.305 Zweites Blatt
Aieftener Anzeiger lGeneral-Anzeigrr für Vberheffen)
30./3L Dezember (939
Aeujahr.
Bon - ans Fr > edrich Llunck. Da spring ich auf die Schwelle Uno bin ein neues Licht Zumitt' der blauen Helle Von Himmel, Wind und Quelle Und nehm euch, Herrn, in Pflicht.
Bring jedem meine Gabe, Luft, Fröhlichkeit und Leid Trag diesem Kind und Habe. Send' jenen bald zu Grabe Der noch in Herrlichkeit.
Kann keiner mir entfliehen, Zwölfmal dreht sich der Mond Zwölfmal wird Glück herziehen Dem Gläubigen wird's verliehen Der Grämling wird verschont. ' Frisch auf, frisch auf, ihr Leute! Das Altjahr ging dahin.
Wen ’s reut, der mag drum flennen. Wen s freut, dem sinkt mit Brennen Licht über Herz und Sinn.
Zum Neuen Jahr.
Von Helix Ttiemtoften.
Schon feit langem besteht die Sitte, zum Jahres, wechsel Betrachtungen anzustellen, private Betrachtungen in der stillen Seele, so ober so, und öffent- ücf) gemeinte Betrachtungen in der Zeitung Es sandelt sich, und zwar besonders bei den privaten Betrachtungen in der stillen Seele, um Rückschau in das vergangene Jahr, Einsicht in die Unterbilanz itider, und den Vorsatz, im neuen Jahre klüger zu verfahren. So klug freilich ist selten jemand, zu Men, daß er auch im neuen Jahre nur die alten Mißgriffe machen wird, ganz die alten, trotz der paar kleinen Verzierungen, die er durch Alter, Ruhe Md sonstige Gaben der Natur hinzubekommt
Wohl dem, der bei der Jahresbilanz, rückwärts, liicht gar zu große moralische Schuldkonten vorfin- bet, deren Abdeckung im ganzen langen neuen Jahr kaum möglich sein wird Wohl dem, der nicht die völlige Pleite feststellen muß, wohl dem, der zu- frieden sein kann, sich vor dem Spiegel zunicken kann und sagen kann: „Es war nicht schlecht, das ilte Jahr; hoffen wir auf ein neues Jahr dito!" Wundervoll wohl muß es denen zumute sein, die fort Eilten Jahr verliebt waren, jetzt zum Jahreswechsel sich gerade verlobt haben, und im neuen Jahre das neue Leben in der Vollkommenheit an» sangen werden, woran fü£ sie kein Zweifel sein tonn.
Ihnen allen: „Zum Wohle, zum Wohlk!"
Aber prioatt Rückschau ist privat und gehört nicht En die Zeitung. In der Zeitung steht Jahr um Jahr das sozusagen Allgemeine, der Rückblick im nüchternen Umschauen auf Ereignisse und die Vorschau auf die Ereignisse, die kommen werden, kommen müßten, kommen sollten, verbunden mit dem Gelöbnis, zu ihrem glücklichen Herbeikommen alles Menschenmögliche beantragen. Ohne dieses Gelöbnis geht es nämlich nicht. Das bloße Wünschen von recht viel Glück zieht das Glück nicht herbei. Glück st ein Arbeitsergebnis, zwar nicht immer, aber doch oft, sogar meist. Es ist ein Trost, daß es so ist. ®an3 faule Bärenhäuter, die es im Schlafe ge- chenkt zu haben wünschen, werden freilich dickfellig bleiben und Glück für „Glück" halten, reine Glücks- toche, zu der man nichts tun kann außer Offenhal- tung des werten Maules. Sie mögen es offenhalten, ;umal es ihnen niemand verbieten kann. Bessere Menschen hoffen darauf nicht, sondern legen sich lieber einen Plan an und bemühen sich um die Ausführung des Planes. Ich muß es besser machen, agen sie, ich darf diese alten Fehler nicht länger mit-
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schleppen, ich muh mich umformen, ich muß für das neue Jahr auch ein neuer Mensch sein können, Glück allein ist wenig verläßlich.
