wandtschaft zwischen uns bestand.) „3ch möchte wohl glauben, daß man chr eine Freude damit machte."
In Wahrheit hatte ich noch gar nicht darüber nachgedacht. Es gab damals Dinge, die mir wichtiger erschienen waren.
„Da haben wir es!" stammelte er. „Ausgerechnet das, was ich mir für sie ausgedackt habe! Ein Gluck, daß ich dich fragte! Komm doch einmal mit auf mein Zimmer — ich hab nämlich schon damit begonnen!"
„Wie?" fragte ich. „Du hast doch nicht etwa vor, selber —?J
„Was denn sonst?" fragte er leicht erstaunt. „Kausen kann sich doch jeder so etwas. Es ist aller- dings gar nicht so einfach damit. Aber ich habe mir da eine Anleitung zur Oelmalerei gekauft. Gar nicht teuer übrigens, und es arbeitet sich vorzüglich danach. Zeichnen hab ich ja schon in der Schule immer gut können ... Weißt du, du mußt dir da wirklich etwas anderes ausfuchen."
In seinem Zimmer, das er in den Wochen vor dem Fest mit argwöhnischer Sorgfalt verschlossen hielt, sah es aus wie in einem Packraum. Kisten und Kästen, wohin man blickte, Pakete und Päckchen in allen Formen, Papierfetzen, Hobelspäne und Werkzeuge, Bundpapiere und Tannenzweige — es fehlte nichts. Selbst auf einer Bettdecke sah es aus wie in einem Trödelladen.
„Du bist einigermaßen beschäftigt, wie mir scheint?" fragte ich.
„Ein wenig", lächelte er. „Du weißt ja, daß ich die Gewohnheit habe, alles, was man nur irgend selbst herzustellen vermag, selbst in die Hand zu nehmen ... Und nun denk an meine Verpflichtungen! Da sind Georg und Friedrich und Oskar und Marlene, von deinen Eltern ganz zu schweigen. Und, wie gesagt, Tante Amalie, und für sie ist es ganz besonders schwierig, etwas zu finden, einen so auserwählten Geschmack, wie sie besitzt."
„Und da bist du darauf verfallen?"
„Genau wie du! Warte nur, gleich sollst du es sehen. Es ist allerdings noch nicht bis zum letzten fertig, aber es sind ja auch immer noch acht Tage bis zum Fest. O, du kannst dich hier ruhig um» blicken. Was du selber bekommst, habe ich für alle Fälle vorhin schon versteckt."
Selig lächelnd zog er einen mit Leinwand bespannten Keilrahmen hinter seinem Kleiderschrank hervor, und nun sah ich es.
Ein leiser Schauer lief mir über den Rücken.
„Ein Stilleben, ja! Tante Amalie hat einen ausgesprochenen Sinn für solche Motive. Immer, daß sie Blumen und Früchte geliebt hat. Hier! Die
sich in Leidenschaft zu einem weiblichen Mitglieds der deutschen „Slobodde" (Reservation), dem blutjungen, klassisch schönen Fräulein Anna Mons; ihretwegen verließ er die Zarin Eudoxia und wollte Anna zu seiner Gattin machen gegen den Widerstand aller rechtgläubigen und billig denkenden Alt- Russen, — doch mit einem Widerstand bei der Schönen hatte er nicht gerechnet. Anna hatte auf einer der „Assambleen" ihr Herz an den stattlichen, ritterlichen Vertreter der Krone Preußen verloren und erklärte front und frei, sie wolle nicht Kaiserin, sondern eine Keyserling werden! Strengster Hausarrest für Anna, gewaltiger Krach mit Keyserling, aber schließlich mußte Peter chnen das Glück gönnen, und Anna ward Herrin auf Sallehnen.
