Ausgabe 
6.4.1933 Erstes Blatt
 
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Die stummen Gäste von Zweilinden

Vornan vonAnny vonpanhuys.

Copyright by Belletristische Korrespondenz Bechthold, TO Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Anton hatte, nachdem Justine von Welten mit ihrem Manne von der Bildfläche verschwunden, ollen, die es hören wollten, wichtig evgählt, daß er den Spuk gehört im Bankettsaale; und er behauptete nun, die stummen Gäste von Zweilinden hätten das Feuer angekündigt.

Bettina ließ den Bankettsaal gründlich untersuchen: sie vermutete eine geheime Kammer, in der sich je» mand von den Dienstboten letzchin damit belustigte, alle, die die sich in den Bankettsaal verirrten, mit dem alten Spuk zu necken. Aber es fand sich kein Anhaltspunkt, woher die Geräusche stammten.

Bettina lebte still und zurückgezogen. Erstens, weil sie sich in tiefer Trauer befand, und dann spürte sie auch gar kein Verlangen nach Gesellschaft. Ihr bitteres Erleben mit Wulf Speerau war noch lange nicht überwunden. Ihre Liebe zu ihm war tot: Ver­achtung und Ekel hatten sie fast sofort getötet wie böse scharfe Gifte: aber die Verachtung und der Ekel quälten sie oft. Und manchmal dachte sie auch an Frau Justine, und empfand Scham für sie, die sich nicht ihrer Falschheit und Schlechtigkeit geschämt.

Täglich erschien Ernst Flügge im Herrenhaus, und täglich arbeitete die junge Herrin von Zweilinden mit ihm. Sie wollte sich gründliches Verständnis für die ihr gewordene Aufgabe verschaffen. Sie wollte nicht nur dem Rechte nach die Herrin von Zwei­linden sein, sondern sich dieses Recht auch durch Arbeit verdienen. Eifrig las sie landwirtschaftliche Bücher, die ihr der Inspektor empfahl, und zu­weilen saßen beide des Abends zusammen und plau­derten. Bettina lernte aus der Unterhaltung, die sie mit Ernst Flügge führte, so manches, was für sie als Gutsfrau wichtig war. Der alte Herr rauchte bei seine Pfeife, und ein guter Mosel, den er sehr verehrte, stand vor ihm, während Bettina chm zu- hörte und kluge Fragen stellte.

So verging die erste Hälfte des Trauerjahres, und der Herbst meldete sich, fuhr fauchend über die Stoppelfelder, pfiff und heulte durch den immer kahler werdenden Buchenwald, riß den Tannen die Radeln aus und klapperte an Türen und Fenstern, daß man meinte, allerlei wildes, unheimliches Volk begehre stürmisch Einlaß.

An der Stelle, wo Konrad von Zweilinden er­schossen worden war, hatte Bettina ein Kreuz errichten lassen. Darauf stand:Hier starb von ver­ruchter Mörderhand: Konrad von Zweilinden. Wan­derer, bete für feine Seele!"

Dörfler, die dort spät vorüber mußten, behaup­

teten, es fei nicht ganz geheuer in der Rahe des Steinkreuzes; sie sagten auch, die Pferde scheuten an der Stelle bei Nacht.

Wulf Speerau aber mied den Platz, so gut er konnte; mußte er aber dort vorüber, dann wandte er den Kopf ab, er wollte das Kreuz nicht mehr sehen, wollte die Inschrift nicht mehr lesen: Hier starb von verruchter Mörderhand! Was kümmerte ihn der Mörder Konrads von Zweilinden. Man suchte diesen seit mehr als einem halben Jahre, und fand ihn nicht. Er dachte: Man fand ihn nicht und würde ihn nicht finden.

9.

Im HotelEichkatz" in der Kreisstadt war an einem Sonntagvormittag ein Herr angekommen. Er hatte große Aehnlichkeit mit dem verstorbenen Kon­rad von Zweilinden und schrieb sich in das Fremden­buch ein: Ottfried von Zweilinden.

Der Hotelier verkündete das Neueste im Hono­ratiorenzimmer, und daraufhin erhob sich sofort der Justizrat Eisen vom Stammtisch und suchte den Hotelgast in seinem Zimmer auf. Die beiden kannten sich sofort wieder, und es gab eine lange Beratung zwischen ihnen, bis sie alles besprochen hatten.

