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Aus der Provinzialhauptsiadt.
Zur Arbeitsbeschaffung in Gießen.
2on dem früheren Stadtratsmitglied CBau- unternehmer Heinrich Wenn wird unS geschric« b-- bic Deubelebung der Wirtschaft und zur CBdäaffung von Arbeitsgelegenheit hat d'e Stadtverwaltung ein umfangreiches Bauprogramm ausaestellt und sich bei der Reichsregierung um die Beschaffung der hierzu nötigen Mrttel bc« mübt Dieses Dauprogramm ist im „Gießener Äflcr.. Olr. 24 vom 28. 3anuat 1933 näher ^^Die^2lnregung zur Beschaffung von Arbeits- mSalichkciten wird von der Geschäftswelt und der Arbeiterschaft dankbar begrüßt. Zu wünschen wäre, daß ein Teil der angeregten Arbeiten bald in Angriff genommen werden könnte, damit dein Handwerk und den Arbeitern wieder lohnende Beschäftigung gegeben würde.
Außer den bereit- vorgesehenen Arbeiten gibt es noch eine größere Anzahl Möglichkeiten, lohnende Beschäftigung zu schaffen, die teilweise ohne große Borarbeiten sofort begonnen werden könnten. Hierzu gehört in erster Linie der Ausbau von Straßen und Wegen im Stadtgebiet. und zfoar zunächst der Ausbau des Dartwegcs. Wiederholt wurde im „Gießener Anzeiger" aus die Hyhaltbarkeit des Zustandes dieser Straße hingewiesen. Die Klagen der Bewohner dieses Stadtteils nehmen kein Ende. Diesen Klagen sollte nunmehr Rechnung getragen werden. Wenn auch die Anwohner keinen Rechtsanspruch auf die Stroßenherstellung haben, ko muh doch berücksichtigt werden, daß das Wart- wcggebiet heute bereits in einem Ausmaß bebaut ist, daß daraus schon für die Stadt die Verpflichtung erwächst, für diese Wegherstellung zu sorgen. Was die Kostenfragc anbetrifft, so handelt es sich nur um einen Teil der Ausgaben aus städtischen Mitteln, weil nach den Bestimmungen der Bauordnung die Anlieger, sobald die an der Straße liegenden Grundstücke bebaut sind, für die Kosten des Straßenbaues aufkommen müssen.
Durch den Ausbau des Wartweges wird aber auch die private Bautätigkeit neu belebt. Eine Anzahl Grundbesitzer ist bereit, sich dort ein eigenes Heim auf eigenem Grund und Boden iu bauen. Es kann wohl mit Bestimmtheit behauptet werden, daß dieser Stadtteil bald be- aut werden wird und eine größere Anzahl Eigenheime dort entsteht. Die Bewegung, ein eigenes Heim mit eigenem Garten zu besitzen, nimmt immer mehr au. Diese Bewegung, die im Interesse dec Stadt liegt, sollte von der Stadtverwaltung unterstützt werden. Durch den weiteren Ausbau der Schubert st raße würden die Bestrebungen wesentlich gefördert werden.
Dielleicht gelingt es der Stadtverwaltung, die nötigen Mittel vorerst für den Ausbau des Wartweges flüssig zu machen. Die Anwohner und die Dauinteressenten würden sich der Stadtverwaltung zu großem Dank verpflichtet fühlen, wen» die Arbeiten bald ausgeführt würden."
Zagt) und Hege!
Winter. Was bedeutet dieses Wort für den Weidmann, und was birgt es in sich? Fuchssprengen mit den treuen vierbeinigen Begleitern, Dackel und ler* riet, lVkarderspüren im Neuen oder die Jagd auf Lauen. Höher schlägt das Herz bei diesen Gedanken. Ist es nur Freude allein, die diese Jahreszeit mit sich bringt? Fragt einen weidgerechten Jäger, dessen Herz mit allen Fasern an seinem Revier und seinem Wilde hängt. Nein, es wäre nicht schön, wenn dem so märe, denn die echte und wahre Freude wird geboren aus der Sorge und der Arbeit. Das Wort Winter gibt den Weidleuten das Signal „Denke an dein Wild, das dir anvertraut ist, es ist deine Pflicht, gedenke der Worte, die aus dem schönen Weidmannsspruch stammen, die dein oberstes Gesetz sein sollen, den Schöpfer im Geschöpfe ehren."
