Nr. 90 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, (8. April (939
Aus der Stadt Gießen.
Apriltage.
„April, April, der macht, was er will!" sangen wir früher als Kinder, wenn uns der April mit seinen Wetterlaunen von unseren Spielen auf der Straße fortjagte. Und soviel sich auch seither auf dieser Welt geändert hat, der Apvil ist anscheinend geblieben, wie er war: einmal strahlt die Sonne warm vom seidig-blauen Himmel, dann wieder sind plötzlich dicke weiße Wolkenberge da oder gar schwarze, aus denen ein Regenschauer - herniederprasselt; einmal ist die Luft still, ein andermal weht heftiger Frühlingswind; einmal ist es kühl, ein andermal schwül, und es hat sogar schon geblitzt und gedonnert!
Dem Kastanienbaum uns gegenüber scheint dieses Wetter sehr zu behagen. Letzte Woche war er noch kahl und traurig, dann bekam er Knospen, die — man konnte förmlich zusehen! — immer dicker und dicker wurden, und jetzt hat er schon richtige, grüne Blätter! Wie kleine hilflose Hände sehen sie aus.
Der Balkon, monatelang übersehen und gemieden, wird plötzlich wieder ein durchaus beachtenswerter Aufenthaltsort.
Und der Garten? Wie das blüht! Beinahe so schön wie auf den neuen Frühjahrshüten. Und wie es duftet! Die Bienen brummeln von den blauen Szillas zu den roten Hyazinthen, vom Lärchensporn zu den Beilchen. Hrnrnrn! Ein feine Sache!
Die Hausfrau sieht nach dem Rhabarber und holt sich Schnittlauch und Sauerampfer. Und die rosa Pfirsichbäumchen sehen aus wie junge Mädels im Tanzstundenkleid!
Man möchte gern spazierengehen, aber als verantwortungsbewußte Hausfrau hat man jetzt an den Frühjahrsputz zu denken. Warum der noch nicht fertig ist? Ich will es verraten: die Weißbinder waren in der Wohnung! Brauche ich da noch mehr zu sagen? Da wird uns Hausfrauen immer vorgeworfen, wir machten so'n Durcheinander, wenn wir putzen, na, ich weiß nicht, wer's besser kann! Nein, ich will wirklich nicht mehr davon erzählen. Ich denke, jeder hat's schon mal selber erlebt. Und wenn ein bekannter Schriftsteller fordert: „Schafft euch Erinnerungen!", dann hat er doch wohl andere gemeint!
Also, setzt wird geputzt? Gestern hatte meine Tochter sogar einen Schulaufsatz über den Frühjahrsputz zu schreiben. Ich kann mir zwar nichts denken, was diesen zehnjährigen Mädels ferner läge, aber Einfühlung ist im Leben eine wichtige Sache.
Der Vogel „Spitz dik Schar" — wie man hier in Hessen die Kohlmeise so hübsch nennt — ruft mit bewundernswürdiger Ausdauer. Ob es am Ende heißen soll: „Putz das Haus"? E. L. St.
Dornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
BDM.-Werk „Glaube und Schönheit" des Standortes Gießen: 20.15 Uhr im Studentenheim Eltern- nnd Gäftrabend. — Stadtheater: 20 bis nach 22 Uhr: „Einen Sommer lang". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Menschen vom Variete". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Gefährliche Mitwisser". — 20 Uhr im Cafe Leib Gas-Backabend. — Ober- hessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung hiesiger Künstler im Turmhaus am Brand.
Stadltheater Gießen.
Heute, um 20 Uhr, findet die erste Wiederholung des Lustspiels von Katharina Stoll „Einen Sommer lang" statt. Spielleitung Günter Winkel, Bühnenbild Karl Löffler. Die Vorstellung findet gleichzeitig als 28. Vorstellung der Dienstag-Miete statt. Ende nach 22 Uhr.