Ottfried von Zweilinden fuhr sich über die hohe Stirn, auf der ein paar tiefe Falten eingekerbt waren:Very well, also das kleine Mädchen von damals, das Gnadenkind, ist jetzt die Besitzerin von Zweilinden! Auf dem Konsulat in Rio de Sanejrn hörte ich, mein Vater wäre tot, und eine Erbschaft warte auf mich. Da bekam ich doch einen höllischen Schreck, da fiel mir erst richtig auf, es waren doch verteufelt viele Jahre vergangen, seit ich hier fort- gelaufen bin. Ich hätte nicht so bockig fein sollen, hätte mal schreiben sollen, nicht wahr? Warum ist denn eigentlich Mutter nicht die Erbin von Zwei- linden? Das wundert mich."

Der Iusttzrat hob leicht die Hand.

Die Frage müßten Sie sich doch eigentlich selbst beantworten können. Herr von Zweilinden", er­widerte er ernst.

Ottfried sah den Iusttzrat groß an.

Ach so", sagte er langsam,Mutter ist auch tot. Natürlich, ich hätte es mir denken können/' Er zwinkerte verdächtig mit den Augen.Seit langem zwickt mich das Heimweh, aber ich saß zu tief in Trotz verbohrt, merkte gar nicht, wie die Jahre dabei vergingen. Ich habe geschuftet, gearbeitet von früh bis spät, aber mehr als so viel, daß ich mir einen anständigen Anzug kaufen und die Reise bezahlen konnte, schuftete ich nicht zusammen. Nun bin ich hier, und es ist gut Herr Iusttzrat, daß ich Sie zuerst spreche, da weiß ich gleich, woran ich bin."

Er hörte aufmerksam zu, was ihm der Aellere mitteilte, nickteVery well, ich bin sehr zufrieden damit, wenn mir Bettina Claudius das Vorwerk Jägerhaus abtritt und noch hunderttausend Mark dazu." Er schüttelte den Kopf.Ich habe soviel Güte von Vater gar nicht verdient. Aber Dickköpfe sind wir alle von je gewesen, wir Zweilindens, und, weiß

der Teufel, heute erkenne ich erst, was ich getan habe." Er duckte den Kopf tief zwischen den breiten Schultern ein.Nun bin ich also wieder zu Hause. Weiß der Himmel, mir wäre wohler, wenn ich die Eltern noch angetroffen hätte, und das spürt man alles erst so richtig hier in der heimatlichen Luft."

Der Iusttzrat schlug vor:Wollen wir zusammen nach Zweilinden hinausfahren?"

Very well, sehr gern. Ich bin sofort bereit."

Der Iusttzrat erhob sich. Dann meinte er:Wir können die Kalesche vorn Hotel nehmen, ich will ver­anlassen, daß gleich angespannt wird. Wenn es Ihnen recht ist, Herr von Zweilinden, kommen Sie mit herunter an unseren Frühschoppenstammtisch, es sitzen da verschiedene Herren, an die Sie sich sicher noch von früher her erinnern werden. Zum Beispiel Apocheker Tann, Doktor Mager, Slrdjiteft Schlaumer, dann Herr von Menke auf Steinitz und, wenn ich nicht irre, kam gerade, als ich hinausging, Graf Speerau. Ich meine den jungen Grafen Wulf, feine Eltern sind auch schon lange tot."

Ottfried von Zweilinden machte:So, so! Wulf Speerau! Wir waren ja früher ganz gute Kame­raden. Ich möchte ihn gern Wiedersehen. Very well, gehen wir. Herr Justizrat, nehmen Sie mich mit an Ihren Frühschoppenstammtisch!"

Das Honoratiorenzimmer des HotelsEichkatz" war niedrig und die Decke dunkel vom Rauch, aber durch drei Fenster kam das Tageslicht herein, und die Herbstsonne, die draußen gerade über dem Marktplatz butterblumengelb glänzte, schickte ihre Sttahlen in die verräucherte Gaststube; und sie tanzten vergnügt uinher, streichelten die spiegelnden Glatzen und die weißen Haare der älteren Herren mit derselben lässig-warmen Zärtlichkeit' wie die glänzenden Scheitel der jüngeren.

Als der Justizrat mit Ottfried von Zweilinden eintrat, verstummte wie auf ein Kommando das Gespräch an dem großen runden Tische, um den wohl ein Dutzend Herren saßen. Es waren ein paar Gesichter dabei, die Ottfried von Zweilinden nicht kannte; aber an die meisten erinnerte er sich, eins um das andere schälte sich aus seinem Gedächtnis heraus.

Er schüttelte viele Hände, ein paar unbekannte Herrewstellte ihm der Justizrat vor; und dann stand er voöiWulf Speerau.

Im ersten Augenblick zweifelte er, daß es Wulf war, doch der Graf nickte ihm zu.