Einer und kern Unbekannter in Weidmannskreisen, Herr Friedrich, ruft den Jägern in kurzen, aber inhaltsreichen Versen nachstehende Worte zu:
Und kommt der Winter mit Eis und Schnee,
. Geh ins Revier, schütz Has und Reh, Schütt Futter in die Raufen ein Und laß dich ein guter Heger sein. Sieh Lecken nach, erneure sie, Die Not zu lindern — die Krankheit flieh, Schütt Fasan und Hühnern fleißig auf, Sic danken's dir im Jahr darauf.
Halt Raubzeug kurz mit Flint und Büchs, Dor zweibein'gem Gesindel dein Wild auch schütz. Bist du erst ein guter Heger,
Nennt Diana dich dann Jäger.
Mögen diese Worte Leitstern sein und bleiben, bann wird bald der Kriegs- und Nachkriegsschaden behoben sein, der die Reviere entvölkerte. Dann können die Jäger wieder mit erhobenem Haupte durch die Wälder gehen und sagen: Das ist deutsche Wcidmannsarbeit in deutschem Lande. K. W.
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** Steuererklärungen abgeben! Die Finanzämter unseres Bezirks machten in unserem gestrigen Anzeigenteil auf die Abgabe der Steuererklärungen für die Einkommen-, Körperschafts- und Umsatzsteuer in der Zeit vom 15. bis 28. Februar au^erksam. Man beachte die gestrige Anzeige.
Städtische Brennholzversteige- r ung. Dei der gestrigen Brennholzversteigerung m den Waldungen dec Stadt Gießen (Hangel- stetn, Försterei Wieseck) wurden im Durchschnitt
Preise erzielt: Buchenscheiter (1-Kl.) 8,80 Mk., (2. Kl.) 6,80. Eichenscheiter (l.Kl.) J.OO. (2. Kl.) 5,40, Buchenknüppel 7.00, Eichen- knüppel 4,00, Birkenknüppel 5,20, Fichtenknüppel- J^Mtg 1,60, Buchen stocke 6,80, Cichenstöcke 4,40 ulian pro Raummeter; Fichtenderbstangen (1. Kl.) 1.20 (2. Kl.) 1.00. (3. Kl.) 0.65 Ml. pro Stück; ^Mjenteifig (Z. Kl.) 16,00 Mk. pro 100 Wellen.
Der Artillerieverein Gießen hielt 9™ v^angenen Samstag im Vereinslokal „Hessi- ’$ct $0'“ seine gut besuchte Generalversammlung ab. Rach kurzen Begrüßungsworten — so berich- nr !£an un$ ~ gab der Vorsitzende der Hoffnung Ausdruck, daß die neue Reichsregierung, gestützt t £ nationalen und wehrwilligen Kräfte, unser Volk wieder aus der Parteiwirtschaft heraus €tHcr. Zukunft entgegenführen möge, da- "Nk die Heimat wieder jedem deutschen Menschen ^oett und Brot gebe. Der vom Schriftführer
J1* hebert in vorbildlicher Form erstattete ^^cicht „ugte von einem regen und echt tam€rabf<i)aftlidt)en Vereinsleben. Bei den ver- Ichledenen Veranstaltungen, Ausflügen und Hn» or wurde die Kasse ziemlich stark in
-Anspruch genommen. Wenn trotzdem noch ein namhafter Betrag als Kassenbestand mit in das
neue Iahr genommen werden konnte, so ist das ein erfreuliches Zeichen sauberer und sparsamer Wirtschaftskührung. Dem Kassierer Kamerad Schweizer wurde nach der Kasfenprüfung Entlastung erteilt und ihm für seine langjährige erprobte Arbeit gedankt. Nachdem noch einige weitere Punkte der Tagesordnung, wie Luftschutz, Fahrt nach Verdun ufto. erledigt waren, hielt Kam. Z. einen sehr interessanten Vortrag mit Lichtbildern über Wanderungen und eine Dampferfahrt nach dem Süden. Reicher Beifall dankte ihm. Wenn es auch bekannt ist, daß im Artillerieverein Gießen ein besonders gutes Zusam- mengehörigkeitSgefühl und beste Kameradschaft herrschen, so verdient doch erwähnt zu werden, daß gerade im letzten Zähre immer mehr ehemalige Artilleristen den Weg zu ihrer Vereinigung fanden. DieS ist ein Zeichen dafür, daß sich immer mehr der Gedanke durchringt, daß nur die alten Eoldatentugenden Treue, Kameradschaft und Liebe zu Volk und Heimat unser Volk wieder gesund und stark machen können. Artilleristen schließt die Reihen!
