Nr. 122 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
27./28.imril939
Ewiges rvunöer öer Pfingsten.
Von Hans ^hpriot.
Un blauen Feuern flammt öer geheiligte Frühlingstag, Sen man den fünfzigsten nennt mit den griechischen Zeichen: Sieben mal sieben vergingen, seit jene Frauen öie bleichen Leinen schauöernö im Grabe erblickten, unö siehe, es lag Verlassen öie Stätte öes blaffen Ho6es, unö nur öie beiöen Engel saßen geflügelt unö stumm zu häupten unö Füßen, Die Weinenöen, öenen öie tränen versiegten, tröstlich zu grüßen ... Mer öie Stunöe öer Pfingsten krönt mit öem Wunöer öas Leiöen.
Sieben mal siebenter XTag . . . öurch Jahre, Iahrhunöert, Iahrtausenö Erneut sich in ewiger Wieöerkehr öie Gnaöenflamme öes Geistes. Selbst öen spät unö mit trägen Herzen Gebornen verheißt es, Seelenerfchütternöes Gleichnis öer feurigen Zungen, brausenö
Noch jeöer iröische ^aubenschwarm, öer, aus geringen sickern unö Felöern sich hebenö, in flammenöe Bläue Des seiöenen Himmels emsig kreisenö immer aufs neue vergängliche Zeichen schreibt mit silbern blihenöen Schwingen.
Freudenreiche pfingstzeit.
Von Anton Schnack.
Pfingsten! — Wie lieblich schauten die beiden oneinsndergeketteten Festtage in die grüne Landschaft meiner fränkischen Kindheit wo auf den Hügeln die Buchenwälder mit Hellen Birken und frischen Lärchen gemischt waren. Die Landstraßen hatten noch den weißen Staub, den der jähe, kurzatmige Wind in Wirbeln aufjagte und mit saugendem Trichter über die Parade metallischglänzender Pappelreihen verwehte.
Ringsum in den Wiesen wogte das Nicken der Gräser, holde unb hohe Sommergräser, deren Schönheit sich nur dem enthüllt, der sich zu ihnen auf die kühle, hummelurysummte und falterüber- gaukclte Erde legt. Soll ich alle aufzählen, euch pfingstliche Gräser, die um diese Zeit eine fejne und unbekannte Sommeranmut entfalten und sich vor dem kleinsten und zärtlichstem Windatem verneigen! Allen voran der schlanke Wiesenfuchs- schwänz, der zottig bewimperte, mit der walzenförmigen und ährenartigen Rispe. Die Knabenhand vertrieb sich die Zeit damit, wenn sie in Blüte war, von oben nach unten entlangzufahren. Wenn sie in Blute war, sah sie einem rötlichen Fuchsschwanz ähnlich, und winzige Blütenpelze starrten aus dem grünen Zottelrock und blieben wie kupfriger Staub zwischen den Knabenfingern. Als Nachbarin wiegte sich die große und sehr lockere Rispe des gemeinen Flattergrases, ein leichtes und ungemein zierliches Geschöpf, ein unruhiges und dünnbeiniges Pflanzenwesen, geliebt vom kindlichen Gemüt wie das gemeine Zittergras, das seinen Namen von der ewig zitternden Bewegung kleiner und grüner Herzen Hot, von eiförmigen, winzigen Aeh- rcn, die an fadenscheinigen Rispenzweigen hängen. Ihnen zuliebe watete der festtäglich angezogene Knabe durchs feuchte Gras und pflückte die Herzen, von denen die Sagenkunde geht, daß sie. scheuen Grasprinzessinnen gehören, die ein grausamer Kobold und Wiesenspuk gemordet und dann zum Trocknen aufgehängt hat.
