MimWWWliMl
Vornan von Gert Gothberg.
(Llrheberschuh durch ^Ackermann, Romanzentrale Stuttgart.)
21 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Lizza Dalmor fuhr auf, als habe man sie geschlagen.
„Oh, eine Hohenbrück, eine echte Hohenbrück! Geizig, schmutzig, geizig und unerbittlich."
Pia trat zum Fenster, blickte hinunter aus die Kinder, denen ihre Aufopferung ein Heim gab, und die Worte der fremden Frau prallten in ihr ab.
Sie wandte sich ins Zimmer zurück.
„Eine Frau muh wissen, was für Pflichten sie auf sich nimmt mit einer Ehe. Sie haben sich jederzeit über Pflicht und Sitte hinweggeseht, haben nicht gefragt, was für Folgen Ihre Schritte nach sich ziehen. Sie hatten nicht das Recht, nur Ihren eigenen Trieben zu folgert, zwei gute, anständige Männer unglücklich zu machen. Heute, wo das Alter kommt, den Weg zurückfinden, ist wahrlich kein Kunststück. Lind auch heute kommen Sie nur, um Geld zu holen! Wo sind denn heute die Menschen, um derentwillen Sie beide Male Mann und Kind verliehen? sie hätten doch wahrlich mehr Ursache, für Sie zu sorgen, als die Verlassenen, auf die Sie sich plötzlich besinnen, weil Sie in Hot sind."
Eine seltsame Veränderung ging plötzlich mit der Artistin vor. Das Gesicht fiel ein, wurde alt, verfallen. Zwei grohe Tränen rannen über dieses veränderte Gesicht, wischten die Schminke fort. Lizza Dalmor sah lange auf das schlanke Mädchen, das jede Verwandtschaft mit ihr zurückwie« und — sie verachtete! Jawohl, verachtete! Lizza Dalmor schritt zur Tür. Von dorther sagte sie: „Ich kann nicht dafür, dah ich das ruhelose Blut meines Vaters, eines ungarischen Geigers, in den Adern habe. Mich treibt es fort, ich kann nicht im Zwang leben. Ich kann nun einmal nicht. Mir ist der Beifall der Menge alles. Du hast recht, kleine Hohenbrück, ich kam, weil ich das Alter nahen fühlte, aber ich werde wieder gehen. Es ist besser so. Vergih die fremde Frau, die ohne jedes Recht hier eindrang und noch Bezahlung dafür verlangte, dah sie deine Mutter einst verlieh."
In Pia regte es sich jetzt doch wie Mitleid. Sie hob die Hand. Lizza schüttelte den dunklen Kopf. Langsam ging sie hinaus. Sie war in dieser Stunde eine alte Frau geworden. Flamette Lizza war alt —
Widerwillig ging Ängsten in die Wohnung des Verwalters. Er hatte den Scheck bei sich und auch die schriftliche Vereinbarung auf Verdoppelung
der monatlichen Rente für Lizza. Die Frau des Verwalters kam ihm entgegen.
„Gnädiger Herr, wir konnten Ihre Bestellung, die Frau Dalmor nach ihrer Rückkehr sofort $u Ihnen zu schicken, nicht ausführen, die Dame ist gestern fortgegangen und bis jetzt nicht wiedergekommen. Es fehlt auch ein kleiner Koffer. Sonst ist alles noch da."
Augsten mühte sich, ein gleichgültiges Gesicht zu machen.
.Abgereist also! Ja, hatten Sie denn mit der Dame eine Meinungsverschiedenheit?"
„Rein, nicht die geringste."
„So, na dann muh ich wohl auf eine schriftliche Erklärung warten", sagte Augsten gleichgültig.
Als er zurückging, dachte er: „Was für ein Umstand hat denn da wieder mitgesprochen?"
Ihm war leichter zumute, als in den letzten Tagen, denn jetzt konnte er es sich ja eingestehen, er hatte die ganze Zeit geglaubt, dah Lizza irgend etwas anftellen werde, wodurch es ans Licht gebracht wurde, wer sie war.
