Gießener Schulen halten Rückschau.
Sladttheaker Gießen.
Am Freitag, 7. April (Karfreitag), findet die letzte Aufführung von „Torquato Tasso", Schauspiel in fünf Akten von Johann Wolfgang von Goethe, statt. Spielleitung Hermann Schultze-Griesheim, Bühnenbilder: Karl Löffler. Die Vorstellung findet gleich- 3eilig als 26. Vorstellung der Freitag-Miete statt Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr.
85 Jahre alt.
Am 9. April 1939 begeht der im In- und Ausland auf seinem Sondergebiet der allgemeinen und sozialen Hygiene bekannte ord. Honorarprofessor an der lluU versität Gießen Dr. med. et phil. Hermann Adolf Griesbach in Bad Schwartau bei Lübeck seinen 85. Geburtstag. Der durch seine zahlreichen Werke aus dem Gebiete $er medizinischen Chemie, Histologie und Hygiene bekannt gewordene Gelehrte stammt aus Schwartau (Eutin), erwarb in Leipzig den Dr. phil., in Heidelberg den Dr. med., habilitierte sich 1883 in Basel für Zoologie, später für Histologie und wirkte als Professor für Chemie, Biologie und Hygiene an der Oberrealschule in Mühlhausen, später in Straßburg. 1919 kam Griesbach noch Gießen und erhielt hier die Ernennung zum ordentlichen Honorarprofessor für Hygiene, zugleich hatte er einen Lehrauftrag für Gewerbehygiene. Der Gelehrte ist korrespondierendes Mitglied der portugiesischen Akademie der Wissenschaften in Lissabon, sowie der dortigen Gesellschaft der medizinischen Wissenschaften, der medizinischen Gesellschaft in Gent, der naturforschenden Gesellschaft in Danzig, Ehrenmitglied des Royal Sanitary Instituts von Großbritannien in London und des ungarischen Landesvereins für Hygiene in Budapest. In Gießen hat sich der Gelehrte in weiten Kreisen der 'Bevölkerung große Wertschätzung erworben.
Hitler-Zugend Bann 116.
Fliegergefolgschaft 1/116 Gießen.
Die nachstehend bestimmten Jg. treten heute, 6. April, um 17.30 Uhr, an der Liebigshöhe in Uniform mit gepacktem Tornister zur Osterschulung auf der Amöneburg an: Fuchs, Schütz, Mohr, Nonnenbroich,' Decher, Lutz, Schmidt, Willi, Schuchardt.
Ferner tritt die Schar 3 um 17.30 Uhr in Lollar zum Flugdienst (Amöneburg) an.
Es ist folgendes mitzubringen: Kolter, Schlafsack, Wasch-, Putzzeug usw., Trainingsanzug (Flugdienst- anzug), feste Stiefel, Flugbuch. Die Schulung dauert über die Osterfeiertage an.
Sämtliche hier nicht angeführten Jg. nehmen an der Schulung in Lauterbach teil.
Für die Jg., welche nach Lauterbach fahren, gebe ich nochmals bekannt, daß die Abfahrt am Karfreitag um 7 Uhr festgesetzt ist.
Heil Hitler!
Der Hauptscharführer der Fliegergefolgschaft 1/116: Heinz Flach, Oberkameradschaftsführer.
Don der Volksschule in Klein-Linden.
Zum planmäßigen Schwimmunterricht benutzte die Volksschule in Klein-Linden im vorigen Sommer zum letzten Male das Schwimmbad der Gemeinde Lützellinden. Im Spätsommer konnte der Unterricht in das neuerbaute Schwimmbad von Klein- Linden verlegt werden. An dem Unterricht nahmen die oberen Klassen der Volksschule, Knaben und Mädchen, teil. Wie im vorigen Jahr, so wurde auch in diesem Jahr kein Knabe aus der Volksschule entlassen,^ der nicht schwimmen konnte. Bei der Schulschlußfeier wurden den Kindern die Freischwimmerzeugnisse ausgehändigt. 15 Kindern, nämlich 10 Knaben und 5 Mädchen, hatten die Bedingungen erfüllt, die zur Erreichung des Freischwimmerzeug- nisses notwendig waren. Seit Einführung der Zeugnisse im Jahr 1935 wurden an dieser Volksschule 'bis jetzt 52 Zeugnisse an Freischwimmer ausge- ge'ben.
