Zwischen Ost und West
II.
Oie russische Rückendeckung.
Don Hans von Seectt, Generaloberst.
Wir bringen heute einen weiteren 2lb- schnitt aus der soeben bei der Hanseatischen Derlagsanstalt in Hamburg erschienenen Broschüre des berühmten Soldaten.
Mit dem gleichen Recht, mit dem behauptet wird, daß das Verhältnis zu Frankreich Deutschlands Schicksal sei, können wir den Satz aufstellen, daß das Verhältnis zu Rußland für uns schicksalschwer sei. Nachdem wir in ganz großen Zügen den Charakter der wirtschaftlichen Bedingungen dargelegt haben, müssen wir uns zu dem stärksten Argument wenden, mit dem jeder Einwand gegen eine Verbindung mit Rußland gestützt wird, der Gefahr, die Deutschland vom Bolschewismus droht. Zunächst sei festgestcllt. daß die Größe der Bedrohung in keiner Weise bestritten werden kann und soll, , und ebenso sei betont, daß das Eindringen und die Verbreitung des Bolschewismus mit allen Mitteln bekämpft werden muß, wobei die Ansicht vertreten wird, daß noch mit weit größerer Schärfe gegen solche Einflüsse vorgegangen werden könnte, als es heute geschieht. Es scheint auch, um Mißverständnissen und Unterstellungen vorzubeugen, notwendig, ausdrücklich festzustellen, daß die russischen politischen und wirtschaftlichen Ideen und Methoden an sich verurteilt und für uns durchaus a b g e - lehnt werden. Es sind eben russische Erzeugnisse und, wenn wir es Rußland durchaus überlassen, nach eignen Grundsätzen zu wirtschaften und zu handeln, so wollen wir auf der anderen Seite auch Herren im eigenen Haus bleiben und müssen jede Beeinflussung von außen ablehnen. Wenn wir wirklich annähmen, daß eine wirtschastliche und politische Verbindung mit Rußland uns den. Bolschewismus ins Land zöge, dann müßten wir sie allerdings abbrechen: denn jeder Vorteil auf einem dieser Gebiete stände außer jedem Verhältnis zu dem Schaden.
Der Bolschewismus in Rußland wird nicht zusammenbrechen, wenn wir die Verträge von Rapallo und Berlin lösen: wir werden aber dann einen Feindander Grenze haben, dessen Einwirkung auf unsere inneren Zustände nicht geringer sein wird. Wer einwendet, daß wir Rußland und damit den Bolschewismus durch unsere wirtschaftliche Zusammenarbeit stärken, dem sei entgegnet, daß nur eine wirtschaftliche Gesundung Rußlands, eine Hebung des allgemeinen Wohlstandes und damit der Bedürfnisse das Land wieder zu einer der unsrigen angeglichenen Ordnung zurückführen kann, niemals aber eine Verschärfung und Verewigung der Proletarisierung. Vor allem aber müssen wir behaupten, daß unsere Stellung zum Bolschewismus nichts mit der Möglichkeit einer Zusammenar» beit auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet zu tun hat. Selbst wenn wir Amerika, das bei oller Abneigung gegen den Bolschewismus reichlich mit Rußland arbeitet, wegen seiner Abgelegenheit zum Vergleich nicht heranziehen, so bleibt doch Italien, das mit seinem eigenen Kommunismus gründlich aufräumte, ohne deswegen auf die Freundschaft mit Rußland auf wirtschaftspolitischem Gebiet zu verzichten, als Beispiel einer möglichen Trennung dieser Beziehungen von innerpolitischer Llebereinstimmung.
