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3.2.1933 Erstes Blatt
 
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zu nehmen.

Gießen, den 2. Februar 1933. Bürgermeisterei Gießen.

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Wo der Weg nach Achern hinführte, verab­schiedeten sie sich von ihr. Edelgarde sagte zwar: Ich würde mich herzlich freuen, wenn ihr nut nach Achern kämt."

Aber sie lehnten alle vier lächelnd ab, und Edelgards dachte bitter:Natürlich, den herrlichen Ritt aufgeben und bei mir sitzen? Daß sie das nicht tun, wer will ihnen das verdenken?"

Sie stand dann noch lange und blickte der kleinen Gesellschaft nach, die soeben wieder im Walde verschwand.

Seit Tagen unternahm die junge Frau ein­same, wilde Ritte. Die Mamsell sah ihr mit großen, entsetzten Augen nach und ging ernstlich mit sich zurate, ob sie nicht doch dem Herrn lieber Kenntnis davon geben sollte. Achern hatte keine Ahnung davon, war er doch fast den ganzen Tag draußen. Wenn er ihr dann beim Mittagessen müde und braungebrannt gegenübersaß. dann war die junge Frau ruhig und freundlich. Sie war ja längst zurück und ausgeruht: so merkte er nicht das geringste. Er war froh, daß alles in Ordnung war, und hatte sich mit seinem jetzigen Leben ab» gefunden. Eines Tages holte man ihn aber vom Felde heim. Er ritt, so schnell das Pferd nur ausgreifen konnte. 3m Schloß nahm ihn der alte Arzt beiseite, sagte ihm, daß die junge, herrliche Lebenshoffnung Edelgardes vernichtet sei.

Achern stand dieser Tatsache fassungslos gegen- über. Er sah den Arzt fragend an. 3n dessen Augen stand ein schwerer Dorwurf. Er kleidete diesen Dorwurf auch in Worte:Wundern Sie sich darüber, Herr von Achern? 3ch wundere mich nicht, nachdem ich 3hrer Frau Gemahlin ein paarmal, wenn ich früh über Land fuhr, bei ihren wilden, rücksichtslosen Ritten begegnet bin."

Achern faßte die Hand des Arztes mit festem Griff.

Doktor, Sie haben meine Frau selbst ge­sehen?"

Da wußte Doktor Drecht plötzlich, daß der Mann keine Ahnung von alldem gehabt und nun wie vernichtet von einer jähen Erkenntnis vor ihm stand.

Achern wußte jetzt, daß in Edelgardes Tun eine schwarze Absicht gelegen hatte, ebenso wie es der alte Arzt wußte.

Achern war furchtbar erregt. Es war ihm nicht möglich, jetzt zu seiner Frau zu gehen. Er muhte

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erst wieder ruhiger werden, muhte den Schlag Überwinden.

Drüben in seinem Zimmer lief er dann lpie ein gefangenes Tier auf und ab. Jetzt war das letzte Dand zwischen ihm und der Frau zerrissen die so etwas tun konnte. Wie sich ihr ferneres Zusammenleben jetzt gestalten sollte, wuhte er nicht.

Als er endlich doch zu seiner Frau ging, lag sie in wildem Fieber. Ohne Mitleid blickte er auf sie nieder, nichts regte sich in seinem Herzen. Alles war darin tot. Mitleidig sah die inzwischen bereits eingetroffene Schwester auf den hoch- gewachsenen Mann. Er bemerkte es nicht einmal. Rach einer Weile ging er hinaus, schritt die Stufen hinunter den Wirtschaftsgebäuden zu. Die Frau des Oberschweizers sah vor der Tür ihrer kleinen Wohnung und hielt ihren pausbäckigen Buben auf dem Schoß.)ern wandte sich ab. Die junge Frau sah ihm verwundert nach. Er war sonst stets freundlich, heute hatte er nicht einmal ihren Gruß erwidert. Don den Ställen herüber kam der Oberschweizer. Er hatte viel Ar­beit, trotzdem kam er für ein Augenblickchen nur und küßte Frau und Kind, die da so friedlich in der Sonne sahen. Bedrückt fragte ihn die Frau, ob er etwas mit dem gnädigen Herrn gehabt habe: der sei so unfreundlich vorübergegangcn.

