Doktor Grubes Ehe.
Originalroman von Z. Schneider«Aoerfil.
(Schluß.)
Als sich die Umdrehung der Räder verringerte, drückte er den Hut auf den Scheitel und griff noch dem Koffer im Gepäcknetz. Er hotte plötzlich Angst und wußte nicht wovor. Er brauchte ja keine Beichte mehr abzulegen. Christa wußte alles. Und was ihr noch an diesem Wissen fehlte, das würde Dick schon längst ergänzt haben.
Kaum, daß die Maschine hielt, öffnete er di« Türe und sprang aus den Bahnsteig. Es waren nur wenige Personen, die mit ihm den Zug oer- ließen. Er konnte spähen, wie er mochte, es war niemand da, der ihn in Empfang nahm. Hatte Dick sein Telegramm nicht erhalten? Oder war Christa so krank, daß er und Lena dieselbe nicht allein lassen wollten?
Den Koffer aufnehmend, frug er den Beamten, obe er einen Führer nach Liffy Road haben könne. „Das ist nicht nötig", bedeutete dieser. Das Schloß liegt keine zwanzig Minuten weg und der Weg ist nicht zu verfehlen. Er zeigte ihm die Richtung, nach welcher er zu gehen hatte und schritt dann wieder In sein Büro zurück.
Grude war aber noch kaum dreißig Meter auf der Straße dahingewandert, als er Dick aus einer Seitengasse herbeilaufen sah. „Daß du da bist, Felix!" Er faßte nach dem kleinen Kofser. „Daß ich -'spät kommen bin, daran ist die Lena schuld. Die hat die Ankunftszeit nicht recht rausg'les'n aus dem Fahrplan."
„Wie geht es Hamsteod?"
„Er ist tot."
„Seit wann?" fragte Grude erschüttert.
„Heut nacht um vier Uhr hat er die Aua'n au- a'macht für immer. Er ist so ruhig eing'schlaf'n, Voß wir's gar nicht bemerkt hab'n."
„Und die Christa?--"
„Wartet auf dich!"
Als man Hamstead begrub, fiel der erste Schnee. Still und leise legte er sich auf die Kuppel des Mausoleums, in welchem auch die anderen Besitzer von Liffy Road ihre letzte Schlummerstätte gesunden hatten. 3m Park standen die Bäume entlaubt. Das Meer rauschte eine Trauersymphonie.
Lena hustete. Sie war den Rebel nicht gewöhnt und die Rässe und all das Raue, welches das Klima mit sich brachte. Selbst Dicks hatte sich eine gewisse Depression bemächtigt.
„Ich möchte fort!" sagte Christa zu Felix Grude und lehnte sich gegen seine Schulter.
„Wohin, mein Liebes?" fragte er und sah besorgt in ihr blasses Gesicht.
„Ein bißchen Sonne, Felitsche!"
Er lächelte, so flehend hatte es geklungen. „Heim nach Wien?"
(Ein Schauer lief über ihren Körper. „Um Gotteswillen, nein! Soweit bin ich noch nicht! Uebrigens",
sie drückte sich dabei noch dichter an ihn, „ist es letzt auch in Wien nicht schon! Regen, Schnee! Wind! Ich habe solche Sehnsucht nach sonne und Stille." . ..
Dr. Mattwes kam und drückte wortlos ihre Hände Er litt sehr unter dem Verlust des Freundes Der Notar möchte Sie hernach für ein paar Minuten sprechen, Mrs. Christa! Cecil hat ihm da feine letzten Wünsche in die Hand gelegt. Auch Herrn Montrey und dem Fräulein Lena hat er ein paar Worte zu sagen."
,^jch möchte fort", wiederholte »hm Christa den gleichen Wunsch, den sie auch Grude gegenüber geäußert hatte.
Mattwes nickte. „3a, nicht wahr? Es ist nicht schön hier, wenn das Meer so bitterböse rauscht und der Wind um Gärten und Mauern johlt. Rur mir — mir gefällt es. 3ch bin ja hier zu Hause. Und nun, wo Cecil für immer hier liegt, bringt mich kein Mensch mehr fort, wenn ich nicht muß. Er hat mir Liffy Road vermacht. 3ch soll ein Sanatorium davon errichten für arme Kranke, die irgendwie oder -wo im Leben Schiffbruch gelitten haben und bar aller Liebe und aller Freundschaft ein Asyl in der Heimat suchen."
