Der Itoom oom Sind
Vornan von Margarete Antelmann.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale)
25 FoNIetzung Nachdruck oerboten
.Das könnte Ihnen so passen, Herr Fischer! Sich hier ins gemachte Rest setzen. Ihren guten Willen und Ohre Arbeitswilligleit in Ehren; ich weiß, daß Sie es waren, der die Karre in Löbbau aus dem Dreck gezogen hat. Aber ich weih auch, dah es vielleicht Sisyphusarbeit ist, die Sie drüben leisten, und ich begreife es vollkommen, dah Sie lieber den Herrn auf Löwen spielen wollen, als drüben in Löbbau aus die gute Zeit zu warten, die vielleicht gar nicht kommt. Aber Sie werden Ihrerseits auch begreifen, dah ich mir für meine Tochter einen anderen Mann wünsch« als einen, der nichts hat und der nur auf mein Gut spekuliert."
.Was Sie da sagen, Herr von Löwen, ist eine Beleidigung, die ich indes Ihrem ängstlichen Vaterherzen zugute halte und die ich aus meiner tiefen und ernsten Liebe zu Lucie heraus ver- ?^ihe. Sie können ja nicht wissen, wer ich bin. Ich bin kein armer Schlucker und Hungerleider, für den Sie mich ansehen. Mein Vater ist der Fabrikant Teutobert Fischer in Leipzig; unsere Firma gehört zu den ältesten Unternehmungen unserer Stadt — ich bin der einzige Sohn und habe es, weih Gott, nicht nöiig, bei meiner Ehe auf pekuniäre Fragen Rücksicht zu nehmen.
Dah ich in Löbbau bin, hat seinen Grund. Ich habe mich mit meinem Vater entzweit, weil ich Boxer werden wollte; er versagte mir diesen Wunsch, wie ich heute einsehe, mit vollem Recht. Ich habe die Absicht, heute noch nach Leipzig zu fahren und mich mit meinem Vater auszuföhnen. Vorher aber wollte ich mir meine Vraut sichern. Wollen Sie uns Ihr Jawort geben, Herr von Löwen?"
Der Gutsbesitzer h^tte voll Erstaunen zugehört. Da schien er sich ja hübsch verrannt zu haben. Dieser Theobald Fischer schien wahrhaftig keine schlechte Partie zu fein.
Und wie er dastand, mit seinem trainierten Körper, mit der Selbstverständlichkeit eines QHan- nes, der weih, was er will! Wie sicher er Lucie an seiner Brust hielt, ohne sich von bem Widerstand ihres Vaters beirren zu lassen! Es sah fast aus, als ob Lucie diesmal klüger gewesen war als ihr alter Vater.
Herr von Löwen war ein wenig verlegen, als er jetzt antwortete:
.Verzeihen Sie mir, Herr Fischer! Aber — Lucie ist mein ein und alles; ich sorgte mich um sie. Dah ich Sie persönlich sehr liebgewonnen habe, in diesen Monaten, das wissen Eie selbst.
Aber — dah Sie gleich vom Heiraten sprachen, I das machte mich kopfscheu. Ich hatte doch gar nichts davon gewußt, wie Sie und Lucie zusammen standen. Ich will ja nichts anderes als das Glück meines Kindes!"
.Da sagst du also ja, Vater!" jubelte Lucie und flog von dem Halse Theobalds an den ihres Vaters. Der küßte sie innig auf die Stirn und reichte Theobald die Hand.
.Sie sollen es nie bereuen. Herr von Löwen, mir Lucie anvertraut zu haben!"
„3m Grunde genommen seid ihr beide fast noch zu jung zum Heiraten. Aber ich vertraue Ihnen; ich glaube. Sie sind ein guter Mensch, und das ist sehr wichtig. Aber jetzt wollen wir ins Haus gehen, die Verlobung ein wenig feiern. Wenn Sie heute noch nach Leipzig fahren wollen, haben Sie ohnehin nicht sehr viel Zeit."
Bei Teutobert Fischer ging eS in den letzten Monaten nicht sehr erfreulich zu. Es war „dicke Luft", und die Angestellten und Arbeiter hatten nichts zu lachen.