Der Mann strich seiner Frau über den blon­den Kopf.

Unfreundlich? Rem, das wohl nicht. Aber er wird den Kopf voll haben."

Und er erzählte ihr, was ihm der 3nspektor mitgeteilt. Die junge Frau hatte ein paar Trä­nen in den Augen und drückte ganz, ganz fest ihr Kind an sich. Run konnte sie es verstehen, daß er so in sich gekehrt gewesen war. Sie bedauerte die junge Schlohfrau und sah ihrem Mann zärt­lich nach, der sich eilends von ihr verabschiedet hatte und nun wieder drüben in den Ställen verschwand.

Wochenlang schwebte Edelgarde zwischen ßcben und Tod. Als ihre Ratur sich doch für das Leben entschied, atmeten die Aerzte auf. Doch ihre Mienen blieben bedenklich. Der Körper der jungen Frau war ohne jede Lebenskraft. Eine Lähmung der linken Hand hatte sich eingestellt. Man hoffte, sie im Laufe der Zeit beseitigen zu können. Als Edelgarde es endlich erfuhr, schrie sie auf. wehrte sich mit trostloser Verzweiflung gegen Siechtum und Verfall. Die Schwestern, die jetzt täglich kamen, trösteten sie. Ingeborg kühte sie zärtlich.

Du wirst wieder ganz gesund werden, Edel, pass' nur auf.

Da strahlten die dunklen Augen sehnsüchtig auf. 3a, 3nge, ich werde gesund, ich will es." Edelgarde sah genau so gut, wie es alle an» hcrcn laben. dast SSarrti das Krankenzimmer so-

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viel als möglich mied. Lind in Edelgarde stieg eine heiße Angst auf. Sie durfte ihn nicht verlieren, eine Sehnsucht ohnegleichen war in ihr nach ihm. War er einmal bei ihr, bann ruht? sein Blick fremd und gleichgültig auf ihr. Er sprach mit ihr, erkundigte sich täglich, wie es chr gehe, und ging dann meist schnell wieder hinaus, schützte dringende Arbeit vor. Herr Ängsten nickte be­kümmert mit dem Kopf, doch er sagte kein Wort.

Die Wochen vergingen, es wurden Monate daraus, und noch immer schleppte Edelgarde sich am Stock dahin. Die alte Mamsell dachte un- zähligemal:Welche Strafe, welche Strafe!"

Harry von Achern aber dachte an Pia, wie sie blond, leichtfüßig durch den Park von Hohen- brück schritt, glücklich im Kreis der fremden Kinder. Seine Liebe zu ihr war nicht erloschen, er wuhte auch, daß die ihre nie erlöschen würde. Und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb mied er sie. Aber sein Leben wurde anders. Ganz anders. Er fuhr jetzt oft in die Kreisstadt, blieb wohl auch ein paar Tage fort. Er hatte dort freu­dige Aufnahme im Klub gefunden. Mit lauten Scherzworten hatte man ihn empfangen. Hans Ohlen hatte fröhlich gegrölt:Aha, spät kommt er, doch er kommt! 3etzt ist das Flitterjahr ja um, da kommen sie meist alle wieder. Donner­wetter, Freundchen, wir dachten schon, du seiest ein alter, dicker Landwirt geworden. Doch alle Achtung, du siehst famos aus!"

Sie wußten nichts von dem Hnglüd seiner Ehe, und er hatte keine Ursache, es ihnen zu sagen. Er wollte Vergessen suchen, Zerstreuung, denn sonst würde er verrückt. Diese Zerstreuung fand er reichlich. So lenkte sich von jetzt ab sein Leben wie von selbst in andere Bahnen. Für Edelgarde empfand er weder Mitleid noch Haß. Sie war ihm ein fremder, gleichgültiger Mensch geworden, der mit nach Achern gehörte, ün übrigen aber keinen Einfluß auf fein Tun und Lassen hatte. So also sah es jetzt in Achern aus! Der Schlohherr war mit feinen Leuten kein 3ota anders als früher, und doch blickten sie ihm furcht­sam nach. 3n seinem Gesicht war etwas Wildes, Rücksichtsloses, was früher nicht darin gewesen war.

