Lin Lied vom Glück.
Vornan von Anny von Panhuys.
15. Fortsetzung Nachdruck oerbotenl
Sie richtete sich jäh im Bett auf. Der Dolch fiel ihr ein, das Beweisstück der Mordtat. Sie hielt jedenfalls die Waffe für ein wichtiges, ja, für das wichtigste Beweisstück. Wenn die Waffe dem Gericht Vorgelegen hätte, wäre der Prozeß bestimmt ganz anders verlaufen. Man hätte den Besitzer des Dolchs gesucht und vielleicht gefundcri.
Ihr Herz begann wie raseyd zu klopfen. Sie hatte den Dolch doch nur versteG, weil sie heimlich gefürchtet, er könne Achim gehören. Und wenn es so war, bann —
Sie drückte den Kopf fest in die Kissen; ganz wirr war sie von der Frage: Sollte sie weiter schweigen oder sprechen? Weiter schweigen!, rief sie sich selbst zu; weiter schweigen für immer! Aber den Dolch mußte sie fortschaffen, mußte ihn vernichten; sie durfte ihn nicht länget behalten.
Sie faltete die Hände ganz fest. Oh, wüßte sie nur genau, daß der Dolch aücht Achim gehörte. Oh, wüßte sie das nur ganz genau.
Ihr war, als späche eine starke Stimme zu ihr: Du mußt dem Mann, den du liebst, von deinem seltsamen Fund erzählen! Aber es war da noch eine andere Stimme — leise war sie, wie Diebesgeflüster war sie, die gebot: Schweige! Sonst beschwörst du viele Hindernisse für dein Glück herauf!
Sie schlief endlich ein, wachte früh auf, und ihre ersten Gedanken galten dem, was gestern geschehen. Mit beiden Füßen sprang sie aus dem Bett, und sie konnte nicht anders, sie mußte laut fingen. Es war ein Liedchen vom Frühling und von der Liebe. An das, was sie gestern abend noch so sehr beschwert, dachte sie fast gar nicht an diesem strahlenden Morgen.
Den in Zeitungspapier eingepackten Dolch schob sie noch tiefer in den Koffer hinein. Wozu daran denken? Der traurige Prozeß war längst vorbei. Sie würde als Achims Frau dafür sorgen, daß er ihn ganz vergaß, und den Nachbarn wollte sie nach und nach klarmachen, daß Achim unschuldig war. Er mußte aller Achtung zurückgewinnen, auch ohne einen neuen Prozeß.
Sie traute dem unheimlichen Fund nicht. War er Achims Eigentum, das ein anderer mißbraucht hatte, konnte er zu einer neuen und schweren Belastung Achims werden. Sie hörte die laute Warnungsstimme nicht mehr, sie gehorchte nur der leisen Stimme, die wie Diebesgeflüster war.
Es klopfte. Marlene öffnete. Olga trat ein und umarmte sie.
„O du Mädel, hast du ein Glück! Einen guten und reichen Mann hast du gefunden. Ich beneide dich. Aber das schwarze Kleid schenkst du mir jetzt.
Bald kannst du dir ja so viele Kleider machen lassen, wie du nur willst."
Marlene lachte: „Wenn ich erst verheiratet bin, schenke ich dir meinen ganzen Krempel, wenn du ihn magst. Das Schwarze ist aber schon jetzt dein Eigentum."
Auguste schob sich nach kurzem Anklopfen über die Schwelle. Sie strahlte.
„Fräuleinchens, diesmal hat sich das verflixte Gespenst aber anständig benommen. Statt Unglück hat es Glück gemeldet." Sie nahm Marlenes Hände. ,^3d) habe eben von der Gnädigen das Neueste gehört. Kaum zu glauben ist es, daß der Achim —" Sie verbesserte sich: Daß Herr von Malten sich so Hals über Kopf verliebt hat." Sie sah Marlene gan$ gerührt an. „Ich habe gedacht, wenn es die zwei fräuleinchens nur ein paar Wochen in unserer miesepetrigen Stimmung hier aushalten, ist's schon lange. Ich habe innerlich nicht recht an das halbe Jahr geglaubt, und nun oleidt das eine Fräulein sogar fürs ganze Leben hier. Ich glaube, Fräulein Werner, Sie sind die richtige, hier Ordnung zu schaffen. Fegen Sie die Spinnweben aus, die hier alles überspinnen seit dem unseligen Mord! Helsen Sie dem jungen Herrn aus seinem Trübsinn. Die alte Gnädige wird dann schon von selbst wieder froh werden; ihr ganzes Herz gehört doch ihrem Einzigen."
