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Aus der Provinzialhauptstadt.
Was wohl die Welt von Hitler sagt... ?
Was wohl die Welt von Hitler sagt, wenn etwa in fünfhundert Jahren ein Lehrer seine Schüler fragt, die sich dann forschend um ihn scharen? „Es war", so fängt er fither an, „kurz nach dem europäischen Kriege, da brachte dieser seltne Mann die menschliche Vernunft zum Siege.
Durch Einsicht und Wahrhaftigkeit, wie wir sie letzt nur selten finden, könnt er die Krankheit jener Zeit uneigennützig überwinden.
Don List und Winkelzügen frei, zu stolz, um je sich feig zu beugen, verstand er Völker und Partei von seiner Kraft zu überzeugen.
Sein Sinn für Recht war stark und groß. Für Schelme tonnt er kein Erbarmen; war mit sich selber mitleidlos, doch Mitleid fühlt er mit den Armen. Kein Leid hat seinen Mut gedämpft. Ihn stützte nicht der Troß der Heere, doch eines hatte er erkämpst: Dem deutschen Volk die alle Ehre.
Er hat der Diplomaten Zunft zuletzt noch gänzlich ausaeschaltet, voll Redlichkeit und voll Vernunft sein schweres Amt stets selbst verwaltet. Er hat von Umsturz und von Wahn zuletzt Europa noch gerettet und hat an seines Lebens Bahn die Liebe eines Volks gekettet.
Als rings um sein geliebtes Land die Völker all in Waffen starrten, als sie, in neu geschürtem Brand auf Ueberfall und Beute harrten, da hat er durch des Wortes Kraft, durch nichts, als durch sein reines Wollen den Frieden unsrer Well verschafft. Das ist es, was wir wissen sollen."
Mazda Amann.
3d) bei Tag und Du bei Nacht...
Der Film, der seit gestern im Lichtspielhaus, Bahnhof st raße, gezeigt wird, nimmt den sicher auch in Berlin seltenen Fall an, daß eine Zimmer« Vermieterin ihre gute Stube zweimal vermietet. Und zwar an „Sie", die Manicüre bei Nacht und an „Ihn" den Oberkellner bei Tag. Beide wußten umeinander, kannten sich aber nicht, bis sie sich eines Tages unter, versteht sich, sehr verzwickten Verhältnissen doch trafen. Nach mancherlei Irrungen und Wirrungen bekamen, sie sich auch, anders kann man es sich in einem Film mit Willy Fritsch und Käthe von Nagy nicht gut denken. Für das happy end finden die Filmleute immer wieder neue Variationen und verstehen es dadurch, eine Stunde lang gut zu unterhalten. In hübschen Nebenrollen wirkten Julius von Falken st ein, Ida W ü st und Amanda Lindner mit, so daß man gute schau- spielerische Leistungen sah. Man hörte einfdjmei- chelnde Schlagerlieder. Im Beiprogramm wurde ein schöner Kulturfilm von der Vogelwelt des hohen Nordens gezeigt. n.
Bornotizcn.
— Tageskalender für Donnerstag: Oberhess. Kunstverein, Turmhaus am Brandplatz, 15 bis 17 Uhr, Ausstellung. — Lichtspielhaus, Dahn- Hofstraße: „Ich bei Tag und du bei Nacht."
Dienstjubiläum beim Amtsgericht. Iustizinlpektor Wilhelm Ritter zu Gießen begeht am 1. Juni sein 40jähriges Dienstjubiläum. Dem Jubilar, der durch seine Tätigkeit am Grundbuch- amt in weiten Kreisen der Bevölkerung bekannt ist und durch sein allezeit hilfsbereites Wesen geschätzt wird, hat die hessische Staatsregierung die besten Glückwünsche ausgesprochen. Sie verband damit die .Anerkennung der hessischen Regierung für die geleisteten treuen Dienste.
