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Nr. 23 viertes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)

28./29.Zanuar 1939

Aus der Stadt Gießen.

Auch ein Rekordflieger.

Daß Gesetzesübertretungen stattfinden, täglich, stündlich, in der ganzen Welt, ist natürlich höchst bedauerlich, aber leider niemals völlig abzustellen. Die Gesetze sind von Menschen gemacht und kön­nen daher auch, von Menschen übertreten werden. Anders die Naturgesetze. Sie sind bekanntlich ehern.

Auch ich hatte das bisher fest geglaubt. Bis rneiy Glaube vor einigen Tagen erschüttert wurde, schwer erschüttert, und zwar durch nichts Leichteres und Zarteres als einen Schmetterling. Ich saß harmlos und friedlich lesend beim Schein der Lampe, als plötzlich ein Schatten auf mein Buch fiel, ein zitternder, hin und her irrender Schatten, als dessen Ursache ich unter dem Lampenschirm eben jenen Schmetterling entdeckte. Er mußte durch das offenstehende Fenster hereingekommen fein, angezogen vom Licht.

Im Sommer ist das ja ein höchst alltägliches, vielmehr allabendliches Vorkommnis. Aber jetzt? Im Januar? Schmetterlinge überwintern doch nicht. Oder sollte ich mich irren? In der Schule gerade beim diesbezüglichen naturkundlichen Unterricht gefehlt haben?

Wie ben^ auch sei: nach Ueberwintern sah mein befremdlicher Besucher keinesfalls aus, der sich in­zwischen auf meinem Buch niedergelassen hatte und sich so in Muße betrachten ließ Er gehörte anscheinend zur Familie derEulen", gedrungene Figur, bräunlich getönte kurze Flügel. Aber alles noch zart und klein, als ob er vor kurzem erst ausgekrochen wäre. Doch ehe ich im Nachschlage­werk seine Identität feststellen konnte, hatte er sich schon wieder auf die Flügel gemacht und kurz ent­schlossen den Weg durchs Fenster ins Freie ge­nommen. Wofür war er schließlich Nachtschmetter­ling.

Ich schob das Buch beiseite und vertiefte mich in ein naturkundliches Werk. Und las soviel heraus, daß i ch mich nicht geirrt hatte, vielmehr der Schmetterling. Da er zweifellos nicht zu den wenigen Ueberwinterern gehörte, hatte er höch­stens Puppe zu sein und vor Juni überhaupt kein Recht, auszuschlüpfen. Nach den Naturgesetzen.

Was war nun davon zu halten?Die Natur macht keine Sprünge" ist ein Fundamentalsatz, der schon auf Aristoteles zurückgeht, und den Linns und Goethe bestätigten. Er mußte also stim­men. Doch wie, wenn dieses gänzlich unvorschrifts­mäßige, ungesetzliche Erscheinen des Schmetter­lings als Seitensprung zu werten war? lieber Seitensprünge haben weder Aristoteles noch seine Bestätiger etwas ausgesagt.

Und ich atmete auf. Ich chatte also doch nicht in der Schule gefehlt, und der Schmetterling nicht geradezu gegen die Naturgesetze verstoßen, sondern fk nur umgangen, in leicht verzeihlichem Irrtum. Denn was weiß so ein Tier von Kalendermonaten? Ihm war warm geworden, und da verspürte es den Drang, sich zu verpuppen, vor der Zeit.

Wir müssen unsere Irrtümer meist büßen, und so wird es auch dem Schmetterling nicht viel an­ders ergehen. Aber schließlich war er allererster Vorbote des Frühlings und damit ein Rekord. Und das will schon etwas heißen. E. v. M.

Bornotizen

Tageskalender für Samstag.

Dolksbildungsstätte Gießen und Dolksbund für das Deutschtum im Ausland. Ortsgruppe Gießen: 20.30 Uhr in der Aula der Universität Lichtbilder­vortrag Kurt HielscherRumänien, insbesondere das Deutschtum in Siebenbürgen". Stadttheater: 20 bis 22 UhrFlachsmann als Erzieher". Glo­ria-Palast (Seltersweg):Scheidungsreise". Lichtspielhaus (Bahnhofstraße):Kleines Bezirks­gericht". Reichskolonialbund, Ortsoerband Gie­ßen: 20.11 UhrVölkertreffen" im Klub.Hei­terkeit" Gießen: 20.30 Uhr Hauptversammlung bei

Kobel. Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand.

