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Donnerstag, 5.®!tober 1955
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Nr. 255 Dritter Blatt
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„Ihren paß, bitte!"
In der Berliner Passionskirche wurden 117 Schulkinder, die oon ihren Eltern durch den Einfluß der Freidenkerverbände niemals zur Taufe gebracht worden waren, nachträglich getauft. Die Kinder hatten durchweg einer weltlichen Schule angehört, die als Hochburg des Marxismus galt.
Damit ist dann die ganze Geschichte erledigt. Ein paar Fragen noch nach meinem bisherigen Aufenthaltsort, der beabsichtigten Aufenthaltsdauer in Krems und dem Zweck meiner österreichischen Reise, die ich so gut wie mir das möglich ist, beantworte, dann darf ich gehen.
Ich drohe mit einer Beschwerde. In Wirklichkeit bin ich froh, als ich wieder auf der Straße stehe. Man hätte die Bilder finden können... In einer Art Galgenhumor frage ich einen Passanten, wo sich das Gefängnis befinde. Er weist mir füprüd) den Weg.
Aber angesehen habe ich es mir nicht...
Der reichsdeutsche Journalist Udo Wol- t e r erfährt in Krems zum ersten Male persönlich, daß er sich in „feindlichem" Land
Die englischen Seeleute Kapitän Johnson, Ingenieur Blue und Leutnant Hargraves die rm Gelben Meer von Piraten gefangen genommen waren und drei Monate lang in den Schlupfwinkeln her Seeräuber versteckt wurden, sind jetzt nach Zahlung eines hohen Losegeldes freigelassen worden. Die ©donqennabme der Seeleute hatte in England ungeheure Aufregung heroorgerufen, da Die chinesischen Behörden keinen Weg fanden, ihre Freilassung zu erzwingen.
Ein Volk - ein Reich.
Tatsachenbericht von einer Fahrt durch das deutsche Oesterreich.
Von Udo Wolter.
das Ihr ganzes Gepäck?" Der Beamte weist auf meinen Koffer. Ich nicke.
„Es liegt in Ihrem eigenen Interesse, wenn Sie uns die Durchsicht Ihres Koffers gestatten."
Das klingt sehr höflich. Der Beamte hat anscheinend keinen Haftbefehl. Also wird die ganze Angelegenheit ziemlich harmlos auslaufen.
Ich gebe also meine Einwilligung.
"Bitte!" , „
Während ich eine Zigarette rauche, steht man mein Köfferchen durch. Der Inhalt ist wirklich aufreizend harmlos.
Zu beiden Seiten der Strecke ziehen sich meterweise die Weinberge hin. Es scheint, als ob der gesamte „Heurigen-Bedarf" des Landes in dieser Gegend gedeckt würde.
Allmählich wird die Fahrt ein wenig eintönig. Ich sehe die Bilder durch, die mir ein Pg. in Horn von den Kämpfen der Bewegung zur Verfügung gestellt. Zwischen Paßdeckel und dem ledernden Schutzmantel finden sie schließlich wieder ihren
Ich lege meinen Paß vor. Unheimlich langsam wird er durchgesehen.
„Sie sind Journalist?"
„Ja!"
In diesem Augenblick fällt mir ein, daß bei einer Verhaftung — und so etwas Aehnliches soll die ganze Angelegenheit ja darstellen — em Haftbefehl ooraelegt werden muß.
„Ich möchte wissen, aus welchem Grund man mich zwingt, hier aus der Wache oorzusprechen. Ich bitte um Vorweisung des Haftbefehles.
Der Beamte antwortet mit einer Gegenfrage.
„Sie haben sich gestern als Vertreter einer Maschinenfabrik ausgegeben?"
Nun weiß ich, wem ich diese Angelegenheit zu verdanken habe. Herr Schwaighuber also...
„Das ist meine Privatangelegenheit. Ich bin nicht verpflichtet, jedem Menschen meinen Beruf auf die Nase zu binden. Herr Schwaighuber hat sich ziemlich aufdringlich benommen."
Das ist zwar eine Lüge, doch was hilft das jetzt. Ich muß zusehen, wie ich am besten aus der Patsche komme. Außerdem wissen die Herrschaften jetzt, daß ich über den Spitzeldienst, den stch Herr Schwaighuber geleistet hat, genau unterrichtet bin.
„Sie werden beschuldigt, beleidigende Aeuhe- rungen über den Bundeskanzler und den Fürsten Starhemberg getan zu haben."
„Ich bin mir dessen nicht bewußt, habe auch nie- rnals Die Absicht gehabt, Herrn Dollfuß in irgenö einer Weise zu beleidigen. Außerdem bitte ich nochmals um Vorweisung des Haftbefehles.
Ich erhalte eine verblüffende Antwort.
„Sie brauchen sich durchaus nicht als verhaftet anzusehen. Sie sind nur verdächtig, jur die verbotene NSDAP, zu arbeiten. Ist
Ruheplatz.
In Krems leert sich Der Zug rasch. Nichtsahnend durchschreite ich die Sperre, als ein Wacht- mann auf mich zutritt.
„Herr Wolter?"
Ja", antworte ich verblüfft und weiß tn dem gleichen Augenblick, daß mir etwas Unangenehmes beoorsteht. Doch es hätte wohl wenig Zweck ge- habt, einen falschen Namen anzugeben.
„Folgen Sie mir bitte zur Wache."