* Benefizvorstellung im Stadt- t h e a t e r. Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Das Ensemble wirbt heute noch einmal für den Besuch seiner Benefizvorstellung am Freitag, 2. Juni. Es gelangt das köstliche Lustspiel: „Krieg im Frieden" von Moser und Schönthan unter Karl Volcks Spielleitung und unter Mit« Wirkung des gesamten Damen- und Herren-Personals einmalig zur Ausführung. Alle Theater- freunde werden im Hinblick darauf, daß ein unterhallender und lustiger Abend geboten wird und der Reinertrag den Mitgliedern des Ensembles zugute kommt, sicherlich sich für die aufopfernde Arbeit der Künstler erkenntlich zeigen und recht zahlreich erscheinen. Um allen die Möglichkeit des Besuches zu bieten, sind gewöhnliche Schauspielpreise angesetzt
und der Beginn der Veranstaltung auf 20.15 Uhr gelegt.
* Straßensperrunas - Nachrichten, mitgeteilt vom Oberhefsischen Automobil-Club E. D. (21. v. D.), Gießen: Die Provinzialstraße Gießen — Heuchelheim wird ab 1.Juni für jeglichen Verkehr gesperrt. Umleitung über die Straße Windhof—Heuchelheim (Brauhausstraße) und umgekehrt. — AnlöhliH , des diesjährigen Motorradrennens „Rund um Schotten" wird die Ortsdurchfahrt Bad Salzhausen von Samstag, 3. Juni, 16 Uhr, bis Dienstag, 6. Juni, 18 Uhr, für Motorräder und Lastkraftwagen im Durchgangsverkehr gesperrt. Umleitung über Borsdorf. — Die Sperre auf der Strecke Schotten — Rudingshain ist aufgehoben.
•• Der Verband der Hessischen 0e» schichts - und Altertumsvereine versendet jetzt die Ginlabung zu seiner diesjährigen, am 24. und 25. 3uni ftattfinbenben Tagung. Vorgesehen ist am 25. 3uni in Gießen eine Besichtigung der Anstalt für hessische Landesforschung (Bismarckstraße 16) um 16 Ahr und eine Besichtigung im Oberhessischen Museum und der Wilhelm-Gail-Stiftung um 17 Ahr. 3n Butzbach (Abfahrt 19.39 Ahr) um 20.30 Ahr im Saale des „Deutschen Hauses" ein Vortrag des Herrn Ani- versitäts-ProfessorS Dr. Rauch (Gießen) über „die Kunstdenkmäler der Stadt Butzbach" (mit Lichtbildern). Anschließend Anterhaltungsabend mit musikalischen und mundartlichen Darbietungen. Am 25. 3uni (Sonntag), 10.30 Ahr, Führung durch Butzbach unter Leitung von Herrn Professor Rauch. Am 12 Ahr spricht Herr Aniversitäts- Prosessor Dr. Th. Mayer (Gießen) im „Deutschen Haus" über „Aufgaben der hessischen Lande sgeschichtsforschung". Am 13.30 Ahr gemein* sames Mittagessen, am 15 Ahr Spaziergang über der Schrenzer nach dem Forsthaus oder nach Rie- der-Weisel zur Besichtigung der romanischen Kapelle. Der Oberhessiiche Geschichtsverein hat seinen Sommerausflug mit der Tagung zusammengelegt und wird seine Mitglieder durch die Zeitungen zur Teilnahme einladen.
Schwurgericht Gießen.
* Gießen, 31. Mai. Unter dem Vorsitz von ßandgeridjtsrat Dr. Hansult wurde heute gegen den Hilfsarbeiter Heinrich Kraft II aus Düdelsheim wegen Meineids verhandelt. Die Anklage vertrat Staatsanwalt Dr. Eckert, die Verteidigung führte Rechtsanwalt Zimmer. Wegen Gefährdung der öffentlichen Sittlichkeit fand die Verhandlung hinter verschlossenen Türen stall; das Urteil wurde öffentlich verkündet.