Uebrigens ist ein Balte, Johann von Besser, bereits vom Großen Kurfürsten als Diplomat verwandt worden. Mit der von Bismarck geforderten „Derantwortungsfteudigkeit bei fehlender b^w. zweifelhafter Instruktion" scheint dieser Sohn des Gottesländchens reichlich begnadet gewesen zu sein, wovon folgender Fall zeugt. 1684 wird er von seinem Souverän an den Hof von St. James nach London gesandt mit der Instruktion, in der heiklen Frage des Vortritts Kurbrandenburgs Prestige zu wahren. Nachdem Besser in London alles diesbezügliche vorbereitet hatte, mußte er es erleben, daß im letzten Augenblick, als die Tür zum Thronsaal sich öffnete, ihm der flinkere' Vertreter der polnischen Republik um einen Hacken gegen alle Vereinbarung zuvorkam. Im Nu hatte Besser den Frechdachs am Wickel, und schon flog er im Bogen in den Hintergrund zurück, worauf Besser in bester Haltung und schönstem Anstand sein Beglaubigungsschreiben Überreichte. Der Große Kurfürst hat sich über diese wohl doch nickt vorgesehene Methode, das Presttge Kur- brandenourgs zu wahren, gar baß gefreut, und Besser war bei ihm wie bei seinem Nachfolger persona gratissima, zumal da er einiges Geschick bewies, um Friedrich III. die ersehnte Königswürde zu beschaffen. Er vereinte in sich das Amt eines Hofdichters mit dem des ersten Oberzeremonienmeisters, als welcher er auch energisch durchzugreifen verstand, wovon es manchen spaßhaften Bericht gibt...
Um 1800 residiert in Berlin als russischer Gesandter der Livländer Kruedener, der Gatte der nachmals so berühmten Begründerin der „Heiligen Allianz". Auf einem Ball, den Kruedener zu Ehren der Königin Lmse gab, nahm er sich die Ehre, mit ihr einen Touren-Kotillon zu tanzen. Man war in bester Unterhaltung, da wird Kruedener dringend herausgebeten. Ein Eilkurier des Zaren übergibt eine Depesche. Kruedener überfliegt die drei Zeilen: „Mit Erhalt dieses haben Sie unverzüglich dem Könige von Preußen den Krieg zu erklären. Paul." Was tun? Ein Wahnsinn — hier auf dem Ball den Krieg zu erklären? Absurd. Aber nicht parieren — war bei dem Tollhäusler Paul identisch mit Verbannung in die Eiswüsten Sibiriens. Kruedener steckt die Depesche ein und — handelt auf eigene Faust. Der Ball geht weiter, kein Mensch ahnt, was Kruedener für ein unheimliches Dokument in feiner Westentasche trägt Nach einer Woche peinlicher Erwartung erhält er von Paul I. ein Dankschreiben, er wäre ein „Molodetz", ein vorbildlich fixer Kerl, der nicht aus Furcht, sondern nach Gewissen dem Staate diene ..
In der Geschichte der europäischen Diplomatie wird nie fehlen ein Kapitel über die Fürstin Daja Lieben, eine geborene von Denkendorfs (aus Riga). Ueber diese „Sybille Europas" gibt es eine reiche Literatur. Sie ist die Begründerin des „politischen Salons" und, was wirklichen politischen Einfluß einer Frau betrifft, wohl bis heute kaum erreicht worden, sowohl der Zeitdauer von 1811—1855 nach, wie auch der Intensität nach. Die meisten jener eingangs erwähnten baltischen Diplomaten haben im Salon der schönen Landsmännin ihren letzten diplomatischen Schliff erhalten. Ihr Hauptvorzug, der auch einen Metternich fesselte, war ihre Versiertheit. Sie verstand es, alle auszuholen, Freunde wie Feinde, bei ihr liefen alle Nachrichten zusammen; so stürzte sie Kabinette ... Nach dem Prinzip, auf einen Schelm anderthalb zu geben, behandelte sie englische Herzoginnen so hochmütig-arrogant, daß diese von ihr völlig ... begeistert waren; die Pariser Damenwelt bezauberte sie wieder durch ihre heiterliebenswürdige Natürlichkeit; Snobs verscheuchte sie
rücksichtslos — denn bei ihr empfangen zu werden, galt in ganz Europa als Adelsbrief.