'• Eine Achtzigjährige. Frau Elise Grünebaum, wohnhaft Bahnhofstraße 37, begeht am 9. Februar ihren 80. Geburtstag Die Jubilarin erfreut sich noch voller körperlicher und geistiger Gesundheit.
Kleine Strafkammer Gießen.
• Gießen, 3. Febr. Ein Kaufmann hatte für eine größere Firma die Kontrolle über deren Warenverteilungsstellen im hiesigen Bezirk übernommen. Die bei diesen Stellen eingehenden Geldbeträge waren von anderem Geld gesondert zu halten — standen also im Eigentum der Firma — und waren alsbald an die Zentrale der Firma abzuliefern. Der Angeklagte hatte es nun verstanden, Verwalter verschiedener Der- teilungsstellen dazu zu bestimmen, einkassierte Geldbeträge an ihn auszuzahlen, die er dann zum Rachteil der Firma verwandte. Außerdem hatte er Gelder, die ihm von der Zentrale zur Einlösung zweier Wandergewerbescheine unmittelbar zur Verfügung gestellt worden waren, für sich verbraucht. Wegen dieser Handlungen war er vom Amtsgericht wegen Untreue zu einer Gefängnisstrafe von zwei Monaten verurteilt worden. Seine gegen dieses Urteil eingelegte Berufung wurde in der heutigen Verhandlung zurückgewiesen, jedoch billigte ihm das Gericht eine Bewährungsfrist zu.
Die Verhandlung in den beiden anderen anstehenden Sachen mußte ausgesetzt werden, da sich die Rotwendigkeit weiterer Ermittlungen ergab. In einem Falle handelte es sich um vier des Einsteigediebstahls bzw. der Hehlerei Angeklagte, im anderen Falle um einen Arbeitgeber, dem Richtabführung von Sozialversicherungsbeiträgen für seine Arbeiter an die zuständigen Kassen vorgeworfen wurde. In beiden Sachen wird es nach Abschluß der weiteren Ermittlungen zu erneuter Verhandlung kommen.
Amtsgericht Gießen.
Am 25. Rovember v. 3. erging sich ein junger Arbeiter auf offener Straße in gemeinen Schimpf- Worten gegen seine Mutter, die ihm begegnete. Er behauptete, von ihr verleumdet worden zu fein; der wahre Grund war aber darin zu finden, daß er Kommunist, feine Mutter aber Nationalsozialistin war. Die Beschimpfungen wurden von Passanten gehört, die darüber empört waren. Sind diese zunächst auch nur gegen die Mutter des Angeklagten gerichtet gewesen, so mußte sich dieser, zumal ein starker Straßenverkehr herrschte, doch sagen, daß fein Verhalten auch das Publikum in Mitleidenschaft ziehen und die öffentliche Ordnung und Ruhe gefährden und stören werde, wie das auch tatsächlich der Fall war. Die nächste Folge war ein Menschenauflauf gewesen. Es war nicht das erstemal, daß der Angeklagte in solcher Weise gegen feine Mutter vorging. Maßlos rohe Ausdrücke gegen sie, die hier nicht wiedergegeben werden können, waren gang und gäbe. Entschuldigungsgründe lagen nicht vor. Sie wurden auch darin nicht gefunden, daß der Angeklagte schon als Junge verwahrlost war, das elterliche Haus verlassen mußte und verderblichen Einflüssen ausgesetzt gewesen ist, die sich aber niemals in der geschilderten Weise gegen die leibliche Mutter auswirken dürfen. In der Verhandlung benahm en sich frech. Reue kannte er nicht. Fragen nach dem Verhältnis zu seiner Mutter beantwortete er in zynischer Weise in ihrer Gegenwart damit, er habe keine Mutter. In der Regel reichen für Bestrafungen wegen groben Unfugs, der in der verfchiedensten Weise in die Erscheinung tritt und der wegen seiner Vielseitigkeit nur schwer erschöpfend definiert werden kann, Geldstrafen aus. Im Fragefalle wurde aber, obwohl der Angeklagte noch minderjährig und unbestraft ist, auf eine Haftstrase von zwei Wochen erkannt. Eine andere Freiheitsstrafe kennt das Strafgesetzbuch nicht für groben Unfug. Die Mutter des Angeklagten hatte sich aller Strafanträge gegen ihren gefühllosen Sohn enthalten. Von einem „politischen Motiv" konnte keine Rede sein.