Zu solchen Leuten kommt dann auch das Glück. Manchmal nur im Kleinen, kaum sichtbar für Fremde, aber ‘es ist spürbar für sie selbst, und sie freuen sich und werden ein bißchen stolz auf sich, wie jeder stolz wird, und mit Recht, der etwas geleistet hat. Es braucht keine äußerlich erkennbare Arbeitsleistung zu sein. Innere Leistung genügt vollauf. Wie also stelle ich mich besser $u Frau und Kind, wie werde ich angenehmer, wie werde ich fester und verläßlicher? Das sind Vorsätze, die sich oftmals ausführen lassen, und mit denen wir nirgends besser anfangen können als im neuen Jahr. Man hat immer das Gefühl, irgendwann einmal müßte Generalabrechnung gehalten werden, irgendwann einmal müßten die Leute uns unsere alten Fehler verzeihen können und uns einen neuen Anfang mit etwas Vertrauen im Vorschuß bewilligen.
In dieser freudigen Hoffnung, etwas aerührt und elber etwas stärker gutwillig und wohlwollend, so tohen wir an auf das neue Jahr, den neuen Berück und rufen: „Es lebe das Neue Jahr!" Das Jayr kann allerdings nicht leben, nur wir selber (eben, und darum prosten wir natürlich stets uns selbst zu, nicht dem Jahr.
Einem Kriegsjahre zuzuprosten, ist freilich eine starke Leistung, aber wir wissen schon, was wir
(PK.-Harren-Scherl-M.)
meinen. Nicht dem Kriegsjahre als Kriegsjahr prüften wir zu, sondern dem Frieden dem wir in diesem Kriegsjahr zu begegnen hoffen, Frieden, der eine große Reinigung bringen soll, so daß danach das unzerbrechbare wirkliche Leben in lange hinhaltender Gesundheit aufgetjen kann.
In solcher Zeit wollen wir uns nicht „viel Glück" wünschen. Viel Haltung wollen wir uns wünschen, seelische Stärke und auch Wandlungsfähigkeit, denn das neue Jahr wird unerhört Neues bringen, und das Neue haben wir zu bewältigen, damit es nicht uns überwältigt! Biele sehen mit Staunen und Begeisterung nur den gegenwärtigen Krieg und halten den Krach der Bomben für das große Geräusch der Zeit, aber wer weise ist und lange gelebt hat und den vorigen Krieg erlebt, erlitten, durchstanden und beschaut hat, der weiß, daß bas Große nicht in dem lauten Geräusch des Krieges liegt, sondern in den Linien, Flächen und Gestaltungen des Friedens, der nach dem Kriege kommt. Dann ist das wirklich Große erstanden. Im Kriege wird es nur geschaffen.
Viel Glück, wünschen die einen. Diel Stärke, viel seelische Schmiegsamkeit, Biegsamkeit und Haltbarkeit wünschen die Weiseren. Das Leben geht weiter, und Kriege verrollen wie die Gewitter. Wir leben lange, und es fehlt uns für dieses lange Leben immer nur das eine: Eignung!
Die wollen wir uns wünschen.
Wenn Augen versagen Magnus-Brillen tragen!
Deutsche Wehr zu Kamps und Sieg.
Von Oberstleutnant z. V. Matchoet.