Nur bedingt ist Graf Witte als Balte anzusprechen. Der Vater, Julius von Witte, roctr noch ein echter Korscher Oberförster gewesen, der eine Rurik-Prinzessin geheiratet yatte. Ohne jemals im diplomatischen Dienst gestanden zu haben, wurde dieser einstige Eisenbahnbeamte dazu ausersehen, das siegreiche Japan zu dämpfen. 1905 traf Witte sich in Portsmouth mit Baron Kutsuma, der auf Grund Der über Rußland erfochtenen Siege zu Wasser und zu Lande härteste Bedingungen glaubte stellen zu dürfen. So kam man nicht gut weiter, bis Witte die Geduld riß und er sich eines Tages den Baron unter vier Augen „vorknöpste" und nun ein Meisterstück im diplomatischen „Pokerspiel" lieferte. Witte erzählte selbst: .Lieber Baron, Ihr Sieg steht fest Wollt Ihr nur Eure Truppen bis auf den Altai, vielleicht zum Baikalsee vortreiben? Oder gar bis zum Ural, zur Wolga? Je weiter von Eurer Basis, um so lieber für uns. Und das kann Jahre dauern. Nun bekommt weder Japan noch Rußland jetzt ausländisches Gold geliehen, da wollen wir uns keinen Illusionen hingeben, wir — wegen der Niederlage, ihr — weil ihr England eure Zölle und Staatsmonopole verpfändet habt. Unsere wirtschaftlichen Ressourcen aber sind intakt, frei — wir sind autark. Wer kann also länger aushalten? Reden wir vom (eifrigen „nervus rerum”. Wieviel Gold hat die japanische Emissionsbank?" Baron Kutsuma zögerte verlegen mit der Antwort. Witte fuhr resolut fort: „130 Millionen, in Rubeln gerechnet. (Stimmt? Gut. Und wir? — Eine und eine halbe Milliarde schön frisckgeprägtes Lenagold. Uralgold liegt in den Kellern Der Staatsbank, und es kommt immer noch zu. Also, überlegen Sie sich, Baron, wer kann nun länger aushalten?" Kutsuma antwortete kein Wort. Witte überließ ihn seinen, wohl trüben Gedanken. Eine Viertelstunde,
dann hellte sich das pergamentene Gesicht auf, ein Lächeln durchzuckte seine Züge, Kutsuma griff nach einem der Riesenbleistifte und schrieb ein inhaltreiches Wort: Consent!
Basmarcks Urteil ist vielleicht wirklich nicht unbegründet. Es fragt sich, wodurch diese diplomatische Anlage gefördert, wie sie bei den preußischen Junkern, nach Bismarck, verkümmerte. Seit 1561, seit dem Zusammenbruch des Livländischen Ordens- ftaates, sind diese deutschen Länder vollkommen a u f s i ch selb st angewiesen gewesen. Das Heilige Reich hatte andere Interessen... Polen, Schweden, Rußland mußten irgendwie als Landesherren ertragen werden, ihnen schwur man Treue. Aber nie bedingungslos, nur gemäß Vertrag von 1710. Ein Wille lebte bei Livländern, Estländern und Kur- ländern. Wir dienen euch, sind treu und hold — aber diese Herzogtümer bleiben deutsch, deutsches Recht, deutscher Glaube, deutsche Sprache und Schule! Und um dieses völkischen Hochzieles willen haben die gewählten Führer der Ritter- und Landschaft landesväterliche Pflichten freiwillig über- nommen, vielleicht angemaßt, sie haben aber keine Mühe, Opfer, Drangsal gescheut, waren mit allen Sinnen unentwegt in der Alarmbereitschaft eines echten Kolonialstammes, der nie aus dem „Heer- gemete" herauskommt, — weil nun wieder Versuche der polnischen, schwedischen, russischen „Hohen Krone" gemacht wurden, den eidlich zugesicherten deutschen Charakter des Landes zu unterkellern, umzubiegen ins katholische, ins schlächtizische, ins schwedische, ins griechisch-orthodoxe-allrussische. Und dieser Kampf wurde nickt mit der Waffe, sondern mit geistigen Waffen ausgefochten, und eine dieser Waffen, nicht die schlechteste, war d i e Diplomatie. Ex inde ... einiges Geschick und jene vielleicht fatale Souveränität von Menschen, welche gern Verantwortung übernehmen.