$n einem Nachbarort wurde die letzte Kirch- weche in unliebsamer Weise gestört, indem es in einem vollbesetzten Zelte infolge eines Gesangs, der nicht allen Gästen gefiel, zu Reibereien kam, die schließlich in Tätlichkeiten ausarteten. Der Angeklagte hatte einem Gast ohne jeden Anlaß einen heftigen Schlag auf den Kopf verseht. Der Schlag trug ihm eine Geldstrafe von 1 5 M k. ein. Ein anderer Gast hatte aus seiner Tasche bei der nämlichen Gelegenheit ein dolchartiges Messer gezogen, ohne es weiter zu benutzen. Es wurde ein Strafbefehlsverfahren auf Strafe gegen ihn erkannt, und eine Verhandlung erübrigte sich demgemäß.
Um die Erhaltung der heimischen Bergbaubetriebe.
800 000 Mark ceihmtttel für Sieg-, Lahn-, DMgebiet und Oberhessen.
WEN. Zu der schon kurz bekannt gegebenen Verordnung des preußischen Handelsministers im Einvernehmen mit dem Reichswirtschaftsminister über die Bereitstellung von zusätzlichen Mitteln zur Erhaltung der Betriebsstätten im Notstandsgebiet im Lahn-, Sieg- und Dillgebiet und in Oberhessen wird noch mitgeteilt: Rach den für die Gewährung der Subventionsmittel maßgebenden Bestimmungen durften die Behelfs- , mittel nur für die wirklich geförderten und abge
setzten Eisensteinmengen ausbezahlt werden, während in den Reichs- und StaatSetats die Zuschüsse auf der Grundlage einer Förderung von mindestens lOOOOO Tonnen monatlich eingesetzt und durch die Parlamente genehmigt waren. Hierdurch tritt der Fall ein, daß ein Teil der Etatsmittel nicht zur Auszahlung gelangte. Diese sollen nun durch die Neuregelung zur teilweisen Abgeltung der Instandhaltungskosten der gefährdeten betriebsfähigen Gruben im Notstandsgebiet, wie Wasserhaltungstosten ufw. verwandt werden.
Die Verteilung der Mittel auf die Wirtschaftsgebiete wird nach Maßgabe eines noch zu bestimmenden Verteilungsschlüssel- au erfolgen haben. Für das Rechnungsjahr 1932 33 sind an Beihilfen bewilligt insgesamt 800 000 Mark. Die Grube Petersbach bei Altenkirchen (Westerwald)
bat in der verflossenen Woche den Betrieb bereit - voll ausgenommen. Die Belegschaft ist 200 Mann stark, die Förderung wird 5000 bis 6000 Tonnen monatlich betragen. Ferner ist mit der Inbetriebnahme der Grube San Fernando der Friedrichshütte in Herdorf (Sieg» in Kürze zu rechnen, nachdem der Hochofen Herdorf wieder in Betrieb genommen wurde und die Erzvorrate allmählich aufgearbeitet sein werden. Don besonderer Bedeutung für das Siegerland ist die beabsichtigte und in Vorbereitung befindliche Inbetriebsetzung der Grube Vereinigung bei Wissen-Sieg der Vereinigten Stahlwerke AG. Indessen wird noch kein Termin für die Wiederaufnahme de- fast zwei Iahre ruhenden Betriebes angegeben.
