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Kr. 94 Drittes Blatt

(Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

22./23.April 1959

Am Montag. 24. April, beginnen wir in den Familienblättern mit dem Abdruck einer neuen Erzählung, der großen historischen Novelle Der Heilige" von Conrad Ferdinand Meyer. Das Werk, ein Meisterstück künst­lerischer Geschichtsschreibung und eindringen­der Seelenmalerei, behandelt den tragischen Konflikt zwischen König Heinrich II. von Eng­land und seinem Günstling, dem Kanzler Thomas Beckett. Die in wahrhaft klassischem Stil geschriebene Erzählung gehört zu den reifsten Leistungen des großen schweizerischen Dichters und darf wohl als Musterbeispiel deutscher Rovellistik im 19.)ahrhundert gelten.

Schaufenster-Wettbewerb ein schöner Erfolg!

Gute Leistungen in allen Mafien. - Starke Beteiligung.

Zu unseren Bildern:

Neben st ehend: Das Schaufenster des Sonder- WettbewerbsFührer­fenster", das mit einer Ehrenurkunde ausgezeich­net werden konnte.

Unten links und rechts: Schaufenster der Branchen der Haus­haltwaren und Textil, die im allgemeinen Wett- bewerb mit Ehrenurkun­den bedacht wurden. Ne­ben diesen wurden noch 14 andere Schaufenster mit Ehrenurkunden be­wertet.

(Aufnahmen [3]: Neuner, Gießener Anzeiger.)

WMD

Dos Ergebnis des großen Schaufenster-Wett­bewerbs, der in diesen Tagen im Rahmen des Reichsberufswettkampfes auch in Gießen ausgetra­gen wurde, liegt nunmehr vor. Es darf hier vor­ausgeschickt werden, daß das Ergebnis als -sehr er­freulich bezeichnet werden kann.

Am Mittwoch, am Tage vor Führers Geburts­tag, hatten die Wettbewerbsteilnehmer die Schau­fenster ausgestattet und dabei alle Mühe und alles Können aufgeboten, um im edlen Wettstreit bestehen zu können. Die verschiedensten Altersklassen im Einzelhandel beteiligten sich diesmal und erfreu­licherweise nahmen auch die älteren Berufsangehö­rigen zahlreicher teil als es noch im Borjahre der Fall war. So sah man Schaufenster von Lehrlingen im ersten Lehrjahr, denen noch keine oder nur we­nig Möglichkeit gegeben war. nach eigenen Gedan­ken Schaufenster auszustatten man sah aber auch Schaufenster im Wettbewerb, die von geübten Ge­brauchswerbern ausgestattet worden waren, von Gebrauchswerbern, die alle Möglichkeiten und Mit­tel, alle psychologischen Wirkungen der Flächen und Raumgestaltung, der Farbenharmonien und Farben- kontra'ste, die Wirkungen des auszustellenden Ma­terials in der Unterstützung durch die Dekorations­hilfsmittel kennen und einzusetzen wissen. Allerdings wurde gerade an die Arbeiten der Gebrauchswerber ein besonders strenger Maßstab gelegt. Alle Betei­ligten waren bemüht, die Leistung des Einzelhan­dels auf dem Gebiete der Schausenfterausftattung unter Beweis zu stellen. Mit besonderer Freude wurde festgestellt, daß gerade eine Reihe von Fen­stern, die von Lehrlingen der Leistungsklasse I (1. Lehrjahr) gestaltet worden waren, so vorzüglich ausfielen, dgß sich die Bewertungsausschüsse mit gutem Gewissen zu besten Bewertungen entschließen konnten.

Die Bewertung geschah nach Punkten und in ver­schiedenen Leistungsklassen. Außerdem wurde auch entsprechend den Branchen unterschieden. Die Art der Bewertung, die sich in den vergangenen Jahren stets bewährt hatte, sicherte eine gerechte Würdigung der Leistungen. Für die Bewertung selbst hatten sich aus dem Kreise des Einzelhandels, der Deut­schen Arbeitsfront und der Hitler-Jugend, viele sach­verständige Männer ehrenamtlich zur Verfügung gestellt. Sie nahmen ihre Arbeit außerordentlich ernst und urteilten nach fachmännischem Gewissen und nach den gegebenen Bewertungsrichtlinien. Die Arbeit der Teilnehmer des Wettbewerbs fand damit die Würdigung, die der aufgewandten Arbeit und den aufgewandten Kosten entsprach.

