Kinderwagen bei den v- und Eilzügen ausgeschlossen und nur bei Personenzügen zulässig ist, mit Ausnahme derjenigen, die im Fahrplan mit den Buchstaben „o. G." („ohne Gepäck- und Fahrradbeförderung") oder „b. G." („mit beschränkter Gepäck- und Fahrradbeförderung") gekennzeichnet sind
Um auch in D= und Eilzügen die Bequemlichkeit der mit kleinen Kindern reisenden Mütter zu steigern, ist in diesen Zügen in einem Wagen der dritten Wagenklasse möglichst in der Nähe des Dienstabteils und Gepäckwagens ein Nichtraucherabteil freizuhalten, damit die Mutter mit dem Kind bei Aufgabe des Kinderwagens am Gepäckwagen möglichst schnell das Sonderabteil erreichen kann. Die gleiche Regelung gilt für andere weibliche Personen, die an Stelle der Mutter mit einem kleinen Kinde reisen. Das Sonderabteil wird durch deutliche Anschrift „Vorzugsweise für Mütter mit kleinen Kindern" kenntlich gemacht. Andere Reisende werden in diese Abteile nur zu- gelassen, wenn Mütter mit kleinen Kindern das Abteil nicht beanspruchen.
Gießener wochenmarktprelse.
* Gießen, 29. Juni. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Markenbutter, Yi kg 1,60 Mark, Matte 25 bis 50 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, deutsche Eier, Güteklasse I A 12^, B 12, Wirsing, Vi kg 15 bis 20, Weißkraut 15 dis 20, gelbe Rüben
12 bis 15, rote Rüden, das Bündel 10, Spinat 16, Römischkohl 15 dis 20, Bohnen, grün, 25 bis 30, Spargel 43 bis 48, Erbsen 25 bis 30, Tomaten, 35 bis 40 und 70, Zwiebeln, 15 bis 16, das Bündel 10 bis 15, Rhabarber, kg 14 bis 15, Pilze 50, Kartoffeln, neue, Vi kg 13 bis 14 Pf„ alte, Yi kg 5 Pf., 5 kg 45 Pf., 50 kg 3,40 bis 4 Mark, Pfirsiche, Vt kg 45 Pf., Himbeeren 40 dis 45, Kirschen 35 bis 50, Stachelbeeren 15 bis 28, Johannisbeeren 35, Erdbeeren IA 49 bis 60, A 42 bis 50, B 35 bis 44, C 30 Pf., alte Hähne 90 Pf. bis 1 Mark, Blumenkohl, das Stück 10 bis 60 Pf., Salat 5 bis 8, Salatgurken 20 bis 50, Oberkohlrabi 5 dis 10, Rettich 5 bis 15, Radieschen, das Bündel 8 bis 15 Pf.
** Mutmaßlich an den Folgen eines Unfalles gestorben. Dor einiger Zeit — wir berichteten darüber — stürzte der Dachdecker Albert Bie rau, Löberstraße 10, bei seiner Arbeit an einem Hause aus dem vierten Stockwerk ab. Damals kam er sichtlich ohne ernstere Verletzungen davon, denn er konnte nach zehn Tagen wieder aus der Klinik entlassen werden. Nunmehr verstarb plötzlich der bereits etwa 60 Jahre alte Mann an einem Gehirnschlag. Da er in letzter Zeit [ öfter unter Kopfschmerzen litt, liegt die Vermutung I nahe, daß es sich bei Dem plötzlichen Tod um eine I Folge des damaligen Unfalles handelte.
Volksschule Gießen-Klein-Lmden acht Tage am Rhein.
Am vergangenen Montag gingen etwa 40 Km- Der der Volksschule des Vororts Gießen-Klein- Linden mit zwei Lehrern und einer Lehrerin auf frohe Fahrt an den deutschen Rhein. In Bindfaden regnete es, und der Himittel zeigte sich grau in grau. Unter diesem Zeichen wurde die Eisenbahnfahrt durch das herriilye Lahntal angetreten.
Bootsfahrt auf Rhein und Mosel.