Wir brauchen der russischen These von der Trennung der Sowjetregierung als der Vertreterin der Politik, von der Partei als der Trägerin der Weltrevolutionsidee gar keinen besonderen Wert beizulegen, wir können sie aber benutzen, wenn wir die Richtbeteiligung der ersteren an unferm gegen die zweite verlangen. Die Russen werden für diese Llnterscheidung volles
Verständnis haben, wie sie überhaupt drastischen Argumenten zugänglich sind. Wir sind jedenfalls bei Bekämpfung des eigenen Kommunismus vollkommen frei von allen Rücksichten auf die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu Rußland: sie werden durch keine innerdeutschen Maßregeln gestört werden. Daß sich die offizielle russische Vertretung in Deutschland der Propagierung des Bolschewismus enthält, ist zu verlang und zu erreichen. Dem Schreiber dieser Zeilen wurde einst von einem deutschen diplomatischen Vertreter in Moskau nahegelegt, er möchte im Interesse der Beziehungen zwischen den beiden Staaten ein gutes Wort für einen Russen einlegen, welcher der Attentatsvorbereitung gegen ihn, den Schreiber, überführt war. Er hat es ab gelehnt, aus der Auffassung, daß die Ermordung eines damals noch im Staatsdienst befindlichen Deutschen eine Einmischung in unsere inneren Angelegenheiten sei, die nicht scharf genug zurückgewie- s e n werden könne.
In einem anderen Punkte ist Rußland begreiflicherweise empfindlicher. Es ist sich der^ Abneigung des deutschen Bürgertums — die übrigens bis weit hinein in die Arbeiterschast reicht — gegen die bolschewistischen Zustände sehr wohl bewußt und glaubt, dauernd damit rechnen zu zu müssen, daß diese Gegensätzlichkeit sich auf die deutsche politische Haltung aus- »wirkt. Bestärkt wird es in dieser Sorge werden, wenn es die fortgesetzten Annäherungsversuche an Frankreich beobachtet, die in der deutschen Öffentlichkeit laut werden, und auch aus dem Munde leitender Staatsmänner Worte über den entscheidenden Wert der Beziehungen Deutschlands zum Westen hort, während über die zum Osten vorsichtig geschwiegen wird. Es ist bei solchen Aeußerungen jedesmal eine Beunruhigung in den russischen politischen Kreisen festzustellen,die sich nicht immer mit einem heimlichen Händedruck, auch nicht nur mit einem Gruß „Unter den Linden" beschwichtigen läßt.
Rußland ist an der Befestigung seiner politischen Stellung zu Deutschland sehr dringend gelegen. Es lebt in der dauernden Sorge vor einem Zusammenschluß ihm feindlicher Mächte, der sich in irgendeiner Form gegen feine Existenz auswirken könnte. Gelänge es, I a p a n in diesen Kreis zu ziehen, oder würde Europa einen von dieser Seite kommenden Konflikt zu eigenem Angriff ausnutzen, so käme Rußland zwischen zwei Feuer. Dieses Vorgehen Mittel- und Westeuropas ist aber nicht denkbar, solange Deutschland sich aus der Reihe der Feinde ausschließt. Polen, das bei solchem Angriff die Vorhut bilden würde, kann nicht aktiv werden, solange ihm Deutschland im Rücken steht und die Verbindung mit dem unterstützenden Westen sperrt. Daher fürchtet Rußland, daß eines Tages Deutschland seine freundschaftliche Beziehung zum Osten gegen ein Geschenk im Westen verkaufen könnte, und muß Wert auf die Beibehaltung der deutschen Politik legen. Dies festzustellen ist notwendig, weil bei der Beurteilung der Zuverlässigkeit außenpolitischer Beziehungen stets der Nutzen zu prüfen ist, den sie für den Partner haben.
Ist es noch notwendig, das Interesse Deutschlands an der russischen Freundschast eingehend zu beweisen? Es scheint, als o-b die Darlegungen über die französische Politik und die
polnische Haltung als Begründung vollkommen ausreichen und als ob die Erinnerung an den Weltkrieg genüge. Wollen wir noch einmal zwischen zwei Feinde genommen werden? Mag auch heute ein Krieg gegen den Westen nicht drohend sein, was heute getan oder unterlassen wird, kann sich in Jahren auswirken. und es gibt auch unblutige Schlachtfelder genug, auf denen Deutschland zu kämpfen hat und auf denen es Unterstützung oder wenigstens Rückenfreiheit wohl gebrauchen kann. Oder soll uns eine polnische Flotte auf der Ostsee bedrohen
und von Ostpreußen abschneiden? Soll Polen bis zur Oder Vordringen? Solche Möglichkeiten gewinnen greifbare Gestalt, schalten wir Rußland aus unserer Rechnung aus. Deutschland braucht nicht besorgt zu sein, daß Rußland von den Verträgen und der Linie seiner Haltung gegen Deutschland abweicht, auch nicht, wenn es Nichtangriffspakte mit Polen »und Frankreich ab- schließt. Daß es dies tat, ist die Folge der zweifelhaft erscheinenden deutschen Politik, welche Rußland eine Sicherung auch auf anderem Weg für alle Fälle ratsam erscheinen ließ. Im Grund bedeuten sie nicht mehr als der Versuch der Garantierung eines Friedens, den Rußland für seinen begonnenen Aufbau nötig hat. Vor politischen Lebensnotwendigkeiten werden sie schnell ihren Wert verlieren.