Zwischen Himmel und Erde.
Wie ich meinen ersten Fallschirmabsprung machte.
Von JRolf W. Maltorf.
Oft genug ist die Forderung erhoben worden, man möge in den Verkehrsflugzeugen jedem Passagier einen Fallschirm anschnallen, damit im HnglüdSfalle dieser von ihnen als letztes Det- tungsrnittel benutzt werden kann. Die Meinungen über die Zweckmäßigkeit einer solchen Maßnahme gehen auseinander. Die Erfahrung lehrt, daß die Mehrzahl aller Flugzeugkatastrophen sich entweder kurz nach dem Start, oder aber während der Landung ereignen, also meistens in einer Höhe, die für einen erfolgreichen Fallschirmabsprung nicht genügt. Des weiteren darf man nicht vergessen, daß die Fallschirmvorrichtungen sehr kompliziert sind, und daß die meisten Passagiere gar nicht die Möglichkeit haben, in kurzer Zeit die Handhabung deS Fallschirmes zu erlernen. Darüber hinaus gibt es während des Fluges für einen Fahrgast, der plötzlich vor der Notwendigkeit steht, den Fallschirm zu benutzen, zahllose andere Schwierigkeiten.
Wie es denn auch fei: Es steht jedenfalls fest, daß der Absprung mit einem Fallschirm nicht nur technische Dorkenntnisse, sondern auch Mut und Geistesgegenwart erfordert.
Als sich mir zum ersten Male Gelegenheit bot, einen Fallschirmabsprung zu wagen, fiel mir der Entschluß überaus schwer. Ich habe vorher bereits gefahrvolle Flüge und Flugkunststücke mit- gemacht. Es fehlte mir durchaus nicht an Mut, und doch — es war ein unbeschreibliches Gefühl, als ich auf dem Flugplatz stand, innerlich ent- schlossen, den Sprung zu wagen. Das Zittern in meinen Knien sah nach Angst aus. Aber ich wollte nicht mehr zurück.
Auf dem Flugplatz stand eine Maschine, eine gewöhnliche offene Sportmaschine mit zwei Sitzen. Davor einige Männer mit zusammengerolltem Fallschirm. Einer von ihnen kam auf mich zu und schnallte mich in einen Gürtel fest. Dieser Gürtel ist ein sonderbares Instrument. Ein starkes. breites Lederband mit vielen Karabinerhaken rundherum, wurde mir mit mehreren Schnallen um die Taille befestigt. Ein breites Lederband zwischen den Beinen durch, um ein Durchfallen durch den Gurt zu vermeiden, einige Achselbänder mit gegenseitigen Versteifungen über die Achseln: zum Schluß war ich eingewickelt wie eine Puppe.
Dann wurden Taue an den eigentlichen Fallschirm angehakt — mit den Karabinerhaken an dem Gürtel befestigt. Ich besah — jetzt nut neugierig — den Fallschirm: eine große, trichterförmige Röhre, in der die Leinwand, viele hundertmal nach genauer Vorschrift gefaltet, lag.
Wir fliegen ein. Wieder meldet sich das Angstgefühl. „Mensch", sagte da plötzlich der Flug-
leiter zu mir, „Mensch, Sie sind ja ganz blaß! Haben Sie etwa Angst?" Ich bestritt dies und setzte mich auf meinen Platz im Hportzweisitzer
Wir steigen. Unerbittlich kommt die Sekunde näher, in der ich springen muß. Ein furchtbarer Wind reißt mir den Atem vom Munde, die Sonne leuchtet direkt in die Augen. Dei 1500 Meter soll ich springen. Der Höhenmesser steigt. Meine Angst wird Immer größer. Werde ich es fertig bringen, mich in die bodenlose Tiefe zu werfen?
800 Meter — 900 Meter - 1000 Meter auf 1000 bleibt er ein paar Sekunden stehen. Aber jetzt steigt er wieder: 1100 Meter — 1200 Meter — 1400 Meter. Der Pilot sieht sich um, lächelt mich an, deutet auf den Höhenmesser. Bald ist es soweit. Mein Herz schlägt wie wahnsinnig.
