Doktor Grubes Ehe.
Originalroman von 3. Schneider-Zoerfil.
6. Fortlegung. Nachdruck verboten!
Professor Lör kam, streckte Grude die eine und Montrey die andere Hand entgegen und lachte. „Was hab' ich denn gesagt, Herr Kollege? Tadellos! Und wenn Sie wieder auf der Hohe sind, Herr Haupt- mann, hab' ich etwas für Sie in Aussicht."
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Grude tat das Herz weh, so groß und erwartend sahen Dicks Augen aus dem abgehärmten Gesicht zu dem Professor auf. ,Lch kann allerhand", meinte er lächelnd. „Bloß schießen, das hab' ich halt net recht los, Herr Professor. Da triff ich halt alleweil daneb'n."
Lör klopfte ihm freundlich auf die Schulter. „Es ist halt schon so lange Krieg gewesen", meinte er scherzend. „Da verlernt sich manches." Er begann, von Grude unterstützt, den Verband zu erneuern. „Zwei Wochen noch, Herr Hauptmann. Dann ist alles wieder im Blei."
Montreys Gesicht war jetzt offensichtlich deprimiert. „So lang noch?" Er hatte gehofft, schon die nächsten Tage von hier loszukommen. „Wer bezahlte die Klinik? Den Professor? Die Operation?" Grudes lausend Schilling würden, kaum geliehen, gleich wieder ausgegeben sein, vorausgesetzt, daß sie überhaupt reichten. Noch einmal tausend Schilling borgen? — Schrecklich! Nun ging das Gefreit mit dem Leben wieder von vorne an. Und wär so schön gewesen, wenn man hätte zur Ruhe kommen können.
Mit einem vorwurfsvollen Blick sah er zu Grude auf, der dem Professor beim Erneuern des Verbandes behilflich war.
Gleich darauf trat Lena ein, und die beiden Aerzte verließen das Zimmer.
„Haben Sie den Blick vorhin gesehen?" frug Lör und suchte in Grudes Augen. „Ja? —" Sie schritten noch ein Stück des langen Ganges hinunter und blieben dann stehen. „Was sagen Sie, wenn ich ihn beim Herzog von Cumberland unterbringe?"
„Als was?" fragte Grude und fühlte plötzlich, wie ihn ein Gefühl unsagbarer Verlassenheit beschlich, als hätte er Dick bereits verloren. Drei Jahre war dieser in England gewesen. Man hatte sich fast ausein- andergelebt, nachdem man die ganze Jugend und einen Teil des Krieges miteinander verbracht hatte, und nun war Dick zurllckgekommen, und von der ersten Stunde des Wiederlehens an hatte sich die Freundschaft ohne weiteres erneuert. Wenn Dick auch in seinem Lädchen saß, und er in seiner Praxis In der Mariahilfer Straße, man war sich doch nahe. Und Montrey war außerdem bis zur letzten Stunde mit Christa zusammen gewesen. „Der Cumberländer ist nicht in Wien", sagte er gedrückt.
„Nein! Er sucht einen Reisebegleiter für feinen ältesten Sohn. Ich finde, daß Herr Hauptmann Man- trey sehr gut dafür passen wurde."
Grude sah nachdenklich zu ihm auf. „Mein Freund wird dann immer unterwegs sein."
„Allerdings", meinte Lör und begriff plötzlich Vielleicht findet sich noch etwas anderes. Wir sehen uns ja alle Tage. Auf Wiederschauen, Herr Kollege!" Er ging der Schwester entgegen, die auf ihn wartete, und folgte ihr in einen der angrenzenden Räume, in dem ein Schwerkranker lag.
Als Grude wieder in Montreys Zimmer trat, lachte seine Assistentin eben belustigt auf. Wahrscheinlich hotte Dick wieder einen Witz gemacht. Der täuschte, wenn er sich einmal wirklich zum Sterben legte, bis zur letzten Minute den frohen Mann vor. Und er selbst? Warum konnte er dos nicht? Jede Depression, die er im Innern durchmachte, kam auch physisch zum Ausdruck. Christa war auch seine Art gewesen. Aber sie hatte sich wundervoll zu beherrschen vermocht. Dick aber halte sozusagen eine Virtuosität darin, andere über seine heimlichsten Gedanken weg- zutäuschen.