Ich bin es, Ottfried. Du suchst in mir wohl noch den jungen Burschen, kaum über die Zwanzig, nicht wahr?"

Ottfried von Zweilinden reichte ihm die Hand und lächelte:Bin ja auch über zehn Jahre weg, very well, da wird man nicht jünger.

Der andere neigte ein wenig den Kopf.

Es hat keiner geglaubt, daß du noch existierst. Ich auch nicht."

Ottfried von Zweilinden straffte sich ein wenig auf. Seine breite untersetzte Gestalt schien zu wachsen.

Ich hätte es selbst nicht geglaubt, ich kam mir schon wie ein Toter vor. Aber jetzt bin ich da und froh darüber. Ein Dummkopf bin ich gewesen, die Heimat im Stiche zu lassen und alles, was mit da­zugehört. Es tut mir ehrlich leid, alle können es hören."

Der Wirt kam, meldete, die Kalesche sei angespannt; und dann gab der Heimgekehrte wieder allen die Hand, aber die Hand Wulf Speeraus schüttelte er ein wenig länger.

Hoffentlich sehen wir uns recht bald wieder, um uns zu erzählen, was wir erlebt haben, seit ich fort gewesen."

Nachdem er das Honoratiorenzimmer verlassen, gab es ein lebhaftes Gespräch am Stammtisch. Heute hatte man wenigstens einmal ganz besonders guten Unterhaltungsstoff, da schmeckte das frische Bier gerade noch einmal so gut.

Die beiden Herren saßen ziemlich schweigsam im offenen Wagen. Ottfried von Zweilinden blickte nach links und rechts, taufend Erinnerungen stürmten auf ihn ein. Als der Wagen die Stelle erreichte, wo man Konrad von Zweilinden erschossen hatte, machte der Justizrat seinen Begleiter auf das Kreuz aufmerh-.n.

Ottfried riß den Hut herunter, lieh halten. Un­bedeckten Hauptes trat er an das Kreuz heran, las die Inschrift.

Armer Vater! murmelte er und blickte nach­denklich auf das Kreuz nieder.

Lange stand er so, und er fühlte, wie sich seine Augen feuchteten.

tim die Mittagszeit fuhr der Wagen vor dem Herrenhause von Zweilinden an. Inspektor Flügge war der erste, der den Heimgekehrten begrüßte, und dann stand er vor Bettina, sah sie lange an und sagte ein bißchen täppisch:Du warst eine häßliche Zwölf­jährige, als ich hier fortging; ich habe dich mir ganz anders vorgestellt."

Sie dachte daran, daß der Vater in seinem letzten Willen gebeten: Auch wünsche ich, daß ihn Bettina, wenn er draußen nicht ein gar zu Ungeschliffner geworden ist, wie einen guten Freund oder Ver­wandten behandelt, damit er sich daheim nicht gar zu verlassen vorkommt!

Sie fragte freundlich:Wie dachtest du denn, wie ich aussähe?"

Er antwortete ehrlich:Ich dachte mir, du müßtest recht häßlich geworden fein; und nun bist du hübsch, gepflegt und elegant wie die Töchter t>er reichen Leute in Rio, nach denen ich mir manchmal die Augen ausgeschaut habe und an die so'n Nix, wie ich drüben gewesen, doch nicht herankommt."

Sie fragte ernst:Bist du mir böse, daß ich dir Zweilinden toeggenammen habe? Ich kann nichts dafür."

Er schüttelte den Kopf.Ich hörte vom Herrn Justizrat, du würdest mir das Vorwerk geben und noch eine Menge Geld dazu. Das reicht für mich. Ich habe ja nicht einmal das verdient." '

(Fortsetzung folgt.)

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Herr Carl Berg sen.

im fast vollendeten 91. Lebensjahre

Die trauernden Hinterbliebenen:

Familie Carl Berg jun.

Familie Willi Berg Familie Albert Wallenfels

Gießen, den 6 April 1933 2351 d

Die Beerdigung findet in der Stille statt

Gott dem Allmächtigen hat es gefallen, unsere lieben Eltern, Schwiegereltern, Großeltern, Onkel, Schwester und Tante

Georg Ockel, Landwirt

Veteran von 1870/71

Johannette Ockel, geb. Euler

nach schwerem Leiden im Alter von 83 und 86 Jahren zu sich iif die Ewigkeit zu rufen

Im Namen der Hinterbliebenen:

Familie Georg Ockel II.

Familie Karl Schwan

Gießen, den 6. April 1933.

Die Beerdigung findet in aller Stille statt

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Gießen, im April 1933.

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Gießen, den 6. April 1933

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