Pfingsten! — Das war der Garten voll wunderbarer Lilien, welche die Sitte früher auf die Gräber jungverstorbener Mädchen und Nonnen pflanzte. Aber im Pfingstgarten meiner Großmutter standen viele, selten gewordene Liliensorten, und weim ein Feiertagsbesucher kam und die Schönheit der Lilien rühmte, sagte die alte Dame schmunzelnd: „Es gibt, um dies zu erzielen, ein ein
faches Rezept — die Lilie will es am Kopfe roarfn und an den Füßen kühl haben. Ich aber will es an den Füßen warm und am/Kopfe kühl haben." Die in die Blumen vernarrte Frau hatte die Lil'ienbeete so geschickt angelegt, daß Schatten auf den Wurzelboden und auf die Stengel fiel, Blüten und Triebe aber tranken in vollen Zügen die pfingstliche Sonne. Meine Neigung gehörte der Madonnenlilie, einer weißen, fast wächsernen Blume, deren Kelch mit goldenem Blütenstaub betupft war und die mit ihrer Starrheit an die kleinen und steifen Infantinnen des spanischen Hofes erinnerte. Dort im Gasten standen noch andere, das gefleckte Kleid der Leopardenlilie und die purpurrot punktierte Goldbandlilie — eine Versammlung fremder und seltsamer Blumenhäupter, deren Duft mit einer betäubenden Säule von Honig- und Pfefferwürze in die erhitzte Luft stieg. Werden die steifen, feierlichen und schönen Gewächse auch heure noch in einem pfingstlichen Garten blühen? Wird daneben das Feuer der Päonien brennen, der Pfingstrosen, jener schönen Pflanzenwesen, jungen Frauen ähnlich, die eine heftige und leidenschaftliche Liebe ergriffen und aufgewühlt hat? Es war ein besonderes Geheimnis der alten Gärtnerin, daß an den Pfingsttagen^ die Päonien den Garten mit mächtigen Blüten in Brand gesteckt hatten. Es waren heroische und gewalttätige Flammen, deren ausgegossenes Feuer über den Boden leckte und züngelte. Eine von ihnen hieß „Rubra triumphans“, wirklich ein greller und heftiger Triumph, der über das Grün loderte und brannte. „Raphael" war eine andere Sorte dieser roten Blumen genannt, Haupt ^ines zu Erde gestürzten dämonischen Engels, aus einer Himmelsschlacht in die Tiefe gefallen, dessen Herzblut über die grüne Erde floß und zur feurigen Pfingstblume wurde. Zu den roten Päonien gesellten sich die weißen, aufgeplusterten großen Schneeflocken, helläugige Erscheinungen, deren eine den Namen „Gretchen" trug, so innig und keusch wie ein eben erwachtes Mädchen sah sie aus, eine demütige und zugleich stolze Blume, deren schimmernder und neuer Glanz in seltsamem Gegensatz zu der Leidenschaft der roten Feuerblumen stand. Mir waren die brünstigen, die lohenden und dunkelroten die liebsten, weil sie das treffende Sinnbild der sommerlichen Herrschaft bedeuten. Pfingsten, das war feurige Entfaltung, hohe Blütenzeit, Pfingsten, das war auch der Auftakt der Rosen schön- heit. Ich neige mich noch heute vor den erlauchten Rosensträuchern jenes Gartens, vor. der weißen „Manon Cochet“, vor dem eleganten und dunkel-
Treffpunkt Hauptpost.
Ctinc psingstgeschichie von Erich paehmann
Immer, wenn Herr Pelzer von seinem Schreibtisch aufblickt, über das Handbuch für den Medizinglashandel hinweg, hat er ein kleines Azaleenstöck- chen vor Augen. Das steht draußen auf dem Bord des großen Bürofensters und hält seine rosaroten Blüten in die Frühlingssonne. Herr Pelzer blickt sehr oft über das Handbuch hinweg, obwohl er für Azaleen keine Vorliebe hat. Ab und zu allerdings wird ihm auch die Aussicht auf den Blumenstock versperrt, immer dann, wenn Fräulein Hannemann den Kopf von der Schreibrnafchine erhebt und ebenfalls aus dem Fenster sieht. Dann muß Herr Pelzer mit einem blonden Haarschopf fürlieb nehmen, und einer künstlerischen Nackenrolle, mit der sich Fräulein Hannemann auf die kommenden Festtage vorbereitet hat. Denn morgen ist Pfingsten, und das bedeutet zweifellos einen Grund für neue Nackenrollen.