„Suchen Sie auch für mich ein Asyl, lieber Doktor!" bat Christa. „3ch sage zu allem ,3a*, wenn es nur Sonne und Stille hat."
Senestrey kam und meldete, der Notar ließe Mrs. Christa um eine sofortige Unterredung bitten, da er mit dem Zwei-Uhr-Zug nach Edinburgh zurück müsse. Und während sic an dessen Seite nach dem Schlosse ging, berieten Grude und Mattwes, wohin man gehen könnte, wo Herz und Nerven am raschesten wieder genesen könnten.
„Nizza", meinte Grude.
„Da ist es zu laut!" machte ihn Mattwes aufmerksam. „Eher Sk. Moritz."
„Da beginnt jetzt die Saison, Herr Kollege. Christa ist jedenfalls noch nicht in der Stimmung, einen solchen Rummel mitzumachen. 3ch denke eher an Kairo "
„Waren Sie schon einmal in Kairo?" sagte Mattwes. „Nein? — 3d) kann 3hnen nur sagen, Herr Kollege, daß es eine schauderhafte Karawanserei ist. Ich bin einmal mit Cecil dort gewesen und habe schon noch einer Woche die Flucht ergriffen. Auch Biskra ist nicht besser: Hotel, Golf, Tennis, Smoking — und versalzenes Wasser!"
Grude ließ den Kopf hängen. Die Welt war fo groß und man fand nicht einen Fleck, der Ruhe und Stille gewährleistete.
,,3d) werde noch nachdenken", sagte Mattwes. „Solche Entschlüsse wollen überlegt sein. Es wird sich sicher etwas finden, das Mr. Christa entspricht."
Montrey kam ihnen entgegen und unterdrückte fiewaltsam die Rührung, die ihm aus den Augen prach. „Ich weiß net, wie ich dazu komm, daß ich mir die Lieb von Lord Hamstead erworb'n hab. Ich hätt net glaubt, daß das bisserl Pfleg in seiner Krankheit, soviel Dankbarkeit auslös'n könnt. 5000 Pfund Sterling hat er mir vermacht. Und der Lena auch soviel. Was tun wir mit dem vielen Geld? Da können wir nix Besser's tun, wie gleich
heiral'n. Meinen'» nicht auch, Herr Doktor?" sagte er, zu Mattwes gewandt.
„Sicher, Herr Hauptmann. Das wird das Beste fein."
,Lch hab die Christa meinen hörn", erklärte Montrey. .^Zweimal hat sie ,Nein' g'fagt. Was der Notar erwidert hat, das hab ich net oerstand'n."
Man ging zu Dreien ins Haus und als Grude die letzten Stufen nahm, die von der Halle nach oben führten, kam eben der Notar an Christas Seite aus dem großen Salon und sagte ernst: „Man soll den letzten Willen eines Menschen, noch dazu eines Mannes, von dem wir geliebt wurden, ohne Widerrede erfüllen. Und Sie nehmen niemand etwas damit, Mrs. Christa. Cecil Hamstead hat keine näheren Verwandten mehr. Die Verfügungen in feinem Testament sind so klar und bis ins Kleinste durchdacht, daß es ganz ausgeschlossen ist, wenn man sie von anderer Seite anfechten wollte Falls ich Ihnen noch sonst irgendwie zu Diensten sein kann, bitte ich über mich zu verfügen. Meine Adresse wissen Sie ja."
Er küßte ihr die Hand, reichte sie bann Mattwes, Grude und Dick und nahm von Diener Hut und Mantel in Empfang.
„Was ist?" fragte Krude und wischte die Tränen aus Christas Augen weg.
„Was soll ich mit dem vielen Geld?" fragte sie. „Ich habe nie den Wunsch gehabt, so unermeßlich reich zu fein."
„3d) auch net", sagte Montrey nachdenklich. „Ader die Lena meint, es ließ sich allerhand damit anfangen. 3d) weiß so viel Kamerad'n, benen's genau so schlecht gangen hat wie mir, da kann ich jetzt aushelf'n, wann die Rot gar zu groß ist. 3d) mödjt ein G'schäft aufmach'n in Wien, ein Autogschäft, das ist die einzige Branche, in der ich was versteh. Sechs ober sieben Posten kann ich dann schon be- setz'n mit frühere Kamerad'n. 3d) weiß ja, wie das is, wenn man straßauf und -ab rennt und von jeder Tür wegkomplimentiert wird. — Lord Hamstead soll sich net beschwer'n können über mich, wann er vom Himmel runterfdjaut und nachkontrolliert, was ich mit fei’m Geld mach."