Im „Gießener Anzeiger", Nr. 78 vom 1./2. April 1939, berichteten wir aus der Jahresrückschau der Langemarck-Schule die wichtigsten Ereignisse an dieser Anstalt. Heute lassen wir die Auszüge aus den Jahresberichten der beiden anderen höheren Schulen für Jungen folgen.
Das Lanvgraf-Ludwigs-Gymnasium
konnte Ostern 1939 25 Schüler, nach bestandener Reifeprüfung entlassen. Von diesen Abiturienten wurden folgende Berufe erwählt: Jura 3, Offiziere 6, Chemie 5, Wirtschaftswissenschaf 1, Kunstgewerbe 1, Philologie 1, Medizin 4, Physik 1, Flugzeugbau 1, Landwirtschaft 1. Eine Abiturientin hat keine Angaben über Berufswahl gemacht. Im Herbst 1938 bestand ein Schüler die Reifeprüsung, der Jura als künftigen Beruf angegeben hat. Die Reifeprüfung für Nichtschüler bestand eine Person, die sich für Theologie als künftigen Beruf entschied.
Der Gesundheitszustand bei Lehrern und Schülern der Schule war im Berichtsjahr 1938, abgesehen von leichten Gvippefällen, recht günstig. Das silberne Treudienst-Ehrenzeichen als Anerkennung für 25jäh- rige treue Dienste erhielten Oberstudiendirektor Dr. Wolkewitz, die Studienräte Dr. Appel, Dr. Buß, Dr. Fischer, Dr. Glöckner, Otto Heß, Dr. Lotz, Dr. Menger, Dr. Saßmannshausen, Schonebohm, Schwarz, Seybold, Unverzagt und Amtsgehilfe Klober.
Am 15. Mai 1938 betrug die Schülerzahl 186, darunter 7 Mädchen. Am 1. Juni 1938 und am 7. Februar 1939 fanden Besichtigungen der Anstalt durch Ministerialrat Glückert statt. Er nahm dabei Gelegenheit, dem Unterricht in verschiedenen Klassen beizuwohnen.
44 Schüler leisteten im August 1938 Erntehilfe mit 332 Arbeitstagen und 6 Lehrkräfte mit 84 Arbeitstagen. Zu dem gleiä)en Zweck waren 10 Schüler 16 Arbeitstage und 3 Studienreferendare 6 Arbeitstage beurlaubt. Bei der Hackfruchternte im Oktober halfen 32 Schüler an insgesamt 265 Arbeitstagen. . Bei den WHW.-Reichsstraßensammlungen stellte sich am „Tag der nationalen Solidarität" Oberstudiendirektor Dr. Wolkewitz als Sammler in den Dienst des WHW., an den Sammlungen am 17. Dezember beteiligten sich die in der HI. und im BDM. organisierten Schüler und Schülerinnen.
An den nationalen Feiertagen und anläßlich ai- derer großer Ereignisse fanden Schulfeiern, Gedenkstunden und Vorträge statt. Ferner wurden die Schüler durch einen Vortrag über Verkehrserziehung belehrt und durch einen Lichtbildervortrag über Südwestafrika aufgeklärt. Außerdem fanden Vorträge statt, die für die Berufswahl der Abiturienten von Bedeutung waren.
In den Schullandheimen in Schlitz, Schloßborn und Kesselbach weilten mehrere Klassen während verschiedener Zeiten des Schuljahres. Alle drei Plätze und ihre Umgebung boten reichlich Gelegenheit für landschaftliche, geschichtliche und volkskundliche Betrachtungen. Sportplätze und Schwimmbäder gaben Gelegenheit für sportliche Betätigung und Erziehung.