Bücher unter dem
— Robert Hohlbaum: „D i t stumme Schlacht", Roman . Preis in Seinen geb. 4,80 RM. Verlag Albert Lanaen/Georg Müller in München. — (336) — Ein Sohn der Ostmark hat hier in vielgestaltiger, bewegter Handlung die Tragödie des alten Oesterreichs, den inneren Zerfall der Habsburger Monarchie am Nationalitätenprofrlem und den Kampf der Deutschen um chr Volkstum und um ihren nationalen Besitz uns packend und erschütternd nahe gebracht. Das war wohl nur aus dem eigenen Erleben dieser „stummen Schlacht" möglich und auch aus dem eigenen bitteren Erfahren jener Gleichgültigkeit und jenes unbehaglichen Nichtverstehenwollens, das man in den Jahrzehnten zwischen 1866 und 1933 in dem durch die Erfolge der Bismarckschen Politik falutiertn und später mit eigenen Sorgen beschäftigten Reich für den völkischen Kampf des deutschen Stammes in Oesterreich übrig hatte. Auch dies uns heute beschämende, damals sehr überlegene Achselzucken steht zu Recht in dem Roman Hohlbaums, der den Glauben der ihres Volkstums bewußten Deutschen an ein größeres Deutschland uns ergreifend vor Augen führt. Es ist die Zeit der berüchtigten Badenischen Sprachenverordnung. Das vom alten Kaiser Franz Joseph begünstigte Slawentum aller Schattierungen wittert Morgenluft. Aengstliche Gemüter in Beamtenschaft und Bürgertum rücken in zagem Schwanken ab von dem Kampf der sich um Georg von Schönerer scharenden deutschen Jugend. Selbst das Heer, die letzte Säule des habsburgischen Vielvölkerstaates, bleibt nicht unberührt von inneren Konflikten. Der Marsch in den Weltkrieg wurde zum Todesweg des alten Oesterreich. Auch dieses Werk Hohlbaums ist ein im besten Sinne politischer Roman, der die Helden der „stummen Schlacht", die damals die alte deutsche Ostmark erzittern ließ, ins rechte Licht rückt und in den großen geschichtlichen Zusammenhang stellt. Die Träger dieses Kampfes find auf beiden Seiten in vielen Schattierungen scharf gezeichnet: die ihres Deutschtums und ihrer Aufgabe bewußte Jugend, die müde Resignation der älteren Generation, die durch den antideutschen Regierungskurs in Konflikt zwischen nationalem Empfinden und Be- rufspflicht geratenen Beamten und Offiziere, aber auch ehrgeizige Streber unter ihnen, die zu Heisers-
eihnachtsbaum.
Helfern der den Bestand der Monarchie unterminierenden Slawen werden. So ist dies Werk Hohl- fr aums ein Dank an die, deren früher Kampf nun endlich durch die Rückkehr ihrer Heimat in das Großdeutsche Reich, für das sie gestritten und gelitten haben, herrlich belohnt ist.
Fr. W. Lange.
— August Gailit: Die Insel der See- dun dsjäger. Roman. Propyläen-Verlag, Berlin. Ganzleinen 4,80 RM. Weit draußen vor der Küste, wo in milchig flimmernder Ferne Meer und Himmel ineinanderfließen, liegt die Insel der See- dunfrsjäger. Als ob eine Nebelfrank sich plötzlich von der Insel Verzicht und den Blick frei gibt auf jedes einzelne Haus und Gehöft, fo leuchtet in August Gailits Roman die Welt dieser kleinen Gemeinschaft mitten im Meer in lichten Farben auf. Der estnische Dichter bringt die schweigsame Welt dieser einsamen Insel und idrer Menschen zum Sprechen. Schicksale werden sichtbar, die in ihrer Härte und Unerbittlichkeit nur hier im steten Kampf mit der See sich erfüllen. Es ist das Besondere dieses schlichten Buches, daß es in ihm keine eigentlichen Helden gibt, ©ailit erzählt von ihnen allen, von chren Sorgen und Nöten, ihren Freuden und Sehnsüchten. Jedes.einzelne Schicksal auf dieser weltverlorenen Insel aber steht unter dem großen Gesetz des Meeres. Der estnische Dichter, dessen unvergessenes Buch „Nippernaht und die Jahreszeiten" vor einigen Jahren im Propyläen-Verlag erschien, zeigt in diesem neuen Roman eine Kunst des Erzählens und eine Reife der Sprache, die noch lange nachklingt, wenn man das Buch aus der Hand gelegt hat.
— D i e Bauern von Siedel. Roman von Gustav S ch r ß e r. (Verlag von Quelle & Meyer, Leipzig. Gebd. 3,80 RM.) — (274) — Deutsches Bauerntum, die Jahre des Weltkrieges und Der wirtschaftliche und moralische Niedergang unseres Volkes in der Inflationszeit, das sind die Grundlagen dieses Romans. Drei Bauern familien find in den Mittelpunkt der Ereignisse gestellt, und in ihnen spiegeln sich zugleich das Schicksal des ganzen deutschen Bauerntums während der Weltkriegsjahre, der heldische Einsatz des deutschen Frontsoldaten und ehrlicher deutscher Untemehmersinn im Gegensatz zu den Uebeln der damaligen Zwangswirtschaft
0er Lokomotivführer.