BOM.-Untergau 116 Gießen.
Zu unserem heute um 20.15 Uhr im Studentenheim stattfindenden Elternabend sind alle herzlich willkommen. Wir werden einiges aus der Arbeit des BDM. - Werks zeigen und damit unseren Gästen einen Einblick in die Arbeit des BDM.- Werks geben. Wir hoffen, daß die Eltern recht zahlreich er s chei ne n.___
Hine Frau mit Herz
Roman von Hedda Lindner
Copyright by Carl Dunckcr Verlag, Berlin
5 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Das habe ich, als Böninger es erzählte, erst auch gedacht. Aber es stimmt schon. Em einziger Mann hat tatsächlich alle „prominenten Juwelen- dicbe zu einem Unternehmen organisiert, das in allen Ländern arbeitet. Mal wird der eine oder andere gefaßt, dann füllt sich die Lucke wieder, und die Sache geht weiter." „
„Das klingt wie ein Schauerroman/
„Es ist einer", sagte Holl ernst „und ich kann verstehen, daß die Polizei alles daransetzt, diesen Mann zu fassen."
„Kennt man chn denn?
„Dann hätte man ihn wohl schon. Für die Polizei der beteiligten Lander ist er ein Begriff unter dem Namen „Chamäleon" wegen seiner unglaublichen Meisterschaft in der das wacht
ihn so gefährlich. Oft, wenn man dicht daran war, ihn zu Lasten, verschwand er spurlos, um an einer anderen Stelle unter einer ganz neuen, harmlosen Maske den nächsten Zug oorzubereiten.
„Und die Frau hat nichts verraten?
"Nichts. Man kann ihr vorläufig nicht einmal Nachweisen daß sie die smarte Anita ist, denn ihr Paß stimmt. Solche Sachen stimmen bei dem Chamäleon immer", sagte Kommissar Weber, als Böninger zweifelte.
Was geschieht denn nun mit ihr?
"Vorläufig sitzt sie. Die gefundenen Ringe sind Grund genug. Man hofft, daß die Engländer e identifizieren können. Scotland Pard wird jedenfalls t.m« M-ch- Idiouen, in 6nfllnnb U °°k Th.m.i.nn “• SS IpWSfÄfywj!:
ÄÄÄÖ’Äg Department. Sie können sich denken, wie Ccot Warb hinter dem Kerl her ist. Xusals
„Und für die Gehilfin eines solchen Scheusals hat man mich gehalten!" Eporte sie sich.
O weh, gerade das sollten Sie doch Bergeisen und unser Biringen nicht in so schlechter Erinnerung behalten. Wir wollen lieber von angenehmeren
Das HZ-Heim der Stadt Gießen.
Arn vergangenen Samstag berichteten wir bereits, daß mit dem Bau d e s HI. - Heimes in Gießen Anfang Mai begonnen werden wird. Der Bau gelangt nach den Plänen des Offenbacher Architekten Carl Müller zur Ausführung, der seinerzeit bei dem Wettbewerbs-Ausschreiben, das der Oberbürgermeister unserer Stadt zur Erlangung von Entwürfen für ein HI.-Heim erlassen hatte, unter 120 Entwürfen mit dem 1. Preis ausgezeichnet wurde. Das Heim wird aus Mitteln der Stadt Gießen errichtet, da nach dem Gesetz vom 1. Dezember 1936 der Hitler-Jugend der öffentlich-rechtliche Erziehungsanspruch zugestanden und den Gemeinden die Förderung der Hitler-Jugend zur Aufgabe gemacht wurde in einem ähnlichen Sinne, wie das Schulwesen die Pflege der Gemeinden erfährt.