Die Bewertung, die den ganzen gestrigen Freitag in Anspruch nahm, sah insgesamt 12 Ausschüsse unterwegs, die sich aus je einem Betriebsführer, einem Gefolgschaftsmitglied und einem Gebrauchs­werber zusammensetzten. Außerdem nahm ein nicht­wertender neutraler Beobachter teil. Nach ange­strengter Arbeit konnte gestern zu abendlicher Stunde das Ergebnis des Wettbewerbs errechnet werden. Das Gesamtergebnis darf als sehr gut und im Verhältnis zum Vorjahre als besser bezeich­net werden. Auch die Zahl der Wettbewerbsteilneh­mer war erheblich höher als im Vorjahr. Sie lag mit 127 Teilnehmern um über 30 v. H. über der Beteiligung des Vorjahres.

Die 'besten Arbeiten die mit Ehrenurkunden bedacht werden konnten zeichneten sich durch eine dezente und in vielen Fällen durchaus künstlerische Wirkung aus. Die betreffenden Wettbewerbsteil­nehmer waren um eine eigene Idee bemüht und fahen davon ab, etwas Alltägliches zu zeigen. Der eigenen Idee entsprach dann auch deren praktische Verwirklichung. So war vor allem eine sorgfältige und sparsame Verwendung der Dekorationshilfsmit­tel festzustellen. Die Dekorationsmittel wurden in sinnvolle Beziehung zu den Waren gebracht. Sau­

ber geschriebene Schriften unterstützten underläu­terten, wo es notwendig war. Selbstverständlich war auch die Verwendung der Farbe bestimmt von den Gesetzen der Harmonie. Mit allem Bewußtsein wurde in den besten Arbeiten jegliche Ueberladung der Schaufenster vermieden. Es äußerte sich durch­weg ein sicherer Geschmack, der allen Teilnehmern des Wettbewerbs erstrebenswert erscheinen muß. Die am besten bewerteten Arbeiten dürfen als Vorbild gelten, und alle jene Wettbewerbsteilnehmer, die nicht mit Ehrenurkunden ausgezeichnet werden konn­ten, werden es sicherlich nicht versäumen, die besten Schaufenster in aller Ruhe zu betrachten und aus der Anschauung wertvolle Anregungen für die eigene schöpferische Arbeit zu gewinnen.

Sonderwettbewerb.

Im Rahmen eines Sonderwettbewerbs wurden auch diejenigen Schaufenster bewertet, die aus Anlaß des 50. Geburtstages des Führers eine besondere Ausgestaltung erfahren hatten. Hier wurde beson­ders streng darauf gesehen, daß nur jene Schau­fenster eine Ehrenurkunde bzw. eine Anerkennung erfuhren, in denen sich eine gute Idee, sorgfältigste handwerkliche Ausführung und geläuterter Geschmack

begegneten. In diesem Sonderwettbewerb wurde nur eine Ehrenurkunde vergeben.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß das Er­gebnis des Wettbewerbs den Aufwand an Arbeit, Zeit, Mühe und Kosten vollauf rechtfertigte. Der Einzelhandel in unserer Stadt bewies, daß er es in bezug auf die Schaufenstergestaltung mit der Er­ziehung des Nachwuchses ernst nimmt. Die Teil­nehmer ihrerseits zeigten sich strebsam und darum bemüht, Gestaltungskraft zu beweisen und sorgfäl­tige Arbeit zu zeigen. Nachstehend die

Ergebnisse des Wettbewerbs:

Ehrenurkunden erhielten:

Leistungsklasse I: Otto Reitschmidt (Franz Bette, Mäusburg); Walter Harnisch (Farbenhaus Obermann, Neuen Bäue), Erich Tho­me (Karzentta, Seltersweg); Hans Völpel (Hett- lage, Neustadt).

Leistungsklasse II: Fritz Meier (Kil- binger, Seltersweg); Erwin Horrmann (Hoch- ftätter, Blockstraße).

Leistungsklasse III: Curt Hausrath (Farbenhaus Obermann, Neuen Bäue); Marianne Reitz (Brüder Schmidt, Seltersweg); Wilhelm Becker (Otto Säubert, Selterstor).

Leistungsklasse V: Adolf Steinmüller

Wenn Augen versagen Magnus-Brillen tragen!

