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Ur. 149 Zweites Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Donnerstag. 29. Juni 1939

Aus der Stadl Gießen.

Mitten im Gommer.

Sommer, das Wort ist voller Akkord. Es schwingt rote eine Glocke, es summt wie eine dicke, gold­brüstige Hummel.

Mittags, wenn ich nach Hause gehe, komme ich durch ein Stückchen Anlage, da sitzen zwei Mädchen auf einer Bank, sie haben weiße Arbeitskittel an und stecken die schlanken Beine in die Sonne. Die Mädchen nutzen ihre Mittagspause auf die schönste Weise der Welt. Sie blinzeln in die Sonne Manch­mal erzählen sie sich Geschichten. Manchmal hakten sie mich für der Gnade wert, angelächelt zu werden.

Ich sah einem Amselmännchen zu. Es flatterte von einem Eisengitter in eine Wasserpfütze, badete wie ein ungezogener Familienvater, der alles Was­ser verspritzt, warf den Kopf herum, als wollte er die Gefährtin rufen, flog dann schwirrend davon schnurgrad in eine Wiese hinein, auf der sich vieltausend weiße Margueriten drängten.

Sommer das ist auch Schlaf am hellen Tag, hinter herabgelassenen Läden, wenn über die Decke die Schatten der vorbeifahrenden Wagen tanzen und du schließlich auf dem kühlen Leinen einschläfst, tief und gut.

Die weißen, flimmernden Plätze in der Nähe der Kirche, völlig verwaist in der Mitta-gsglut und nur da und dort von einem blauen Baumschatten ge­segnet: auch das ist der Sommer. Und das ewige Rauschen der Brunnen.

Die Erinnerung an die roten Sprengwagen un­serer Knabentcige, wenn wir mit hochgeschürzten Hosen und barfuß dem Wagen nachrannten, lachend, vergnügt, verferkelt vom hochaufspritzenden Stra­ßenstaub, der rasch zu Dreck wurde ... aber sehr -glücklich. Spürst du nicht heute noch das heiße Plaster? Und den Geruch des Teers, der in riesigen rostigen Kesseln sott? r. k.

Musterung und Aushebung 1939.

Die Polizeidirektion Gießen gibt in einer umfangreichen Bekanntmachung zur Kenntnis, daß die Dienstpflichtigen verschiedener Jahrgänge, die in der Stadt Gießen, einschließlich der Vororte Klein-Linden und Wieseck, wohnen oder sich vor­übergehend hier aufhalten, zur Musterung und Aus­hebung zu erscheinen haben. Die Bekanntmachung enthält alle Einzelheiten, die für die Musterung und Aushebung zu wissen wichtig sind. Den Dienstpflich­

tigen sei das Studium dieser Bekanntmachung ein­dringlich empfohlen, da eine Einzelladung zur Mu­ter ung und Aushebung nicht erfolgt.

Professor Dr. Küster 65 Jahre alt.