Wie der zuständige Referent im Bannstab der Hitler-Jugend uns erklärt, wird das nunmehr entstehende Heim am Wartweg nicht das einzige Heim bleiben können, das von der Stadt erbaut werden wird. So wurden z. B. schon die ersten Schritte für die Schaffung eines Heimes für die Marine-Hitler- Jugend unternommen, indem an der Lahn, unweit der früheren Militär-Schwimm-Badeanstalt ein Grundstück und ein Haus erworben wurden, um dort in absehbarer Zeit der Marine-Hitler-Iugend zur Verfügung gestellt zu werden.
Die Gestaltung des Gießener Hitler-Jugend-Hei- mes wird, was seine äußere Form und seine innere Ausgestaltung anbetrifjt, von einer einheitlichen künstlerischen Linie bestimmt sein, denn wie die Pläne überhaupt, so obliegt auch die Innenausstattung dem beauftragten Architekten.
Nachstehend sei — nach Aufzeichnungen des Architekten — ein Ueberblicf über das große Bauvorhaben gegeben.
Die Lage.
Die Lage und die Beschaffenheit des Bauplatzes lassen eine großzügige Anordnung der Gesamtplanung zu. Die Feierhalle an der Ecke des Wartweges und der Fichtestraße und als höchstes Gebäude der Anlage wird aus städtebaulichen Gründen schon allein diese Stelle einnehmen müssen. Von dieser Ecke aus wird auch der Zugang zu der Gesamtanlage geschaffen werden, und zwar zum Appellplatz,, zum Heim und zur Feierhalle. Da$ Heim ist als selbständiger Bauteil gedacht. Lediglich um den geschlossenen Eindruck zu erreichen, werden offene Hallen als Verbindung zwischen Heimbau und Feierhalle eingeschaltet. Die auf dem Baugelände vorhandenen Bäume will der Architekt zum Teil erhalten und zur Verschönerung in der Gesamtwirkung ausnützen. Am Abhang nach Nordosten wird eine Spielwiese mit Zugang vom Heim durch die Eingangshalle angelegt, nachdem die Anlage eines Sportplatzes an dieser Stelle nicht erforderlich ist. Durch Baumpflanzungen sind auf beiden Seiten des Heimes gegen Sicht von Straße und Nachbar Heimgärten für Erholungszwecke vorgesehen. Diese Heimgärten sollen als große Grünflächen, unterbrochen durch kleine Brunnen, Stauden und Blumenrabatten und in freier Verwendung durch Ausstellung von Sitzbänken angelegt werden. Für den Hausmeister wird ein Wohnhaus gebaut, außerdem auch ein Nutzgarten angelegt.
Der Heim-Ban.
Die gemeinsame Eingangs- und Fahnenhalle, die vom Äppellplatz zugänglich ist, verbindet die auf beiden Seiten angeordneten Schar-Räume für HI. und BDM. mit den dazugehörigen Werk- und Bastelräumen. Die Umkleideräume, die Brausebad- Anlagen, wie auch die Luftschutzräume, die in das Kellergeschoß verlegt werden, sind über zwei besonders angeordnete Treppenanlagen zu erreichen. Das Kellergeschoß erhält weiterhin einen gemeinsamen Raum zum Trocknen von durchnäßten Kleidern und Gepäck. Den Werkräumen ist ein besonderer Mate- rialiewKeller beigegeben.
Im Erdgeschoß befinden sich je drei Schar-Räume und je ein Führerzimmer. Selbstverständlich sind
auch die notwendigen hygienischen Einrichtungen zweckmäßig in bas Bauwerk eingefügt. In je zwei Schar-Räume können durch die grundrißliche Gestaltung Lese- und Spielecken eingefügt werden. Die Schar-Räume werden im Bemühen, sie heimelig und schön auszugestalten, mit Kachelöfen ausgestattet. Den Schar-Räumen sind Appellflure vorgelagert. Die notwendigen Fahrrad-Unterstellräume befinden sich in den nach der Appellplatzseite offenen Verbindungsbauten für HI. und BDM. getrennt.
Die Feierhalle.