Ietzt! 1500 Meter! Der Pilot zieht Kreise. Weit unten leuchtet die Freifläche des Platzes mit den schneeweißen Landungszeichen. Wieder zieht er eine Kurve, sieht sich um. deutet mit der Hand nach unten. Er bewegt die Lippen - es ist nichts zu verstehen.
Also — es muß fein. Ein Entschluß, der sehr- schwer fällt. Zuerst ein Bein über Bord, dann dos andere. Ietzt sitze ich frei auf dem Rand des Flugzeuges . . . Schrecklich, diese Tiefe.
Plötzlich ein jäher Ruck: der Pilot hat meine Hnschlüssigkeit bemerkt, hat sein Flugzeug in die Kurve geworfen, so daß es ganz schräg liegt — ich kann mich nicht halten, rutsche ab — will schreien — schon sause ich los.
Eine Sekunde — zwei Sekunden. Ewigkeiten, die man durchlebt. Drei Sekunden. Das'Denken versagt. Da: ein Knall. Ein entsetzlicher Knall in diesem Rauschen der vorbeisausenden Luft. Ein Ruck, daß das Blut in die Füße schießt. Man fühlt da« Blut au- dem Kopf entweichen. Dann hört das Rauschen auf. Das Herz geht wieder ruhig. E- ist so wunderbar still um einen herum eine Stille, wie man sie sonst nie erlebst . . . Hoffentlich fliege ich noch lange so — es ist wunderschön, dieses Dahinschweben.
Es vergehen Minuten. Die Erde ist schon ganz nah; man kann die Gesichter der Untenstehenden erkennen. Ietzt noch ein Meter: Aber was ist denn los? Ich fahre ziemlich schnell seitlich! Ietzt treffe ich auf, werde geschleift über weichen Wiesenboden zum Glück, bleibe endlich liegen.
Da kommt schon die Mannschaft herangelaufen: sie richten mich auf, hängen den Fallschirm aus. Ich stehe lächelnd da — und der Flugleiter gratuliert mir: „Na, Glück gehabt? Schön gewesen?"
Ich nicke nur: „Sehr schön!"
Das war der erste Absprung von einhundert- Aweiundzwanzig, die ich in vier Iahren aus- führte.
Buntes Allerlei.
Expeditionen nach dem Mondgebirge.
Heber die bedeutsamen Forschungsergebnisse feiner vier Expeditionen nach dem Mondgebirge, dem sagenhaften Ursprungsgebiet des Nils, berichtete der englische Gelehrte Dr. Noel Humphrey in einem Dortrag von der Geographischen Gesellschaft in London. Diese im Dorjahr durchgeführten Unternehmungen galten der Erforschung des Gebietes nördlich und südlich der Schneegipfel des Ruwenzorigebirges an der Grenze des Belgischen Kongo und Ugandas. Srkundungsflüge über die unbekannten Gebiete waren vorausgegangen. Durch sie wurde klargelegt, daß es außer den feit dem Iayre 1926 bekannten sechs Echneegipfeln keine weiteren gäbe, wie man früher angenommen. Ferner entdeckte man, daß die wirkliche Quelle des Lamia 13 Kilometer von der bisher angenommenen liegt. Das ist deshalb von Wichtigkeit, weil dieser Punkt eine Rolle in dec Festlegung der Grenze zwischen Belgien und Großbritannien spielt. Die erste Erpedition, die zu Fuß unternommen wurde, drang in die unerforschten Täler von Bukurungu vor. die vorher kein Europäer betreten hatte. In großer Höhe wurden Lager auf den Abhängen des Gessi errichtet und nach einigen vergeblichen Versuchen gelang es. den Gipfel zu bezwingen. Die zweite Expedition nach dem Südplateau galt der Erforschung des einzigen Kratersees des Gebirges. Dieser war schon im Iahre 1906 erreicht worden, ohne daß man damals seinen Abfluß entdeckt hätte. Nun wurde festgestellt, daß er mit dem Mahoma-FIuß in Verbindung steht, der in seinem Oberlauf kartographisch ausgenommen wurde. Auch