So ähnlich habe ist das oft in Kriminalromanen gelesen. Jetzt kommt es mir hier fast ein wenig lächerlich vor. , , . . .
Während ich dem Wachtmann folge und einige Leute uns nachgaffen, überlege ich schnell, ob ich irgendwelches belastendes Material bei mir führe. Die Bilder, — das wäre das einzige. Doch die wird man wohl kaum entdecken.
Auf der Wache ist man sehr höflich.
hren Paß. bitte."
Insgesamt erhalte ich neun Aufnahmen. Es muß hier wirklich ziemlich wild zugegangen sein.
„Alles nach dem Attentat. Die ganze Stadt war außer Rand und Band."
„Ich habe schon ein wenig davon gehört. Es war die Ursache für das Gesamtoerbot der Partei?"
„Gewiß. Doch es ist bis heute noch nicht be- wiesen, daß die Täter Nationalsozialisten gewesen sind. Der Regierung kam die ganze Angelegenheit nur sehr gelegen, um die lästige Opposition endgültig auszuschalten." (Schluß folgt.)
Kunst und Wissenschaft.
Die Leitung der Darmstädter Oper.
Dem 1. Kapellmeister des Hessischen Landestheaters in Darmstadt, Karl F r i d e r i ch, wurde für den weiteren Verlauf Der Spielzeit von der Generalintendanz die musikalische Oberleitung für Oper und Konzert übertragen.
Dom Nassauischen Landestheater in Wiesbaden.
Auf Wunsch des Amtlichen Preußischen Theater- ausschusses hat nach Vereinbarungen mit dem Staatskommissar Hinkel der erste Kapellmeister am Nassauischen Landestheater Wiesbaden, Karl Elmendorfs, in Anbetracht der besonderen Bedeutung der international bekannten Kurstadt seinen Wiesbadener Posten auch für die Spielzeit 1933'34 beibehalten. Entsprechend der großen Bedeutung des Wiesbadener Instituts hat' Ministerpräsident Göring bereits vor Wochen Herrn Karl d o n Schirach zum Wiesbadener Intendanten berufen.
Ein Langemarck-Schauspiel.
„ßangemard", ein Schauspiel von. Edgar Kahn, Feuilleton-Leiter der Braunschweigischen Landeszeitung und Scharführer beim Stabe der SA.-Standarte 92, das den unvergleichlichen Heldengang der deutschen studentischen Jugend darstellt, gelangt am 23. Oktober am Landestheater der Hochschulstadt Braunschweig und am Stadttheater der Universitätsstadt Göttingen zur gleichzeitigen Uraufführung.
12. Tagung der Deutschen phitosophen-Gesellschaft.
In Magdeburg wurde die 12. Tagung der Deutschen Philosophen - Gesellschaft feierlich eröffnet. Der Vorsitzende Professor Dr. Dr. h. c. Felix Krueger (Leipzig) gab in seiner Begrüßungsansprache der Genugtuung Ausdruck, daß sich zum ersten Maie ein so stattlicher firets um die Philosophen schließe. Er dankte vor allem den führenden Männern des Reiches, die durch Entsendung von Vertretern ihr Interesse bekundet hätten. Professor Krueger wies weiter darauf hm, daß die Deutsche Philosophen-Gesellschaft 1917 ge-
„Spanische Reiter..."
Ich habe nie die Adresse eines Pg. schriftlich bei mir geführt. Dafür bin ich jetzt belohnt worden. Meine Vorsicht, die mir manchmal selber ein wenig lächerlich varkam, ist gerechtfertigt.
Ob ich es wage, Pg. .. aufzusuchen? Ich kann immerhin bespitzelt werden. Nach diesem Intermezzo scheint mir alles möglich.
Woher Die Leute mich überhaupt erkannt haben? Herr Schwaighuber scheint ein gutes Signalement gegeben zu haben. Noch einmal werde ich fremden Leuten nicht meine Reiseziele verraten. Ein falsches Luder, dieser Herr Schwaighuber ...
Schließlich klingle ich Pg. ... aus seiner Wohnung heraus. Ein kurzer Kriegsbericht, dann treffen wir wieder in einem kleinen Kremser Cafe zusammen.
„Wissen Sie, gerade in Krems ist noch alles ein wenig nervös von den letzten Wochen her. Es hat hier in der ganzen Gegend ziemlich g e ro i r b e 11."
„In Horn merkte man etwas davon. Hier schaut es jedoch ganz friedlich aus. Keine Gendarmkrie in den Straßen..." v ri
Der Pg. nimmt einige Photos aus der Brust- fasche. _
„Sie haben mich um Ausnahmen gebeten. Hier, sehen Sie! M. G.'s ! ... Spanische Reiter! ... Bundesheer in den Straßen! ... Gendarmerie vor den Häusern! ... Das genügt wohl."
Der Reichskanzler Adolf Hitler nimmt aus der Hand des Hauptgefchaftsfuhrers Des -"vicysounoes Deutscher Diplomlandwirte Dr. Craemer als Ehrengabe der deutschen Bauern den Federhalter Bismarcks entgegen. Neben dem Reichskanzler Propagandaminister Dr. Goebbels und Reichslano- wirtjchaftsminister D a r r 6.
3 Monate lang von chinesischen Piraten gefangen gehalten.
Das Hauptportal der Dolkshalle in Scheinwerfer-Beleuchtung.
Berliner Schulkinder erhallen nachlräglich die Taufe.