Der Angeklagte hatte im Wald bei Düdelsheim in der Nähe des Schießhauses zwei junge Leute bei einem intimen Vorgang beobachtet und diesen Vorfall sofort überall herumerzählt. Als er danach in einem Ehescheidungsprozeß darüber als Zeuge eidlich vernommen wurde, verschwieg er trotz eindringlicher Ermahnung die Wahrheit und wollte nichts Wesentliches gesehen haben. Dennoch erzählte er seine Wahrnehmungen auch anderen Leuten und gab mit zynischer Offenheit zu, vor Gericht die Unwahrheit gesagt zu haben: aus einem Eid mache er sich nichts, das sei alles Humbug usw. Jndeß bewahrheitete sich an ihm das Sprichwort: „Lügen haben kurze Beine", denn als er später abermals in einem Prozeß als Zeuge geladen war und seine Erzählungen ihm vor« gehallen wurden, gab er die Wahrnehmungen, die er damals am Schießhaus gemacht hatte, eingehend zu Protokoll. Diese zweite Aussage war auch richtig, wie sich aus der Vernehmung des jungen Mannes, den er beobachtet hatte, ergab. Der Angeklagte war nicht geständig: er behauptete heute, bei seiner ersten Vernehmung die Wahrheit gesagt zu haben und wollte sich auf Verwirrung oder Gedächtnisschwäche hinausreden.
Auf Grund der eingehenden Beweisaufnahme war an feiner Schuld kein Zweifel möglich. Strafschärfend kam die Frivolität feines Meineides in Bellacht. Die Strafe lautete auf ein Jahr sechs Monate Zuchthaus und fünf Jahre Ehrverlust.
Oie Technische Hochschule Darmstadt wieder geöffnet.
D a r m ff a d (, 31. Mai. (IDSH.) Von der I e ch. nifchen Hochschule wird mifgefeilf:
„Der Lehrbetrieb an der Technischen Hochschule Darmstadt konnte am Mittwochnachmittag wieder aufgenommen werden, nachdem durch das Eingreifen der Regierung eine die Hochschule befriedigende Lösung gefunden werden konnte."
Rach einer weiteren WSR.-Meldung hat es sich bei dem Vorfall um Mißverständnisse zwischen einem Teil der Studentschaft und einem Teil der Dozenten gehandelt.
Die neuen Schöffen und Geschworenen.
In der am 29. Mai stattgefundenen Sitzung des Ausschusses für die Bildung der Schöffen- und Schwurgerichte, sowie der Jugendgerichte für die Zeit vorn 1. Juli 1933 bis 31. Dezember 1934 wurden gemäß der Verordnung der Reichsregierung über Gerichtsverfassung und Strafrechtspflege vom 4. Januar 1924 und dem Reichsgesetz vom 7. April 1933 folgende Personen bestimmt:
L hauptgeschworene für das Schwurgericht:
1. Franz Sorgouts, Schlosfermeister, Gießen, Mäusburg 12.
2. Studienrat Gg. Schelhorn, Gießen, Lud- wigstraße 24.
3. Emil Dietz, Kaufmann, Gießen, Am Kugel- berg 7.
4. Josef Simon, Gasaufnehmer, Gießen, Kaiser- allee 69.
5. Rudolf Leithäuser, Bankbeamter, Gießen, toeltersmeg 63.
6. Otto Stein, Arbeiter, Bersrod.
7. Wilh. Becker XIII., Landwirt, Alten-Buseck.
8. Heinrich Ludwig Gerhardt, Landwirt, Steinbach.
9. Ludwig Kreiling, Landwirt, Mainzlar.
10. Wilhelm Schwalb, Landwirt, Beuern.
1L Hilfsgeschworene für das Schwurgericht:
1. Hans Grieb, Kaufmann, Gießen, Äepler- straße 5.
2. Christian Beiz, Steuerassistent, Gießen, An- neröder Weg 20.
3. Otto Schwarz, Kaufmann, Gießen, Frankfurter Straße 43.
4. Friedrich Linker, Kaufmänn, Gießen, £ub- wigsllaße 16.
5. Alois Hofmann, Bankbeamter, Gießen, Kaiserallee 30.
6. Lorenz Eifert, Derw.-Sekr., Gießen, Wiefen- straße 2.
7. Karl Waag jr., Kaufmann, Gießen, Selters- weg 60.
8. Philipp Diehl, Former, Gießen, Löwen- gaffe 13.
9. Karl Noll, Dipl.-Kaufmann, Gießen, Bahnhofstraße 6.
10. Wilh. Becker, Lederfabrikant, Gießen, Bahnhofstraße 16.
11. Richard Krieger, Fabrikarbeiter, Heuchelheim.
12. Heinrich Heuser III., Landwirt, Burkhardsfelden.
13. Heinrich ß e u t n e r jr., Landwirt, Allendorf an der Lumda.
14. Heinrich Benzler II., Schuhmacher u. Landwirt, Staufenberg.
15. Christian Graulich, Landwirt, Bersrod.
16. Johannes Stein, Landwirt, Climbach.
17. Wilhelm Opper, Landwirt, Alten-Buseck.
18. Georg Albach, Former, Daubringen.
19. Friedrich Stein, Bäcker, Klein-Linden.
20. Karl Hildesheim, Taglöhner, Lollar.
HL houptschöffen für das Landgericht:
1. Hermann Wagner, Verf.-Anw., Gießen, Seltersroeg 60.
2. Adolf Birkmeyer, Metzgermeister, Gießen, Bahnhofstraße 13.
3. Rudolf Schneider, Gärtner, Gießen, Schif- fenberger Weg 29.
4. Dr. Werner Chalons, Rittmeister a. D., Gießen, Kroßer Steinweg 21.
5. Karl Beil, Schreinermeister, Gießen, Bücking- straße 1.
6. Wilh. Hainbach, Zugführer, Gießen, Asterweg 52.
7. Heinrich Jockel, Kultur-Jnsp., Gießen, Bruch- straße 19.
8. Otto Jung V., Ina., Watzenborn-Steinberg.
9. Phil. Löcher II., Landwirt, Bersrod.
10. Erich S ch r oth , Ober-Jng., Mainzlar.
11. Theodor Forchheim, Hüttenarbeiter, Allendorf an der Lumda.
12. Hch. Ludw. Balser, Landwirt, Steinbach.
13. Karl Ranft, Lehrer, Alten-Buseck.
14. Ludwig Schäfer VI., Landwirt, Annerod.
IV. hilfsschössen für das Landgericht:
1. Richard Bornemann, Zahrradhändler, Gießen, Großer Steinweg 12.
2. Heinrich Karos, Schneidermeister, Gießen, Ludwigsllaße 35.
3. Herrn. Wilh. Meyer, Bergwerksdir., Gießen, Gartenstraße 28.
4. Friedr. Bauer, Derw.-Ober-Assist., Gießen, Am Kugelberg 29.
5. Heinrich B ö n s e l, Metzger und Wirt, Gießen, Gabelsbergerstraße.
6. Heinrich L e i b n e r, Monteur, Gießen, Nord- anlage 5.
7. Johann Elfenthal, Res.-Lokomotiof., Gießen, Steinstrahe 12.
8. Hermann Thomas, Geschäftsleiter, Gießen, Steinstraße 52.
9. Heinrich Braun, Metzger u. Gastwirt, Wieseck.
10. Abam Hch. Lauber, Kaufmann, Grüningen.
11. Wilh. Hermann III, Lanbwirt, Beuern.
12. Subroig Becker, kaufm. Angestellter, Lollar.
13. Johannes Schmitt II., Lanbwirt, Winnerob.
14. Karl Klos, Lanbwirt, Röbgen.
15. Wilh. Albach, Weißbinder, Bersrod.
16. Karl Nicolaus, Wagner, Steinbach.
17. Wilh. 91 e u m e i e r, Landwirt, Winnerod.
18. Ludwig Schäfer II., Spezereihandlg., AIbach.
19. Heinrich Forbach III., Landwirt, Alten-Buseck.
20. Kaspar Euler III., Schlosser, Treis a. d. Lda.
V. Hauptschöffen für das Schöffengericht:
1. Friedrich Detter, Forstass., Gießen, Kreuz- platz 4.
2. Richard Grünewald, Kaufmann, Gießen, Bahnhofstraße 23.
3. Otto Kahl, Landwirt, Alten Duseck.
4. Albert Brücket, Lanbwirt, Lang-Göns.
5. Johann Balser, Arbeiter, Bersrob.
VI. hilssschöffen für das Schöffengericht:
1. Karl Schwender, Steuer-Dberfefr., Gießen. Steinstraße 71.
2. Ferdinand Link, Schlossermeister, Gießen, Wilsonftraße 10.
3. Hermann Müller, Techniker, Gießen, Stephanstraße 26.
4. Adolf H o p f e I d, Gastwirt, Gießen, Friedrich« straße 4.
5. Adam Stein. Bahnbeamter, Daubringen.
6. Heinr. Reuschling III., Landwirt, Steinbach.
7. Karl Rühl, Müller. Trohe.
8. Joh. Georg Heß, Kulturb.-Ass. in Leihgestern.
VII. hauptschöfsen für bas Große Jugendgericht:
1. Heinrich Schneider, Uhrmacher, Allendorf an der Lumda.
2. Oberzollinsp. Gg. Heß, Gießen, Bismarckstraße 40.
3. rau Elfriebe Fischer, Gießen, Walltorstrahe.
4. Wilhelm M u h l y, Fabrikarbeiter, Alten-Bufeck.
5. Friedr. G e r n a n b t, Lanbwirt, Heuchelheim.
VIII. Hilfsschöffen für bas Große Jugendgericht:
1. Gustav Frey, Kaufmann, Gießen, Kaiser- allee 31.
2. August Weimer, Weißbinder, Daubringen.
3. Jakob Haas, Prokurist, Gießen, Beethoven« straße 1.
4. Frau Meta Fritsch, geb. Hermann, Gießen, Nahrungsberg.
5. Bürgermeister Göbel in Hausen.
6. Karl Hirtz II., Lanbwirt, Watzenborn-Steinberg.
IX. Hauptschöffen für bas kleine Jugendgericht:
1. Pfarrer Otto Lenz, Gießen, Lubwigsplatz 2.
2. Dr. Karl Hummel, Gießen, Gg.-Phil.-Gail« Straße.
3. Heinrich Jünger, Lanbwirt, Reiskirchen.
4. Adam Nagel, Schmied, Allendorf a. d. Lda.
X. hllfsfchöffen für das kleine Jugendgericht:
1. Ernst Äreuder, Bankbeamter, Gießen, Friedensstraße 15.
2. Heinrich Trechsler, Kaufmann, Gießen, Steinstraße 73.
3. Ludwig Hofmann V., Landwirt, Lollar.
4. Wilhelm Schmidt II., Müller, Großen-Buseck.
Die letzten Soldaten des Weltkrieges.
Teklnehmerberichien nacherzählt von Walter Schimmel-Falkenau.
Hl.
Die Heldenlragödie im Vallikum.
Durch volksfreundliche Verordnungen, die in jeder Weife der Eigenart und den Bedürfnissen des Landes und seiner Bewohner gerecht wurden, gelang es diesem neu eingesetzten Zentralrat, die Sympathien der Bevölkerung zurück zu gewinnen. Die Truppen der Westarmee räumten inzwischen radikal mit den unzähligen Banden auf, die sich allenthalben im Lande herumtrieben und durch Mord und Plünderung lebten. Die lettische Armee jedoch berannte immer wieder die Stellungen der russischen Westarmee, wo immer sie vorstießen, zwangen sie die jüngeren männlichen Anwohner aus Dörfern und Städten in ihr Heer einzutreten. Dadurch natürlich sank wohl die Disziplin als auch die Moral dieser lettischen Armee auf eine unglaublich niedere Stufe, sie verlor jede Achtung vor bem Eigentum des anbe- ren, sie geriet branbschatzenb unb raubenb immer deutlicher in ein sichtbares b o l s ch e w i st i - sches Fahrwasser, unb rote Fahnen unb bie Abzeichen Der roten Sowjetarmee tarnen immer mehr innerhalb biefer von Tag zu Tag mehr verwahrlosenden Truppe zum Vorschein. Die Neigung bes Letten zum Bolschewismus zeigte sich sehr auf« fällig. Die lettische Regierung leitete, um ihre schon zu fast vollkommenen Bolschewisten herunter entwickelten Truppen für. ben Kampf gegen bie russische Westarmee unb damit auch gegen die deutsche „Eiserne Division" völlig frei zu bekommen, mit den Bolschewisten Verhandlungen ein. Diese führten tatsächlich zu einem provisorischen Waffenstillstand.