Tageskalender für Sonntag.

Stadttheater: 11.30 bis 12.30 UhrUlrich von Hutten"; 19 bis 22 UhrDie Tänzerin Fanny Elß­ler". Gloria-Palast (Seltersweg):Scheidungs­reise". Lichtspielhaus (Bahnhofstraße):Kleines Bezirksgericht". Oberhessischer Kunstverein: 11 bis 13 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand.

Stadttheater Gießen.

Heute abend zum letzten MalFlachsmann als Erzieher", Komödie in drei Akten von Otto Ernst. Spielleitung Hannes Razum, Bühnenbilder: Karl Löffler. Die Vorstellung findet gleichzeitig für den KdF.-Feierabendring 7. Vorstellung statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22 Uhr.

Akten von Jeon Racine, im Versmaß des Originals übertragen von Rudolf Alexander Schröder, Spiel­leitung: Hermann Schultze - Griesheim. Dienstag- Miete, 18. Vorstellung.

Mittwoch, 1. Februar, Anfang 19.30, Ende nach 21.30 Uhr: ErstaufführungFlitterwochen", Lust­spiel in drei Akten von Paul Helwig, Spielleitung Günter Winkel. Mittwoch-Miete, 17. Vorstellung.

Freitag, 3. Februar, Anfang 20 Uhr, Ende 22 Uhr: Hollywood", Komödie von R. Niewiarowicz. Spiel­leitung Hannes Razum. Freitag-Miete, 18. Dorstel- gung.

Samstag, 4. Februar, 20.11 Uhr, Küpreß 1939 Windstärke 13, Künstlerfest in sämtlichen Räumen des Clubs.

Sonntag, 5. Februar, Anfang 19 Uhr, Ende 22 Uhr, noch einmal zu kleinen PreisenWiener Blut",

In Ausübung ihres pohzeidienstes gefallen.

NSG. Von 1918 bis 1938 fielen im Gau Hessen-Nassau in Ausübung ihres Dienstes folgende Männer der Polizei:

Giefelberg, Heinrich, Polizeiwachtmeister, am 9.1.1919 in Frankfurt a. M. von Einbrechern erschossen.

Leinberger, August, Polizeihauptwachtmeister, am 13. 3. 1920 in Frankfurt a. M. während des Kapp-Putsches gefallen.

Kraft, Adam, Polizeianwärter, am 13. 3. 1920 in Frankfurt a. M. beim Kapp-Putsch erschossen.

Maar, Martin, Kriminalwachtmeister, am 21.9.1921 in Höchst a. M. an der von einem Festgenommenen erhaltenen Schußverletzung verstorben.

Günther, Friedrich, Polizeihauptwachtmeister, am 29.4.1922 in Darmstadt von Ein- brechern erschossen.

Foisinger.Max, Landjäger, am 30. 5.1924 in Homburg bei der Paßkontrolle vom D-Zug überfahren.

Sack, Otto, Kriminnalassistent, am 26. 11. 1925 in Frankfurt a M. von Einbrechern erschossen.

Kaltenschnee, Ludwig Tobias, Schutzmann, am 9. 8.1927 in Büdingen von einem Einbrecher erschossen.

Haas, Georg, Feldpolizeiassistent, am 10 10. 1927 in Kronberg an Schußverletzungen verstorben.

Fetick, Heinrich, Polizeimeister, am 1. 9. 1929 in Bad Ems, von einem Raubmörder erschossen.

Kern, Ludwig, Polizeioberwachtmeister, am 9. 3. 1930 in Frankfurt a. M. von einem Einbrecher erschossen.

Treffert, Karl, Polizeihauptwachtmeister, am 15. 7.1931 in Bensheim.

Weis, Wilhelm, Polizeihauptwachtmeister, am 15. 11. 1931 in Viernheim von einem Betrunkenen erstochen.

Volk, Valentin, Polizeidiener, am 21. 12. 1931 in Winterkasten von einem Kraftrad angefahren, an den Verletzungen verstorben.

Scheibe, Wilhelm, Polizeioberwachtmeister, am 26. 6.1932 in Wiesbaden von PKW. angefahren und an den Verletzungen verstorben.

Noeske, Gustav, Kriminalassistent, am 21. 9. 1932 in Hanau a. M. an der von einer verdächtigen Person erhaltenen Schußverletzung verstorben.