Don Walter von Molo.
Es war an einem dunklen Winterabend in einer Großstadt, als mit einer mächtigen Lokomotive voran ein Fernzug schneebedeckt und langsam m die hell erleuchtete Halle eines Bahnhofs einfuhr und hielt.
Die Fenster wurden lebhaft niedergelassen, Arme winkten, Gesichter spähten, die Reiserden riefen den auf dem langen Bahnsteig Wartenden Begrüßungs- worte zu. Dazwischen schollen ungeduldige und herrische Schreie: „Träger! Träger!"
Aus allen Fenstern und Türen wurden hastig die Gepäckstücke herausgereicht und von anderen auf den harten Boden niedergefteüt; der Zug wurde schnell leer. Jneinandergehängt oder allein gingen die vielen Menschen laut redend und erzählend dem Ausgang zu, in die große lärmende Stadt.
Vorbei an den Gepäckwagen, aus denen aroße Gepäckstücke geladen wurden, zoa in unaufhaltsamer Strömung die Menge an der Lokomotive vorüber, diesem stählernen, eisbedeckten Riesentier, das verstummt war, dessen große, grelle Augen verloschen. Keiner der Reisenden, und keiner derer, die sie ab» holten, schaute sie oder den Lokomotivführer an, der auf der Maschine mit aufgelehnten Armen, wie ein guter Hausvater nach vollbrachter Arbeit lehnte. Alle die zahlreichen Signale auf der langen Strecke hatte der Zugführer genau beobachtet, immer hinaus und vorausspähend in das dicht niederftrei- chende Schneegestöber oder den nassen Nebel. Auf freiem Felde hatte er einmal unvermittelt gehalten — wäre er nicht so treu in seinem Amt gewesen, wären die Menschen, die sich jetzt zu ihren Lieben begaben, eines entsetzlichen Todes gestorben. So aber hatten sie ahnungslos gemurrt: „Was ist denn wieder los?" Einige hatten die Fenster geöffnet und hinausschauend mißmutig gesagt: „Da hält er schon wieder." Unabmehbare Verantwortung trug der Mann auf der Lokomotive. Viele Leben und Schicksale waren in seiner Hand gewesen. Keiner hatte dies bedacht, dachte daran.
Da trat aus der Menge ein Mann vor die Lokomotive hin, blickte zu deren Führer hinaus und streckte ihm die Hand hinauf: „Ich danke Ihnen schon", sagte der Unbekannte herzlich. Das Antlitz des Lokomotivführers war verwundert, und es lächelte unbeholfen erstaunt. Wer es war erhellt. Der Lokomotivführer neigte sich nieder und schüttelte dem Fremden fest und verstehend die Hand. Ein paar blickten überrascht, nicht begreifend, flüchtig
dem ungewöhnlichen Vorgang zu. Der Lokomotivführer und der unbekannte Mann ließen sich nicht stören; sie verstanden sich und nickten sich noch einmal in Kameradschaft zu.
Der Unbekannte wandte sich ab und ging durch die Sperre davon.
„Es konnte schon sein!" sagte, als meine er viel mehr damit, der Lokomotivführer und reichte dem Heizer zur Verabschiedung die schwielige Hand. „Es konnte schon sein!"
Gebückt suchten sie, müde an Leib und Seele, ich Dunkel, ihre paar Sachen zusammen, bargen sie in verwetzten Ledertaschen und kletterten über die eisernen, senkrechten Leitersprossen auf den leerge- wordenen Bahnsteig hinab.
Auch sie gingen heim. Im Vorübergehen glitten die Finger des Lokomotivführers liebkosend über den gewölbten Leib seiner noch warmen Lokomotive.
Zuge kamen, fuhren ab, hinaus in die finstere Nacht.
Eine Kleinigkeit.
Von Wilhelm Scharrelmann.