„Schade, daß Cecil das nicht mehr hören kann", sagte Mattwes. „Es hätte ihn sicher gefreut. Er hat nämlich, als er fein Testament aufsetzte, zu mir geäußert: ,Es dürfte wohl selten sein, daß Geld in solch gute. Hände kommt und an Menschen, die es wirklich wert sind und es sicher nutzbringend zu verwenden wissen'."
Christa hatte sich wieder gefaßt und sah ihn aus verweinten Augen an. „Nun weiß ich auch, wohin ich gehe. Lord Cexil hat auch dafür noch gesorgt. Er hat mir feine Villa auf Capri vermacht und bestimmt, daß ich den Winter dort verbringen soll, bis mich Felix heim nach Wien holt."
„3ch möchte dich nicht allein dort wissen", sagte Grude besorgt.
„Da is leicht g'holf'n", erklärte Montrey. „Der Felix und ich, wir fahr'n nach Wien, weil's für uns beide doch allerhand zu tun gibt. Die Christa und die Lena, die fahr'n nach Capri. Wann's dir recht is, Christa?"
„3a. bitte. Dick!"
„Und an Weihnacht besuche ich Sie", sagte Matt« roes. „34 kann auch ein bißchen Sonne ganz gut brauchen."
Als der Tag sich jährte, an welchem Madien der Erde übergeben worden war, stieg ein Herr di» verschlungenen Pfade hinaus, die zur Villa Hamstead führten. Unter ihm leuchtete das Meer und schlug donnernd gegen die Klippen, daß der weiße Gischt noch meterhoch aussprühte. Duft von Drangen- und Zitronenbaumen riefenflernigen Margeriten und hohen Malven schwängerte die Luft. Die ihn wie ein laues Bad umfächelte.
Ihm entgegen kam eine Dame in einem Hellen Kleid, verhielt zwischen Schreck und Freude den Fuß, begann dann zu laufen und landete in seinen ausgeftrerftcn Armen. „Felitsche!"
Er schloß die Arme um sie und drückte das Gesicht in den seinen Duft ihres Haares. Seine Lippen suchten darüber hin. Und wahrend fein ganzer Körper zu zittern begann, flüsterte eine scheue Stimme zum zweiten Male: „Felitsche!"
Da sah er auf und ließ den Blick über sie hingehen „Wirst du Geduld haben mit mir, meine Christa? Willst du mir Helsen zu vergessen, was einmal war? Allein werde ich es niemals zuwege bringen."
„3d, komme mit dir!" Jagte sie und legte ihre Stirne gegen die seine. „Was uns auch in Zukunft werden mag, wir wollen es zu Zweien tragen. Du hast das Deine bis auf Vollendung getragen Wer es aber bis zur Vollendung gebracht hat, der Hal Anrecht auf alle Seligkeit."
„Auf alle Seligkeit mit dir, Christa!"
„3a, Felix! Was ich dir an Glück zu geben ver- mag, das werde ich geben bis zur letzten Minute meines Daseins. — Mattwes ist feit vier lagen bei uns. Er hat eine schwere Grippe durchgemacht und läßt sich nun von Lena verhätscheln. Er will auch mitkommen nach Wien und sich unser Heim und Dicks Autogeschaft ansehen. Kannst du ein paar Wochen bleiben?"
„Rur acht läge, mein Liebes. Jetzt um die Frühjahrszeit verträgt meine Praxis kein so langes Fernbleiben. Lena fehlt mir sehr Die Assistentin, die ich jetzt habe, ist weniger tüchtig."
Sie schmiegte sich an ihn und lächelte „3mmer bist du in Sorgen, Felitsche. 34 möchte dich wieder einmal lachen sehen, lachen wie früher! Du bist ja noch so jung!"
„So jung!" meinte er kopfschüttelnd. „Dierund- dreißig 3ahre! Beinahe ein halbes Menschenalter habe ich vergeudet."
„Dafür wollen wir die andere Hälfte um so besser nützen", sagte sie gütig, nahm fein Gesicht zwischen ihre Hände und küßte ihn.
Ueber ihnen blaute der Himmel und unter ihnen rauschte das Meer und sie gingen Hand In Hand nach der Höhe, die ganz in Glut und Sonne prunkte: Awei Menschen, die feit Ewigkeiten für einander bestimmt sind.
Ende.
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