Der Feier-Raum wird als große Halle mit sichtbarer Holzbalkendecke ausgebildet. Die in der Halle, dem Eingang gegenüberliegende Seite wird um fünf Stufen erhöht und als Fahnenpodest gestaltet. Im Blickpunkt des Raumes soll ein Wandgemälde oder ein Relief die Zweckbestimmung des Raumes
Gestern abend fand im Haufe der Deutschen Arbeitsfront in der Schanzenstraße eine Arbeitssitzung des Wettkampfausschusses für den^ Schaufenster-Wettbewerb im Reichsberufswettkampf statt. Die Sitzung war sehr gut besucht und brachte vielfältigen Aufschluß über die Durchführung der Bewertung der Schaufenster, die am kommenden Freitag vorgenommen wird. Erfreulicherweise ist die Beteiligung am diesjährigen Schaufenster-Wettbewerb um 30 v. H. höher als im Vorjahre. Der Wettkampfausschuß wird insgesamt etwa 110 Schaufenster der verschiedensten Branchen zu bewerten haben.
Nachdem Wettkampfleiter Steinel in kurzen grundsätzlichen Ausführungen über die Bedeutung der Schaufenster-Werbung gesprochen und dabei betont hatte, daß dem Einzelhandel mit dem Wettbewerb eine Möglichkeit gegeben sei, durch gesteigerte Leistung auf diesem Gebiete dem Führer einen Teil des Dankes abzustatten, wurden die einzelnen Bewertungsgruppen zusammengestellt. Jede Bewertungsgruppe setzt sich (für jedes Sachgebiet des Einzelhandels) aus drei Mitgliedern, und zwar aus einem Betriebsführer, einem Gefolgschaftsmitglied und einem Gebrauchswerber, zusammen.
Die Bewertung der Schaufenster erfolgt nach vier grundsätzlichen Gesichtspunkten: nach Idee und Planung, nach Werbeinhalt und Werbewirkung, Beurteilung der Anwendung von Hilfsmitteln und nach technischer (handwerklicher) und kün st le rischer Ausführung. Die Wertung wird in Form einer Punktwertung vorgenommen, die die Feststellung eines exakten Ergebnisses ermöglicht. Die besten Schaufenster wer-
Die Kriegsbeschädigten des Weltkrieges haben es schon öfter erfahren können, daß ihr Opfer an Blut und Gesundheit im Dritten Reich so gewürdigt wird, wie es dem großen Einsatz entspricht, den sie im Weltkrieg dem Vaterlande brachten. Diese Würdigung werden aus Anlaß des 50. Geburtstages des Führers die Kriegsbeschädigten erneut erfahren, indem ihnen ein festlicher Tag bereitet werden wird. Die in der Nationalsozialistischen Kriegsopferver- sorgung zusammengeschlossenen kriegsbeschädigten Kameraden werden am kommenden Donnerstag, 20. April, Gäste des DDAC. fein und geschlossen an der militärischen Feier teilnehmen, die auf dem hinteren Trieb stattfindet. Pünktlich um 9 Uhr wird man sich auf Oswaldsgarten zur Ausgabe 7>er DDAC.-Abzeichen einfinden. Von dort wird dann
kennzeichnen. Der Fußboden wird voraussichtlich aus Zweckmäßigkeitsgründen mit Klinkerplatten belegt. Die Wände werden in rauhem Kalkmörtelverputz gehalten. Mit der farbigen Behandlung von Wandflächen und Decken wird dem Raum ein feierliches Gepräge gegeben.
Das Aeußere soll in Bruchstein-Mauerwerk (Grauwacke) ausgeführt werden. Das Heim selbst und das Hausmeister-Wohnhaus werden aus Backsteinen erstellt und mit einem wetterfesten Verputz versehen. Um eine Beziehung des durch Material und Maßstab bestimmten Hauptgebäudes zu den übrigen Gebäudeteilen zu erreichen, wird eine Wiederholung des Bruchstein-Mauerwerks an den Ecken und Eingängen erstrebt.