Am Silvesterabend dieses für Großbeutschlands Ausstieg und Erhaltung so bedeutsamen Jahres 1939 sind es auf den Tag vier Monate, daß der vom Führer immer gewollte Frieden dem Neider jenseits des Kanals nicht mehr diejenigen Mittel bot, die seine Vorherrschaft über Europa und seine Pläne zur Vernichtung Deutschlands hätten fördern können. Deshalb allein mußte Deutschland zu den Waffen greifen unb Waffenlärm, Tod und Vernich-- tung erfüllen seitdem den europäischen Schauplatz des Krieges, welcher in Art und Umfang vorläufig ganz anders als der Weltkrieg, doch zuleßt der gleichen Auseinandersetzung bient: ber endgültigen, von anderen seit einem Jahrtausend nicht geduldeten Formung des deutschen Volkes, der endgültigen Sicherung des deutschen Staates und der endgültigen Schaffung feines Lebensraumes. Die Voraussetzung dafür ist unb bleibt seit zwei Menschenaltern ber — um sich ber englischen Sprechweise zu bedienen — k. o.-Sieg über England.
Es kann daher nur ein einziges Ziel für unser Volk geben: den Willen zum Siege mit un- nachsichtlicher Strenge zu Härten, und den Sieg s e l b st vollendet zu erringen. Denn nur ein geringes Abweichen der inneren und militärischen Front von dieser Zielsetzung könnte in dem letzten und größten Entscheidungskampf unseres SO-Tti(Honen- Volkes von unübersehbaren Folgen sein. Der Wille des Führers aber, sein Vertrauen aus Wehrmacht und Volk und diese selbst In ihren kraftvollen Anspannungen sind die letzten Sicherheiten dafür, daß der Sieg unser werden wird.
Schon der Feldzug im polnischen Raum, die erste gewaltige Feuerprobe ber beutschen Wehrmacht seit 20 Ähren, hat gezeigt, was eine gesammelte Kraft in 18 Tagen erreichen kann, wenn sie es will, wenn Führung und Truppe auf dem gleich hohen Stanb einer vorzüglichen Ausbildung und Erziehung stehen unb wenn die leidenschaftliche Hingabe jeden einzelnen Mannes an die Sache in der harten männlichen Tat ihren sieghaften Ausdruck findet. Das Ergebnis jener nun schon solange zurückliegenden Septemberwochen war nicht nur Me Vernichtung b^s polnischen Heeres unb Staates, nicht nur bie Gewinnung der wirtschaftlich wichtigen Gebiete, nidyt^ur die Sicherung der Ostgrenze und des gesamten Ostraumes, worin das nächstliegende Ziel jenes Blitzkrieges lag, sondern das Ergebnis spannt sich noch viel weiter. Auf den Tag vier Wochen nach dem siegreichen Abschluß in Polen, am 19. Oktober, konnte das OKW. bekanntgeben, daß auch im Westen reiner Tisch gemacht war Der Westwall, vom Führer bereits im Mai 1938 ersonnen und befohlen, hatte seine volle Schuldigkeit getan. Die lahmen Versuche der Franzosen, im Vorfeld Raum zu gewinnen, waren gelcheitert, und mit schweren Verlusten war der Westgegner aus deutschem Boden herausgeschlagen worden.
Auch der Westwall und mit ihm die dort eingesetzten deutschen Truppen hatten so ihre Feuerprobe glänzend bestanden. Frankreich aber hatte sich aus ber Reihe ber wirklich krieg führenden d. h. den Krieg als militärisches Mittel zur Erzwingung eines gesicherten politischen Friedens benützenden Staaten vorläufig selbst ausgeschaltet. Denn daß die Masse ber französischen Armee bem Westwall lauernd und unsicher gegenüber liegt, ohne zu wagen, dos uneinnehmbare Bollwerk ber deutschen Westgrenze
des Fußbodens fiel. .
m, dort ist die Treppe. Du brauchst ferne
te„»r^aben |a feine Eile", Jaflte Dolf licht sind mir wirklich ein wenig zu hastig ge ^Di? Dunkelheit stand um sie, f*n>"r3 «eteertes Brett. Der Lichtschein der kleinen Taschen umpe reichte grabe soweit, daß man d 'Stufen zu erkennen vermochte. $ati),
„Hör doch - was war bas eben? raffte xauj
r-in erschreckt unb blieb von neuem stehen , „Es ist die Turmuhr. Sie geht nun mal ewa- Iruter und gewichtiger als die an d tanb", scherzte Dolf.