Im Büro seufzte man, wie unter einer Last. Der Alte war geradezu zu fürchten. Er war schon immer streng gewesen; aber jetzt war kaum mehr mit ihm auszukommen. Seit Theobald Fischer davongegangen war, sah es aus, als ob Teutobert Fischer alle Menschen für seinen mißratenen Sohn verantwortlich machen wollte.
Er wurde mit jedem Tage verschlossener und einsilbiger.
Dieser Theobald war ja auch nicht zu verstehen. Warf das alles weg, was auf ihn wartete, um einer Marotte nachzulaufen. Es war brgreiflich, daß sich Teutoberck Fischer um seinen Sohn grämte.
Rur dah er seinen Gram an seinen Angestellten ausließ, das war nicht recht. Wenn die Zeiten nicht so schwer gewesen wären, hätten es die jungen Mädchen und Männer in Teutobert F schers Büro sicher nicht so lange ausgehalten. So aber — man mußte froh fein, solange man sein sicheres Unterkommen hätte. Da mußte man schon die Launen des Chefs auf sich nehmen.
Auch heute arbeitete man im Büro fieberhaft, wie immer. Denn Hyppolyt Hoffmanns Argusaugen sahen schärfer als je.
Man wagte kaum aufzusehen, als ein großer Herr das Büro betrat. Er überreichte Heinrich eine Visitenkarte und bat, dem Chef gemeldet zu werden.
„Konstantin von Löwen" hatte der Stift bei einem flüchtigen Blick gelesen, den er auf die Karte zu werfen wagte.
Ter Fremde verschwand im Privatbüro.
„Was verschafft mir d e Ehre Ihres Besuchs?" fragte drinnen Herr Fischer.
„Ja, mein lieber Herr Fischer — eS ist nicht so leicht, die richtigen Worte zu finden, um meine Mission einzuleiten. Ss handelt sich um Ihren Sohn!"
„Also um den Dengel handelt eS sich? Was hat er denn ausgefressen, der Junge?"
„Wissen Sie vielleicht, wo sich Ihr Sohn auf* hält?"
„Rein! Und es ist mir auch ganz gleichgültig, wo der ungeratene Mensch hingekommen ist. Ich hoffte nur, es ginge ihm recht schlecht. Damit er für seine Unbotmäßigkeit gestraft würde!"
„Dieser Wunsch geht Ihnen nun leider gar nicht in Erfüllung. Cs ist ihm, glaube ich, noch nie fo gut gegangen wie eben jetzt."
„Ra, da wird er ja auf dem hohen Pferd sitzen und seinen dummen Vater auslachen I"
„Rein, mein lieber Herr Fischer, da verkennen Sie Ihren Sohn vollkommen! Im Gegenteil — ich komme als Friedensengel. Und ich muß Ihnen sagen, daß Ihr Sohn ein ganzer Kerl ist, auf den Sie jetzt stolz sein können.
Theobald wünscht nichts sehnlicher, als sich mit Ihnen auszusöhnen. Und ich sollte Sie ein wenig vorbereiten. Er bringt noch jemanden mit .... Aber bitte, kommen Sie ans Fenster, sehen Sie selbst..."
Teutobert Fischer war aufgesprungen, trat jetzt ungestüm ans Fenster. Drunten stand ein offenes Auto, in dem zwei junge, strahlende Menschen sahen: sein Sohn Theobald und ein entzückendes junges Mädchen. Beide spähten eifrig herauf.
Teutobert Fischer wandte sich fragend um.
„Ja. Herr Fischer, ich bin Konstantin von Löwen, der künftige Schwiegervater Ihres Sohnes..."
Teutobert Fischer lieh ihn nicht ausreden. Rach einem flüchtigen Händedruck war er plötzlich aus dem Zimmer gerannt, die Treppe hinunter, ohne sich um die erstaunten Gesichter des Büropersonals zu kümmern.
Thwbald Fischer war schon aus dem Wagen gesprungen, gerade im Begriff, zu dem Vater hinaufzueilen. Beide lagen sich in den Armen.
„Vater, vergib! Ich war ein Scheusal, ich sehe es ein. Aber jetzt will ich vernünftig fein, du sollst nur noch Freude an mir haben. Und hier, das ist meine Lucie — meine Braut..."