(Franz Schneberger, Schulstraße); Herbert Becker, (Winterhoff, Kreuzplatz); Theo Bayer (Textilhaus Graf, Marktstraße); Friedrich Günther (Karl Beck, Seltersweg); Waltraud H u 11 e b (Karzentta, Seltersweg); Paul Neid er t (Gebr. Seelbach, Seltersweg).

Leistungsklasse VI: Magnus Wehr (Schade & Füllgrabc, Frankfurter Straße).

Leistungsklasse VII: Ottokar Eidmann (Winterhoss, Kreuzplatz); Walter Kohschmieder (I. B. Häuser, Neustadt); Helmuth Wittmann (Gustav Geisse, Seltersweg); Robert Muth (Otto Säubert, Seltersweg).

Leistungsklasse VIII: Bruno Richter (Fischhaus Nordsee, Seltersweg); Hans Betz (Anton Betz, Schulstraße).

Gruppe Sonberfenffer (Führersensler):

Leistungsklasse VII: Theo Keuper (Franz Bette, Mäusburg), Ehrenurkunde.

Anerkennungen.

Folgende Fenster wurden mit der NoteGut" ausgezeichnet:

Leistungsklasse I: Leck, Aenne (Carl Schmidt, Bahnhofstraße); Weller, Heinz (Schne­berger, Schulstraße).

Leistungsklasse II: Schmidt, Wilhelm (I. B. Häuser, Neustadt); Doigtländer, Artur (I. B. Häuser); Schäfer, Helmuth (Modehaus Carl Nowack, Seltersweg); Stroh, Margot (Chr. Arnold, Bahn­hofstraße).

L e i st u n g s k l a s s e III: Funk, Wilhelm (Kar-

Gießener Stadttheater.

Ralph Benatzky:MeineSchwefter und ich"

Wir haben dieses Stück musikalisches Lustspiel in vier Bildern von B e r r und Verneuil, Musik von Benatzky 1930 zuerst unter Prasch und mit Schauspiel-Besetzung gehört, und es spricht für feine Qualitäten, daß es heute, nach fast zehn Jahren, noch immer sehr frisch und revolutionierend wirkt: was damals als ein erfreulicher Vorstoß ins Neuland und als ein Versuch begrüßt wurde, das alte, ausgeleierte Operettenklischee zu durch­brechen, gilt heute noch unvermindert. Während auf dem Felde der zeitgenössischen Oper in den letzten Jahren von den verschiedensten Seiten her inter­essante und erfolgversprechende Ansätze zur Gewin­nung neuer Inhalte und Formen erkennbar wurden, erwies sich die Operette immer noch weithin an eine Tradition gebunden, die starrer und noch weniger angreifbar zu sein scheint als im Opernrepertoire, undMeine Schwester und ich" blieb, soweit wir sehen können, als stilistische Sonderart vereinzelt und ohne Nachfolge.

Das ist schade, denn hier ist ein Text, den man anhören kann und sogar versteht, auch wenn er gesungen wird. Benatzkys Musik ist nicht groß, aber sie sitzt, hat Schmiß und Schwung und rhyth­mische Präzision. Er ist für diese Gattung begabt wie wenige; ihm ist etwas eingefallen, und er schrieb nicht mehr, als ihm einfiel, wozu er in einem Lust­spiel mit Musik auch nicht verpflichtet war. Außer­dem bestteitet er das ganze Orchester mit einem Flügel und (im ersten Teil) mit einer respondieren- ben Solo-Geige hinter der Szene. Man sieht und hört, daß keineswegs ein opernhaft aufgefchwellter instrumentaler Apparat erforderlich ist.

*

Die Handlung ist einfach, übersichtlich, ohne das übliche Füllsel und Verlegenheitsbeiwerk des land­läufigen Operettenschemas, außerdem originell so­wohl' in der Zweiteilung wie in der einer Rahmenerzählung entsprechenden Rundung durch Vor- und Nachspiel: die Geschichte einer Liebe auf den ersten Blick, die aussichtslos scheint, durch List zum Ziele gelangt, eine Enttäuschung erlebt und vor dem Scheidungsrichter neu erwacht. Da es sich ausdrücklich nicht um das handelt, was wir fei undenklichen Zeiten Operette zu nennen genjognt sind, fällt es gar nicht auf, daß verhältnismäßig wenig gesungen wird und das Wenige überdies eher halblaut, parlando, im Sprechgesang und manchmal ein wenig im Kabarett-Ton.