Die Lage der russischen Westarmee wurde dadurch, daß sie nun sowohl gegen die Letten als auch gegen bie Bolschewisten kämpfen mußte, barum so besonders bedrohlich, weil jegliche Unter st ützung von der deutschen Regierung versagt wurde. Es fehlte den einstmals reichsdeutschen Truppen schon zu dem Zeitpunkt, an dem sie sich der Führung des Fürsten Awaloff unterstellt hatten, vornehmlich an Munition, bei einem Bataillon hatten damals schon über 60 Mann keine Stiefel mehr, sie gingen tatsächlich bar« fuß. Jeder geplante Nachschub von hilfsbereiten vaterländischen Kreisen aus Deutschland wurde von der Regierung verhindert, die in dem zähen Durchhalten der tapferen Baltikumkämpfer ein gefährliches Aufflackern der Reaktion erblickte. Ihre Angst vor dem wieder erwachenden vaterländischen Geiste war so groß, daß sie sich an die Entente um Unterstützung wandte unb die Entsendung einer Entente- Kommission in das Baltikum erbat. Mit Hilfe der Entente nun und mit Hilfe des novemberreoolutio- nären Deutschland wurde nun im Rücken des heroischen Heldenkampfes, den die Baltikumkampfer für Deutschlands Ehre und Zukunft in den baltischen Ost« seeprovinzen unter schwersten Entbehrungen geführt hatten und noch führten, ein Feldzug gegen diese wackere Schar geführt, der schließlich z u m Zusammenbruch des Baltikum-Unternehmens führen mußte.
Jeder Waggon, der mit Bekleidungsstücken für unsere letzten Soldaten des Weltkrieges unterwegs war, wurde auf Befehl der deuifchen Regierung a n - gehalten, jeder Munitionsnachschub würbe unterbunden. Jedem Urlauber wurde die Rückkehr zur Truppe verboten, jeder Verwundete wurde nach feiner Entlassung aus den deutschen Lazaretten an der Rückreise zur Baltikumfront verhindert. Indessen tat die schon völlig überan- strengte Truppe Tag und Nacht im Kampfe gegen die bolfchewisierte Letten-Armee und gegen die Rote Armee Moskaus bei 20 Grad Kälte Dienst. Krankheiten, besonders Ruhr und Lungenentzündung griffen in erschreckendem Ausmaße um sich. Der andauernde Dienst — eine Ablösung war schon seit langem nicht mehr möglich, —, zehrte die letzten Kräfte auf. Mäntel und Schlafdecken waren nur noch Erinnerungen.
Mit größter Besorgnis verfolgten die vaterländischen Streife Deutschlands diesen allmählichen Zerfall unserer Grenzwacht gegen den Bolschewismus. Leutnant Roßbach war es, der im November 1919 mit ungefähr 800 begeisterten deutschen jungen Män
nern, meistens ehemaligen Frontsoldaten, unter unendlichen Mühen und Opfern seinen berühmten Marsch durch Deutschland antrat, zu Tode erschöpft mit feinen Leuten im Baltikum ankam unb sich in der Hoffnung, noch helfen zu können, der Führung des Fürsten Awaloff ebenfalls unterstellte. 2lber auch diese Heldentat vermochte dem tragischen Geschehen fein anderes Gesicht zu geben. Hätte Roßbach einige tausend Mann mitbringen können, daun wäre vielleicht dieser große Kampf zugunsten der Heimat entschieden worden. Diese achthundert, so hoch ihr Heldenmut und ihre große Hingabe ihnen dauernd angerechnet werben wirb, vermochten ben Zusammenbruch bes Baltikum-Unternehmens nicht mehr aufzuhalten.