Rach einigen Tagen erhielt er ein paar Zeilen: „Du wirst Dich wundern, doch ich kann Dir nicht sagen, was mich forttreibt. Ich kehre nie wieder zurück. Ich will auch Dein Geld nicht. Du sollst es mir nicht noch bezahlen müssen, dah ich Dich einst vxrließ. Dich und die Kinder. Ich kenne keine Liebel Auch keine Sehnsucht. Klage die Ratur art, dah sie ein solches Wesen schaffen konnte. Ich weih jetzt, was ich wert bin, ein reines Geschöpf hat es mir gezeigt. Leb' wohl und vergiß mich?
Lizza."
Augsten senkte den Kopf. Ohne Geld? Wenn Lizza kein Geld mehr wollte, dann — brauchte sie nichts mehr!
Vierzehntes Kapitel.
Harrh von Achern saß seiner Frau gegenüber. Wochenlang war sie in der Klinik Lansings gewesen, ohne daß er ihr hatte helfen können. Gelb und verfallen sah ihr Gesicht aus. Lansing hatte ihm gesagt, dah Eoelgarde nicht mehr lange zu leben habe. Seit dieser Unterredung ging Achern nicht mehr viel aus. Er widmete sich seiner Frau, soviel er konnte, wenn auch jede Zärtlichkeit von seiner Seite unterblieb. Edelgarde aber wachte mit eifersüchtigen Augen auf jeden seiner Schritte. Die Rachbarn hatten schon. verschiedene Einladungen gesandt, doch Edelgarde fühlte sich viel zu schwach, um mitgehen zu können. Ging Harry dann allein, so klagte sie, dah man auf sie überhaupt keine Rücksicht nehme. Sie sei so viel allein. Ein paarmal hatte et im letzten Augenblick abgesagt, aber jedesmal ging das natürlich nicht.
Achern las, feine braune, schlanke Hand lag auf dem Tisch. Edelgarde starrte darauf nieder. Ihr Herz zuckte. Plötzlich legte sie ihre kleine, durchsichtige Hand auf diese braune Männerhand. Er blickte auf.
„Wolltest du mir etwas sagen?" fragte er.
Sie sah vor sich nieder, dann hob sie mit raschem Entschluh den Kopf.
„Warum kannst du mir noch immer nicht verzeihen, Harrh? Du verstellst dich, wenn du hier bei mir bist, dein Herz ist ja ganz wo anders. Lind ich liebe dich, Harrh, ich liebe dich doch!"
Erschüttert sah er sie an. Diese Frau konnte ihm nichts mehr sein, das wußte er längst, und doch hoffte sie noch immer auf völlige Genesung. Er liebte sie nicht mehr, sie war ihm völlig gleichgültig geworden. Doch er war stets rücksichtsvoll und besorgt um sie. Sie hatte früher seine Liebe hingenommen wie etwas Selbstverständliches. Run, da sie diese verloren, kämpfte sie darum, und er wußte doch schon heute, dah er ihr nie mehr etwas geben konnte.
„Es ist jetzt an der Zeit, dah auch wir ein Fest geben, Harry. Darf Ingeborg kommen und mir arrangieren helfen? Lind — wir laden auch Pia ein. Sie soll sich nicht so von uns zurückziehen. Man denkt gewih in der ganzen Rachbarschaft, dah ich Pia die Heimat genommen habe."
Prüfend glitt sein Blick über sie hin. Er spürte irgendeine Hinterhältigkeit und wußte nicht gleich, was er entgegnen sollte. Wollte sie ihn und Pia vielleicht belauern? Das würde vergebliche Mühe sein. Pia ging ganz und gar in ihrem Beruf auf und hatte keinen Blick für ihn, den nicht jeder Dritte hätte bemerken können. Er hatte sie längere Zeit nicht mehr gesehen; es war auch gut so. Er schämte sich vor ihren reinen Augen, wenn er an das letzte halbe Jahr dachte. Aber es war doch schließlich das einzige getoefen, um das elende, verpfuschte Leben zu ertragen. Er liebte Pia noch immer, doch er wußte auch, dah sie ihm auf immer verloren war. Sie würde nicht nach Achern kommen, auch wenn hier das armselige Lebensflämmchen verlöschte, das seine Gesundheit selbst ruiniert hatte.