Herr Popelka am Flügel traf den impro­visatorischen Kammerspiel^Stil der heiteren Lustspiel- Melodie ausgezeichnet, stets im festen Kontakt mit dem Bühnenoorgang, Herr B u ch h e i m als Spiel­leiter am besten im ersten, zweiten und vierten Bild, während bas dritte unter Verzicht auf einige Realitäten älterer Art etwas gedämpfter Hätte gege­ben werden können. Die Schauplätze, vor allem die Bibliothek und hernach der Schuhladen, waren von Herrn Löffler geschmackvoll hergerichtet. Thea Maaß hatte die Tanze einstudiert, die großen An­klang fanden und verschiedentlich wiederholt werden mußten.

Eva Eckert als Dolly, erst Prinzessin, dann Verkäuferin (in einem Schuhgeschäft, für achtzig Francs Salär in der Woche") gab eine Lustspiel- figur mit gesanglichen Qualitäten, leicht, heiter, ver­liebt. Herr E r I e r spielte den Dr. Fleuriot, den seinerzeit Herr Hub hatte, mit Humor und einer ausgesprochenen Eignung für den Singstil, der hier verlangt wird. Anneliese Garbe war die sehr muntere, tänzerisch bewegliche Verkäuferin Irma, die mit Wonne und nicht ohne Talent ins Revue- Fach hinüberwechfelt. Ihr Terzett mit den Herren Haars, der den aufgeregten Herrn Filosel spielte, und Bley, als elegantem Grafen Lacy, kam be­sonders hübsch heraus.

Das Publikum war gleich in Stimmung und ging sehr angeregt mit. Großer Beifall.

Hans Thyriot.

Lebendige Natur.

Don Paul Eipper.

Es geht Ihnen wahrscheinlich nicht anders als mir: da und dort begegnen Sie bisweilen einem Menschen mit verknittertem Gesicht oder schauen Sie vielleicht selber heute grimmig drein? Gründe gibts ja im Alltag mancherlei: es ist Ihnen kalt, Sie sind überlastet und gehetzt, Sie müssen sich über ihren Nachbarn ärgern, kriegen einen Schnupfen, haben zu wenig Geld, Ihr Magen ist empfindlich; an Ursachen, sich von feiner Laune beeinflussen zu lassen, fehlt es wirklich nicht.

Aber die Abschaffung einer Einzelursache ist nach meiner Erfahrung gänzlich zwecklos; im Eilschritt käme dafür ein neuer Vorwand herbei, um miß­gelaunt zu sein. Sie müssen das liebel bei der Wur­zel packen, müssen nachforschen, warum Sie so

schnell durch kleine Dinge aus dem Gleichgewicht kommen.

Vielleicht kann ich es Ihnen sagen! Wir Men­schen drehen uns zu viel um uns selber; wir haben offenbar vergessen, daß wir nicht allein die Erde bevölkern, daß um uns auch noch andere Geschöpfe atmen, Bäume, Blumen und Tiere, und daß diese genau so daseinsberechtigt sind auf unserem Plane­ten wie wir, daß erst die DreiheitMensch, Tier und Pflanze" den Begriff des Lebendigen ganz er­füllt, die Welt und unsere Heimat. Der Führer hat einmal gesagt:Schön und reich an Pflanzen und Tieren muß unser Land sein, wenn wir ihm die Liebe unseres Volkes auf ewig erhalten wollen."

Schauen wir uns doch die beiden Lebenspartner besser und öfters an, nicht von einer dünkelhaft über­höhten Plattform herunter, sondern kameradschaft­lich gleichgestellt, nicht allein den Nutzwert berech­nen (das kommt ganz von selber). Jene gesunde Lebensneugier soll uns führen, die das Herz weit macht und zugleich auch den Verstand.

Ein Wunder geschieht dann, eine innere Ver­wandlung: wir lernen wieder staunen, staunen über die Gesetzmäßigkeit und die Schönheit der leben­digen Natur; wir ahnen Zusammenhänge mit uns da und dort und finden Nutzen, wo wir ihn gar nicht suchten. Wir lächeln über unsere oft über­triebe Hast, wenn wir erst einmal wieder gelernt haben, den Liebreiz einer Blumenwiese in uns auf­zunehmen, wenn wir den Esel nicht nur als Schimpfwort betrachten und den Wald nicht nur als ein unebenes Gelände, das möglichst schnell und geräuschvoll zu durchwandern ist.