Oie Zungvermählten.
Von Wilhelm Gcharrelmann.
Es war am letzten Abend des Jahres. Das Wet- ler war schon am Nachmittag umgeschlagen, unb legen Mitternacht wölbte sich nun ein wolkenloser Sternenhimmel über ber kleinen Stadt, so feier- lich und schön, als hätte sich die Nacht in der letzten Stunde des Jahres und wie zur Feier seines Ab- Ickieds noch einmal mit bem ganzen Glanz ihrer Icyimrnernden Juwelen geschmückt.
Im Turm der alten Stadtkirche war es so finster
Die in einem Grabgewölbe.
„Warte noch einen Augenblick!" sagte Rudolf leise pi seiner jungen Frau und riegelte die Turmtur M>n innen wieder zu. „Ich mache gleich Licht.
Kathreiu hatte keine Angst, Dols war ja bei ihr. Aber sie atmete doch auf, als der Lichtkegel ferner Heinen Taschenlampe vor ihr auf die steinernen Niesen des Fußbodens fiel.
Komm, dort ist die Treppe. Du brauchst feine Borge zu haben. Halt dich nur immer an dem franbläufer fest. Die Stufen sind ein wenig hoch, las ist richtig"... _ f,
Gewiß, es war eine ausgefallene Idee, auch -Dolf lätte es nicht bestritten Ab^r die Erinnerung an He Stunden, die er in feiner Knabenzeit früher auf lern Turm der Stadtkirche feiner Vaterstadt zuge- ! rächt hatte, war so stark in ihm gewesen, datz er fch nichts Schöneres für Kachrein hatte ausbenfen lonnen, als sie auf ihrer Hochzeitsreise heute hier °S"S7, .«« M» x-1.«»'"
wahren bie Turmuhr zu betreuen ^atte, zuletzt doch rod) hatte überreden können, ihm den Turmschlussei iu überlassen. Mühe genug hatte es gekostet. Aber juletzt hatte er doch nachgegeben. Ohne Kathrems Sitten hätte er es wohl nicht getan ... Kathrein var überhaupt ein Wunder. .
Tapfer stieg sie hinter ihm drein, aber auf ber wer len Treppe blieb sie dach plötzlich f*ef’en'9?“® IHIug ihr wie rasend. „Warte einen Augenblick,
Kathrein hatte Dolf die Freude an der nächtlichen Besteigung des Turmes, von der er feit langem geredet hatte, nicht verderben wollen. Ihre Hochzeit zu feiern, wie es sonst üblich war, hatten sie nicht erschwingen können. Dafür hatten sie nun bie Fahrt in Dolfs Vaterstadt gemacht, unb ber Höhepunkt der kleinen Reise sollte bie Silvesterstunde und die Besteigung des Turmes sein. Dols war ja immer der gleiche, verrückte liebe Kerl, und wenn sie nun beide nach den langen Jahren des Wartens vereinigt waren, arm wie die Kirchenmäuse, aber reich an Lebensmut unb Hoffnungs- freube alle beide, so hätte sie nicht um alles in Der Welt zu seinem Vorhaben Nein sagen können, hatte er sich doch diese Stunde als eine unvergeßliche für sie beide gedacht.
„Nur immer tief Atem holen beim Steigen, Kathrein!"
Hart und wie mit Schläuen eines Hammers aus einen gesprungenen Amboß scholl Urnen jetzt das Tack — tack! aus dem Gangwerk der Turmuhr entgegen.