Das Hitler-Iugend-Heim Gießen dürfte nach seiner Fertigstellung nicht nur ein Schmuckstück für unsere Stadt bedeuten, sondern auch eine Stätte, in der der deutschen Zukunft ein Dienst erwiesen wird, weil dieser Dienst der Jugend und damit immer den kommenden Generationen gilt.
Leistungsbeweis im Schaufenster.
Wettkampfausschuß zum Schaufenster-Wettbewerb tagte.
Festlicher Tag für Kriegsopfer.
71SKOV. als Gast des DOAL.
eine Fahrt durch die Stadt zum Paradeplatz unternommen. Für die Kriegsbeschädigten sind besondere Plätze angewiesen, für die Schwerkriegsbeschädigten wird außerdem für Sitzgelegenheit gesorgt fein. Nach der Parade finden sich die Kameraden zu einem gemeinsamen Essen in den Gießener Kasernen ein, das vom DDAC. gestiftet worden ist. Im Anschluß an das Mittagessen wird Gelegenheit gegeben sein, die modernen Waffen zu besichtigen. Im Verlaufe des Nachmittags ist bann eine Fahrt zum Flughafen vorgesehen, der unter sachkundiger Führung besichtigt werden kann. Die Luftwaffe wird mit einigen Vorführungen die Kameraden zu unterhalten wissen. Ein kameradschaftliches Beisammensein wird anschließend die alten Kameraden mit den jungen Kameraden der jüngsten deutschen Waffe
den auch in diesem Jahre wieder mit Urkunden ausgezeichnet, die von den Geschäftsinhabern im Schaufenster gezeigt werden können. Die Schaufenster, die zum Wettbewerb angemeldet sind, werden auch' in diesem Jahre wieder durch entsprechende Plakate gekennzeichnet sein. Für die Bewertung war die Un-
l/avabel. ein Gewebe, um das sich’s dreht, in vielen eleganten Modedrucks, für schöne Frühjahrs- u. Sommer- (1 OE Kleider, ca. 95 cmbr., m 3*10,2.90, J
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ferteilung in verschiedene Fachgruppen notwendig. In der Gruppe Textil sind 25 Schaufenster gemeldet, in der Gruppe Nahrung und Genuß ebenfalls 25, für Glas und Porzellan 10, für Eisen und Metall 15, für Schuhe und Lederwaren 8, Uhren und Schmuck 10, Raumgestaltung 8, Drogerien 6 und Buchhandel 4 Schaufenster. Es ist aber damit zu rechnen, das noch einige weitere Meldungen eingehen.
Am kommenden Sonntag wird ein Rund gang ftattfinöen, zu dem von der Wettbewerbsleitung die Vertreter der Partei, der Wehrmacht und der Behörden eingeladen werden.
Die ganze Aktion des Schaufenster-Wettbewerbs läßt schon jetzt erkennen, daß sich der Gießener Einzelhandel energisch bemüht, den Forderungen der Gegenwart durch gute Schaufenster-Werbung gerecht zu werden und auch damit seine Leistungssähi"- keit zu beweisen.
waren
du nicht regelrecht hungern willst — es scheußliche Zeiten."
„Denen nun hoffentlich um so schönere folgen werden", sagte er herzlich.
„Hoffentlich. Bessere als bisher auf alle Falle, dank dieser Großtante. Aber jetzt haben wir die ganze Zeit nur von mir geredet, nun muffen Sie auch mal etwas von sich erzählen. Gehören Sie hier irgendwie zur Polizei — für Flugplätze
Dingen reden. Mit Ihrer Reise scheinen Sie ja sonst zufrieden zu fein."