„Ein Gesicht mach'st, als wann's mit mir zum Sterb'n ging", neckte Montrey.
Grude erschrak. Vielleicht glaubte Dick wirklich, daß er draußen mit dem Professor über fein Ableben gesprochen hatte. „Lör möchte dich beim Herzog von Cumberland als Begleiter empfehlen", gab er Be- scheind.
„Wirklich?" Montreys Lächeln war nicht zu enträtseln.
„Es paßt dir nicht?" fragte Grude.
Das Lächeln stand noch immer auf dem blassen Gesicht. „Da werd'n die tausend Schilling von dir aleich futsch sein, mein Lieber! Ich hab' bloß zwei Anzüg': den einen für den Laden, den andern für die Sonntag. Meine Uniform zählt nimmer. Oder meinst, daß mich der Cumberlander nimmt, wann ich mich im Pyjama vorstell'? — Aber das wird ja net gleich sein müss'n. Vierzehn Tag bleib’n wir noch alleweil beisammen."
Grude suchte angestrengt nach einem Ausweg und glaubte endlich einen solchen gefunden zu haben. „Komm zu mir, Dick!"
„Ja?" lachte dieser belustigt. „Als Stiefelputzer, Euer Gnad'n--? Felitsche, sei gut", bat er, als
Grude die Lippen zusammenkniff. „Schau, is ja eh bloß ein Spaß. Was tät’ft denn mit mir! Das mußt doch einsehn. Net wahr, Fräul'n Lena? Ich kann mich doch net zu dir in die Wohnung setz'n und ein Loch in die Lust schau'n, während du das Geld verdienst, bas ich zum Leb'n brauch.--So aus-
g'schämt kann einer ja gar net sein. Ich roerb’s bem Herrn Professor fag’n, baß ich recht dankbar bin, wann mich der Cumberlander nimmt."
Grude nickte. Armer Dick! Es mußte und mußte sich doch noch etwas anderes finden lassen, daß man beisammenbleiben konnte.
Die Schwester kam und brachte einen Strauß Rosen und eine Karte. Die Dame ließe fragen, ob sie oorsprechen dürfe.
„Freilich!" stimmte Dick zu. „Die Madien ist ein guter Kerl", jagte er, zu Grude gewandt. „Jed'n zweit'n Tag schickt's mir Blumen, und wenn der Ralf kommt, ist sie allemal dabei. Gestern ist sie zwanzig Jahr g'wesen. Haft ihr gratuliert, Felix?"
Grude hatte vergessen. Aber bas konnte man ja nachholen. Er begrüßte Mablen, die eben eintrat, und brachte seine Glückwünsche dar. Ihr „Danke" klang unhöflich kurz. Sie konnte es auch bleiben lassen, wenn sie nicht nett sein wollte. Man verabschiedete sich aber doch zusammen von Montrey und fuhr zu dreien nach Grubes Wohnung in der Maria- hilfer Straße. Er lud sie sogar ein, mit hinaufzukommen und mit ihm eine Tasse Kaffee zu trinken.
Lena mußte sofort ins Ordinationszimmer, um einen kleinen Jungen zu verbinden, der sich ein Loch gefallen hatte. Die Verletzung war aber so unbedeutend, daß sie auch ohne Grude fertig wurde. Dem war das Alleinsein mit Madien peinlich. Ihr aber war dieses Zusammensein zu zweien nur erwünscht.
Sie gab sich ganz als Hausfrau, schenkte ihm Kaffee ein und strich zwei Brote für ihn. Er war so zermürbt von den letzten Wochen und empfand es wohltuend, daß sie ihn umsorgte. Und sie war doch auch Christas Schwester.
Er ließ den Blick über sie hingehen und verglich. Sie war hübsch. Er durfte nicht immer an die tote Braut denken, sonst kam er nie und nimmer mehr zu einem Genesen.
Als sie jetzt neben ihm stand und wie zufällig die Hand auf feine Schulter legte, zog er ihren Arm an sich und lehnte das Gesicht dagegen. Er hatte zuweilen Stunden, in denen er liebebebürftig war. Sie hielt ganz still und lehnte ben Kops gegen seinen Scheitel. „Du bist wohl sehr mübe, Felitsche?"