Die Arbeit des VDA. wurde auch im Berichtsjahr eifrig unterstützt. Mit einem Mitgliederbestand von 160 trat die Schule in das Jahr ein, die Mitgliederzahl konnte abermals um etwa 25 gesteigert werden, so daß heute alle Schüler, von einigen auswärtigen abgesehen, Mitglieder des VDA. sind. Das Gesamtergebnis der Mitgliederbeiträge stieg von 175 Mark auf über 200 Mark, an den Landesverband konnten 150 Mark gegen 120 Mark im Vorjahre abgeliefert werden. An den Haussammlungen haben sich die Schüler mit dem gleichen Erfolge wie im Vorjahre beteiligt.
Der Kurs für Segelflugmodellbau wurde weitergeführt. Beim Segelvergleichsfliegen auf dem Alten
berg bei Odenhausen am 28. September 1938 erhielt der Schüler Ewald (Klasse Via) den dritten Preis.
Im Laufe des Jahres errangen 8 Schüler das Jugend-Sportabzeichen. 10 Schüler schwammen sich frei, während 12 Schüler den Fahrtenschwimmausweis bekommen konnten. Weiteren fünf Schülern gelang der Erwerb des Grundscheines der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft.
Oie Zustus-von-Liebig-Gchule, Oberschule für Zungen, wie unsere frühere Oberrealschule jetzt heißt, zählte im Schuljahr 1938/39 in 21 Klassen insgesamt 455 Schüler und Schülerinnen: im Laufe des Schuljahres traten 10 Schüler ein, 30 traten aus. Eine Reifeprüfung für Nichtschüler fand im März 1939 statt: ihr unterzogen sich 8 Prüflinge, von denen 3 die Prüfung bestanden. Die mündliche alljährliche Reifeprüfung Ende Januar bestanden 53 Schüler und Schülerinnen, während 4 Schülern die Reife nicht zuerkannt werden konnte.
An der Schule wirkten 30 ordentliche und 4 außerordentliche Lehrer. Folgenden Mitgliedern des Lehrkörpers wurde das Silberne Treudienst-Ehrenzeichen verliehen: Oberstudierrdirektor Leonhardt, Oberstudienrat Dr. Kiefer, den Studienräten Dr. W. Hey- mann, H. Heymann, Bentz, Dr. Boeck, Schmidt, Dr. Heußel, Obermann, Dr. Adolph, Dr. Hillenbrand, Dr. König, Zilch, Krauß, Mohr, Dr. Dietz, Dr. Stotz, Scharmann, Größer, Rau, Dr. Huth und Dr. Flörke, sowie dem Turnlehrer Klippel. Das Goldene Treu- dienst-Ehrenzeichen erhielt Oberstudienrat Wüsten- höfer.
Im Schuljahre nahmen die Schüler an den Vorführungen bedeutender Filmwerke teil. Ferner wurden eine Anzahl industrieller Betriebe in Gießen und -Umgegend, das Liebig-Museum und die Versuchsfelder des Landwirtschaftlichen Instituts besichtigt.
Sämtliche Schüler und Schülerinnen der Schule gehören der Staatsjugend an. Die monatlichen Spaziergänge wurden in der üblichen Weise unternommen. Don mehrtägigen Ausflügen wurde mit Rücksicht auf die besonderen Zeitumstände abgesehen. Im Januar brachten die beiden Mädchenklassen einige Tage in der Rhön zu, um dort Wintersport au treiben. Eine Anzahl Schüler erhielt das Freischwimmerzeugnis. Bei dem Wettkampf um den Wanderpokal zwischen der Rudermannschaft der Schule und der Mannschaft derLangemarck-Schule trug die Mann- chaft der Justus-von-Liebig-Schule den Sieg davon. Im Januar 1939 rettete der Schüler der Klasse 5b Hans Dreher ein Kind vom Tode des Ertrinkens. Im vorigen Herbst waren Schüler der 6. und 7. Klasse zu Erntearbeiten auf benachbarten Gütern eingesetzt.