Die Anbahnung der Verständigung zwischen Rußland und Deutschland ist durch militärische Hände gegangen. Militärische Zukunstsmäglich- feiten seien hier nicht erörtert, wohl aber soll die notwendige deutsche Haltung unter ein soldatisches Wort gestellt werden. Man erzählt, daß der Graf S ch l i e f f e n noch in seiner Todesstunde gesagt habe: Macht mir nur den rechten Flügel stark. So rufen wir der deutschen Politik zu: Haltet mir nurdenRückenfreil
Wechsel am Quai d' Orsay.
Berthelot tritt zurück. — Diplomatische Veränderungen.
Paris, I.März. (WTB. Funkspruch.) Der Generalsekretär des französischen Außenministeriums PhilippeBerthelot tritt von seinem Posten zurück und wird durch den langjährigen Kabinettschef Driands Leger erseht. Der Rücktritt Berthelots, sowie die bevorstehende Ernennung de Laboulayes zum Botschafter in Washington an Stelle von Claudel werden eine größere diplomatische Umstellung nach sich ziehen. Nachfolger Legers als Direktor für wirtschaftliche und politische Angelegenheiten am Quai d'Orsay wird der frühere Leiter der Presseabteilung, Gesandter Bargeton, werden. »Der frühere Gesandte in Dublin und Kabinettschef Herriots, Alphand, soll Botschafter in Moskau werden. Man spricht ferner von der Ablösung des Botschafters in London de Fleuriau durch den Botschafter in Brüssel C o r b i n. Auch der Gesandte in Bern d e M a r- cillh dürfte seinen Posten verlassen.
Philippe B e r t h e l o t, ein Sohn des berühmten Chemikers Marcelin Berthelot, hat die letzten 30 Jahre seines diplomatischen Wirkens ununterbrochen in der Pariser Zentrale verbracht und sich dort seit dem Kriege immer mehr zum eigentlichen und ständigen Leiter der französischen Außenpolitik entwickelt. Auf ihn sind die Grundsätze zurückzuführen, nach denen die sranzö- sifche Diplomatie seit Versailles den europäischen btatus quo durch Ausbau eines Sicher- heits- und Bündnissystems festzulegen jucht, in seiner Hand vereinigten sich alle europäi- schen und finanziellen Mittel, mit denen das offizielle Frankreich in die Weltpolitik eingreift. Sein konstruktiver und doch phantasiearmer Geist hat einer ganzen Aera den Stempel aufgedrückt: die Unterbrechungen dieser Aera, hervorgerusen durch den Gegensatz zu Poincar 6 und späterzuHerriot erscheinen dem französischen Bewußtsein als ein Abweichen von der Normallinie, die zwischen diesen beiden politischen Programmen lag: man denkt sofort an die Ruhrbesetz u n g , die während der durch ein Disziplinar- urteil erfolgten Kaltstellung Berthelots durchgeführt wurde und an die russischen Experimente Herriots 1924 und 1932. Einen Höhepunkt der Politik Berthelots bildete der Locarnopakt, eine Konstruktion, die {einer konservativen Tendenz und gleichzeitig der damaligen 23er- ständigungskonjunktur entsprach. Berthelot bekannte
sich später öffentlich.ausdrücklich zur Politik Briands, dessen Bemühungen um ein entschlossenes Zusam - mengehenmitEngland und eine Annäherung an Deutschland allein den Frieden Europas sichern könne. Berthelot, der von Herriot im Juni 1932 beurlaubt und im Oktober wieder in fein Amt eingesetzt worden war, hat offenbar m i t Den Männern des Linkskartells — Herriot, Paul-Boncour, Pierre Cot — die abwechselnd feine Vorgesetzten wurden, nicht mehr harmoniert: immerhin ist es eine der von Herriot beliebten symbolischen Gesten, wenn jetzt der langjährige Kabinettschef Briands, LLger, das Erbe Berthelots übernimmt.
