Uvonnes Geheimnis
Roman von Klothilde von Stegmann llrheberrechtsschuh: Fünf-Türme-Derlag Halle (Saale) 4. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
4. Kapitel.
Äriminaldirektor Doktor Miller saß in seinem Amtszimmer am Alexanderplatz. Er las nun noch einmal alle Notizen, die er sich über den rätselhaften Dokumentendiebstahl im Auswärtigen Amt gemacht hatte, und verglich die Ergebnisse mit den vor ihm liegenden Akten. Er hatte schon in vielen, scheinbar aussichtslosen Fallen den Täter ermittelt. Hier ober schien seine Kunst zu versagen.
Doktor Miller halte sich bei jedem Verbrechen, dos er bisher bearbeitet halte, zunächst immer die Frage vorgelegt.- „Wer hat ein Interesse daran gehabt, daß das Verbrechen begangen wurde?" Bei Diebstählen politischer Natur konnte es doch nur ein anderer Staat oder eine Stelle im Auslands sein, die an der betreffenden Frage irgendwie interessiert war, die über den Inhalt eines Aktenstückes, über ein bestimmtes Dokument, über Zahlen oder über etwas Aehnliches auf diese Weise sich unterrichten wollte, da es auf andere Art nicht möglich war.
Der Inhalt des soeben im Auswärtigen Amt verschwundenen Aktenstücks war aber doch ohne jede Wichtigkeit! Die Zahlen, die es enthielt, waren ja in den Reichstagsberichien und in allen Tageszeitungen zu lesen gewesen! Wozu war eine Mappe gestohlen worden, deren Inhalt weder wichtig noch geheim war? Denn gestohlen war die Mappe. Das hatten ja die sorgfältigen Nachforschungen ergeben.
Wenn ihm nicht der Zufall zu Hilfe kam, bann würde er den Fall in seinen gelben Schrank einschließen müssen, „bis er weich wurde", wie er zu sagen pflegte. Man mußte als Kriminalist vor allem Geduld haben. Es hatten sich schon öfter Fälle erst nach geraumer Zeit aufgeklärt. Lag ein Verbrechen vor, dann konnte man damit rechnen, daß der Täter, kühn geworden, später doch einmal eine Unvorsichtigkeit beging, bei der man ihn fassen konnte. Also, abwarten!
Gerade wollte Doktor Miller die Schriftstücke zu- fammenparfen, als ihm ein Zugführer namens Walburg gemeldet wurde, der ihn dringend zu sprechen verlangte, obgleich die übliche Sprechstunde bereits vorüber war. Der Mann hatte erklärt, es handle sich um die Diebstahlangelegenheit im Auswärtigen Amt.
..Führen Sie den Mann herein!", ordnete Doktor Miller rasch an. Kam ihm da der Zufall doch noch zu Hilfe?
Unauffällig musterte er den Eintretenden, der sich in großer Aufregung zu befinden schien. Er Halle seine Ertrauniform angelegt. Die Erinnerungs- medaille/das Militärdienstabzeichen und das Eiserne Kreuz zweiter Klaffe trug er auf der Brust.
„Bitte, Herr Walburg, nehmen Sie Platz! Was ! bringen Sie mir?" fragte Miller freundlich, als Wal- bürg in der Haltung des altgedienten Soldaten zu- lammengeriffen vor ihm stand. In dem von Wind und Wetter geröteten Gesicht des Zugführers Walburg arbeitete es. Die Enden seines heraufgebürste- ten Schnurrbarts, in dem einige graue Haare standen, zuckten. Auch die Stimme des Mannes zitterte, als er mühsam sagte:
„Gott sei Dank, daß ich endlich an der rechten Stelle bin! Es ist ja so schwer, Herr Kriminal- direktor ..."
Er machte eine hilflose Bewegung. Doktor Miller, der ihn scharf beobachte^ hatte, drückte ihn auf den Stuhl an der schmalen Seite des Schreibtisches, goß ein Glas Wasser ein und hielt es ihm hin.
„Zuerst beruhigen Sie sich mal, Herr Walburg, und bann erzählen Sie mir in aller Ruhe, was Sie zu mir führt. Ein braver Mann, wie Sie, hat von uns sicher nichts zu befürchten." Freundlich fügte er hinzu: „Wir verstehen uns hier einigermaßen auf Gesichter. Ein Mann von Ihrem Schlage hat der Polizei nichts zu bekennen, höchstens etwas zu berichten."