Der ordentliche Professor der Botanik und Direk­tor des Botanischen Instituts unserer Universität, Professor Dr. Ernst K ü ft e r, konnte gestern seinen 65. Geburtstag feiern. Professor Dr. Küster, der ausgezeichnete Lehrer und unermüdliche Forscher wurde 1874 in Breslau geboren, studierte in Leip­zig, promovierte 1896 in München und habilitierte sich im Jahre 1900 bei Klebs in Halle, der ihn zu Experimentaluntersuchungen auf dem Gebiete der Mikroorganismen und der Zellenlehre anregte. Nach seiner Tätigkeit an den Botanischen Instituten in Kiel und in Bonn kam er 1920 als Direktor des Botanischen Instituts unserer Universität nach Gie­ßen. Professor Dr. Küster entfaltete im Laufe seines arbeitsreichen Lebens eine ungemein umfang­reiche Tätigkeit und trat mit ungewöhnlich zahl­reichen und glänzend geschriebenen wissenschaftlichen Arbeiten hervor. Der bedeutende Wissenschaftler hat es von jeher verstanden, sein botanisches Wis­sensgebiet von hoher Warte aus an seine Hörer heranzubringen, lieber seine fachwissenschaftliche Ar­beit hinaus ist dem Jubilar eine erstaunliche Viel­seitigkeit zu eigen, die cs verhindert hat, daß er je in den Ruf eines einseitigen Fachgelehrten ge­raten konnte. Er verfügt über ein umfassendes Wis­sen in der Archäologie, in den alten Sprachen, in der Kunst und in der Literatur. Professor Dr. Kü­ster besitzt eine umfangreiche Gemäldesammlung, eine Autographensammlung aus der Zeit um Goethe und eine Iean-Paul-Sammlung. Ein freundschaft­liches Verhältnis besteht zwischen ihm und seinen Schülern, von denen er aber als gewissenhafter Leh­rer viel verlangt, denen er aber auch ein mensch­licher Berater ist. Im Hinblick auf den Botanischen Garten ist es Professor Dr. Küster stets aelungen, trotz mancher Sparmaßnahme das Bestehende zu sichern, zu pflegen und auszubauen. Aus Anlaß seines 65. Geburtstages sind dem bekannten Lehrer und Forscher viele Glückwünsche zugegangen.

Vornotizen.

Tageskalender für Donnerstag.

Gloria-Palast (Seltersweg):Wer war der Täter?" (nach dem TheaterstückParkstraße 13"). Lichtspielhaus (Bahnhofstraße):Peter spielt mit dem Feuer".

Zweiter Stall für das EHW. im Rohbau fertig.

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Der Bau des zweiten Stalles für das Ernäh­rungshilfswerk hat gute Fortschritte gemacht. Das Gebäude, das in Zu­kunft eine stattliche An­zahl Schweine beherber­gen wird, ist unmittel­bar neben dem ersten Schweinestall entstanden, und bereits unter Dach. Gegenwärtig sind die Ausbauarbeiten im In­neren im Gange. Unser bild zeigt die beiden Ställe von der Gleiber- ger Straße aus gesehen.

(Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)

Gießener HZ.-Heim im Ban begriffen.

Die Arbeiten für die Erstellung des Heimes der Gießener Hitler- Jugend wurden energisch in Angriff genommen. Ausschachtungs- und erste Bauarbeiten find in vol­lem Gange. Unser Bild zeigt bereits die Grund­mauern des stattlichen Hauses, das auf bevor­zugtem Platz hoch über der Stadt am Wartweg entsteht und nach feiner Fertigstellung der Gieße­ner Hitler-Jugend ein Heim fein wird, wie sie es sich schöner kaum wünschen kann.

(Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)

3179,96 NM. für den VDA.

Das Sammelergebnis in Gießen.

Innerhalb unserer Stadt wurden bei der Samm­lung, die am Samstag und Sonntag für die Sache des VDA. durchgeführt wurde, insgesamt 3179,96 Reichsmark aufgebracht. Die Opferfreudigkeit der Bevölkerung unserer Stadt rourbeebamit erneut be­wiesen.

Omnibus-Verkehr

im Südviertel gut beansprucht.

Wie wir auf Anfrage hören, hat sich bie neue Omnibuslinie, die vorn Lubwigsplatz aus bas Süd- viertel in regelmäßigem Verkehr erschließt, über jegliche Erwartung hinaus günstig einge- fuhrt. Die Linie brachte von Anfang an so viele Einnahmen, baß bie Lohnkosten für bie Fahrer ohne weiteres gebeckt werben konnten. Wenn bie Linie auch weiterhin so wie bisher benützt wirb unb sich ber Verkehr womöglich noch steigert, bann wirb ber Fortbestand dieser Verkehrslinie gesichert sein. Es liegt im Interesse der Bewohner des Süd­viertels, wenn sie sich durch rege Inanspruchnahme der Omnibuslinie diese verkehrstechnische Annehm­lichkeit erhalten.

Bon Frankfurt a. M. nach SerSfeld über die NeichSautobahn.