Oer französische Finanz- sanierungspian angenommen.
Spaltung der Sozialisten.
Paris, 1. März. (WTB. Funkspruch.) Nach fünfmaligem Hin und Her zwischen Kammer und Senat ist der Finanzsanierungsplan Mittwoch früh vom Parlameüt endgültig verabschiedet worden. Die Kammer nahm den Plan mit 360 gegen 204 Stimmen an, ter Senat mit 200 gegen 83. Die Haushaltserleichterungen durch diesen Finanzsanierungsplan stellen sich auf rund 4,65 Milliarden Franken. Der Zuschlag zur Einkommensteuer wurde dem Wunsche des Senates entsprechend auf 10Pro- zent festgesetzt, nachdem die Kammer ursprünglich 20 Prozent verlangt hatte. In der Frage der Kürzung der Gehälter der Beamten und der Fe st besoldeten ist ein Kompromiß zustande gekommen: von der Kürzung befreit bleiben alle Gehälter bis zu 12000 Franken (zirka 2000 Mark). Die Negierung hatte für diesen Punkt sowohl in der Kammer wie im Senat die Vertrauensfrage gestellt. Der Senat hat sich mit 182 gegen 89 Stimmen für das Kompromiß ausgesprochen, die Kammer mit 334 gegen 250 Stimmen, wobei die Sozialisten sich beteiligten. Etwa 20 Mitglieder der Sozialisten stimmten gegen die Negierung. Der Vorsitzende der Fraktion, Leon Blum, hat daraufhin fein Amt als Fraktionsvorsihender niedergelegt. Man rechnet damit, daß dieser Schritt weitere Folgen nach sich ziehen wird.
Verschärfung der Bankenkrise in LIGA.
Sturm auf dieNeuhorkerBundesreservebank
N e u y o r k, 28. Febr. (WTB.) Die Bankenkrise in den Vereinigten Staaten nimmt von Tag zu Tag schärfere Formen an. Besondere Notstandsmaßnahmen sind in Columbus (Ohio), in Harris- burg (Pennfyloanien) und in Dover (Delaware) ergriffen worden. Die Anzahl der Banken, die i m ö t a a t Ohio von der Krise erfaßt worden ist, beträgt jetzt etwa 100. Gegenwärtig hat die Krisenwelle die Staaten Arkansas und Kentucky erreicht. »
Am Dienstag wurden die Geldschalterder Neuyorker Bundesreservebank ununterbrochen von Tausenden bestürmt, die Auszahlungen in Gold verlangten. Vielfach wurden über 200 Abfertigungen in zehn Minuten gezählt. Es handelte sich meistens um kleine Sparer. Riesige Mengen vo n Münzgold und Goldbar - r e n mußten sackweise herbeigefahren werden. In Washington stand eine lange Schlange von Menjchen vor dem Schatzamt an, um Noten in Gold einzuwechseln, wobei es sich meistens um größere Betröge von 1000, 10 000 und 100 000 Dollar handelte. Die amerikanischen Großbanken erließen beruhigende Erklärungen. Im übrigen sind Einzelheiten über die schwere Bankenkrise nur mit Mühe zu erlangen, weil die amerikanische Presse die Vorgänge nach Möglichkeit tot schweigt, damit die Panik nicht größer wird.
Wie sie ihn bezwang
Driginalroman von J. Schneider-Foerstl.
Urheberrechtsschutz: Verlag O. Meister, Werdau t. S.
11. Fortsetzung. Nachdruck verboten I
Als Stephanie sich umwandte, sah sie in Frau Marias forschende Augen. „Es ist soeben eine Depesche für dich eingetroffen. Sie war gn mich adressiert, sonst hätte ich sie nicht geöffnet. Die junge Frau zwang ein Lächeln des Glücks um den Mund, als sie las:,,Eintreffe Donnerstag, 19.30. Hans Jörg." „Ich werde ihm den Wagen schicken", erbot sich Frau Brentano.