„Ich danke Ihnen, Herr Kriminaldirektor. Nein, ich habe nichts angestellt! Aber sein eigen Fleisch und Blut der Polizei ausliefern müssen? Mein Name, mein ehrlicher Name!" stöhnte der alte Bahnbeamte auf.
„Nun, Herr Walburg, wir verstehen doch auch Rücksicht zu nehmen, soweit es sich mit unserer Pflicht verträgt. Sie sprechen von Ihrem Fleisch und Blut. Ein junger Mensch macht leicht mal eine Dummheit. Was hat er denn angestellt, der Junge — denn es handelt sich doch wohl um Ihren Sohn?"
„Ja, Herr Kriminaldirektor, um meinen einzigen. Der Franz ist als Hilfsschreiber im Auswärtigen Amt. Ich war ja so froh, daß ich den Jungen in die Bamtenlaufbahn hineingebracht hatte. Er hatte immer Flausen im Kopfe. Detektiv wollte er werben. Das gab es bei mir natürlich nicht. ,Du wirst Beamter, wie bein Vater unb bein Großvater. Unb bie Schwindelqeschichten von Meisterbetektiven' — so habe ich ihm Bescheid gesagt —, »für die du dein Taschengeld ausgibst, die bleiben mir jetzt aus dem Hause!' Na!, dann hat er sich ja eine Zeitlang auch ganz gut geführt. Ich war ein paarmal bei feinem Vorgesetzten, mich nach dem Jungen zu erkundigen. Schlau und tüchtig ist er, hat man mir gesagt. Hat die Augen überall, auch was ihn nichts angeht. Bissel fahrig manchmal. Aber das würde sich schon legen. Ich bin so froh gewesen, daß der Junge einschlägt ... unb nun komme ich nach Hause ... meine Alte läuft verheult 'rum, ber Junge
ist gedrückt: ich habe mich gleich gewundert. Dann habe ich mich erst mal ausgcschlasen ... unb heute lange ich mir ben Jungen. Da kommt'» 'raus mit dem Aktenstück ..."
Doktor Miller hatte Walburg ruhig reden las- sen und feine Spannung verborgen. Mit Fragen hätte er kaum etwas herausgeholt. Der Mann war zu erschüttert: ber mußte sich seinen Kummer von ber Seele reben. Jetzt erst unterbrach er ihn.
„Also, bas Aktenstück hat ber Junge geklaut? Wo ist es benn?"
„Hier, Herr Kriminalbirektor! Nehmen Sie es nicht übel, wenn es nicht gut aussieht — ich Hab s dem Jungen in ber Aufregung um bie Ohren geschlagen Versteckt hat's ber Lümmel, wie aus bem schlechten Scherz Ernst geworben ist, unb bas große Suchen und das Verhören angefangen hat. Ist zur Mutter gelaufen, wie ein kleines Kind, statt zu feinem Vorgesetzten zu gehen unb zu gestehen: Hier ist's. Ich habe geprahlt, daß kein Mensch was merkt, wenn einer hier was wegnimmt, unb had's zurückbringen wollen nach zwei Tagen ... Aber in so einem Amt haben sie doch bessere Ordnung, als der dumme Bengel gedacht hat. Und da könnt' er es nicht mehr unbemerkt zurücklegen, wie er hoffte. Als der große Mann hat er dastehen wollen, ber feinen Vorgesetzten zeigt, wie leicht ba was verschwinben kann, unb ein Lob hat er erwartet. Unb macht sich babei unglücklich fürs Leben, ber Bengel!"
„Sachte, sachte, Herr Waldurg! Wenn bas wirklich stimmt, was Ihnen ber Junge erzählt hat, bann ist bie Sache gar nicht so schlimm. Wo, sagten Sie, war bas Aktenstück inzwischen?"
„In meiner Wohnung, Herr Kriminalbirektor." „Unb wem hat es Ihr Sohn ba gezeigt?" fragte Dr. Miller hastig.
,Leiner Menschenseele, Herr Kriminalbirektor!"
„Nun, Herr Walburg, ba beruhigen Sie sich mal. Ich kann natürlich nichts versprechen, aber ich glaube, daß die Herren im A. A. bei dieser Sachlage mit lid) reden lassen, natürlich, wenn alles so liegt, wie ber Junge Ihnen erzählt hat. Wo ist er übrigens?"