Am l.Juli eröffnet die Deutsche Reichsbahn eine neue Kraftvmnibuslinie Frankfurt a. M.Hersfeld; gleichzeitig werden die Linien Frankfurt a. M. Bad-Nauheim und Frankfurt a. M.Gießen ein­gestellt. Bei der neuen Linie find Unterwegs­halte in Bad Homburg, Friedberg, Bad-Nauheim, Niedermörlen, Gießen und Alsfeld vorgesehen. Die Haltestelle Friedberg wird erst nach Fertig­stellung des Zubringers zur Reichsautobahn ein­gerichtet. Am 26. Juni werden auch die im Oktober vorigen Jahres eingestellten Reichsbahn-Kraftomni­buslinien GöttingenKassel und KasselHersfcld wieder in Betrieb genommen.

Technische Neuerung im Botanischen Garten.

In umfangreicher und nicht leichter Montage­arbeit wurde in den vergangenen Wochen durch die Beauftragten einer Spezialfirma in Hannover das Gewächshaus 1 (das ausschließlich tropische Pflan­

zen birgt) mit einer technischen Neuerung versehen, die sich im Interesse der Erhaltung der Pflanzen-- bestände als notwendig erwies. Es handelt sich um die Montage großer S ch a 11 e n d e ck e n ", die am First des Glashauses befestigt find und auf eine einfache Weife auf schmalen Schienen über die breiten Glasdachflächen herabgerollt werden können. Die Schattendecken bestehen aus vielen schmalen Holzstäben, die mit einem wetterfesten aluminiumartigen Anstrich versehen sind. Die Dek- ken haben den Zweck, die tropischen Pflanzen vor Verbrennungen durch die Sonne zu schützen. Es erscheint zunächst eigenartig, daß tropische Pflanzen von der Sonneneinstrahlung der gemäßigten Zone geschützt werden müssen, die Notwendigkeit erklärt sich aber daraus, daß die Pflanzen in ihrer Ur­heimat meist einem stetigen Windstrom ausgesetzt sind, während sie in den Gewächshäusern unseres Botanischen Gartens bewegungslos den Strahlen der Sommersonne ausgesetzt sind und dabei Schaden leiden können, der durch die neuen Schattendecken verhindert werden kann.

Wiedersehensfeier

aller Tannenberg-Kämpfer.

Berlin, 27. Juni. (DNB.) Am Sonntag, dem 27. August 1939, findet am Reichsehrenmal ein Staatsakt aus Anlaß der 25. Wiederkehr des Tages der Schlacht bei Tannenberg statt. Dieser Staatsakt, an dem führende Männer von Staat, Partei und Wehrmacht teilnehmen, wird von über 100000 Teilnehmern besucht wer­den. Vornehmlich werden jedoch die ehemali­gen Mitkämpfer der Schlacht bei Tannenberg dieser großen Kundgebung beiwohnen. Mit der Er­fassung der Teilnehmer der Schlacht bei Tannenberg und der Interessenten aus dem Reiche ist der N S.-» ReichskriegerbundKyffhäujer" beauf­tragt. Alle Wünsche zur Teilnahme an diesem Staatsakt, der zugleich zu einer großen Wieder­sehensfeier aller Tannenberg-Kämpfer werden soll, sind sofort zu richten an alle Dienststellen des NS.-ReichskriegerbundesKyffhäuser".

Mutter und Kind auf der Eisenbahn.

Sondermahnahmen der Reichsbahn.

LPD. Die Reichsbahn macht darauf aufmerk­sam, daß Kinderwagen mit einer Breite von mehr als 65 Zentimeter nicht in die Traglastenwagen der Personenzüge mitgenommen werden können und daß die Mitnahme nichtzusammenklappbarer

Kampf um Kirsch-Kuchen.