Die großen nationalen Feiertage wurden auch in der Schule in würdiger Weise begangen. Dabei wurden auch Uebertragungen von Ansprachen führender Männer der Regierung gehört.
Für die chemische Sammlung erhielt die Schule im Jahre 1938/39 wieder eine Reihe von wertvollen Schenkungen. Es handelt sich dabei um Material der verschiedensten Art, sowohl um Schriftwerke, als auch um Materialproben, die für Unterrichtszwecke ehr nützlich.find.
Dein „3a" bringt zwei Kindern Freude
NSG. Jetzt schon? So wird mancher fragen, wenn die NSV. jetzt an alle Familien des Gaues Hessen-Nassau den Appell richtet, ein erholungsbedürftiges Kind für einige Wochen aufzunehmen. Ja, jetzt schon? Das ist notwendig, um die umfang
reichen organisatorischen Vorbereitungen treffen zu können, damit im Sommer alles klappt.
Auch an dieser Stelle ergeht nochmals an alle Volksgenossen des Gaues die Bitte, eine Freistelle für erholungsbedürftige Kinder zu spenden. Die Volksgenossen, die im vorigen Jahr Kinder bei sich hatten, konnten sich bereits davon überzeugen, wie segensreich sich die Kinderoerschickung der NSV. auswirkt. Aus den jungen Gästen waren andere Menschen geworden, die erholt und gekräftigt nach dem Ferienaufenthalt in ihre Heimat zurückfuhren. In allen Fällen bildete sich ein inniges Freundschaftsverhältnis zwischen Pflegekind und Pflege, eitern heraus. '
Wer ein Ferienkind aufnimmt, verschafft nicht nur einem Kind aus einem anderen Gau schöne Tage tm Rhein-Main-Gebiet, sondern vermittelt auch einem Kinde aus den Kreisen unseres Gaues Erholungstage in einer anderen Gegend, denn die Kindererholung findet auf dem Wege des Austausches statt. Durch die Spende eines Volksgenossen wird also zwei Kindern geholfen. Auch das mag Ansporn sein für jeden, der es irgend kann, ein Kind aufzunehmen. Melde den Freiplatz bei der zuständigen Ortsgruppenamtsleitung der NSV.!
Gießen-Wieseck.
Unsere Mitbürgerin Marie Seibert Wwe., Obergarten 7, wird morgen 75 Jahre alt. Frau Seibert ist geistig noch sehr rege. Wir beglückwünschen.
Die Freiwillige Feuerwehr hielt gestern abend einen Schulungsabend ab. Oberbrandmeister Schäfer hielt einen Vortrag über Kaminbrände und gab an Hand von praktischen Beispielen einen Ueberblick über die verschiedenen Arten von Kaminbränden. Hauptbrandmeister Koch (Gießen) er. Ö die Darlegungen. Im weiteren Verlause des s sprach Oberbrandmeister S ch äfe r noch über las Thema „Was der Feuerwehrmann nicht
Auch nach Ostern Fische effen.
In der Osterwoche ist der Fischverbrauch an einer seiner Jahresspitzen angelangt. In den meisten Ge- bieten ist der Höhepunkt erreicht, und der Verbrauch fällt danach oft plötzlich auf den Tiefpunkt. Früher hatte dies seinen Grund darin, daß in der warmen Jahreszeit die Fische in den entfernteren Versor« gungsgebieten nicht mehr so frisch geliefert wurden, wie die Hausfrauen es sich wünschten. Aber unsere heutige Fischwirtschaft mit ihren raschen Transportmitteln und ihren sinnvoll ausgebauten Kühleinrichtungen stellt eine einwandfreie Erhaltung des wertvollen Nahrungsgutes „Seefisch" für lange Zeit sicher und schasst die Voraussetzung dafür, daß nun auch in der warmen Jahreszeit Seefische in bester Qualität überall geliefert werden können. Im Frühjahr und Sommer sind Seefische sogar von besonderem Wohlgeschmack, weil sie dann reichlicher Fett angesetzt haben, sich also im besten Ernährungszu- stand befinden. Man darf also keinesfalls den Fischverbrauch abbrechen, wie es früher üblich war, schon deswegen nicht, weil Fische auch im Sommer zu den besonders preiswerten Nahrungsmitteln gehören.