Homm, Heinrich, Polizeihauptwachtmeister, am 26.1.1936 in Oberursel (Taunus) von einem Festzunehmenden erstochen.

Sonntag, 29. Januar, unter dem TitelUlrich von Hutten" bringt die Morgenveranstaltung zum Tag der Machtübernahme Rezitationen, szenische Darstellungen und Lieder. Leitung Hannes Razum. Am Flügel: Joachim Popelka. Es lesen Friedrich Gröndahl und Hannes Razum. Zur Aufführung ge­langt eine Szene ausDie Tochter des Erasmus", Schauspiel von Ernst von Wildenbruch unter Mit­wirkung von Eduard Cossovel und Hans Schlick. Die Werkschar singt. Anfang der Veranstaltung 11.30 Uhr, Ende 12.30 Uhr. Am Abend Wiederholung Die Tänzerin Fanny Elßler", Operette in drei Ak­ten von Johann Strauß. Musikalische Leitung: Joachim Popelka, Spielleitung Gert Buchheim. Lei­tung und Einstudierung der Chöre: Heinz Mark­wardt. Bühnenbilder: Karl Löffler. Anfang 19 Uhr, Ende 22 Uhr.

Dienstag, 31. Januar, Anfang 20 Uhr, Ende nach 22 Uhr: UraufführungBerenize", Tragödie in fünf

Operette von Strauß. Musikalische Leitung: Joachim Pypelka, Spielleitung: Gert Buchheim. Außer Miete.

Filmvortrag des Frontdichters p. C. Ettighoffer in Gießen.

P. C. Ettighoffer, dessen Kriegsbücher weit verbreitet sind, wollte als Journalist unsere srühe- ren Kolonien erleben. Allein zog er aus mit Kraft­wagen, Schreibmaschine und Filmkamera. Sein Film wurde ein erlebnisreicher Reisebericht durch das Deutschtum in Afrika von heute. So verspricht dieser Filmvortrag von P. C. Ettighoffer, der am nächsten Donnerstag, 2. Februar, abends in der Neuen Aula der Universität auf Einladung des Goethe-Bundes und des Kaufmännischen Vereins stattfindet, ein interessantes Vortragserlebnis zu werden.

Neue Mitglieder

des Bezirksverwaltungsgerichts.

Vor Beginn der heutigen öffentlichen Sitzung des Bezirksverwaltungsgerichts Gießen, das als Rechts» Nachfolgerin des früheren Prooinzialausschusses der Provinz Oberhessen als Verwaltungsgericht zweiter Instanz für Oberhessen zuständig ist führte der Vorsitzende, Landrat Dr. Lotz, Gießen, folgende Herren als Mitglieder des Bezirksverwaltungs­gerichts Gießen für die Zeit vom 1. Januar 1939 bis 31. Dezember 1942 in ihr Amt ein und ver-> eidigte sie:

Mitglieder:

1. Kurz, Adolf, Oberingenieur. Gießen;

2. Schott, Karl, Kaufmann, Grünberg;

3. Rinn, Frdr. Karl, Bürgermeister, Heuchelheim; 4. Erb, Otto, Rechnungsbeamter, Nieder-Ohmen; 5. Sütterlin, Karl, Kaufmann, Mittelgründau; 6. Dr. M ö r s ch e l, Rich., Bürgermeister, Butzbach; 7. Ditte wich, Georg, Bürgermeister, Schlitz; . 8. Dr. Heßberger, Karl, Sparkassendirektor, Friedberg.

Stellvertreter:

1. La h r, Rud. Ernst, Bankbevollmächtigter, Gießen; 2. Hofmann, Heinrich, Bürgermeister, Hungen; 3. Schroth, Erich, Diplom-Ingenieur, Mainzlar^ <4. Buchenauer, Wilh., Schreinerm., Romrod; 5. Uhl, Hermann, II., Landwirt, Borsdorf;

6. Hahn, Wilhelm, Bürgermeister, Bad-Nauheimt 7. Schupp, Karl, Bürgermeister, Ortenberg;

8. Link, Anton, Verwaltungsinspektor, Harheim,

Danach begann die öffentliche Sitzung des Be- zirksverwaltungsgerichts, die sich mit drei Klage­punkten beschäftigte.