Uebrigens, was Herrn Pelzex betrifft, so scheint er sich auch nicht ungern die Aussicht versperren zu lassen. Zum Beispiel könnte ich doch jetzt aufstehen, denkt er, an den Kalender gehen und den Samstag abreißen, nur so aus Scherz. Dann würde Fräulein Hannemann vielleicht ein bißchen lachen und sagen: „Ach ja, wenn der schrecklich lange Vormittag doch erst herum wäre." — „Ganz meine Meinung", würde Herr Pelzer antworten und zu ihr treten, „bann haben wir zwei ganze Tage nur für uns. Da können wir ausschlafen, wenn wir wollen, oder früh aufstehen und wandern. Das wäre doch eine tadellose Idee, wenn wir beide vielleicht — nicht wahr?"
Aber da merkt Herr Pelzer, wie sein Kragen enger wird und fein Mut kleiner. Vielleicht wird Fraulein Hannemann ihn nur mit einem Blick kühlen Erstaunens messen, vielleicht wird sie ihn über die Achsel hinweg fragen: „Bei Ihnen piepts wohl?" Denn Fräulein Hannemann kann im Notfall entwaffnend schnippisch sein.
Da tritt Herr Osterloh auf den Plan. Er ist Reisender und heute mit seinem Wagen von der Tour zurückgekommen. Bei den weiblichen Kollegen steht er in dem Ruf, ebenso unwiderstehlich wie treulos zu sein. Jedenfalls ist er sehr elegant und riecht ein wenig nach indischem Sandelholz. „Also Hanne-
männchen", ruft er beim Eintreten, „es bleibt dabei. Heute abend gehen wir bpibe aus, und das nicht zu knapp!"
„Ach ja, Sie! Das war doch nur ein Scherz!" sagt Fräulein Hannemann und tippt dann weiter. „Nein, es geht nicht."
„Sie scheinen nicht zu wissen, daß ich Ihretwegen schon zwei Verabredungen ausgeschlagen habe."
„Na, das lügen Sie doch sicher", jagte sie und tippt nun ein bißchen hilflos auf der Kommataste herum.
„Nein, im Ernst. Wir beide gehen heute abend aus. Treffpunkt Hauptpost, wie das ausgemacht war, pünktlich um neun Uhr."
„Um acht, sagten Sie vorhin!"
„Gut, auch um acht. Je eher, desto besser. Also bann tschüs bis bahin, Hannemännchen!"
Herr Osterloh geht mit einem eleganten Handwinken ab und läßt für eine Weile noch einen leisen Hauch von Sandelholz zurück.
Gegen Abend fällt es Herrn Pelzer plötzlich ein, daß er vielleicht am ersten Pfingsttage Briefe schreiben könnte: er will auf alle Falle sich schon heute mit Briefmarken versorgen. Und da er nun einmal an ber Hauptpost ist, kann er ja auch nebenbei feststellen, ob sich Fräulein Hannemann wirklich so weit vergessen sollte, ben anrüchigen Herrn Osterloh nicht doch noch zu versetzen.
Es schlägt acht, aber noch ist nichts zu sehen. Er stellt sich in den Schatten ber Säulen am Hauptportal und starrt so verbissen in den milden Abend- himmel, als wolle er von dort ein Unwetter herabbeschwören. Aber bann tut es ihm wieder um die anderen Paare leid, die sich ebenfalls die Hauptpost als Treffpunkt ausersehen haben. Im Augenblick warten noch zwei junge Herren und eine noch jüngere Dame. Diese ist eben erst eingetroffen und spaziert mit graziöser Gelassenheit den Bordstein auf und ab. Sie hat ein hellgraues Schneiderkostüm an und läßt ihre Handtasche unternehmungslustig in zwei Fingerhenkeln baumeln.
Da stockt ihm ber Atem. Das ist doch —?! Aber Fräulein Hannemann pflegt ihre Hüte nicht auf eine solche kokette Art zu tragen. Aber da ist andererseits eine neuftifierte Nackenrolle, und es läßt sich beim besten Willen nicht leugnen, daß sie zu Fräulein Hannemann gehört.
Herr Pelzer brückt sich tiefer in den Schatten des Portals. Nun wird gleich Herr Osterloh oorgefah- ren kommen, wirb die Wagentüre öffnen, wirb ein
(ro?en „Marc Artur“, vor ber safrangelben „Melody“ und ber rosafarbigen „Annie Laurie“, beren Blätter zur Dämmerzeit den geliebten Mädchen aufs Haar gestreut wurden.