Schon in Koblenz änderte sich das Wetter, so daß es möglich war, in einem Rund gang die Schönheiten des herrlichen Fleckens deutscher Erde aufnehmen zu können. Eine Bootsfahrt auf Rhein und Mosel war für alle Kinder ein noch nie gekanntes Erlebnis. In froher Cisenbahnfahrt, gemeinsam mit einer Jugendgruppe aus Hamburg, fuhr man gegen Abend in Kamp, dem Standquartier der nächsten Tage ein.
Gastfreundliche Aufnahme.
In der bärtigen Jugendherberge, unmittelbar am Ufer des Rheins gelegen, warteten ein freundlicher Herbergsvater und eine gastfreundliche Herbergsmutter mit einem kräftigen Nachtessen auf. Eine Gruppe Engländer und Engländerinnen waren ebenfalls Gäste der Herberge, und bald fand ein reger Gedankenaustausch zwischen Ausländern und deutschen Kindern statt. Noch zweimal sollten sich die Wege beider Gruppen kreuzen. Früher als daheim und doch froh darüber, daß man am vorläufigen Endziel an gelangt war, ging man schlafen.
Erlebnisreicher Tagesablauf.
„Aufftchen und Antreten zum Frühsport!" so lautet nun jeden Morgen der erste Gruß, und wenige Minuten später ist alles in Turnkleidern zum Lauf, zur Körperschulung und zur Fahnenhissung im Hof der Herberge angetreten. Ein Lied, der Wochenspruch — und die Morgenfeier ist be- endet. Dann werden in Gemeinschaft die Betten gebaut, Stuben gefegt und Flure gesäubert. Emer hilft dem andern, jeder ist bereit, die Verantwortung mit zu übernehmen, daß alles in Ordnung ist, daß die Herberge so aussehen soll, wie sie am Ankunftstage angetroffen wurde. Eines der Hauptziele des Schullandheimaufenthaltes im nämlich die E r - ziehung zur Gemeinschaft, die erreicht werden soll und auch erreicht werden kann.
Gutes Essen...
Das Essen ist gut und auch sehr reichlich, und kaum können die aufgetragenen Mengen selbst von den „Sportessern" bewältigt werden. Die Herbergsmutter kann auf dem Gebiet der Speiseversorgung so leicht nicht „in Verlegenheit" gebracht werden.
Jeder Tag bringt neue Eindrücke. Es werden kleinere und arößere Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung gemacht, dabei Land und Leute kennengelernt und der Weinbauer bei seiner Arbeit besucht. Den Höhepunkt des Schüllandheimaufent- haltes bildet ein Tagesausflug mit dem Schiff nach Rüdesheim und dem Niederwalddenkmal durch die Felsenstrecke des Rheins. Der Ausflug wurde am Mittwoch durchgeführt. Die Kinder sahen die weltbekannten Wein- orte mit den Zeugen der Vergangenheit deutscher Geschichte, den sagenumwobenen Burgruinen, und waren des Staunens und der Bewunderung voll über das Geschaute.
... und körperliche Ertüchtigung.
Der körperlichen Ertüchtigung dient neben der morgendlichen Gymnastik ein fast tägliches Bad in dem erst vor zwei Wochen ein gemeinten wunderbaren Schwimmbad der Gemeinde Kamp, das selbst bei kühlerer Witterung besucht werden kann, da das Wasser für das Bad vorgewärmt wird.
Nur zu rasch verfliegen die schönen Stunden und Tage, denn jeder Tag bringt etwas Neues. Die Kinder kommen aus dem Staunen kaum heraus, zumal sich auch die rheinische Landschaft infolge des herrlichen sommerlichen Wetters nur von der besten Seite zeigt. Wenn der Abend kommt, wird das Erlebte und Erschaute kurz zusammengefaßt und in ein Büchlein eingetragen, und dankerfüllt begibt sich alles zur Ruhe.
Wie schön, daß wir mitfahren durften!
Gar manches Kind spricht auch offen seinen Eltern, die ihm die schöne Fahrt ermöglicht haben, den Dank aus, der sich äußert in Worten: „Was bin ich so froh, daß mich mein Vater und meine Mutter haben mitfahren lassen!" Die Kinder haben ein schönes Stück unseres herrlichen Vaterlandes kennen und lieben gelernt, haben aber auch gelernt, sich einzufügen in die Gemeinschaft, ohne die ja eine Fahrt unmöglich ist.
Kuliurschöpferisches deutsches Handwerk.