Edelgarde schleppte sich zum Fenster, wenn fie seine tiefe Stimme draußen horte. 3ngeborg war für eine Woche ganz zu ihr nach Achern gekom­men. Der Vater hatte sie darum gebeten, da er ja wußte, wie es in dieser Ehe aussah. Das junge Mädchen mühte sich nach Kräften, die Schwester aufzuheitern. Doch es gelang ihr nur selten. Einmal hatte Edelgarde ganz verstört ge­sagt:3ngeborg, du belügst mich doch nicht? 3ch werde doch wieder ganz gesund?

3ngeborg sagte mit zitternder Stimme:Aber, Edel, selbstverständlich wirst du gesund. Du weißt doch, daß Vetter Lansing dich in Behandlung nehmen will, sobald du nur etwas kräftiger ge­

worden bist. Er heilt dich, er hat ja auch Pia geheilt."

Wilder Haß war in den Augen der lungen Frau. Ä

Pia? 3a, natürlich, er hat sie geheckt. Sw mein Wann du, 3nge, weißt du, was ich denke? Pia ist Harrys Geliebte."

3ngeborg sah entsetzt in das verzerrte Gesicht der Schwester.

Edel", sagte sie beschwörend,wie kannst du so etwas von Pia und deinem Mann denken?"

Cdelgarde umschlang den Hals der Schwester.

So sag' mir, wo er die vielen Stunden ver­bringt, die er von hier fort ist."

3ngeborg wußte keine Antwort auf diese Frage, doch sie sagte:Das ist ein großes Unrecht, was du vorhin sagtest, Edel. Pia steht hoch über jedem Verdacht."

Eine Weile war Schweigen im Zimmer, dann sagte Edelgarde:3nge, ob mein Mann mir das verzeiht, daß ich hinter seinem Rücken diese Ritte unternahm, diese Ritte, die Schuld tragen, daß ich"

Sie kam nicht weiter. 3ngebvrgs klare, blaue Augen sahen voll Mitgefühl in diejenigen der Schwester. Sie streichelte das wirre, dunkle Haar und tröstete, wie man ein Kind tröstet:Harry hat dich doch lieb. Er muß nur erst die Enttäu­schung überwinden, verstehst du denn das nicht? Wenn du erst ganz gesund bist, dann wird alles wieder gut.

Ganz still saß Cdelgarde da, und chr Herz glaubte den Worten der Schwester.

Dreizehntes Kapitel.

Die kleine Anhöhe nach Gollwern herauf kam ein Auto. Reben dem Chauffeur sah eine gro­teske Gestalt. Der Chauffeur hatte sich schon ein dutzendmal gefragt:3st der Mensch em Mon­gole, ein Reger, oder was ist das eigentlich?" Das gelbe, undurchdringliche Gesicht gab ihm keine Antwort auf die Frage. Starr sah der Mann mit den kleinen, schwarzen Augen gerade­aus. Der großkarierte Anzug schlotte-te um seine Figur, und an der linken Hand fehl en drei Fin­ger. Der kleine Finger dieser Hand Wae noch da, und an diesem trug er einen Ring mit einem riesigen Brillant, der bei der kleinsten Dewe- gung in tausend Strahlen aufsprühte. Unheim­lich wirkte dieser Brillant an der verkrüppelten Hand. An der gesunden Hand trug der Mann keinen Schmuck. 3m 3nnern des Autos lehnte eine schöne, dunkelhaarige Dame. 3hr Alter hätte man nicht angeben können. Sie konnte eben­sogut dreißig wie vierzig 3ahre alt fein. Deides war nicht richtig sie war älter, doch das brauchte ja niemand zu wissen. Lizza Dalmor hatte das immer sehr gut verstanden, alle Men schon über ihr Alter im unklaren zu lassen.

(Fvrtsetmna folgt.)

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Gießen, den 2. Februar 1933.

Hessisches Forstamt Schiffenberg. Nicolaus.

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