Marlene drückte die Hände der Wirtschafterin.
„Sie glauben ja nicht, wie glücklich ich bin! Ich habe Achim doch lieb, und meine Liebe wird schon Ordnuna schaffen."
Auguste nickte: „Ja, Sie können es, Sie sehen so frisch und jung und verliebt aus. Mit Jugend und Liebe erreicht man mehr, als mit den klügsten Reden der Welt." Sie ließ Marlenes Hände los. „So, und nun soll ich Ihnen bestellen. Sie möchten heute mit der gnäoigen Frau zusammen frühstücken. Ihnen, Baroneßchen, wird das Frühstück sofort gebracht werden."
Sie ging. Olga Zabrow lächelte. „Siehst du, Marlene, wie rasch sich unsere Wege trennen. Ich frühstücke allein, ich bin die Gesellschafterin; du aber frühstückst mit Frau von Malten, du bist die zukünftige Schwiegertochter. Mir erzählen die Leute oft, ich wäre schön, und die Sorte von Männern, die ein armes Mädel nicht heiratet, verdreht sich Den Hals nach mir, aber ein Paar Augen, wie du sie hast, und so ’ne Stimme, wie deine, das ist viel mehr wert als mein Wachspuppengesicht."
Sie fiel Marlene um den Hals. „Sorge dafür, daß ich recht lange hierdleiben darf. Ich will dich dann auch gar nicht beneiden, dir auch vorlesen und gnädige Frau zu dir sagen."
Marlene mußte lochen und schob sie sanft von sich.
„Du bist ein Schäfchen, Olga! Unsere Freundschaft bleibt dieselbe, auch nachdem ich Achims Frau geworden."
Sie kleidete sich schnell fertig an, und Olga half ihr dabei. Dann ging sie hinunter zu Frau von
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Malten. Sie wurde so lieb empfangen wie von einer Mutter und küßte dankbar die Hand der allen Dame. Sie frühstückten zusammen, und dabei erzählle Frau von Mallen von ihrem Sohn. Welch ein vergnügtes Kind er gewesen, und wie fröhlich er durch seine Knabenjahre gegangen. Daß er das Gymnasium in der Kreisstadt durchgemacht und bann ein paar Semester in Bonn Philisophie studiert, weil ihn die Wissenschaft immer gelockt. Aber als chr Mann dann kränklich wurde, hätte Achim auf seinen Wunsch eine landwirtschaftliche Schule besucht. Kurz vor dem Tode seines Vaters wäre er heimgekommen, um an der Seite des Inspektors OIbers praktisch zu erproben, was er sich an landwirtschaftlichen Kenntnissen angeeignet. Dann starb ihr Mann. Ein paar Jahre danach starb Inspektor Olbers, und gleich darauf geschah das Unglück.
Frau von Malten lächelle matt.
„Du weißt noch so wenig von meinem Jungen — nicht wahr, Marlene? Und da wollte ich dich ein wenig unterrichten. Ich weiß ja auch so wenig von dir. Es interessiert mich natürlich alles sehr."
Marlene erzählte sofort von zu Hause.
„Mein Leben war glatt und einfach bisher", begann sie. „So einfach war es wie mein Daheim. Mutter starb schon vor Jahren, Vater war ein einfacher Beamter; er hat spät geheiratet und ist schon pensioniert. Meine kleine Heimatstadt liegt sehr nahe bei Berlin. Ich nahm dort Musikunterricht und unterrichtete in unserem Städtchen. Ich wollte eine berühmte Sängerin werden; aber die ständigen kleinen Sorgen erstickten meine stolzen Träume. Ich las zufällig, daß man auf einem Schloß in der Oberlausitz eine Gesellschafterin suchte, und meldete mich. Um sorgloser leben und besonders, um meinem Vater das Dasein etwas erleichtern zu können, meldete ich mich. Ein paarmal sang ich in Vereinen daheim und in Berlin. Das ist meine Vergangenheit. Vater ist ein lieber, guter Mensch. Er hat einen weißen Spitz und einen gelben Kanarienvogel, die er beide mit viel Sorgfalt und Liebe pflegt. Samstags geht er an feinen Stammtisch und kommt sich wie ein großer Lebemann vor, wenn er ab und zu erst nach elf Uhr heimgekehrt. Das ist, in kurze Sätze zusammengefaßt, meine Vergangenheit, mein Vater und mein Zuhause. Wir wohnen im ersten Stock eines nur einstöckigen Hauses in der Bahnhofstraße zur Miete, und unsere Wohnung, eingerechnet die Küche, ist kaum so groß wie hier die Bibliothek." Sie schwieg und sprach dann zaghaft weiter: „Wenn ich richtig nachdenke, ist es ein so unbegreifliches Glück für mich armes Ding, Achims Frau zu werden, daß ich meine, es fei unmöglich. Es kann doch gar nicht wahr fein, daß —" Sie stockte.