- „Es wäre lieb von dir, Mama! —"
Sonst sagte Steffie nichts. Frau Maria wußte genug. Ehe sie am übernächsten Tage das Auto nach dem Westbahnhof beorderte, ließ sie bei der Tochter Nachfragen, ob sie mitkommen wolle. Stephanie bamte, sie habe noch mit ihrer Toilette zu tun.
Der l)-Zug von Salzburg bekam infolge eines Maschinendefekts über eine Stunde Verspätung. Man sah im Hause Brentano bereits zu Tisch, als der Bediente die Ankunft des Barons Merlin meldete. Frau Maria überlegte, ob sie es der Tochter sagen sollte und unterließ es bann. Auf dem ersten Treppenabsätze tarn sie dem Schwiegersohn entgegen: „Seien Sie mir herzlich willkommen, Hans Jörg."
Er neigte sich über ihre Hand und suchte dann mit den Augen an ihr vorbei.
„Stephanie weiß noch nicht, daß Sie da sind!" belehrte sie. „Sie werden sich sicher erst umkleiden un restaurieren wollen. Soll ich Stephanie verständigen?"
„Wenn es keine Störung bedeutet?"
„Durchaus nicht!"
Das herbeigeklingelte Mädchen begleitete ihn nach seinem Zimmer Merlin wusch sich und horchte zwi- fchenhinein aus jeden Schritt, der draußen Darüber- ging. Aber nie verhielt dieser. Immer war es ein anderer gewesen, der den Weg an feiner Tür vorübergenommen hatte. Er hatte den Reiseanzug mit dem Smoking vertauscht und begann nun im Zimmer hin und her zu wandern. Zuweilen trommelte er einen Marsch auf die spiegelnde Platte des Mahagonitisches. Und noch immer kam sie nicht. — Das Summen der Musik drang verschwommen zu ihm herauf. Womöglich tanzte sie, und er wartete hier.
Dann endlich.
Der Kronleuchter ließ den Silberüberwurf von Stephanies Kleid sprühend ausleuchten, und das blonde, von einem Diadem zurückgehaltene Haar zitterte noch, als sie jetzt die Tür hinter sich schloß.
„Die Mama sagte mir, daß du eben gekommen seist!"
„Vor reichlich einer halben Stunde." Er besann sich und unterdrückte seinen Aerger. Und als sie, noch
immer an der Tür stehend, feinen Schritt zu ihm herüber machte, ging er auf sie zu und sagte, nicht ohne ein gewisses Verlegensein: ,Ich glaube, du bist noch gewachsen!" Sie hielt die Lider halb geschlossen, als er jetzt seine Lippen auf die ihren drückte. Unwillkürlich fror sie und entwand sich seinen Armen.
Ihr Blick fiel auf das Silbertablett, das Frau Maria mit kaltem Geflügel, Mayonnaise, Krebsen und anderem für ihn heraufgeschickt hatte. Es stand noch völlig unberührt. „Hast du nach anderem Appetit?" frug sie, ohne ibn anzusehen.
Er verneinte: „Ich habe in Salzburg bereits zu Abend gegessen. Aber wenn du mir Frack und Stärkhemd aus dem Koffer nehmen wolltest, wäre ich dir dankbar."
„Was habe ich denn?" dachte sie, als eine Blutwelle über ihr Gesicht schoß. Ich bin doch feine Frau und empfinde, als habe ein völlig Fremder mir zu- gemutet, ihn zu bedienen. Sie klappte die Schlosser auf und legte alles zurecht, lieber die Seite des breiten Revers streichelnd, atmete sie den diskreten Jasminduft ein, der ihm entströmte. Ein blondes Haar schimmerte verräterisch auf dem einen der schwarzen Aermel. „Wann hast du den Frack das letztemal getragen?" Ihre Augen irrten beinahe stehend zu ihm hinüber.
„An unserer Hochzeit! Warum fragst du!"
„Ich dachte nur!" Sie schämte sich unsagbar und war froh, als er jetzt an den Spiegel trat, seine Krawatte fester zu ziehen. „Hast du sonst noch Wünsche, Jörg?"
Er wandte sich halb nach ihr um. „Danke, nein! Ich möchte jetzt noch eine Zigarette rauchen. Dann werde ich mich unten zeigen." Er nickte ihr zu und nahm sein Silberetui heraus.