($in Lichtbilder-Dortragsabend.
Die Deutsche Arbeitsfront und die Kreishandwerkerfchaft hatten für den gestrigen Mittwochabend zu einem Lichtbildervor- tragsabenb in das „Hotel Hindenburg" eingeladen, der allen Zuhörerinnen und Zuhörern reichen Gewinn brachte. Kreisfachgruppenwalter Stein hieß die zahlreichen Teilnehmer herzlich willkommen und begrüßte insbesondere die Rednerin des AbeNds, Frau Christoph.
Die Rednerin, die ihren Vortrag unter das Thema „Nordische Ueberlieferung und neue deutsche H e im g e sta l tu n g" stellte, führte die Zuhörer weit zurück in die Geschichte unseres Volkes und unserer Rasse und ließ die Grundzüge erkennen, aus der die Haltung unserer Art erwuchs und als Erbe noch in uns lebt. Sie schilderte dann die Gegenwart als eine Zeit der Lebensverinner- lichung, in der man sich wieder lebhaft der Art und des Wesens unferer Vorfahren entsinne und neue Beziehung gewinne zu den Sinngebungen unseres Lebens, wie sie vom germanischen Wesen her verstanden sein wollen. Sm Geiste dieser Lebensver- innertichung gewinne, so führte die Rednerin weiter aus, die Familie, als kleinste Zelle im Staate, eine neue Wertung und die Wohnung der Familie werde wieder so gestaltet, wie es der unserer geistigen Haltung entspreche. Die Wohnung müsse auch wieder mehr als bisher das Spiegelbild unserer gei- ftigen Haltung werden. Der Hausrat solle Träger und äußerer Ausdruck unserer Gesinnung sein.
Der Weg dazu gehe über das Handwerk! Das Handwerk sei berufen zur Mitarbeit an der Schaffung einer gesunden Volkskultur. Das fetzte allerdings voraus, daß auch der Handwerker Haltung beweise und sein Werk wahrhaftig sei. Ein Werk edlen Gehaltes sei nur möglich aus der entsprechenden Geisteshaltung heraus. Dabei müsse sich jedermann darüber klar sein, daß es auf die Neu- schöpsung guten Hausrats ankomme, nicht etwa auf eine Nachahmung der Vorbilder. Am Al
ten solle lediglich der Blick geschult werden. Es solle wieder der Schönheitswert aus dem harmonischen Maßstäblichen heraus entwickelt werden. Es sei not» wendig, daß der Sinn für den Schmuck und der Sinn für die Verwendung des Sinnbildes wieder geweckt werde. Alles Schematische sei hier abxu« lehnen. Die Jugend erfahre gegenwärtig schon die! Revolution des Herzens, sie erfahre, wie es möglich fei, das Heim unserer neuen Lebensart entsprechend zu gestalten. Die Jugend sehe in der Einrichtung ihrer HJ.-Heime, wie ein Heim im Geiste unserer Zeit und in der Ehrfurcht vor der angestammten Art unserer Vorfahren gestaltet werden könne. Sicherlich werde diese Jugend darauf bringen, später solcherart zu wohnen und damit der deutschen Dolkskultur den Weg bereiten helfen. Unsere neue Wohnkultur solle bestimmt sein vom Urkult der Ahnen her.
In ihren weiteren Darlegungen und an Hand zahlreicher herrlicher Lichtbilder vermittelte die Rednerin einen starken Eindruck von gutem alten Hausrat, der — schon Jahrhunderte und Jahrtausende alt — uns heute noch Beispiel der Zweckmäßigkeit, wie auch im Hinblick auf feine Schönheit sein kann. In Gegenüberstellungen ließ die Rednerin erkennen, in welcher Form und in welcher Richtung sich handwerkliches Kulturschaffen in der Gegenwart bewegen kann, wie es möglich sei, dem Hausrat eine persönliche Note zu geben, zu beseeltem Hausrat zu gelangen und wie gerade die Umgebung zu Hause so gestaltet werden könne, daß sis ein gesundes Gegengewicht gegen die Technisierung darstelle, der sich unser Alltag kaum entziehen kann und auch nicht entziehen solle.