Pfingsten! — Da tat sich ber Wald auf mit bem Dom der hellen Buchenwipfel und verschluckte uns und unsere Wanderlieder. In ben Talgründen lagen einsame Forsthäuser mit zahmen Rehen im Garten und flügelgestutzten Raben auf bem Zaun. Pfingsten! — Da ging ein grüner Wachstumsrausch über die fränkischen Weinbauernbörfer unb beckte sie mit den Wipfeln großer Linden zu, darunter bäuerliche Musikanten saßen unb für bie Liebe und für den Tanz aufspielten, und das Echo kam verschwommen von den Weinberashügeln zurück. Heimkehrend hatte man den Arm voll blühendem Schlehdorn, weil es heißt, wer einen blühenden Pfingstzweig eine Stunde lang über Land trägt, wird bie in dem blühenben Zweig wohnenbe Kraft unb Schönheit in sich aufnehmen.
Am Pfingstsonntag fanb bie Vorführung ber weißen Taube statt, die während des ganzen Jahres unbeweglich an ber Decke im Schiff ber Dorfkirche hing. Diese aus Holz geschnitzte Taube hing unterhalb ber Lucke, bie sich öffnen ließ. Die Taube, Sinnbild des heiligen Geistes, wurde während ber kirchlichen Feier, wenn das Lied „Komm heiliger Geist" gesungen wurde, von den Meßnerbuben am Seil heruntergelassen und über den Köpfen der Kirchenbesucher in kreisförmigen Schwingungen und Bogen zum Schweben gebracht. Und war die Taube richtig und feierlich in Schwung, so kamen gedörrtes Obst und Lebkuchenstücke aus der Dachlucke geworfen, was die Jugend und auch die alten Bauern in ein fröhliches Geraufe und Geschubst brachte.' Wenn der allgemeine Tumult seinen Höhepunkt erreicht hatte, wurde jedesmal, nach einem alten verschollenen Symbol, ein Wasserguß heruntergeschüttet. Dieser Wasserguß, gesegnet und geweiht, jagte den nach Pflaumen haschenden Knäuel wieder auseinander. Als ein neuer Pfarrer in die Dorfgemeinde kam, wurde für bie Zukunft bas pfingstlich Schaustück wegen ber damit verbundenen Unziemlichkeiten unb Störungen eingestellt und untersagt. Aber mir leuchtete diese Maßnahme nicht ein. Ich war der Meinung, daß der „Heilige Geist" lebendig sein müsse; aber der neue Pfarrer hielt es mit benv toten „Heiligen Geist". Unb so ist es geblieben.
pfingstsreude.
^Pfingsten, das „liebliche Fest", ist in besonderem Sinne auch bas Fest ber Freube. Der Lebensfreude und der Schaffensfreude, die jetzt durch alle Adern der Natur und auch der Menschenherzen pulst und schlägt. Mberall leuchtet unb strahlt die Freude hervor, aus dem frischen Grün der Blätter und Sträucher und den zarten unb bunten Farben der Frühlingsblumen auf Wiese und Anger, in Feld und Garten, Freude klingt aus dem Amsel- unb Finkenschlag ...
Zu Pfingsten sang die Nachtigall, nachdem sie Tau getrunken, die Rose hob beim hellen Schall das Haupt, das ihr gesunken. O kommt ihr alle, trinkt unb speist ihr Frühlingsfestgenossen, weil über's ird'sche Mahl ber Geist des Herrn ist ausgegossen!
So preist ber Dichter Friedrich Rückert bie Pftngstfreube.
Auch in unserer Seele tiefem Wundergarten will es lenzen durch die Freude ber Pfingsten, auch sie feiert mit in der allgemeinen Freude. Und überall, wo besinnliche Menschen sich hinaussehnen über den bloßen Naturgeist und Naturfrühling zu einem Frühling des Geistes und innerer Neuwerdung, da wird ihnen der Naturfrühling in feiner Pracht unb Herrlichkeit zum Künder einer höheren Geistes- und Schöpfermacht. Da legt sich ihnen feit alters her die Bitte auf die Lippen um jenen heiligen Schöpfe r-- geift, der ein wahrhaft Neues schaffen und wirken kann. Dieser schaffende Geist, der einst die Welt aus bem Chaos schlug, der als ein Geist der Ordnung und des Gehorsams und der Zucht aus den ungeordneten Elementen das Wunderwerk Himmels unb der Erden vergehen ließ, dieser Geist ist es boch, auf ben wir uns zu Pfingsten freuen, nach bem wir uns sehnen, ben wir brauchen, wenn wir wirklich wahre Pfingstfreube haben wollen.