Eine Konzentration der Ernährung bedeutet Ver­dichtung unseres Lebensglücks. Warum würde die Hausfrau sich sonst die Mühe machen und am Samstagnachmittag köstliche Kuchen backen?? Wir wollen eben mit Zunge und Magen erleben, wie schön es auf der Welt ist, wir wollen uns daran verschlucken und es mit Milch und Kaffee begießen, daß es fhufert!

Wenn daher unverkennbare, süße Düfte durch die Wohnung ziehen, so werden wir Männer un­ruhig, wir heben schnuppernd die Nase, und schließ­lich treibt cs uns dvrchin, wo mir jetzt nicht gern gesehen werden. Man weiß ja, man macht sich un­beliebt, aber was hilft das alles, wenn es so be­täubend eßbar riecht! Triebfeder ist der Magen, und der Magnet heißt Küche: Denn hier gibt es heute etwas Gutes!

Und nun brauchen Sie sich nur den Ort der Handluna vorzustellen ein Kochraum, dann eine junge Frau mit weißer Schürze und hochgekrem­pelten Aermeln und auf Tisch und Anrichte das Zubehör des Kuchenbackens.

Zunächst bemerkt man nur die Geschäftigkeit be­sagter Frau. Nach einer Weile aber klinkt es vor­sichtig an der Tür, jemand streckt spähend den Kopf herein, man vernimmt ein langgezogenesAahhhh! Hmmmmm! Fein!" Dann öffnet sich die Tür ganz und zwei Männer treten ein.

In Haltung und Mienen spiegel^ sich Unsicherheit wie ausgeprägte Begehrlichkeit. Der eine Mann dürfte etwa dreißig, der andere drei bis vier Jahre alt sein. Beide halten die Hände auf dem Rücken verschränkt und nähern sich dem Küchentisch, wobei sie sich bemühen, einen gänzlich harmlosen Eindruck zu machen.

Dermaler spricht:Das wird aber mal wieder ein Kuchen, den uns Mutti da macht! Sicher ein Koniskuchen kuck mal, 'ne ganze Schüssel voll Rosinen!" . ,

Der Sohn erwidert:Pappa, dibb mir n paar!"

Der 23 at e r:Keine schlechte Idee. Muß mal selbst eine Kostprobe machen. Was sagst du, Mutti? Wir sollen keine essen? Warum denn? Sind doch genug ba. So viele brauchen aar nicht in den Ku­chen. Bestimmt, etwas verstehe ich ja nun auch davon. Die sind doch ziemlich billig im Einkauf. Da hast du'n paar, Fritzchen. Wirklich ein preiswertes, aber hochwertiges Volksnahrungsmittel. Wie meinst du? Ach was, ich hör' ja schon auf."

Der Sohn:Dibb mich noch'n paar!"

Der Vater:Wieso denn, Mutti, nur noch diese hier. Da, Fritzchen. Wir wollen nur jeder fünf,

oder sagen wir fünfzehn, oder nicht doch!!! Jetztl hat sie uns die Schüssel weggenommen!"

Der Sohn:Muddi alle Rosinen weddenom- men!"

Der Vater:Sie meint das nicht böse. Weißt du, Mutti will nicht, daß wir uns den Appetit mit Rosinen verderben, wo doch noch so 'ne ganze Menge Mandeln dastehn. Sogar fertig geschält. Da wollen wir gleich mal eine versuchen."

Der Sohn:Ich auch versuchen!"

Der Vater:Halt! Um Gottes willen, Maili! Nimm mir nicht auch noch die Mandeln weg! Du hast gar kein Herz. Wie bitte? Aber warum sollen wir rausgehn? Wir stören doch nicht im geringsten. Sage mal, im Vertrauen: Was hast du alles in den Teig getan, den du da rührst? Doch, das geht mich wohl etwas an. Maili, gestehe es mir ein, ich frage dich auf Ehre und Gewissen schmeckt der Teig süß? Dann brauchst du dir näm­lich die viele Arbeit mit dem Rühren nicht zu machen. Du kannst uns beiden unfern Anteil gleich herausgeben. Tue es auf Teller. Wir wollen unfern Teig mit dem Löffel essen--"

Der Sohn:Au ja, Pappa!"