„Soweit wären wir schon!" sagte Dolf, als er Kathrein an der Hand in die kleine Turmstube trat, in die die Uhr eingebaut mar, eine Arbeit noch aus bem Anfang bes 17. Jahrhunderts, gewaltig in ihren Maßen, ein unübersichtliches Gewirr von eisernen Zahnrädern, Kurbeln unb Achsen.
Nein, so groß und gewichtig hatte Kathrein sich das Werk einer solchen Uhr doch nicht vorgestellt.
Ruhig und in gleichem Zeitmaß kippte die Wage über den Zähnen des Stergrades hin unb her, geheimnisvoll und wie von einer unsichtbaren Hand b^ber Dolf hielt es nicht lange. Die Hauptsache fam ja noch erst unb es war nur noch eine Treppe bahin zu überwinden ... Oben stieß er endlich den Riegel von einer hölzernen Pforte, die den Zugang zu einer äußeren Galerie bes Turmes versperrte, trat mit gebücktem Kopf hinaus unb zog Kathrein ^Äathrein rooüte bas Herz stocken, als sie, plötz- sjch vor die schwindelnde Tiefe gestellt, auf die Stabt hinunterblirfte. Widerstrebend drückte sich ihr junger Körper an die falten Quadern des Mauer- “^jlein, sieh nicht hinunter! Blick nach oben, Kach- rein, nur nach oben!" sagte Dolf leise
Funkelnd schimmerten bie ewigen Heerscharen Der Sterne über ihnen. Ä
Da brühen* Siehst bu den großen Bären! Komm hier herum! Es sind ja nur drei Schotte . Nein, keine Sorge, die Galerie tragt uns schon , lächelte Dolf Da den Orion meine ich, unb da links von ihm der'Sirius, und da oben das Siebengestirn. Sieh doch nur, wie das alles blitzt und funkelt. Ich I meine, von den Straßen da unten sieht man bas
alles nicht so, unb in ber Großstadt sieht man meistens überhaupt nichts von ihnen. Und dann muß man schon ganz allein mit ihnen sein, mit ben Sternen meine ich. Wenn man dann steht unb lange zu ihnen hinaufschaut, ist es, als schwebte man zwischen Himmel unb Erde ..
Lautlos, wie eine dahinfchießende Freudenrakete, zog eine Sternschnuppe durch die nächtige Himmels- kuppel.
„Wünsch dir etwas, wenn du wieder eine siehst!" lächelte Dolf.
„Nein, laß uns schweigen!" sagte Kachrein.
Hand in Hand standen sie da, die jungen Körper an bie steinernen Quadern gepreßt.
„Dies war es, was ich mir für dich gewünscht hatte."
Kathrein antwortete nicht und drückte nur dankbar seine Hand.
Wütend hupte ein Auto unter ihnen, rollte über ben Kirchplatz unb verschwand wieder in bem Gewirr der Gassen.
Sie sahen es nicht, sie hörten es kaum.
„Was denkst du, Liebstes?" fragte Dolf leise in Kathreins Schweigen hinein.
„Daß es Gottes Sterne sind", sagte Kathrein.
„Die große Uhr ber Welt, ja. Nach ihr erfüllt sich alles zu einer Zett, unb darum wollen auch wir alles werden lassen, wie es für uns kommen soll, nicht wahr?"
„Ja", sagte Kachrein. „Alles."
Der Taschenkalender.