„Dazu habe ich allen Grund." Sie sah ihn nachdenklich prüfend an. Er hatte unbedingt etwas Vertrauenerweckendes. Er war groß und hager, hatte scharfe helle Augen im eckigen Gesicht, und dieses Gesicht war bei aller Verschlossenheit sehr ehrlich; dazu kam, daß die ungewöhnliche Art ihrer Bekanntschaft sie vertrauter sein ließ, als es sonst in so kurzer Zeit der Fall gewesen wäre. Sie hatte sonst niemanden, zu dem sie sprechen konnte, und war so erfüllt von dem jähen Umschwung ihrer Lage, daß sie, entgegen ihrer sonstigen Art, aus sich herausging und Peter Holk von ihrem bisherigen Dajein und dem überraschenden Testament der Großtante erzählte.
Er hörte mit aufrichtiger Anteilnahme zu. „Das klingt tatsächlich wie ein Märchen", meinte er bann, „aber immerhin — nach den Zeiten vorher braucht Ihnen nun wenigstens nicht mehr vor dem Neid der Götter zu grauen. Die haben doch anscheinend einiges an Ihnen gutzumachen."
„Die letzten Jahre, feit ich die Stellung in der Buchhandlung bekam, waren erträglich, aber vorher ...", ihr Mund wurde schmal. Dann sprach sie ruhig weiter: „Ich bin auch früher niemals reich gewesen, aber es war doch alles da, was man braucht — und auch ein bißchen drüber. Und wenn es bann ganz plötzlich von heute auf morgen heißt: bis bamt* unb bann mußt bu Arbeit haben, wenn
o^,/Nein. Ich bin der sogenannte erste Flugleiter dieses Platzes." , r,.
,,Aha! Sie sorgen dafür, daß die Maschinen richtig landen?" . . , , .
Er' schüttelte den Kopf. „Zum Heremholen der Maschinen ist der Peilflugleiter.da. Aber von ihm, das heißt von »ber Funkstelle, bekomme ich Mel- bung, wenn ein Flugzeug kommt."
„Ünb bann gehen Sie hinaus unb nehmen sie in Empfang?" _ , .
Ich persönlich nicht. Das ist Sache des zweiten Fl'Ügleiters unb der Assistenten. Ich kümmere wich um die Einteilung der Flugzeuge, um die Ladelisten, die Buchungen und ähnliches."
„Aber neulich waren Sie doch am Flugzeug?"
Also hatte sie ihn draußen bemerkt und erinnerte sich — es war ein leises, angenehmes Streicheln, das zu wissen. „Das war ein Ausnahmefall", erklärte er. „Kommissar Weber war angekündigt, und um etwaige Spione des Chamäleons nicht stutzig zu machen, habe ich ihn an Stelle eines feiner Kollegen empfangen. Sonst habe ich mit Fluggästen persönlich nichts zu tun."
„Ich bin also auch ein Ausnahmefall", lachte Dina vergnügt. Sie fühlte sich froh wie lange nicht mehr. Es war alles schön heute, die Sonne, der blaue, wolkenlose Septemberhimmel, das Leben auf dem Platz mit dem Kommen und Gehen der Menschen, dem Dröhnen der Maschinen — es war ein herrlicher Tag.
Wie jung sie aussieht, dachte der Mann, und wie gut ihr das Lachen steht, ihr ganzes Gesicht wird von innen heraus hell. Viele Frauen sehen töricht aus, wenn sie lachen.
„Aber einer, der gern zur Regel werden darf", gab er auf ihre Bemerkung zurück.
„Sieh mal an, ^Komplimente machen Sie auch?" „Gelegentlich. Als Dienst am Kunden."
„Sie enttäuschen mich."
„Weil ich um Ihre häufige Wiederkehr bemüht bin?"
„Im Interesse Ihrer Gesellschaft?"
„Ich würde nie wagen, ein persönliches Interesse in den Vordergrund zu schieben", gab er prompt zurück.