Hier endet die erste Szene unseres so lehrreichen Schauspiels ganz unvermittelt. Die beiden Männer, die doch mit den besten Absichten gekommen waren, fliegen nämlich hochkantig aus der Küche. Sehr ver­wundert und betrübt ziehen sie sich ins Eßzimmer zurück. Hier überlegen sie einerseits, was sie denn falsch gemacht haben konnten, daß man ihnen mit so wenig Wohlwollen begegnet, und andererseits, wie gut es ist, daß sie eine Mutti haben, die so herrliche Kuchen bäckt. .

Lob und Preis gebührt den Frauen, die nach unjerm Magen schauen und aus heißen Ofenrohren Schätze zaubern zum Verzehren! Wohlbeleibt, das bist du dann, wenn die Gattin backen kann!!

Sei es Kuchen oder Torte, futtre dankbar jede Sorte, fürchte dich vor keiner Stauung: Essen fordert die Verdauung!

Aber in der Küche ^nuß inzwischen die Kirsch­torte lange aus dem Ofen fein, ja, wahrscheinlich bräunt auch der Königskuchen schon seiner Voll­endung entgegen! Wenn man nur hinein könnte! Doch in dieser Not kommt den beiden Männern die rettende Idee: Wir sagen, wir wollen ihr helfen und den Abendttsch decken? Da kann sie uns nicht wegschicken! Sie nähern sich also wieder dem ver­botenen Paradies, öffnen scheu die Küchentür und finden, daß es jetzt noch viel aufregender riecht als I vorhin.

Der Vater erklärt:Nicht rauswerfen, bitte erst anhören! Wir find in gänzlich uneigennütziger Absicht gekommen. Wir wollen dich entlasten, Maili, und den Abendtisch decken."

Der Sohn:Wir beide woll'nn Tisch decken!"

Der Vater:Siehst du, das erlaubt sie uns. Wollen wir gleich mal die Teller rausholen. Uebri- gens, Maili, wo hast du eigenttich den Kirschkuchen hingestellt? Der muß doch längst aus dem Ofen sein. Wo wir dir jetzt die ganze Arbeit abnehmen, konntest du ruhig so anständig sein und uns maln Happen zu kosten geben.

Ueberhaupt, wenn du mir das rechtzeitig gesagt hättest! Kirschen ich nämlich furchtbar gerne roh. Wie bitte? Wir gehn ja schon rüber. Ich kann doch nicht hexen. Ich muß doch die Teller erst aus dem Schrank nehmen. Warum hast du eigentlich den Schlüssel von der Speisekammer abgezogen? Ist sie da etwa drin? Ich finde das direkt beleidigend, daß du alles vor mir abschließt. Als ob ich an die Kirschtorte ginge. Da habe ich doch auch meinen Stolz. Außerdem machte meine Mutter immer noch Streuseln zwischen die Kirschen."

Nach diesen Worten begeben sich die Männer nebst Teller ins Eßzimmer. Bei ihrer Rückkehr werden sie schier geblendet vom Anblick des frischen Königskuchens.

Der S o hn:Muddi, ich hab'n ganz dollen Hunger! Danz doll!!"

Der Vater:Maili um ein ernstes Wort zu sprechen: Ich bin jetzt fünf Jahre mit dir ver­heiratet. Ich war ein vorbildlicher Gatte, ich habe dir einen Sohn geboren und habe dich immer ge­liebt. Ja, ich will dir noch mehr sagen: Ich habe nie eine andere Frau als dich geliebt! Gib mir jetzt ein Stück Kuchen! Was sagst du? Der fällt zu­sammen, wenn man ihn anschneidet? Ach was! Der wird schon nicht fallen. Nein, der bekommt mir sogar prima. Ich kriege von frischem Kuchen be­stimmt keine Leibschmerzen. Und wenn, dann macht das auch nichts. Den Kuchen kann ich gleich essen, die Magenschmerzen kriege ich doch erst später!"