Von Walter Hoikick
Den Mann ziert in ber rechten ober linken inneren Brusttasche ein Notizkalender. Er würbe chm um Neujahr von feinem Stamm-Kaffeehausbesitzer, feinem Stamm-Weinhausbesitzer, seiner Devisen- unb Wechselbank ober von sonst jemand ber sich ihm bankbar ober aufmerksam erweisen wollte, überreicht. Er ist in feinster ff. Leberausstattung gefertigt. In so einen Kalender kann man leben Tag etwas hineinschreiben, man kann aber auch bann lesen von ben wichtigsten Dingen, bie man schnell bei ber Hanb haben will. Da wird sich z. B öfter bas Bedürfnis einstellen zu wissen, wie viele Einwohner Sydney hat. Ein Blick in ben Notizkalender löst biefe brennenbe Frage, ünb man erfährt, daß in Sydney 1 238 000 Einwohner wohnen, wohingegen in Saloniki nur 240 000 Salonikesen zustän- big sind Unb man benkt sich, baß sich Saloniki sehr anstrengen muß, um Sydney in ber Einwohnerzahl zu überflügeln Fast täglich kommt man wohl in bie Loge, sich bie Frage vorzulegen, wie hoch eigentlich der Aconcagua in den Kordilleren von Chile
ist. Nur ein Blick in unseren Notizkalender überzeugt uns, daß er 6970 Meter ben Meeresspiegel überragt. Man benfe! Alle Achtung, wer hätte das gedacht! Ober aber, Sie haben sich einen Fleck auf ben Schlips gemacht, unb nun erfahren Sie an Hand Ihres Notizbüchleins, baß, falls es sich um saures Bier hanbelt, am besten verbünnter Salmiakgeist anzuwenben sei, dem eine leichte Spülung mit Zinnchlorilösung zu folgen habe. Gelt, da sind Sie erstaunt, wie weit man auf bem Gebiete ber Fleckenreinigung fortgeschritten ist? Ich will Ihnen noch schnell verraten, daß kleine Wolkenfetzen unter grauem Himmel auf Landregen deuten, wie ich mich gelegentlich eines Blickes in mein Taschenbuch überzeugen kann. Natürlich enthält unser Merkbüchlein aucy bie internationalen Verkehrszeichen, so baß ber Automobilist vom Blatt sicher unb ungefährlich für seine Nebenmenschen fahren kann. Zum Schluß teilt uns bas Büchlein noch mit, baß bas Schießpulver erst im Jahre 1313 erfunben würbe, unb man blickt bebauernb auf bie Menschen zurück, bie sich so lange Zeit ausschließlich der Hieb- unb Stichwaffe be« bienen mußten.
Solches unb Aehnliches steht schon vorgedruckt im Notizbuch, ehe man selbst etwas hineingeschrieben hat.
Später kommen bann handschriftlich viele Telefonnummern mit unb ohne Namen, beren Bedeutung meist dunkel bleibt, auch für ben Besitzer bes Notizbuches. Im empfehle, gelegentlich alle biefe Nummern ber Reihe nach anzurufen. Man wirb Wun- ber erleben, vielleicht ergeben sich neue Bekanntschaften.
Hauptsächlich soll ber Notizkalenber aber dazu bienen, an jebem Tage hineinzuschreiben, was man Wichtiges vorhat, z. B.: Tante Emmas Geburtstag nicht vergessen, Telefvnrechnung bezahlen, Hunde- ausftellung besuchen, bie silberne Hochzeit von Onkel ! Felix, neues Futter für den Sommermantel, die i Ahnen von Gustav Freytag mal wieder lesen, Erna wünscht sich grüngefütterte Hanbtasche, Hotel Gol- bener Hirsch in Weißenburg sehr empfehlenswert, ben Kinberchen von Direktor Meier kleine Aufmerksamkeit erweisen — na, unb was man sonst noch für Sorgen im Augenblick hat.
Zu Beginn bes Jahres schreibt man viel ein, da man bas neue Buch doch benutzen will, später fällt einem nichts mehr ein. 3m übrigen ist es vollkommen gleichgültig, was man einschreibt: benn man heft’s sowieso nicht mehr. Meine Notizbücher sind eine schöne Sammlung aller berjenigen Dinn^, Die ich im Laufe Jahre nicht erle^ntt 'gäbe. Man könnte ein neues Leben vorauf aufbauen unb mürbe ein orbentlirfjer und gebildeter Mensch mit nützlichen Beziehungen.