Dina wurde verlegen. Kokettieren lag ihr sonst wirklich nicht. Es war die glückliche Stimmung, die sie übermütig machte. Aber jetzt hatte sie sich festgefahren.
„Sind Sie schon lange in Biringen?"
Er ging sofort daraus ein. „Seit einem Jahr erst. Vorher war ich in Kolumbien, bei der Scadta, so heißt die dortige Fluggesellschaft, fügte er erklärend hinzu.
„Ach so, auch als Flugleiter?"
„Nein, als Pilot. Aber dann packte mich die Malaria; das Klima in Baranquilla, wo ich zuletzt stationiert war, ist ziemlich ungünstig für Europäer. Und da war es natürlich aus mit der Fliegerei."
„Müssen alle Flugleiter Piloten sein?"
„Müssen nicht. Aber es schadet nichts, wenn sie es sind. Man hat doch manchmal den Piloten Anweisungen zu geben, die ihnen, sagen wir, etwas unbequem sind. Und da ist cs ganz gut, wenn man selbst vom Fach ist."
„Das leuchtet mir ein, und es..." Sie brach ab, denn der Lautsprecher rief die Fluggäste nach Berlin.
„Schon?" sagte sie ungläubig und sah auf ihre Uhr. „Weiß Gott, die zwei Stunden sind um."
„Tatsächlich!" Holk hatte zuletzt ebensowenig auf die Zeit geachtet, zumal er wußte, daß rechtzeitig aufgerufen wurde; nun war er genau so überrascht wie Dina, und in sein Erstaunen mischte sich gleichzeitig etwas wie Bedauern, er hätte gern noch ein Weilchen länger neben ihr gesessen.
„Sie brauchen nicht zu eilen", beruhigte er, als sie hastig aufsprang. Bis zum Start ist noch reichlich Zeit. Darf ich erfahren, was Sie jetzt für Pläne haben?" fragte er, während sie nebeneinander zum Flugzeug gingen.
„Bis zum ersten Januar bleibe ich in meiner Stellung, ich habe vierteljährliche Kündigung", sagte Dina etwas eilig, „bann werde ich vermutlich wieder in die Schweiz kommen, erst zum Notar nach Luzern und nachher irgendwo Schiläufen."
„Sie erzählten, daß Sie in einer Buchhandlung arbeiten. Meine alte Dame lebt in Potsdam; tiß lieft gern und viel, und ich verstehe recht wenig von Büchern. Darf ich mich Weihnachten von Ihnen beraten lassen?"
„Ader natürlich!" Dina freute sich wirklich, daß sic ihm gefällig fein konnte. „Die Adresse ist: Langen- dorffsche Buchhandlung, Filiale Cäcilienstraße. Ziemlich weit im Westen", fügte sie noch hinzu. Sie mußte jetzt lauter sprechen, denn die Motoren liefen bereits. Er nickte zum Zeichen, daß er verstanden hatte.
Ein junger Mann ging in Begleitung eines älteren Herrn an Dina und dem Flugleiter vorüber zum Startplatz, sie mußten ebenfalls an dem Beamten vorüber, den Böninger auf alle Fälle zur Beobachtung des Flughafens angesetzt hatte. Der Beamte musterte sie wie alle Vorübergehenden und wandte sich dann gleichgültig ab: daß der Alte mit dem Stock, auf den er sich schwer stützte, echt war, sah man auf den ersten Blick, also war cs der Junge, der ihn so respektvoll geleitete, natürlich auch.
Man tut dem Kriminalassistenten Meineke Unrecht, wenn man ihn nunmehr mangelnder Beobachtungsgabe zeihen will, denn auch Böninger selbst wäre an diesem Paar nichts Besonderes ausgefallen, es sei denn, er hätte einiges von ihrer Unterhaltung auffangen können.
„Sie sind ganz sicher, daß Anita den Mund hält?" fragte der Jüngere in unverkennbarer Besorgnis.
(Fortsetzung folgt.)