Mnschlüssig blieb sie an der Tür stehen sah, daß eWaunte, und drückte sie leise ins Schloß. Aus der Treppe stieß sie mit der Mutter zusammen, fuhr sich rasch über die Augen und huschte an ihr vorüber. Frau Maria sah ihr nach und horchte dann nach oben. Es kam kein Ton aus dem Zimmer, in dem sie den Schwiegersohn wußte.
Sollte sie sprechen? Und zu wem? — Zu ihm! Zu ihr? Oder war es besser zu schweigen und zu warten, bis eines von ihnen selber sprach? War es bann nicht zu spät?"
Aber es war jetzt keine Zeit zu grübeln. Unten warteten die Gäste auf sie. Vielleicht kam ihr aus Steffies ober Merlins Mund boch einmal ein Wort, bas volle Klarheit brachte.
Stephanie hatte für ben Augenblick keinen Wunsch, als ben: sich zu betäuben. Ihr Blick suchte immer roieber nach ber Doppeltür, burch welche der Gatte kommen mußte. Aber erst nach einer halben Stunde tauchte dessen hohe Gestalt auf. Elisabeth war die erste, die auf ihn zugelaufen kam: „Wo steckst du denn so lange? — Ich gucke mir schon die Augen nach dir aus."
Im Nu war Merlin umringt Stephanie wurde sich erst in diesem Moment bewußt, welch berühmten
Mann sie hatte. Alles bahnte sich den Weg zu ihm. 9lur sie tanzte mit fiebrigen Wangen an ihm vorüber, als ginge er sie nichts an.
Frau Maria sah und fühlte alles und stand mit machtlosen Händen. Sie hatte das Unheil kommen sehen, aber daß es so bald hereinbrechen würde, hatte sie nicht zu denken gewagt. Nun ließ sich nichts mehr tun, als Sorge tragen, daß Stephanie nicht darüber zugrunde ging. Er würde einen Bruch ja wohl nicht so tragisch nehmen, wenn er ihn nicht-überhaupt als etwas Erwünschtes betrachtete.
Gegen Mitternacht sah Steffie sich nach ihrem Manne um und konnte ihn nicht entdecken. Sie fragte einen der Lohndiener, die auf Silberplatten Cham- Pfigner zu den Gästen trugen, ob er den Baron Merlin nicht gesehen hätte.
„Doch!" sagte ber junge Mann stehenbleibenb. „Er sitzt mit einigen Herren im roten Salon beim Pokern."
Als sie aber bort Nachschau hielt, würbe ihr ber Bescheid, daß sich Merlin bereits vor einer Stunde zurückgezogen habe. „Ohne Gute Nacht!" dachte sie verbittert, raffte die Enden ihres Seidenschals zusammen und schritt nach ihren Zimmern hinauf.
Ein leiser Schrei entfuhr ihr, als sie ihn auf der Chaiselongue des Ankleidezimmers sitzen sah. Er schien geschlafen zu haben, denn seine Augen waren verschwommen. „Ich habe gedacht, du würdest ewig nicht satt an der Tanzerei kriegen. Ist nun endlich Schluß mit dem Gehopse?"
„Noch lange nicht. Ich habe mich davongeschlichen." Dor den Spiegel tretend, nahm sie das Smaragden- biabem aus bem Haar unb legte es in ben Samtbehälter zurück. „Warum hast bu mich nicht wissen lassen, baß bu auf mich wartest?"
„Es hat sich ganz gut gesessen hier!" urteilte er versöhnlich. „Warum heizt ihr benn so überwarm? Bei mir unten ist es zum Verschmachten. Bei bir heroben ist es boch merklich kühler. Wenn bu Platz für mich hast, mochte ich gern bleiben!"
„Aber gewiß!" Ihr Gesicht war blutübergossen, als sie jetzt in das angrenzende Schlafzimmer hinüberging und die Ampel aufflammen lieh. Er folgte ihr auf dem Fuße und begann ben Frack abzulegen. Während er die Krawatte loste, sagte er so nebenbei: „Oehme läßt dich grüßen. Er ist mit mir hergefahren, um an einer Aerztezusammenkunft teilzunehmen. Er wohnt im Bristol und wird bir morgen seine Aufwartung machen."
„Warum hast bu ihn nicht mithergebracht?"