Der Dorttag wurde mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Kreisfachgruppenwatter Stein dankte im Namen der Versammlung der Vortragenden und empfahl den Handwerkern und Handwerkerinnen, sich ihrer kulturellen Sendung stets bewußt zu fern und entsprechend zu handeln.
Bann 116 rüstet zur Hessen-Nassau-Fahrt.
Fahrlgruppenführerbesprechungen.
Am 5. Juli 1939 findet für den Kreis Friedberg in der ehemaligen Dienststelle in B a d° Nauheim die Fahrtgruppenführerbesprechung statt. Es haben daran u. a. teilzunehmen: Stamms., Jungstammf., Geft., Flf., Fahrtabteilungsführer und Fahrtgruppenführer. Beginn: 20.15 Uhr.
Am 6. Juli 1939 findet die gleiche Besprechung für den Kreis Gießen in dem Heim der Ma- rine-HJ. in Gießen, Roonsttaße, statt. Die Teilnehmer sind dieselben wie für den Kreis Friedberg. Beginn: 20 Uhr.
Teilnehmerappelle des Bannes.
Die Teilnehmerapvelle der Fahrtgruppen des Bannes werden durch nachstehend mrfgefuhrte Füh- rer am 1. und 2. Juli durchgeführt.
Stamm I: Oberstaf. Dr. Schneider, Gießen; Stamm II: Stas. Nickel, Gießen; Stamm III: Ober- scharf. Klein, Lich; Stamm IV: Oberstaf. Dr. Schneider. Gießen; Stamm V: Gefs. Krechberger, Gießen; Stamm VI: Geft. Weisel, Gambach; Stamm VII: Geft. Wieland, Friedberg; Stamm VIII: Geft. Köhler, Rodheim v.d. H; <5tanrm IX: Geft. Köhler, Rodheim v.d.H.
Teilnehmerappelle des Jungbannes.
Termine für die Fahrtteilnehmerappelle durch den Jungbannführer:
Samstag, 1.Juli: 14.30 Uhr Fähnlein 19 in Wieseck; 15.15 Uhr Fhl. 23 in Staufenberg; 16 Uhr Fhl. 22 in Allendorf a.d.Lda.; 16.45 Uhr Fhl. 24 in Geilshausen; 17.30 Uhr Fhl. 21 in Grimberg; 18.15 Uhr Fhl. 16 in Reiskirchen; 19 Uhr Fhl. 18 in Großen-Buseck.
Montag, 3.Juli: 16 Uhr Fhl. 8 in Watzenborn-Steinberg; 16.45 Uhr Fhl. 10 in Holzheim; 17.30 Uhr Fhl. 9 in Großen-Linden; 18.15 Uhr Fhl. 7 m Klein-Linden; 19 Uhr Fhl. 6 in Heuchelheim.
Dienstag, 4. IM: 16 Uhr Fhl. 26 in Butz« bad); 16.45 Uhr Fhl. 29 in Ni oder-Weisel; 17.30 Uhr Fhl. 28 in Rockenberg; 18.15 Uhr Fhl. 27 in Münzenberg; 19 Uhr Fhl. 37 in Wölfersheim.
Rundfunkprogramm
Freitag, 30.3utü:
5 Uhr: Frühmusik. 5.50: Bauer, merk auf! 6t Morgenspruch — Nachrichten. Gymnastik. 6.30t Frühkonzert. Es spielt das Mllsikkorps des Flak» Regts. 11. In der Pause, 7: Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 8.25: Mutter turnt und spielt mit berrt Kind: „Zwergenfest". 8.40: Froher Klang zur Werk pause. Es spielt das Hermann-Hagesteot-Orchester. 9.30: Nur Koblenz-Trier: Nachrichten. 10: Schulfunk. Was Reisende nicht wissen. 10.30: Ein Volk hinter Motoren. Eine Sendung ntit Berichten über die Motorisierung Deutschlands. 11.40: Ruf ins Land. 12: Mrttggskonzeri. Es spielt das kleine Orchester des Reichssenders Saarbrücken. 13: Nachrichten. 13.15: Mittagskonzert. 14: Nachrichten. 14.10: Das gibt's halt nur in Wien! (Industrie- Schallplatten). 16: Zwei Stunden im Rhythmus der Freude. Einlage 17 bis 17.10: „Pilze und Schwämme", Plauderei von Friedrich Schnack. 18: Zwischen Enkel und Ahn. 18.15: Sport der Woche und für den Sonntag. 18.30: In froher Runde — dreiviertel Stunde. 19.15: Tagesspiegel. 19.30: Der
GROSSGARAGE
■Qltei Werten
Roman von Harald Baumgarten
Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin W 35
2. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Vallendar atmete tief. Gott sei Dank, daß heute Margtt kam! Da würden die dummen Gedanken vergehen. Sie würden über den neuen Film reden. Wie war denn das nur? Da sollte noch Verschiedenes besprochen werden. Die Gedanken gehorchten ihm nicht; sie freisten um das Erlebnis Ecke Kurfürstendamm und Joachimsthaler Straße ... „Vorsicht, Doktor! Der Wagen hätte sie beinah überfahren!"
