweite den Vorzug, daß in ihr auch vielseitigere Gebankengänge in ber benfbar ein­jachsten unb kürzesten Form gesagt werben können, deshalb möchte ich zum Schluß noch einen brüten lateinischen Spruch gebrauchen unb Ihre Zustim­mung erbitten für ein Verhalten nach bem Grundsatz: In necessariis unitas, in dubiis libertas, in Om­nibus autem caritas". In necessariis unitas, im Notwenbigen Einigkeit, in ben großen Grundsra- gen und Grunbzielen muß Einigkeit, Einstimmig­keit herrschen. Darüber bars kein Streit unb Zweifel bestehen, baß unser Leben unb Streben, baß unser aller Arbeit, bie Arbeit bes Lehrenben ebenso wie bie ber Lernenden, nur bem deutschen Volke zu dienen hat; und auch über bie Grunbrichtung, in ber biefes Ziel gesucht werben muß, muß Einig­keit herrschen. Niemand bars bie großen, für bie Entwicklung ausgestellten Richtpunkte aus ben Augen verlieren. Der Künstler hat nicht bas Recht, seine artistisch-künstlerischen Fähigkeiten frei spielen zu lassen, ganz unbekümmert barum, ob nicht etwa burch bas Produkt seiner Phantasie, burch seine Dichtung, seine Malerei ober Musik Schaben ange­richtet wirb, sonbern seine freie schöpferische Phan­tasie findet soll jebensalls finben ihre u nüber- steigbaren Schranken bort, wo sie bie allgemeinen Entwicklungslinlen zu durchkreuzen broht. Unb auch ber Gelehrte bars nicht unbekümmert jeben Weg versolgen, gleichgültig, wohin er führt, sondern er muß sich innerhalb gewisser Richtlinien halten. Der hiermit geforderte Verzicht kann der Wissenschaft um so leichter werben, als bie Aufstellung von Zie­len überhaupt nicht ihre Aufgabe ist, Lebensziele entspringen kaum je aus bem Wissen, sonbern aus bem Willen, aus ber Weltanschauung. Es ist bes­halb auch keine Degrabierung, wenn bie Wissen­schaft biefe Ziele von anberer Seite her setzen läßt, sich selber nur barauf beschränkt, ben besten Weg zum Ziele zu zeigen.

Aber es heißtin necessariis unitas, bie Gleichschaltung bes Geistes, wenn ich einmal biefes vielgebrauchte unb manchmal wohl auch etwas miß­brauchte moberne Schlagwort hier anwenden barf, muß sich auf bas Allernotwenbigste, auf ganz wenige Grunbfragen unb Grundziele beschränken; im übri­gen gilt aber: in dubiis libertas, in allen Punkten zweiter unb entfernterer Drbnung muß unbebingte Freiheit herrschen, benn bie Gleichschaltung barf nicht zur Uniformierung, zur Abtötung allen Eigenlebens unb bamit auch zu einer Schwächung unb Lähmung bes Gesamtlebens führen. Die Wissenschaft, bie wis­senschaftliche Forschung lebt ja vom Ungewissen, vom Dubiosen, würbe überflüssig werben, wenn alles zweifellos unb fest bestimmt wäre. Und auf bem Wege, biefe Zweifel aufzulösen, muß bie Wissenschaft frei fein: in dubiis libertas!

Ich verhehle mir nicht, baß dabei meine Wissen­schaft, die Staatswissenschaften, die Wirtfchafts- und

kreisen wird entscheidender Wert gelegt, weil sie rechtzeitig lernen sollen, sich in die Volks­gemeinschaft einzuordnen.

Während der zwanzig Wochen ihrer Beschäftigung in' einem anerkannten FAD. genießen bie '-Abiturien­tinnen genau so wie alle übrigen Dienstwilligen bie finanzielle Förberung aus Reichsmitteln. Dafür werben sie vom Träger des Dienstes untergebracht und verpflegt. Außerdem wird ihnen ein Taschen- gelb von höchstens 30 Pfennig je Wochentag aus- gezahlt. Die Abiturienten werben nach Ablauf ber Zeit im FAD. für ben Rest bes Werksemesters in bie vom Reichskuratorium für Iugenbertüchtigung veranstalteten Geländespvrtlehraänge ein­gereiht. Die Kosten ber Reise zum Dienftort sind von ben Teilnehmerinnen selbst zu tragen; jedoch gewährt bie Reichsbahn auf Grunb bes Einbe­rufungsschreibens für die Hin- unb Rückreise eine Fahrpreisermäßigung von 50. v. H. der Kosten der 3. Klasse im Personenzug.

Soweit bas offizielle Werkhalbjahr ber Abiturien­tinnen. Daneben scheint sich inoffiziell eine anbere Form zu entwickeln, die ben Nachdruck nicht so sehr auf bie für ben FAD. vorgeschriebene Arbeitslei­stung, wie vielmehr auf bie Schulung ber jungen Mädchen in Hauswirtschaft, Gartenbau, Kinderpflege usw. legt.

Die Kosten aller dieser Lehrgänge fallen mit Aus- nähme ber zwanzig Wochen Arbeitsbienst im Iu- genbheim ben jungen Mäbchen bzw. ihren Eltern zur Last. Es ist daher das Bedenken laut geworden, es könne durch derartige Veranstaltungen eine Ab­sonderung ber wirtschaftlich Besjergestellten eintreten, währenb bas Werksemester die akademische weibliche Jugend gerade mit jungen Mädchen aus allen Be­völkerungskreisen in nahe Berührung bringen wolle. Einstweilen bleibt abzuwarten, wie die verschiedenen Versuche die offiziellen innerhalb bes FAD. und bie privaten innerhalb von Unterrichtsanstalten sich in der Praxis auswirken: denn es gilt, zunächst in Beispielen die Durchführungsmöglichkeiten des Werkfemesters, vielleicht eines künftigen Werkjahres zu erproben.