„Ich habe mich nicht dazu berechtigt gefühlt —", sagte er gleichgültig, bückte sich unb streifte die Lackschuhe ab. „Ist es bir übrigens langweilig auf Ichenhausen?" Es war bas erstemal, daß ein Lächeln um seinen Munb flog. „Hast bu Sehnsucht? —"
Sie wollte fragen nach wem, aber sie brachte cs nicht fertig, ihn zu kränken. So sagte sie nur, es wäre ungemein vergnüglich. „Zuweilen haben wir Gäste", berichtete sie, „bann wirb es oft Mitternacht, bis wieder Stille ist. Oder Vater und ich fahren nach
Jettenbach hinüber. Es kommt auch vor, daß wir ganz allein zu zweien eine Monöscheinpartte zu Pferde unternehmen. Es ist schon drei Uhr morgens gewesen, wenn wir die Pferde nach den Ställen führten." ■
Er schüttelte ben Kopf, als begriffe er nicht ganz. „Bei mir ist es weniger vergnüglich. Ich sitze über einem neuen Flugzeugtyp und kann das Rechte nicht erklügeln. Ihr konntet mich einmal besuchen. Seit einem Vierteljahr hat niemand nach mir gesehen."
„Wir wollten nicht stören." Stephanie hielt, während sie sprach, das Gesicht zur Seite gewandt. Er sollte und sollte nicht gewahr werden, wie es in ihr aussah. Als sie wieder nach ihm hinblickte, lag er bereits in den Kissen. Sie drehte die Ampel ab unb schaltete bie Nachttischlampe ein. Er war müde von ber Fahrt unb ber Anstrengung ber letzten Wochen, bie ihn fast täglich bis morgens brei Uhr am Schreibtisch festgehalten hatte. „Gib mir noch einen Kuß!" bat er unb streckte bie Arme noch ihr aus.
Ihre Lippen streiften bie feinen kaum. Er mochte ihre Abwehr fühlen und sagte lächelnd: „Hatte ich nicht recht damals, du mußt dich erst wieder daran gewöhnen, einen Mann zu haben. Morgen dann, Kind. Ich muß wirklich einmal eine Pause in ber Arbeit machen, sonst geht es nicht mehr."
Das Schlafbedürfnis überwältigte ihn. Jetzt, da er bie Augen geschlossen hielt, gewahrte sie erst, baß seine Wangen schmäler geworden waren. Schmaler und bleicher, als sie es in der Erinnerung hatte. Ihre Arme hoben sich unb legten sich behutsam um feinen Hals und so, über ihn gebeugt, küßte sie ihn noch einmal unb roieber. Einmal hatte sie heute, in kaum zu verbeißendem Schmerz, die Kusine um ihr großes Liebesglück beneidet. Nun schämte sie sich dessen und sah, die Hände verschränkt, auf ben schlafenden Gatten nieber. Sie hatte ihn heb. Unb niemanb sollte ihn ihr nehmen.
Mit sachten Händen zog sie bie Daunenbecke weiter nach seiner Brust herauf. Er würbe ben tiefsten Schlaf finben, wenn er ganz allein blieb. Das Licht aus chattend, drückte sie gleich darauf bie Türe hinter sich zu, um nach bem Zimmer hinabzugehen, bas für ihn bestimmt gewesen war, unb in welchem er es zu heiß gefunben hatte.
Bon ben Domestiken hatte an biefem Abenb nie« manb Zeit gehabt, in ben Räumen hier Drbnung zu schaffen. Es lag noch alles so, wie Hans Jorg es beim Umfleiben gelassen hatte. Sie begann Drbnung zu machen, nahm seinen Reiseanzug unb trug ihn nach bem Schrank.
Im Begriff, ihn über ben polierten Bügel zu hängen, fiel bie Brieftasche zu Boten. Er mochte oer- gessen haben, sie herauszunehmen. Sie lieh sich in bie Knie, ben Inhalt roieber hineinzustauen, wurde plötzlich bis in bie Lippen bleich unb hielt ein Frauenbilb hoch, bas eine wunderhübsche Brünette darstellte, in deren Gesicht nur ein ganz kleiner frecher Zug störte. „Lise-Lott" stand auf der Rück- I feite, sonst nichts. (Fortsetzung folgt.)