Die körperlichen Leiden, die die Truppe in dieser letzten Phase ihres Heldenkampfes auszuhalten hatte, waren unbeschreiblich. Die Erkrankten mußten ohne Pflege hinsterben, bas Gewehr noch in ben erfrorenen Hänben. In ben zerfetzten Stiefeln eiterten bie nackten Füße. Grimmiger Schneesturm fegte von Osten. Furchtbar war dieser November dort oben im Baltikum.
Nicht bie lettische Armee, nicht bie Rote Armee Sowjetruhlands, nicht die Geschütze der in den Häfen liegenden englischen Kriegsschiffe hatten die „Giferne Division" im Baltikum besiegen können, die deutschen Soldaten wurden durch den Kampf besiegt, den ihnen die Regierung Deutschlands selbst angesagt hatte.
Gnde Rovember 1919 war eS mit dem heldenhaften Widerstand gegen Feinde ringsum zu Gnde. Die russische Westarmee löste sich unter dem Druck der äußeren Llmstände allmählich auf. Die „Giferne Division" und die ihr angeschlossenen ehemals reichsdeutschen Truppenteile muhten das Aussichtslose ihrer Lage einsehen. Die Hälfte der Mannschaften war auf den Tod krank, erfrorene Gliedmahen hatte fast jeder aufzuweisen, immer fühlbarer machte sich der Mangel auch an den notwendigsten Kleidungsstücken bemerkbar. Das Fehlen jeglicher Munition, die dauernden Anstürme des Feindes gegen die nur schwach befestigten Stellungen, dazu die immer eisiger werdende Kälte zermürbte die „Giferne Division" schließlich, so baß auch sie bas Zwecklose jebes weiteren Kampfes einsehen mußte.
Um so tragischer mutet der Zusammenbruch des Baltikum-Unternehmens an, wenn man bedenkt, daß die von der deutschen Regierung gerufene Gntente-Kornmission, die den Auftrag hatte, die Verhältnisse im Baltikum nachzuprüfen und zu ordnen, die Weisung erhalten hatte, sich nötigenfalls mit dem Zentralrat und der russischen Westarmee gütlich zu einigen. Hätte die deutsche Regierung nicht tatenlos zugesehen, wie im Baltikum Tausende deutsche ehrliche Soldaten hinstarben, hätte man wenigstens für Bekleidungs- und gelegentlichen Munitionsnachschub gesorgt, dann wäre das Baltitum-Untemehmen zu einem ruhmvollen Gnde geführt worden.
Die Ziele des Unternehmens wären erreicht worden: Zerschlagung des Bolschewismus in Westruhland, Siedlungsmöglichkeit für Deutsche in den baltischen Provinzen, Handelsbeziehungen über Kurland, Lettland, Litauen und Estland hinaus bis nach Finnland, eine Aussallstrahe für deutschen Export, Grsah für verloren gegangene Weltmärkte und die Kolonien, und schließlich und endlich die große Möglichkeit, durch Stützung und Stärkung der russischen Westarmee eine Waffe zu schaffen, die vielleicht auf Grund ihrer leidenschaftlichen Hingabe an die (Idee berufen gewesen wäre, die damals noch junge Entwicklung des russischen Bolschewismus wieder zu zerschlagen und ein uns befreundetes großes Rußland wieder aufzubauen.
ihn diese hohen Ziele ging es setzten Endes im Baltikum-Unternehmen. Sie sind vom deutschen Volke nicht erkannt worden, die große Gelegenheit wurde versäumt. Das Daltikum-älntemeh- men brach zusammen, eine enttäuschte und verzweifelte, 8um großen Teile auf den Tod kranke Truppe kehrte nach heldenhaften Kämpfen unbeachtet, fast wie Ausgestoßene behandelt, in die deutsche Heimat zurück.