Er nickte.
„Du solltest bich etwas legen", riet sie. „Nur hier auf den Diwan dort. Lena und ich werden ganz leise sein. Ja?--" Sie ging bereits nach dem Ruhebett,
bas an die blaue Tapete gerückt war, und rüttelte bas halbe Dutzenb Seidenkissen auf, die Christa noch gestickt hatte. „Komm!“ schmeichelte sie und breitete die Arme nach ihm aus.
Er wollte nicht und erhob sich doch. Das blaue Dämmer, welches ben Raum füllte, umwob ihre schlanke Gestalt mit einem zarten Schleier. Sie wartete, bis er sich ausgestreckt hatte unb kniete dann neben ihm nieder, seine Schuhbänder zu lösen.
„Was tust du, Madien?" fuhr er auf, sah ihre Augen in brennendem Verlangen auf sich gerichtet und sank wieder zurück. Auf den Knien rückte sie zu ihm hin und barg bas Gesicht in ben Kissen, auf benen fein Kopf lag.
„Was ist benn?" fragte er beschwörend. „Was ist denn nur?" drang er in sie, unb kam sich vor wie
ein Mensch, der an einem Abgrund steht unb nicht« als Leere unter sich sieht. „Du mußt bich mäßigen!" warnte er. „Was soll Lena benken, wenn sie kommt!"
„Sie darf es ja wissen!" schluchzte sie.
„Was?"
„Dafj ich dich liebe!"
Er laa vollkommen bewegungslos. Hörte ihr stoß- weises Atmen, aber er fand keinen Trost für chr Weinen, kein Wort des Hoffens für ihr Geständnis. Erft nach einer Weile, als sie, die Hände vor das Gesicht geschlagen, bas Gesicht an seine Schulter brückte, strich er ihr leicht über das Haar. „Du mußt dich bescheiden, Mablen! Was willst du denn von mir? — Ich denke nicht mehr daran, mich zu oer» heiraten. Es wäre eine Treuelosigkeit an Christa. Sie würde es auch nicht getan haben, wenn ich vor ihr gestorben wäre."
„Du kannst doch nicht dein ganzes Leben lang ohne Frau bleiben!" Sie hob dabei den Kopf nicht, als sie das sagte.
„Weshalb nicht?" forschte er verwundert.
„2lch!--" Ihr ganzer Körper zitterte. „Das
weiß ich doch. Ich habe neulich gehört, wie Rolf zu Mama sagte, sie dürfe es ihm nicht verübeln, wenn er sich einmal verheirate. Es ginge ganz einfach nicht mehr so.--Felitsche, hilf mir doch!"
(fr half ihr nicht. Aber er saß jetzt aufgerichtet und hatte eine kalte Strenge im Blick. „Warum hörst du so etwas an, Madien? Das ist doch nichts für deine Jahre!"
Ein förmlicher Krampf durchschüttelte sie. Als draußen eine Tür ging, schnellte sie auf und kämmte sich das Haar zurecht. Ein bleiches, verstörtes Ge- sicht sah ihr entgegen, in welchem zwei flackernde Augen brannten.
Grude hatte sich ebenfalls erhoben und trat hinter sie. „Wohin soll das führen, Madien? Du bist dir nicht klar, was es unter Umständen für dich bedeutet, meine Frau zu werden. Was versprichst du dir eigentlich davon?"
„Immer bei dir zu fein." Dabei stürzten ihr die Tränen über die Wangen.
Er war schon halb entwaffnet. „Du würbest mich nur zu bald satt bekommen, Mahlen."
„Nie!" Sie wagte nicht ifc anzusehen. Er war Arzt. Immer hatte sie sich einen Arzt zum Mann gewünscht.--Und er besaß alles, was sie sich in
ihren Träumen von bem zukünftigen Gatten erwartet hatte: eine tabellofe Erscheinung unb jene Ritterlichkeit im Auftreten, die jebem heranreifenden Weibe der Inbegriff des Herrlichsten erschien.
Ihre Finger hoben sich scheu unb falteten sich hilflos ineinanber. „Ich muß jetzt gehen, Felix! Wirst bu Rolf von bem sagen, was ich zu bir gesprochen habe?"
(Fortsetzung folgt)
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