327 Freitische für Kinder im Landkreis (ließen.

Von den Beamten der Gendarmerie, von den Bürgermeistern der Gemeinden und von zahl­reichen Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr des Kreises Gießen wurden aus Anlaß des Tages der deutschen Polizei insgesamt 327 Freitische für Kinder zur Verfügung gestellt. Die Kinder, die in der Hauptsache durch die NSV. für den Genuß dieser Freitische vorgeschlagen worden sind, wer­den also am morgigen Sonntag zusammen mit den Beamten der Gendarmerie, "mit den Bürger­meistern, wie auch mit den Feuerwehrkameraden am familiären Mittagstisch sitzen.

Wegen fortgesetzten Zechbetrugs festgenommen.

Ein junger Mann aus Klein-Linden, der sich int Laufe der vergangenen Monate des fortgesetzten Zechbetrugs schuldig machte, wurde wie die Kriminalpolizei mitteilt dieser Tage festgenom^ men. Seit November des vergangenen Jahres kehrte er immer wieder in den verschiedensten Gastwirtschaften ein, bestellte sich Essen, Bier und Zigaretten, verschwand entweder lautlos oder gab vor, seinen Geldbeutel verloren zu haben und am anderen Tag wiederkommen und bezahlen zu wol» len. Er blieb aber in allen Fällen aus. Nun tonnte seinem Treiben ein Ende gesetzt werden. Gastwirte, die geschädigt wurden, bisher aber noch keine An­zeige erstatteten, werden ersucht, bei der Kriminal­polizei Gießen, Zimmer 62, vorzusprechen.

Gießener IBothenmarflpreife.

* Gießen, 28. Ian. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: Markenbutter, % kg 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Ps., Käse, das Stück 4 bis 9, Eier, deutsche, Klasse 8 15, Klasse A 14^2, Klasse B 14, Klasse C 13Z4, Klasse D 12^, ausländische.

intai

Heitere Heimkehr.

Von Wilhelm von Scholz.

Siegen die Völker nur in großen Schlachten und Kriegen übereinander? Oder friedlicher im Kultur­wettstreit der Künstler, Wissenschafter, Menschheits­wohltäter und in sportlichen Kämpfen? Nein! Manchmal auch, indem der Einzelne eines Volkes dem Einzelnen oder wenigen aus einer anderen Nation, gleichviel ob auf ernstem oder heiterem Gebiet, ein Beispiel gibt. Weshalb jeder Deutsche, wenn er im Auslande oder in Gesellschaft von Aus­ländern ist, daran denken sollte, in seinem Tun und Reden doppelt acht auf sich zu haben; denn, mit Leuten aus anderen Ländern zusammen, da ist er Deutschland und wird von denen auch so angesehen und beurteilt.

Ein junger Mann aus dem Markgräflerlande, dem südwestlichen, ganz alemannischen Gau Badens und zugleich Badens bestem Rebgarten, wollte sich mit einer jungen Schweizerin aus dem Waadtlande verloben. Und wenn vielleicht auch der Neuenburger und der Walliser Wein von den Schweizern noch höher eingeschätzt werden gut sind die Waadt­länder Weine auch, und die sie bauen, sind jeden­falls dieser und anderer Sorten leidlich Herr, lassen sich von ihnen nicht leicht umwerfen und pochen stolz darauf, einen Trunk vertragen zu können; es soll ihnen niemand etwas von dem Genossenen an­merken.

Ihren Stammländern nach paßten also der junge Markgräfler und die Waadtländerin zueinander, ob sie sich nun kennengelernt hatten, als der Student ein wunderschönes Sommersemester lang in Lau­sanne nicht allzuviel Vorlesungen hörte, oder als die junge Dame in einem Freiburger Pensionat Deutsch, kochen und Klaoierspiel lernen sollte denn Fran­zösisch konnte sie ja von Hause aus und beim Spazierengeführtwerden die Augen statt auf die kunstgeschichtlichen Sehenswürdigkeiten auf einen keck grüßenden frischen Studenten gerichtet hatte.

Die beiderseitigen Eltern setzten den Absichten der jungen Leute keinen ernstlichen Widerstand ent­gegen, wenn auch die welsch-schweizerische Familie wahrscheinlich einen Genfer Advokaten oder einen Bernischen Beamten lieber zum Schwiegersohn ge­habt hätte, als einenchaibe Dütsche". Aber den Badener ihre Ueberlegenheit fühlen lassen und ihm mit ihrer uralt republikanischen Selbstgerechtigkeit imponieren, daß er demütig und klein würde, das wollten sie, das war das Mindeste, was sie sich als Eidgenossen schuldig waren. Und für dieses Hobe Ziel dünkte ihnen der Wein gerade das rechte Mittel.