Und zum Schluß, welch Hochgenuß, gibt'snen Schokoladenguß!

Der Sohn:Jetzt wird die Schokolade ge­rührt. Ich hab fon dollen Hunger."

Der Vater:Nein, Maili, es muß etwas ge­schehen. Warum ich das Messer immerzu wetze? Mein Gott, ich soll doch den Tisch decken. Da muß ich doch ein Messer aus dem Kasten nehmen. Maili, mich bedrückt eine schwere Sorge, und ich will sie dir anvertrauen: Es ist Sommer, es ist heiß ich fürchte, der Kuchen hält sich nicht bis morgen. Ja, wer weiß der kann schon, ehe cs dunkel wird, ! verdorben sein. Bestimmt, du. Ich habe mal einen

Kuchen gesehen, der fing schon nach einer knappen Stunde an, schimmlig zu werden, weil ihn die Leute nicht gegessen haben. Das Messer ist jetzt scharst Höre mich an: Ehe er nutzlos verdirbt, will ich deni Kuchen lieber auf der Stelle notschlachten!"

Hier erfolgt der zweite, noch heftigere Hinaus­wurf aus der Küche. Verdutzt stehen die beiden Männer im Korridor.Muddi böse!" bemerkt der Sohn nachdenklich. Ader sie bekommen doch noch zwei Stück Kirschkuchen durch einen Türspalt hinaus» gereicht. Dann gehen sie einträchtig aus dem Haus, um zur Versöhnung Einkäufe zu'machen. Sie er­stehen für teures Geld und für sich selbst einen Liter Bier und eine Stange Lakritze. Ferner für Mutti: Einen Blumenstrauß, zwei Pfund Mehst zwei Pfund Erdbeeren, ein Pfund Zucker, ein hals bes Pfund Margarine sowie eine interessante Bro» schüre mit dem TitelAllerlei neue Rezepte für Obstkuchen" ... Hans Joachim Müller.

Die diebische Elster.

Daß die Elster ihren schlechten Nus nicht ohne Grund hat, mußte, wie aus Budapest berichtet wird, ein reicher ungarischer Herr erfahren, der in einem alten Schloß in der Provinz lebt. Schon seit länge­rer Zeit bemerkte er mit wachsender Sorge, wie Juwelen von hohem Wert, die zu seiner bedeuten­den Sammlung gehörten, auf geheimnisvolle Weiss verschwanden. Die Dienerschaft war nicht zu ver­dächtigen, da ihre Treue in jahrzehntelangem ^Dienst erprobt war. Ein Fremder war nicht in das Schloß gekommen, und die Schlösser trugen auch keinerlei Anzeichen, daß jemand sich gewaltsam Zutritt ver­schafft hätte. Als alle Nachforschungen vergeblich waren, wandte sich der reiche Herr an die Polizei in Budapest, und diese sandte ihm zwei ihrer ge­schicktesten Detektive. Als diese angetommen waren und sich umgesehen hatten, dauerte es kaum zwei Stunden, bis sie den Schuldigen entdeckt und ver­haftet hatten, dann steckten sie ihn in einen Bauer, obwohl er sich das durchaus nicht gefallen lassen wollte und furchtbar schrie. Damit war bie Sache aufaetlärt. Der Schloßbesitzer hatte mit Liebe und Sorgfalt eine Elster aufgezogen und ihr auch beigebracht, wie ein Papagei zu sprechen, aber trotz aller Erziehung verleugnete der Vogel seine wahre Natur nicht und fand einen Weg, sich in den Besitz der in den Glaskästen so sorgsam gehüteten Juwelen zu setzen, indem er die Augenblicke auszunutzen wußte, in denen die Diener die Reinigung vornahq men. Dann hatte die Elster die gestohlenen Gegen-, stände hinter der Badewanne eines Gastzimmers versteckt. Die diebische Elster muß für ihre unoer« besserliche Natur jetzt hinter den Stäben eines Vo, gelkäsiges büßen. B,