eine Besteigung des jungfräulichen Schneegipfels des Weismann wurde unternommen. Die 3. Unternehmung richtete sich gegen das Nordplateau, wobei der Berggrat zwischen dem Ruimi und dem Iorija-Flusse erforscht wurde, während die vierte Erpedition dem Laufe des Mugusi galt, der südlich vom Emin und Gessi fließt. Alle vier Unternehmungen hatten in erster Linie den Zweck, Samen und Pflanzen von Wert zu sammeln. Heber 400 Pakete mit Samen wurden auf dem Luftweg nach der Heimat gesandt und etwa 550 Pfund lebende Pflanzen mitgebracht. Das wichtigste geographische Ergebnis der Forschungsreisen war die Bestätigung des Glaubens der Alten, daß der Nil in dem Mondgebirge zwischen zwei steil aufsteigenden Gipfeln, Mophi und Crophi, entspringt. Zwischen diesen beiden lag ein grundloser See, dessen Wasser zur Hälfte nach Norden als Nil. zur andern Hälfte nach Süden abfloß. Diese beiden Gipfel wurden von
Humphrey mit den in ihrer Formation so charakteristischen Bergen Emin und Gessi identifiziert. und ebenso gelang es ihm mit größter Wahrscheinlichkeit nachzuweifen, daß der Rua- muli, der nördliche Abfluß des Sees, die in der Heberlicferung fortlebende Quelle des Nils ist.
Aus her Praxis des Schiffsarztes.
Der Schiffsarzt von heute muß in der schwimmenden kleinen Stadt, die ec betreut, alle nur erdenklichen Leiden behandeln. Plötzliche Operationen infolge von Blinddarm- oder Bauch- fellentAÜnbung sind auf hoher See nichts seltenes. Der Arzt muß daher zugleich ein geschickter Chirurge sein, und feine Arbeit wird bisweilen noch durch das Schaukeln des Schiffes erschwert, wenn es sich in starkem Sturm befindet. Cs werden daher von ihm und seinen Gehilfen Kaltblütigkeit und Geistesgegenwärtigkeil verlangt. Das häufigste Leiden, das er behandeln muß. ist natürlich die Seekrankheit. Der lang- jäh. ige Schiffsarzt des en.g.iichen Eunarddampfers „Aquitania", Dr. Sydney Iones, der nach 36jährigem Dienst auf dem Ozean kürzlich zu- rüdgetreten ist, hat gesagt, es würde viel weniger Iammer in den Kabinen herrschen, und der Arzt würde sehr viel weniger zu tun haben, wenn die Leute vernünftig lebten. Sie müssen bereits eine Woche, bevor sie an Bord gehen, enthaltsam und ruhig leben und gewisse leichte Vorkehrungen treffen; dann werden sie auch nicht seekrank. Wenn das Wetter stürmisch ist. dann kommt es nicht selten vor, daß Reisende infolge der Schwankungen des Schiffes hinstürzen, sich Beulen schlagen oder Schnittwunden erhalten. Es sind schon viele Wunden an Bord genäht worden. Aber solche Hnglückssälle werden immer seltener, da die modernen Dampfer immer ruhiger fahren. Der Schiffsdoktor hat außer der Sorge für die Passagiere noch zwei andere zeitraubende Pflichten zu erfüllen. Er muß über die Gesundheit der Mannschaft wachen, um beim Landen an einem fremden Hasen alle Anfragen der dortigen Ge- sundheitspolizei befriedigen zu können. Die Zahl der Dokumente, dte er dabei auf jeder Reise ausstellt, ist recht beträchtlich. Schließlich muß der Doktor auch ein vortrefflicher Gesellschafter fein, denn er hat an dem Tisch, an dem er sitzt, für gute Hnterhaltung zu sorgen. Er versieht vielfach das Amt eines Vergnügungs-Direktor», soll ein guter Tänzer fein, sich bei allen Deck!-» spielen beteiligen und muß doch Tag und Nacht stets gewärtig fein, feine ernsteren Pflichten zu erfüllen