Der Arzt schrak zusammen. Er lächette in sich hinein. „Ja, danke!" antwortete er zeiftreut. Man merkte, er horchte in den Tunnel hinab.
Vallendar schwieg wieder.
Jetzt schoß ein Wagen aus der Ausfahrt hoch. Der Fahrer winkte durchs offene Fenster. „Tag, Herr Vallendar!"
„Tag, Herr Neumann!" Richtig: Neumann, der seine abendliche Rundfahrt durch Berlin machte, die Zigarre im Munde und mit einem unternehmungslustigen Gesicht.
Jetzt bog der Wagen, den die Wäscher „Gemüse- Fraft7' getauft hatten, um die Ecke. Es wurde still. Und dann hörte man leichte Schritte.
Römer ging an Vallendar vorbei auf den Tunnel )u.
Und gleich darauf tauchte Charly auf. Sie trug ein knappsitzendes Kostüm und an den kleinen, schmalen Füßen Schlangenschuhe mit flachen Absätzen; ihre hauchdünnen Strümpfe zeigten die Schönheit ihrer Beine.
„Charly!" Römer streckte ihr beide Hände entgegen. „Ich war schon in Sorge um Sie. Sie fernen so spät!" Ihre Augen suchten die feinigen. Dann schüttelte sie den Kopf, und die Locken flogen um ihr Gesicht. Es mar nicht mehr blaß, aber hinter ihren Augen stand etwas Fremdes, Erschrecktes. Sie schloß die Lippen so fest, als wolle sie sich selbst am Reden hindern.
„Darf ich vorstellen? Herr Vallendar — Fräulein Charly Sandner."
Sie nickte leicht. Ein Zucken lief um ihre Mundwinkel. Kein Zweifel: Sie erinnerte sich an ihre Begegnung. Aber ihr Gesichtsausdruck war abweisend.
Vallendar konnte die Frage nicht zurückhalten: „Was war es denn, Fräulein, daß Sie an der
Ecke Joachimsthaler //Kurfürstendamm so außer Fassung brachte? Ich vielleicht?" Er lachte übermütig. „Das ist mir noch nie widerfahren, daß sich ein junges Mädchen über meinen Anblick so ent- etzt!"
Ihre Augenbrauen hoben sich. „Beruhigen Sie ich nur!. Ich habe Sie kaum bemerkt. Ihretwegen vürde ich bestimmt nicht erschrecken..Sie wandte ich an Römer: „Doktor — wollen Sie mich nach Hause bringen? Ich habe--ich möchte--
ich muß Ihnen unbedingt was erzählen!" Sie vermied es, Vallendar anzusehen.
Sie schenkt mir fein Vertrauen! dachte der und bedauerte sich selbst.
„Gern, Charly! Ich kann dabei nochmals nach Frau Preetz sehen."
„O, es geht ihr ausgezeichnet. Sie glauben gar nicht wie sie sich auf das Kind freut!" — „Ja, das tut sie. Preetz ist doch fortgefahren. Er macht sich so viel Hoffnungen wegen des Telegramms."
Vallendar fühlte sich ausgeschlossen. Die beiden sprachen von Dingen, die er nicht kannte. Es bestand eine Gemeinsamkeit zwischen ihnen die die Nähe eines Dritten nicht zuließ. Obwohl er doch in ein Geheimnis hineingesehen hatte — deutlicher vielleicht als Römer selbst... „Aus Wiedersehen, gnädiges Fräulein!" Er streckte die Hand aus.