Als der künftige Schwiegersohn und Schwager zu Besuch eingetroffen war und die Verlobung am nächsten Tage bekanntgegeben werden sollte, da setz­ten Vater und Bruder der Braut ihr Vorhaben, den dütschen Gast recht zu ducken und vor ihnen ehr­fürchtig zu machen, ins Werk, indem sie des Abends mit ihm ausgingen nicht nur in eine Weinstube, und mit ihmx tranken nicht nur Waadtländer Roten, sondern auch Neuenburger Fendant, Stern­wein und Walliser Etoile du Valide; dann, was sonst noch von den Namen auf den Weinkarten ihren Zungen mit besonderem Liebreiz und Wohl­geschmack wieder einfiel.

Bei jedem neuen Glase freuten sie sich mehr auf den Augenblick, wo der junge Reichsdeutsche zwi­schen ihnen niedersinken und vor Austrinken des letzten Schluckes von ihren kräftigen Armen nach Hause gebracht werden würde, als Besiegter und Geschlagener, der einem rechten Weinlande und einem mannhaften Rebbauvolke eben doch nicht ge­wachsen ist und ihnen gegenüber ein Schwächling!

Aber es dauerte lange, und er schien ihnen eher zu schwanken, weil sie selbst torkelten, als daß sein über die nächtlichen Gassen zur nächsten Buschen- schenke noch gerade hinschreitendes wohlbewahrtes Gleichgewicht verloren gegangen wäre wie es dem einen der beiden Lausanner schon der Hut war, und dem anderen seine wertvolle Zigarrentasche; die war in einem romantischen Erker voller dicker Rauchluft einfach auf einem weißen Holztisch liegen geblieben. Der Badener hätte noch auf einem Strich zwischen den Pflastersteinen so gerade gehen können wie ein Bleistift, der am Lineal entlangläuft!

Weil sie das gewiß nicht mehr konnten, glaubten die anderen aber, daß sie nun bald am Ziele sein würden mit ihrem heimtückischen Anschlag. So ging es weiter zum nächsten rauchigen und lauschigen Weinstubenerker.

Nein, nein! Es war kein bewußter Nationalstolz des Markgräflers, daß er sich zusammennahm aber doch spielte der Gedanke mit, daß sein künfti­ger Schwiegervater ihn nicht sollte als Schwächling verspotten dürfen und als Markgräfler, der feinen Hügelheimer" und feinenMüllheimer Reggen­hag" zu Paten hat, erst recht nicht!

Und das war die Heimkehr, über die die Kinder und Enkel des damals verlobten Paars heute noch im badischen Land lachen und sich freuen: Eine Stunde nach Mitternacht klingelte es an der Tür der Frau Schwiegermutter, der junge Freiburger stand verlegen und beschämt davor, entschuldigte sich der aus dem Schlaf aufgeschreckten Dame im ! Morgenrock gegenüber immer von neuem, daß er ''auf ihren Mann und ihren Sohn nicht bester auf- l gepaßt und sie nicht vor dem Zuvieltrinken gewarnt

habe; er hätte ja nicht wissen können, daß sie es nicht vertrügen, und er bringe sie hier beide leider in einem sehr bemitleidenswerten Zustande. Der eine hing ihm dabei über den rechten, der an­dere über den linken Arm.

Die Frau Schwiegermutter, die um den teuflischen Plan der Männer gewußt haben mochte und außer der Braut von der ganzen Familie das freund- lichste Wohlwollen für den Herrn Liebsten ihrer Tochter hatte, schmunzelte vergnüglich, als ob sie diese Heimkehr gar nicht ungern sähe.

Es war und blieb ein Sieg für Deutschland, den da einer gegen zweie ausgefochten, ein Sieg, wert, lange im Heldenlied weiterzuleben.

Der junge Markgräfler war sich seines errunge­nen Ruhms freilich nicht bewußt. Mit einem ein wenig brummenden und schmerzenden Kopf und einem um so fröhlicher pochenden Herzen hat er am nächsten Tag seine Braut in die Arme geschlossen und sich immer nur geschämt, daß ernicht besser auf Schwiegervater und Schwager aufgepaßt". So sind die Markgräfler!

Ein Pionier des alpinen Schilaufes.