So ist es nicht bloß irdische Freude allein, die gerade dieses „hohe Fest" auszeichnet, es ist die Freude am Gottesgeist, die Freude darüber, daß dieser „freudige Geist" der „Tröster", den einst Christus seinen Jüngern verheißen unb ihnen jene unerklärliche und unverwüstliche Schaffensfreude ins
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(Aufnahme: Elisabeth Hase, Frankfurt am Main.)
bißchen auf feine geräuschvolle Weise lachen, bann wird die Türe zuklappen unb ber Wagen mit Fräulein Hannemann samt all ihrer Pracht unb Herrlichkeit oerschwinben.
Inzwischen finb sieben Minuten vergangen, unb Fräulein Hannemann fyat schon einiges von ihrer stolzen Gelassenheit eingebüßt. Sie geht nun ihr Stuck Bordstein schneller ab als vorher, aber bafür bleibt sie auch jedesmal länger stehen, um öie Straße hinabzuspähen. Dann nimmt sie mal eine Spiegeldose aus der Handtasche, pudert ihre Nase und rückt ein wenig an ihrem Hut. Das sind Dinge, die Zeit erfordern, und schließlich sind aus den sieben Minuten fünfzehn geworden, ohne daß von Herrn Osterloh auch nur die Spitze einer Kühlerhaube zu sehen wäre.
Herr Pelzer steht immer noch bewegungslos in feiner Ecke, aber dafür wird Fräulein Hannemann mit jeder Sekunde unruhiger. Sie geht mit verzagten Schritten umher, bleibt mal vor einem Briefkasten stehen und starrt mit verzweifeltem Interesse auf bie Leerungszeiten. Ihr schöner Hochmut ist gänzlich von ihr abgefallen.
In diesem Augenblick tritt Herr Pelzer an ben Automaten unb zieht sich seine Marke. Dann wen- bet er sich um, vergißt aber in der Aufregung ganz, ben Ueberraschten zu spielen: „Guten Abenb, Fräulein Hannemann!"
„Was? Sie? Wie kommen Sie hierher?"
„O, nur so", sagt er und zeigt, wie um sich zu legitimieren, feine Briefmarke.
„Bitte, Sie haben mich beobachtet? Sie sind hinter mir hergefchlichen. Sie haben mich belauert!"
«2lbex nein, wahrhaftig
„Doch, doch! Damit Sie am Dienstag was zu erzählen haben.' Da werden Sie ja schön im Büro rumrennen und auspofaunen, ich wäre hinter Herrn Osterloh hergelaufen." Und geht in die Ecke am Briefkasten, rupft ein Taschentuch aus ber Hand- tasche unb drückt es gegen die Augen.
Herr Pelzer tritt neben sie. „Ich schwöre Ihnen, Fräulein Hannemann, ich werbe kein Wort — Also sehen Sie mal —"
„Ach, schweigen Sie lieber!"
„Sie können boch auch zum Beispiel meinetwegen hergekommen sein. Ich habe Sie ja schon öie letzten Tage fragen wollen, ob wir nicht für bie Pfingsttage etwas verabreden könnten."
Sie nimmt das Taschentuch zögernd herunter. „Sv — hm — Und warum haben Sie es denn nicht getan?"
„Weil ich dachte. Sie würden mir vielleicht einen Korb geben."
„So — ja, natürlich!" sagt Fräulein Hannemann und steckt bas Taschentuch ganz weg. „Aber bann hätten Sie es doch wenigstens mal versuchen können, wenn ich dann auch abgelehnt hätte."
„Hätten Sie das wirklich?"
„O, ich glaub schon."
„Nein, mal ehrlich bitte."
„Ach, Sie, seien Sie nur still! Sie sind mir schon der Richtige. Jawohl, ein richtiger Erpresser sind Sie. Daß Sie's nur wissen."
Und geht von bem bunflcn Portal weg bie helle Straße hinunter, schon wieder recht munter unb sogar ein wenig kokett. Aber bas muß man wohl schon als junge Dame, wenn man neben einem Wanne, unter einem Maihimmel M-ekgeht. „