Sie mußte ihn ansehen. Er fühlte den fünften Druck ihrer Hand und war entzückt. Sie hatte eine schmale Hand. In dem leichten Druck war etwas, das ihm wohltat. Diese Hand erschien ihm so zuverlässig, so schutzsuchend und so eigenwillig zugleich.
,Zch würde mich freuen, Sie wiederzusehen!" Der Satz hatte sich nicht unterdrücken lassen.
Goldbraune Augen hatte sie. Ganz goldbraune Augen. Und ihre Wimpern waren wie ein feines Netz. „Auf Wiedersehen, Herr Vallendar!" erwiderte sie nun, und es kam ihm vor, als klänge ihre Stimme kühl.
Ach, was für ein verrückter Abend! Dieses Heim- kommen und Sichglücklichfühlen ... Nein, jetzt fühlte er sich gar nicht mehr so glücklich. Jetzt nicht mehr. Warum nur?
Nun nahm sie Römers Arm, und sie gingen fort.
Römer hatte Vallendar herzlich die' Hand gedrückt. „Wir sehen uns nun doch endlich einmal, wie?" Und der Schauspieler versprach es gedankenlos.
Die beiden gingen in den Nebel hinein.
Irgend etwas steckte dahinter! grübelte Vallendar. Jetzt wird sie es Römer erzählen! Und er wunderte sich. Sonst war es doch nie geschehen, daß er neben der Tafel des Lebens geftanben hatte ...
•
Huckemann hatte den Wagen beiseite geschoben, der so ungeschickt die Tür zu Vallendars Box versperrt hatte. Wenn jetzt nur keiner kam, um zu tanken! Da drüben stand die „Verleih" Hilde Webers, und Hilde war dabei, die Bücher neu einzupacken; sie hatte schon ein paarmal gewinkt.
Wie ein Wiesel lief er noch hinten, „'n Abend, Hilde!"
Sie nickte heftig, „'n Abend, Fritz! Willst du helfen?"
„Werde keine Zeit haben ..." Vorsichtig spähte er nach allen Seiten. Gar so hell war es nicht in dem langen unterirdischen Gang, in dem all die Wagen wohnten. Plötzlich umfaßte er das Mädchen und drückte ihr einen heißen Kuß auf die kirschroten Lippen, die keiner Schminke bedurften. „Du!" sagte er leise. „Du!" ,
Sie rührte sich nicht. Sie schloß die Augen. „Das sollst du nicht!" rügte sie, als er sie endlich losließ, und sie versuchte, böse auszusehen.
Verschmitzt lachie er ihr ins Gesicht. Ach, wie sollte Hilde es nur machen, um böse auszusehen? Sie konnte versuchen, den Muftd nach unten zu ziehen, daß die Ahnung zweier kleiner Falten von der Stupsnase zu dem Kirschenmund lief, sie konnte mrt den schwarzen Augen blitzen — es blieb doch immer das fröhliche, schalkhafte Gesichtchen seiner Hilde.
Aber er wollte ihr den Gefallen tun, als fürchte er ihren Zorn, obwohl er sie am liebsten wieder ganz fest in seine Arme hätte schließen mögen. Er beugte sich vornüber und griff nach ein paar Bü- chern, die sie vor sich zu einem hohen Stapel aufgeh äust hatte. „Ich helfe dir rasch, Hilde. Wie geht es Vater?"
Sie hatte schon wieder vergessen, daß sie böstun wollte. „Ach, der dumme Rheumatismus! Ist doch immer so im Herbst. Da kann er die Leihbücherei in der Stadt machen. Ich fahre schon für ihn." Sie schob ein paar Bücher auf die Bretter des Wagens, der eigens für diesen Zweck gebaut war.
Fritz seufzte wehleidig. „Daß du immer wegsah- rren mußt, Hilde! Weiß du, daß die Garage neu verpachtet wirb? Wenn ich das machen könnte —!"
In ihrem frischen Gesichtchen spielten alle Lichter der Wünsche und Hoffnungen. „Ist denn das so schlimm? Pachten?"
„Na ja, man muß doch die Miete im voraus bezahlen — und dann alles übernehmen: die Mietwagen und die Einrichtungen. Nee, Hilde, da kann ich gar nicht dran denken?"