Die Versorgung des Rhein-Main-Gebietes mit rischen Seefischen wird in der Osterwoche und danach reichlich sein, so daß man die guten Konsum- ische, wie Kabeljau, Seelachs, Schellfisch und Rotbarsch überall kaufen kann. Wer dey feinen Ostseedorsch schätzt, wird auch bedient werden können. Nur die Versorgung mit grünen Heringen läßt jetzt nach, da die Fangzeit zu Ende geht. Dafür gibt es noch genügend Salzheringe, wenn auch nicht mehr in den großen Sorten. In der warmen Jahreszeit finden- Räucherfische, wie Goldbarsch und Seelachs, immer weitere Liebhaber. Sie vertreten so am besten Vollkonserven. Die Auswahl ist also so reichlich, daß alle Wünsche zufriedengestellt werden können.
Das Müchm Marie.
Vornan von Walther Sloepffer.
Copyright by dar! Äuncker Verlag, Berlin VV35
38 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Und dann immer eine freundliche Miene machen, auch wenn man Sorgen hat. Wenn die Leute einem die Not vom Gesicht ablesen, hat man nämlich schon verspielt. Nein, Fräulein Hegemann, die kleinen Leute haben es nicht leicht", schloß Anna traurig.
„Es geht auch Ihnen augenblicklich nicht sehr gut, Fräulein Schwiebus?" fragte Maxie schonend.
-.Was heißt augenblicklich? Mir ist es noch nie gut gegangen, so lange ich denken kann. Seit der alte Scheuer! tot ist, ist es ganz arg. Lange werde ich meinen Zeitungsstand nicht mehr halten können. Georg wollte mir behilflich sein, etwas anderes zu finden. Aber jetzt ist er ja selbst im Druck."
„Vielleicht kann ich Ihnen helfen, Fräulein schwiebus?"
„Wirklich?"
„Ich werde mit meinem Vater sprechen. Irgendeine Beschäftigung gibt es in einer so großen Fabrik immer."
„Ick) beherrsche Schreibmaschine und Kurzschrift. Ich lese auch viel", setzte sich Anna schüchtern ins Licht.
„Schön! Ich werde mit Papa reden, verlassen Sie sich daraus."
,T)as wäre lieb von Ihnen."
Maxie brachte das Gespräch vorsichtig auf jenen rosaroten Brief mit den verdächtigen Täubchen von dem sie nur verfängliche Bruchstücke gelesen hatte. Er stellte sich als harmlos heraus wie das ganze Mädchen Anna. Die Schwiebus erzählte unbefangen von ihrer Bekanntschaft mit Dr. Holl, und es gab da nirgends Flecken oder Heimlichkeiten.
Maxie sand, daß die Eifersucht ihr einen bösen Streich gespielt hatte und daß ihre Schuld immer größer wurde. Sie verabschiedete sich mit ein paar freundlichen Worten.
„Zum nächsten Telegraphenamt", befahl sie dem Chauffeur.
„Heute ist Sonntag, meine Dame."
„Dann fahren Sie zum Bahnhof. Das Amt in der Bayerstraße ist beftimmt offen", sagte Maxie und setzte sich in den Wagen.
Tolle Fuhre ist das?, dachte der Chauffeur sorgenvoll und druckte auf den Anlasser. Hoffentlich kann die Person bezahlen. Er drehte sich noch mal um und maß seinen Fahrgast mit einem ausgiebigen Blick, der ihn halbwegs beruhigte.
Das Telegramm, das Maxie vom Stapel ließ, fiel kostspielig und ein wenig konfus aus. Es war nach Meran, Hotel Bellevue, adressiert, wo Holl ihrer Berechnung nach morgen eintreffen mußte. Sie hatte die Venedig-Route noch genau im Kopf. Mit diesem Telegramm war alles getan, was im Augenblick geschehen kopnte. Es kam das Wort
Mißverständnis darin vor und das Wort Verzeihung.