Wir wußten es alle — er hatte während des ganzen Jahres seine Eigentümlichkeiten. Aber in der Zeit vor Weihnachten wurde er vollends zum Kinde. Nicht, weil er dann seine Geheimnisse hatte — wer von uns hatte sie nicht? Aber er war dann jedesmal wie besessen davon, alles, was er zum Fest zu verschenken beabsichtigte, selbst herzustellen, mochte es immer sein, was es wollte. Er war bann in einem Zustand, daß man mitunter nicht recht wußte, traummanbelte er oder was um alles in, der Welt war mit ihm los? Wäre nicht das heimliche Lächeln gewesen, das jedesmal, wenn er fick unbeobachtet glaubte, über feine Züge huschte, und oas er in den Falten seines guten, alten Gesichtes sofort wieder verschwinden ließ, wenn Um jemand anblickte — man hätte an eine ernstliche (Störung glauben können.
„Was wirst du Tante Amalie diesmal schenken?" flüsterte er mir eines Abends zu und zwinkerte mit den Augen. „Ich will mich natürlich keineswegs in deine Geheimnisse mischen und frage nur, damit wir nicht am Ende auf dieselbe Jbee verfallen. Darum wäre es besser, wir verständigten uns, nicht wahr? Du kannst dich mir ruyig anoertrauen, ich werde schweigen wie das Grab. Woran hast ou gedacht?"
„Eigentlich an ein Wandbild, Onkel Gerd!" sagte ich. (Wir nannten ihn alle so, wenn auch keine 23er-
Ein baltischer Roman.
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Der Optiker am ffaljnhof |
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Ihrer Krankenkasse
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Ansichtskarte, nach der ich es male. Vergleiche einmal, es ist gar nicht so einfach, frie Farben za treffen."
„Natürlich nicht", murmelte ich und versuchte, mich zu fassen. „Diefes Rot! Rot tft überhaupt meine Farbe, glaube ich! Und dann dieses feierlich süße Blau neben dem fahlen Grün."
„Nicht wahr? nicht wahr?" strahlte er. ,M, f* wird entzückt fein, da bin ich ganz sicher."
Sollte ich dem alten Knaben seine Freude ve» derben, die einzige, die er besaß, — anderen Freud« zu machen?
Freilich, Tante Amalie —
Naja, ehrlicherweise war manches gegen sie fd sagen, aber hatte sie das verdient?
Beim Abendbrottisch schielte ich bedauernd zu hl hinüber. Ahnungslos faß sie da und rührte in ihrer Tasse.
Ich stellte mir ihr Gesicht vor, bas sie am Weih» nachtsabend machen würde. Es konnte ein erheben« der Anblick werden.
Aber es kam anders. Ganz anders.
Als Onkel Gerd am Weihnachtsabend seine vielen sorgfältig verschnürten Pakete verteilt hatte — mit Tante Amalie und mich hatte er sich noch aufgiM spart — trat er, ein verdächtig viereckiges Pak« in den Händen, zu mir: „Da, mein Sohn. Es ist freilich nur eine Kleinigkeit, und sehr Überraschei wird es dich auch nicht. Eigentlich sollte Tand Amalie es ja haben. Aber immer wieder mußte ich an deine Freude denken, als ich es dir neulich zeigte ... Mach nicht solche Rätselaugen! Als Du nicht ganz gut ahntest, was darin ist. Und b*i du selber ja eine ähnliche Absicht hattest, nidjtwatjrr Man denkt sich ja gerade für andere aus, was mal selber gern besäße, und außerdem weiß ich ja, bi hast immer schon Sinn für die Kunst gehabt ... Schneide die Schnur ruhig auf, wenn die Schleift sich nicht losen will ..."
Da stand ich.
Aber es war eine gerechte ©träfe, und auf dk-i ersten Schreck folgte gleich die zweite: Onkel Ger) ruhte nicht, bis er das Bild in meinem Zimmer an die Wand gehängt hatte!
Ich brachte später einen Vorhang davor an, u») es war nicht schwer, Onkel Gerd davon zu ubev' zeugen, daß es gut sei, das Bild zu schonen. AuH dürfe man feine Wirkung nicht dadurch abschwächer, daß man es täglich vor Augen habe. Es sou>e jedesmal ein feierlicher Augenblick für mich feir' wenn ich es enthüllte.