Teutobert Fischer war an den Wagen herangetreten, hatte LucieS beide Hände ergriffen, um im nächsten Moment einen Kuh auf den frischen Mund zu drücken.
„Schon um dieses reizenden Mädchens willen soll dir alles verziehen sein, Theo!" sagte er dann strahlend. „Und jetzt wollen wir ins Haus gehen"
Man sah im Privatbüro Teutobert Fischers zusammen, und der Vater erfuhr, wie tüchtig sich sein Sohn erwiesen hatte, wie sehr er daran beteiligt war, dah es in Löbbau wieder aufwärts ging.
Teutobert Fischer versprach, mit nach Löbbau zu fahren, sich die Dergwerksanlagen anzusehen und August Richter zu helfen, so schnell als möglich vorwärts zu kommen.
Später — man trank den Mokka, nach einem
solennen VerlobunAessen — fragte Theobald feinen Vater nach Magdalene Winter. Er habe da fo etwas läuten hören, von einer Erbschaft oder einem Losgewinn. Was denn mit dem Mädchen los fei?
Teutobert Fischer berichtete. Magdalene Winter hätte das Große Los gewonnen: funfbunbert* tausend Mark. Er gönne es dem Mädel, das immer brav und sehr fleißig gewesen Ware. Es sei nur schade, dah sie das schone Geld mit vollen Händen hinausgeworfen hätte.
Alle Angestellten hätten dasselbe erzählt, wie leichtsinnig sie mit ihrem Reichtum umgegangen war. Jedem, der zu ihr gekommen war, hätte sie mit vollen Händen gegeben, ohne nachzuforschen, ob eS angebracht war. Was gut und schön und teuer war, hätte sie sich angeschafft; es wäre ein Jammer, wieviel Geld sie verplempert hätte. Auch Frau Hahn, ihre mütterliche Wirtin, die sie nach Berlin begleitet hätte, sei ganz entsetzt zurückgekommen. Sie hätte ihren Schützling so gern wieder mit nach Leipzig zurückgenommen; aber Magdalene Winter hätte sich nicht bereden lassen. Jetzt wäre sie wohl auf einer großen ileberfeereife. Frau Hahn hätte längere Zeit nichts mehr von ihr gehört.
Als Theobald nach Löbbau zurückgekehrt war. berichtete er August alles, was er üuer Magdalene Winter vernommen hatte.
„Wenn ich sie nur hier hätte, ihr die Leviten lesen könnte über ihre Dummheit!" sagte bekümmert August Richter. „So aber — weiß Gott, wo sie umherirrt. Ohne Geld, ohne Papiere. Und ich bin machtlos, kann ihr nicht beistehen."
August Richter hatte nie zuvor geglaubt, daß ihn die Liebe so tief packen könnte. Er wußte, dah er Magdalene Winter liebte, mit einer heißen, tiefen Mannesliebe, und dah sie die Frau war. der sein Leben gehörte. Er wußte aber auch, dah ihm jetzt die Hande gebunden waren, dah er warten mußte, bis die Fäden sich entwirrten, die sich um Magdalenes Schicksal gesponnen hatten. Auf irgendeine Weise würde sie wieder in sein Leben treten, davon war er überzeugt. Und inzwischen blieb ihm nichts anderes als seine Arbeit und die Aufgabe, daS Gut seiner Väter wieder hochzubringen. Magdalene sollte eS gut haben, wenn sie erst bei ihm war.
Er arbeitete den ganzen Tag, schuftete wie ein Tagelöhner. Er kümmerte sich um jede Kleinigkeit in seiner Landwirtschaft, er wußte Überall Bescheid, und ohne ihn wurde nicht das geringste unternommen. Er und der Verwalter Steingruber rechneten und erwogen, und nach einigen Monaten sahen sie, dah es vorwärts ging. Ab und zu konnte von den Erträgnissen der Landwirtschaft eine kleine Summe zurückgelegt werden, für die dann irgendeine notwendige Gutsanschaffung gemacht wurde; man sah überall Fortschritte.
Auch im Bergwerk ging es nicht schlecht. Schon waren bestimmte Abnehmer da. die regelmäßig bezogen. (Fortsetzung folgt.)
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