Achern hatte schon manchmal mit dem Gedanken gespielt, seinen Stammsitz zu verkaufen und von hier fortzugehen, doch dann hielt ihn wieder die alte Gewohnheit hier fest. Man muhte eben sehen, mit dem Leben fertig zu werden.
Ganz in Gedanken brannte er sich eine Zigarette an. Erst das leise Hüsteln seiner Frau brachte ihn in die Gegenwart zurück. Er warf die Zigarette weg.
„Ich warte noch immer auf deine Antwort, Harry. Wollen wir das Fest geben? Lind wäre es dir recht, wenn ich es arrangiere? Mit Ingeborgs Hilfe? Du hast ja doch wenig dafür Zeit übrig, und mir macht es Freude."
Er streichelte ihre Hand.
„Ratürlich, Edel, warum soll es mir nicht recht sein? Mir ist alles recht, was dir Freude macht. Brauchst du Geld, dann laß es mich wissen. Scheue dich nicht. Ich möchte nicht, dah du deinen Vater um Geld bittest, ich werde dir alles geben,
was du benötigst. Ich habe nur Sorge, daß du dich überanstrengt."
Edelgarde lächelte ihn an. Es war das frühere, stets berückend wirkende Lächeln, doch heute verzerrte es nur das gelbe Gesicht. Ächern stand auf.
„Ich muß noch einmal aufs Feld. Es ist sehr nett von Ingeborg, daß sie immer Zeit für dich hat, wenn du sie rufst."
„Ach ja, die Kleine ist jetzt sehr lieb mit mir. Sie hat sich übrigens mit Kurt Brenden verlobt."
Ein spöttisches Lächeln zuckte um seinen Mund.
„Lind dieses wichtige Ereignis erfahre ich erst jetzt von dir?" fragte er.
„Hast du etwas gegen Brenden?"
Er sah sie erstaunt an. Dann sagte er:
„Rein, wie kommst du darauf? Ich meinte Verlobungen im allgemeinen. Aber manchmal kann es ja auch wirklich ein Glück bedeuten."
Es zuckte um Cdelgardes Mund. Wie oft hatte sie sich in letzter Zeit vor ihm gebemütigt, hatte ihm gesagt, daß sie ihn liebe! Und er?
Stets war er darüber hinweggegangen. Hatte gesagt: „Kind, wenn du 'erft wieder gesund bist, soll alles anders werden."
Auch heute küßte er sie flüchtig zum Abschied und ging dann schnell hinaus.
Edelgarde sah ihm nach, Zorn und Liebe im Herzen. Wann endlich würde es wieder anders werden zwischen ihnen? Wie lange wollte er sie noch strafen? Wem gab er hier die Schuld? Trug er sie nicht selbst? Aber das war es vielleicht nicht einmal. Vielleicht hatten die schwarzen Ge- banfen, bie ba immer wieberkamen, boch recht? Er liebte sie nicht mehr, weil er eine andere liebt — Pia!?
Warum kam sie nicht nach Achern? Warum schützte sie stets Arbeit vor? Oh, mit dieser Arbeit wollte sie vielleicht nur ihr Gewissen zudecken? Harry schützte ja auch immer Arbeit vor.
Immer tiefer verrannte die unglückliche Frau sich in diesen Gedanken an die Sünde, die zwischen Pia und Harrh sein sollte.
Edelgardes Hände krampften sich um die Stuhllehne.
Pia! Ihr hatte Vetter Lansing geholfen, — warum ihr, Edelgarde, nicht? Hatte er es nicht gewollt? Oder hatte Harry ihm einen Wink gegeben?
Edelgarde ächzte.
Wollte man, dah sie starb, damit Harry eine gesunde Frau heiraten konnte?
Edelgarde steckte in schwarzen Gedanken, die ihre nächsten Angehörigen umkreisten.
Einige Stunden später kam Ingeborg. Harry hatte angerufen. Run stand sie vor der Schwester mit glühenden Wangen und zerzaustem blondem Haar, die blauen Augen strahlend auf die Schwester gerichtet.
(Fortsetzung folgt.)
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