Ich habe Onkel Gerd selten fo gerührt gesehen.
und des Schiebertums wider. Dadurch wächst btefl Erzählung weit über den Rahmen eines Bauern- romans hinaus, sie wird zu einem Kultur- und Sib- tenbild Deutschlands mit seinem Aufstieg vor detn Weltkriege, mit seinem Ringen gegen eine Welt üo» Feinden und mit seinem jähen Fall nach dem Kriege. Es ist ein Roman, ein Zeitbild, das iit seiner Lebenswahrheit uid Eindringlichkeit den Leser aufs tiefste packt, in seiner fein geschlossenen Spraäje uru) in seinem tiefen Einfühlen in das bäuerliche Leben und Kämpfen alte -Kennzeichen der gute, deutschen Unterhaltunaslektüre aufweist. Dem vor. trefflichen Buche sei für den Weihnachtsbüchertisch eine besondere Empfehlung gegeben.
Ernst Blumschein.
— Theodor Kröger: Der Schutzengel. Eine Erinnerung aus Dem vergessenen Dorf. Pro. pyläen-Derlag, Berlin. In Pappe 2,— RM. — (361) — Lange nach dem Kriege findet der Er. zähler die buntbemalte Holzfigur eines kleinen Engels. Und nun erwacht in ihm die Erinnerung an seinen Kameraden Wilhelm Salzer, der ihm da» mals in einer der weißen Nächte Tiefsibiriens üoii Beginn und Wandlung seines Lebens berichtete. Und hinein verwebt er seine eigenen Erinnerungen an die längst entschwundene Zeit, in der er durch die geheimnisvollen Wälder Sibiriens ritt.
— Gertrud von den Grinden: „Herb st
Verlag 23 elf) a gen & Klasing, Bielefeld. Preis in Ganzleinen geb. 4,80 RM. — (379) — Auf den weit über bas Land verstreuten Herrenhosen des Baltikums fitzen die späten Nachfahren der Ordens, ratter. Mit Zähigkeit halten sie ihre Eigenart und deutsche Ueberlieferung inmitten einer fremdftäm# migen Bevölkerung aufrecht, der Scholle treu verbunden, die ihnen Heimat ist, aber nicht Vaterland fein darf. Kampf und Einsamkeit haben diesen Menschen den Stempel aufgedrüd. Ein Band erregender Geschehnisse schlingt sich um fünf solcher Herrenhöfe und zwingt ihre stolzen Bewohner sich zu bewähren, zu handeln und — chr Herz zu offenbaren. Ein Herbst, der Reife und Ernte fordert^ hält Gericht über chr Tun und Hoffen, über ihr Wollen und chre geheimsten Wünsche. Leise, bet sinnliche Melancholie durchzieht bas Buch, aber auch Der Abglanz goldenen Birkenlaubes und die durch, sichtige Helle klarer Dttobertage sind darin eingw fangen. Man spürt die Seele dieses nordische» Landes.
— Rudolf Bach: Der Aufbruch der G «i st e s. Lessing, Klopstock, Herder. Verlag Karl Rauch, Markkleeberg bei Leipzig. Preis gebunden 3,60 RM. — (340) — Es kam dem Verfasser darauf an, in drei innerlich zusammengehörigen Essays jene Männer aus dem Blickwinkel unserer Zeit zu beobachten und wieder gegenwärtig zu machen, die als Sternbild über der Pforte zur großen klassisch-romantischen Epoche der deutschen j Literatur glänzen: Bewahrer und Verkünder, Er* I füller und Wegbereiter in Einem. In ungemein lebendiger, ganz auf das Wesentliche gerichteten | Darstellung und zuchtvoller Sprache werden sir und chr Werk uns nahegebracht und die Ausstroh- hing ihres Wirkens und ihrer ßeiftun^gemürdigt« J
— Wilhelm-Busch-Alfrum, Humoristischer Hausschatz mit 1500 Bildern. Billige, unge«, kürzte Jubiläumsausgabe. Preis in Leinen 12.50 RM. Verlag von Fr. Bassermann in München. — (287) — Wilhelm Busch, der Zeichner un) Dichter, steht auch heute noch für die deutsche Kari- : katur schlechthin. Seine luftigen und oft auch bittet» I bösen Bildergeschichten sind deutsches Volksgut ge- ] worden. Das hat schon seinen tieferen Grund, es ist nicht allein die eingängige Form des Knüttelverses und die Manier der Zeichnung, die mit roenioci ? Strichen jede Situation unnachahmlich sicher trisitl und ihre komische Seite herausstellt, sondern die Lebensweisheit des Künstlers, die sich nicht mit den vergänglichen Erscheinungen seiner Zeit auch all, sondern auf das allgemein Menschliche zurückgreifL