Einer der beiden ersten Ehrenbriefe, die der NS.« Reichsbund für Leibesübungen in die heimgekehrte Ostmark geschickt hat, wurde dem jetzt fast ^jähri­gen Matthias Z d a r s k y , dem verdienten Pionier des Alpenschneeschuhlaufes, verliehen. Nun hat auch das Alpine Museum in München mit einer Sonder­schau dazu beigetragen, die Tätigkeit dieses Man­nes für den Alpinen Schilauf in gedrängter Form zu veranschaulichen. Wir studieren Zdarskys Be­mühungen um eine Bindung, die im Gegensatz zur Rohrstaberlbindung der Norweger eine wirkli^e Beherrschung des Brettls gewährleistet. Wir sehen die von ihm geschaffene Laufschiene, deren Länge er als Elfter zur Körpergröße und deren Breite er zum Gewicht des Fahrers in ein Verhältnis bringt. Ferner wird des Stemmbogens gedacht, der von ihm in den Schilauf eingeführt wurde'. Er schrieb das erste brauchbare Lehrbuch in deutscher Sprache, das in feiner ersten Auf­lage mit den nicht gestellten Bildern gezeigt wird. Es wird darauf hingewiesen, daß Zdarsky der Vater des Torlaufs ist, daß er den Militärschilauf von 1900 bis 1910 in Oesterreich alpin gestaltet hat. Er legte die Grundlagen zur Lawinenfor­sch u n g, ist der Erfinder des Zdarfky-Zeltes, das schon vielen Bergsteigern in Kälte und Schnee das geben rettete. Er hat die Werte des Arbeits­dienstes früh erkannt und auch mit jungen Studen­ten zur Ausführung gebracht. Zdarsky ist wie kaum

ein Zweiter vielseitig und auch als Künstler untr Techniker hervorgetreten. All diese Verdienste hat Professor E. M e h l in dem ausgezeichneten Lebens­bild Zdarskys, das imVerlag für Jugend und Volk" erschienen ist, mit viel Verständnis geschildert. Dieses Werk, zusammen mit schönen Handzeichnun« gen der Zdarskyschen Fahrweise von Kunstmaler G. Jahn vervollständigen die sehenswertenSonder- schau Matthias Zdarsky" im Alpinen Museum in München.

Sochschulnachrichten.

Professor Dr. Jan V e r s l u y s , Ordinarius für Zoologie an der Universität Wien, ist im 66. Le­bensjahre gestorben. Prof. Dersluys stammte- aus Holland und wirkte vor feiner Berufung an das Wiener Zoologische Institut (1925) in Gießen und an der flämischen Universität ©ent. Seine Ar­beiten befaßten sich hauptsächlich mit dem Skelett der Wirbeltiere.

Der o. Professor Dr. Herbert Cysarz an bei* Deutschen Universität Prag ist nunmehr end» gültig, mit Wirkung ab 1. Oktober 1938, zum ordentlichen Professor für neuere deutsche Literatur­geschichte an der Universität München ernannt worden. Professor Cysarz ist Träger des Eichens dorff-Preises vorn Jahre 1938.

Es wurde übertragen: dem Dozenten Dr. Wal­ter T o l l m i e n unter Ernennung zum ordentlichen Professor an der Technischen Hochschule Dresden der Lehrstuhl für Technische Mechanik, dem Dozen­ten Dr. Günther B r i e g I e b unter (Ernennung zum außerordentlichen Professor an der UniversitÄ Würzburg der Lehrstuhl für Physikalische Che­mie, dem nb. ao. Professor Dr. Otto Lintner unter (Ernennung zum außerordentlichen Professor an der Universität Erlangen der Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre.

Professor Dr. Hans Würdinger, Ordinarius für Rechtsverkehr und deutsche Rechtsgeschichte an der Universität Breslau, ist in gleicher Dienst­eigenschaft an die Universität Wien berufen wor­den.

Der ordentliche Professor in der Katholisch-Theo­logischen Fakultät der Universität Bonn Dr. Al­bert Michael K o e n i g e r (Kirchenrecht und kirch­liche Rechtsgeschichte) ist wegen Erreichung der Altersgrenze von den amtlichen Verpflichtungen ent­bunden worden.

Dem Dr. med. dent. habil. Konrad Thielemann wurde die Dozentur für Zahnheilkunde an der Uni* versität Frankfurt verliehen.