Langweilig sei alles, gar nicht interessant für Sie? Lieber Freund, es gibt ungefähr 250 000 Ar­ten Insekten auf der Welt, gut 12 000 verschiedene Vögel und 7000 Säugetiere. (Eibenbäume können bis zu 2000 Jahren alt werden, Zypressen noch älter, und vielleicht steht da und dort in unserem Vaterland noch eine Eiche, die schon dem Sachsen­könig Heinrich ihre grünen Maientriebe zeigte. Da­für schwirren im Sommer wunderschöne kleine Flügeltiere durch die Luft, deren Leben sich in einem Tag erfüllt und endet. Was lebt, vergeht zu seiner Zeit: Menschen sterben, Pflanzen und Tiere. Die eine Generation muß der kommenden Platz machen; unausdenkbar wäre die Katastrophe, würde plötzlich die Unsterblichkeit wirksam werden: eine Stuben­fliege, die im April zum Leben erwacht, hätte im September des gleichen Jahres wohl 330 Trillionen Nachkommen, wenn alle ihre Eier, die sie und ihre Kinder legen, zur Entwicklung kämen. Schon an diesem einen Beispiel zeigt sich übrigens, welch große Gefahr das Jnsektenvolk für unsere Welt

bedeutet; da wird der grimme Tiger zu einer recht bescheidenen Figur.

Wissen Sie, daß beim Seepferdchen der Vater eine Brufttasche vor dem Bauch trägt, in die das Weib­chen seine (Eier legt, damit dort die Jungen aus- reifen und schlüpfen? Wissen Sie, daß die Sma­ragd-Ameisen ihre eigenen Larven als Spinn­maschinen benützen? Wenn das Blattnest gerissen ist, schleppt eine solche tropische Ameise zwischen ihren Kiefern eine Larve herbei und führt das Kind wie ein Weberschifflein kreuz und quer am klaffenden Nestspalt entlang. Aus dem Mundteil der Larve quillt klebriger Saft, durch viele dünne und zähe Fäden wird der Riß geheilt und zugesponnen.

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie­so der langbeinige Storch, der Kranich und der Flamingo nicht nur stundenlang auf einem Bein stehen können, sondern in dieser akrobatischen Stel­lung auch schlafen, ohne umzukippen? Diese Vogel haben nämlich eine Sperrvorrichtung im Gelenk, die einschnappt wie die Klinge eines guten Taschen­messers, und so lange selbständig die Versteifung hält, bis der Vogel erwacht und durch einen Fußruck die Sicherung wieder auslöst.

Oh, ich könnte noch mit tausend Beispielen locken! Es wäre falsch, denn der rechte Appetit kommt erst beim selbständigen Essen, die wahre Lust zu schauen erst bei dem, der gelernt hat, für sich allein zu beobachten. Fangen Sie in Ihrer nächsten Freizeit damit an; Sie werden dann ohne Mühe Ihre kalten Füße vergessen und ihren Groll auf den Pultnach­bar im Büro. Sie werden sogar die Asphaltstraßen der Stadt vergessen und dafür erneut das Glück kennen­lernen, gleich Ihren Ahnen wieder auf dem gewachse­nen Boden zu gehen. Aber machen Sie kein böses Gesicht, wenn es draußen regnet oder wenn Nebel­dunst die Sonne verhängt. Auch solche Tage braucht das Jahr, damit die Blumen blühen, die Bäume wachsen und die Früchte reif werden. Wenn man mit der rechten Kleidung angetan ist, ist jedes Wet­ter gut zum Wandern und zum Erleben. Jedesmal, wenn Sie von einer solchen Ferienstunde zurückkom­men in Ihre Wohnung, zu Ihrer Arbeit, werden Sie reicher geworden sein an inneren Werten, sehn­süchtiger dazu auf neues Schauen. Sie werden die anderen Gesichter ausbügeln, weil Sie Harmonie um sich verbreiten, werden Ihren Mitmenschen Auf-- trieb geben durch Ihr seelisches Gleichgewicht; denn Sie selbst sind gütiger geworden durch die brüder­liche Beziehung zur lebendigen Natur.

Denken Sie aber auch hier an die Zukunft un­seres Volkes, nehmen Sie beizeiten Ihre Kinder mit auf diesen schönen, träftespendenden Weg!