Frau von Malten schüttelte den Kopf.
„Aber, liebes Kind, warum kann das nicht wahr fein? Wir find reich, du stammst aus kleinen Verhältnissen; aber du bringst meinem Sohn die köstlichst und wertvollste Mitgift mit: Deine Liebe und deinen Glauben an seine Unschuld! Du bist seine
Erlöserin! sagt er, und das bedeutet mehr, als wenn du reich wärest an Geld."
Marlene schluckte. Die Rührung saß ihr in der Kehle. Es war eben zu groß und zu jäh gekommen, das Glück. Noch lange blieben Frau von Malten und Marlene zusammen.
Frau von Malten schlug vor: „Du bleibst noch ein paar Tage, vielleicht auch eine Woche hier. Dann reift du nach Hause. Sobald die Verlobung veröffentlicht wird, sollst du nicht mehr hier wohnen. Ich denke über Schicklichkeitsdinae ein wenig altmodisch. Du reift also nach Hause, und Achim leitet bann schnellstens die Vorbereitungen zur Hoch, zeit ein, die in der Schloßkapelle gefeiert wird. Dein Vater begleitet dich hierher. Vielleicht im Auto. Achim läßt euch abholen. Wenn dein Vater will, kann er sogar seinen Spitz und seinen Ka- narienoogel mitbringen; wir haben ja Platz genug für seine Lieblinge. Deine Ausstattung schenke ich dir; das Hochzeitskleid schenkt dir Achim. Die Feier findet im allerengften Kreise statt, und dann reift ihr fort. Wohin ihr wollt! Die Baronesse bleibt bet mir und hilft mir über die Zeit weg, bis ihr wiederkommt. Auch die Gesellschaft deines Vaters soll mir anaenehm sein." Sie strich sich über ihr Haar. „Ich habe mir das alles so ausgedacht, und Achim ist damit vollständig einverstanden. Bist du es ebenfalls, Marlene?"
Marlenes Stimme war nicht ganz fest vor Glück und Freude.
„Ob ich damit einverstanden bin? Oh, so sehr, so sehr! Es wird mir ja alles jo wunderleichl gemacht!"
Es klopfte. Achim trat ein. Sein Gesicht war hell und sorgenfrei. Nie schienen ihm Kummer und Men- schenhaß Fältchen um Augen und Mund eingepreßt zu Haden. Jung und glücklich sah er aus.
Er küßte der Mutter die Hand, umarmte Marlene.
„Mädel, ich bin ein anderer Mensch geworden. Nichts scheint mir mehr schwer. Die Vergangenheit hat ihren Schrecken verloren, und die Zukunft ist ein gemeinsamer Weg mit dir ins Paradies."
Frau von Malten lächelte: ,Lch habe drüben in meinem Schlafzimmer noch allerlei zu tun." Sie ließ die Liebenden gern ein bißchen allein.
Achim von Malten zog Marlene zum Sofa, und als sie beieinander faßen, legte er einen Arm um ihre Schultern.
„Ich wollte einen weiten Ritt unternehmen; aber bald bin ich wieder umgekehrt, ich hatte zu große Sehnsucht nach dir, Marlene. Mir ist zumute, wie einem vom Weihnachtsmann reich beschenkten Kind. Ich weiß vor Glück nicht wohin." Er sah ihr tief in die Augen. „Du bist vom Schicksal für mich bestimmt. Mir ist, als hätte ich ;mmer auf dich gewartet. Ich freue mich unsagbar auf das Leben an beiner Seite< Liebling, und ich werde den Kopf fortan hochtragen, wie ich es muß und darf, weil ich schuldlos bin."
„Weil du schuldlos bist!" sagte sie inbrünstig und legte ihre Wange an seine Schulter.
(Fortsetzung folgt.)
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