Betrübt senkte sie den Kopf. „Vater will es vorläufig nicht. Er sagt, das wäre keine Ehe, wenn ich in der Leihbücherei arbeite und du hier in der Garage. Er meint, ein Mann müsse feine Frau ernähren."
„Könnte ich ja, Hilde. Es würbe ja langen. Aber, siehst du, die Einrichtung! Man will doch nett wohnen und sich mal was gönnen, Kino und mal Theater und vielleicht sonntags mal mit dem Garage- wagen hinaus." Er starrte vor sich hin. Man mußte eben warten. Er sah es ein. Hilde sollte in ein nettes Heim hinein — in ein freundliches, schönes Heim. „Und wenn dann die Kinder kommen?" fügte er sachte hinzu.
„Na, das märe das wenigste — die kriegen wir schon durch!" verkündete sie energisch.
„Vielleicht hab' ich auch mal solch Dusel wie der Preetz. Was? Privatchauffeur bei dem ollen Amerikaner — da wird ’ne Stange Gold abfallen!"
„Och, wer weiß? So — jetzt ist auf gepackt! Mor< gen um sechs fahre ich los. Nach Börnicke. Und bann bis Mecklenburg. Glaubst gar nicht, wie sich die Menschen freuen, wenn ich mit der Bücherkarre angebraust komme." Sie klappte die Tür zu. Ihre Augen lockten. „Sonntag, wie? Wannsee, Fritz?"
„Woraus du Häuser bauen kannst, Hllde. Da werden wir aber ’nen Wirbel aufs Parkett legen. .♦ Du — ich könnte dich auffreffen vor lauter Liebe!*
Sie wehrte sich, als er sie wieder an sich ziehett wollte. „Rede nicht Bruch, Junge! Sei bescheiden! Horst du: Da will einer getankt sein ... Wiedersehen, Fritz!" Lachend lief sie ihm davon.
Gott, was für ein Mädel! Fritz seufzte wieder tief. Es war ja nicht einfach. Aber recht hatte sie, wenn sie so standhaft blieb. Bloß eben — leicht war es nicht. Wahrhaftig!
Er schob die fahreiÄe Leihbücherei ein wenig nach rückwärts. Dahinten konnte noch ein Wagen stehen« Sollte der Wagen 'rein, den Preetz im Auftrag des Amerikaners gemietet hatte.
Nun aber rasch nach oben! Sonst kriegte er von Mühsam eine Zigarre verpaßt, an der er die ganze Nacht rauchen konnte ... Er lief durch den Tunnel«
Eine Hupe heulte auf ... Donnerwetter — das war ja Preetz! Preetz mit dem Amerikaner! Gleich würde er einfahren. Mußte ein komischer Onkel fein, der Amerikaner, daß er verlangt hatte, Preetz mün® ihn in Hamburg abholen. Es gab doch den „Flie* genben Hamburger" — der schaffte es doch schnellet als ein Mietwagen!
Jetzt kam Preetz die Einfahrt herunter und fuht an ihm vorbei. Der Chauffeur mußte den Fuß auf der Bremse haben, denn die Stopplichter des Wagens leuchteten auf. Richtig, der Wagen hiett! Preetz' Kopf erschien aus dem Fenster. „Warum ist meine Box $u?'z
„Sollst in die Sammelgarage, hat Mühsam befohlen. Der Wagen kann genau so gut dort stehen. Fährst ihn ja so wie so immer selber 'raus/ Fritz trabte heran. Er späte in das Wageninnere. „Wo haste denn deinen Amerikaner? Hat er sich dünne- jemacht?"
,^>ab in gleich ins Palasthotel jefähren ... Wo soll ick denn nur hier ’rein. Ick muß mir sputen. Js Fräulein Sandner schon da?"
„Dagewesen und fort. Wat willst du denn von ihr?"
Den Gang herunter schlenderte Vallendar.^ Er hatte Preetz vorbeifahren sehen. Hatte nicht Romer erzählt, das Fräulein wohne bei Preetz? Sonder' bar: Er konnte den Gedanken an das Mädchen nicht loswerden. Verrückt, aber nicht zu ändern. Also stillte man seine Neugierde, ,/r. Abend Preetz?
„’n Abend, Herr Vallendar! Na — wat machen die Pyramiden?"
(Fortsetzung folgt.).