„Er wartet braußen. Er wollte burchaus mit 'rein. Er hält bie Ungewißheit nicht aus, hat er gesagt. Aber ich wollte boch erst selber mal mit Ihnen sprechen, Herr Kriminalbirektor, unb ich banke Ihnen von Herzen, baß Sie mir etwas Hoffnung gegeben haben!"
.Gehen Sie ruhig nach Hause, Herr Walburg — ober noch besser: warten Sie draußen auf Ihren Sohn, damit er mit Ihnen nach Hause geht. Bestätigt sich alles, bann wirb hoffentlich kein Strafantrag gestellt werben. Machen Sie sich vorerst keine zu großen Sorgen. Unb noch eins: ihr Junge interessiert mich. Ich bin boch auch so ein Detektiv. Vielleicht kann man bie Sehnsucht des Jungen in ge- orbnete Bahnen lenken. Schicken Sie ihn jetzt herein!"
Das verhör des gänzlich oerftörten jungen Dal- burg ergab für Dollar Miller bie Richtigkeit ber Darstellung, bie ber Sohn bem Vater gemacht hatte. Franz Waldurg hatte gefunben, daß die Allenstücktz nicht sorgsam genua bewacht würden. Er hatte absichtlich eine ganz harmlose Mappe für sein Experiment gewählt.
Wenn nicht am Tage zuvor ber Diebstahl bei ber Bayrischen Gesandtschaft vorgekommen wäre, hätte Franz Walburg seinen Plan burchsührcn können. Er hatte mit einem Freunbe vorher Davon gesprochen. Unb bann hatte er ben Kopf verloren.
Doktor Miller bewies bem Zerknirschten, wie leichtfertig er gehanbelt hatte, versprach aber, als er bie Reue bes jungen Menschen sah, ein gutes Wort für ihn einzulegen. Dann sprach er mit ihm über feine Leibenschast zur Detektivlaufbahn. Zum Schluß meinte er gütig.
„Wenn Sie im A. A nicht bleiben bürfen, bann kommen Sie mit Ihrem Vater zu mir. Wir wollen bann mal sehen, ob Ihr Wunsch unb ber Ihres Saters, ber einen Beamten aus Ihnen mach.n will, sich vielleicht vereinigen lassen "
Als bie beiben Walburgs, Vater unb Sohn, bank- bar und leichteren Herzens gegangen waren, berichtete Doktor Miller zunächst kur; dem Staatsfcfretar Doktor Berg über die Auffindung des verschwundenen Aktenstückes und teilte ihm ihm, bah bie Angelegenheit sich harmlos aufkläre.
Dann sah er in seinem Notizbuch nach ber neuen Nummer Seeburgs unb rief and) bicsen an. Das Amt schien falsch verbunden zu haben, denn eine französisch sprechende Dame meldete sich Doktor Miller hängte ab, nahm aber im nächsten Augen- blick den Hörer wieder ans Ohr. Die Stimme hatte ihm so seltsam bekannt geklungen.— Doktor Miller vergaß die Stimme von jemanden, mit dem er einmal zu tun gehabt hatte, nicht so leicht.
Wo hatte er doch diese Stimme schon gehört? Aus seinem Unterbewußtsein tauchte bas Bild einer alten Dame auf, deren jugendliches, helles Organ ihm Damals so gar nicht zu ihrem Aussehen hatte passen wollen. Aber wo und wann war bas gewesen? Vielleicht, daß es ihm einfiel, wenn er die Stimme'nod) einmal hörte!
Wieder meldete sich die Dame. Um sie in ein Gespräch zu verwickeln, fragte Doktor Miller, welche Nummer dort fei. Sein Deutsch wurde offenbar nicht verstanden: er wiederholte bie Frage französisch Es war bie richtige Nummer. Doktor Miller bat, Freiherrn von Seeburg an ben Apparat zu rufen.
„Tout de suite, monsieur“, hörte Miller. Aber woher er bie Stimme kannte, barüber war sich Doktor Miller immer noch nicht klar. Nun kam See- bürg an ben Apparat. Doktor Miller berichtete ihm kurz über ben Fall Walburg.
(Fortsetzung folgt.)
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