„Nach Hause jetzt: Villa Hegemann, München- Süd!"
Die Sache ist Okee! dachte der Chauffeur erleichtert und trat mit Genuß auf den Gashebel.
Tinser war seit einigen Tagen wieder bei Bewußtsein. Mager und mit eingesunkenen Augen lag er im Bett und spielte mit dem Feldblumenstrauß, den das Mannderl weiß Gott wo zusammengesucht und ihm auf die Bettdecke gelegt hatte.
Viele Hungertage machen aus einem Manne keinen Adonis. Tinfers vordem unbekümmertes Jungengesicht hatte jetzt zwei scharfe Falten rechts und links des Mundes, die von Erlebnis, von Leid und Wandlung zeugten. Man hatte ihn die ganze Zeit her künstlich ernähren müssen, da er nicht schlucken konnte, aber jetzt war er außer Gefahr und auf dem Weg einer langsamen Besserung. Seit jenem Ueberfall waren anderthalb Wochen verstrichen.
Das Mannderl, das unter der großelterlichen Kost sichtlich gedieh und einen richtigen kleinen Bauch bekam, legte den Kopf schief und fragte zu seiner Mutter in die Höhe:
„Du, Paula, wie ham wir's nachher? Derf i jetzt zum Huber hintri? Der tat grab bei die Hasen ausmisten und sagt, er braucht mich." Zwischen dem Mannderl und dem Wärter Huber bestand seit kurzem eine dicke Freundschaft, auf die der alte Gieseke ein wenig eifersüchtig war.
„Meinetwegen. Geh zu, aber mach dick) nicht schmutzig", nickte Paula Gieseke und sah flüchtig vom^Taschentüchersäumen auf.
„Feit si nix. Sgohd!" grüßte das Mannderl höflich und schlich auf den Zehenspitzen aus dem Zimmer.
„Hast du meinen alten Herrn gut an der Bahn abgeliefert?" flüsterte Tinser mit seiner belegten Krankenstimme. Der Kehlkopf machte nämlich noch ein bißchen Schwierigkeit.
„Ja, Desi." Paula legte die Handarbeit beiseite und dachte mit Vergnügen an den netten alten Herrn, der auf die Nachricht von dem Unglücksfall sofort nach München geeilt, ein paar lange bange Tage ratlos am Bett seines Sohnes herumgestanden und sich erst zur Heimreise entsd)lossen hatte, als keine Gefahr mehr bestand. „Weißt du, was er beim Abschied gesagt hat? Ich wäre die Frau für dich. Ich würde dir die Mucken schon austreiben. Der Desi, hat er gesagt, kann unserm Herrgott auf den Knien danken, daß er eine solche Frau bekommt. Ist das wahr?" lächelte sie schelmisch.
„Freilid) ist das wahr. Du bist eine großartige Frau", flüsterte Tinser und runzelte voll Uebe'r- zeugung die Stirn.
„Wir sollen ihn in Hietzing besuchen. Ist Hietzing schön?"
„Diel Dillen, weißt du."
„Ja, und diesen Anhänger hat er mir geschenkt. Er sagt, er stammt von deiner Mutter selig.' Ist dock) herrlick), nicht?" Sie hielt ihm einen kleinen Granat- schmuck unter die Nase, der in Silber gefaßt war.
„Ein wahres Wunder, daß er sich von dem Ding getrennt hat. Er trug es, seitdem ich mich erinnern kann, in der. Brieftasche mit herum. Er hing sehr an Mama. Er hat für dich sehr viel übrig, glaube ich. Findest du nicht, daß meine Stimme auf einmal besser klingt?"
„Doch, Desi. Vielleicht fehlt deinen Stimmbändern nichts als ein bißchen Exerzieren. Die Aerzte sind zu ängstlich. Warum schaust du denn so, mein Guter? Angst vor der Unterredung mit Herrn Hegemann? Du mußt keine Angst haben, Desi. Es ist keine Schande, einen Fehler einzugestehen. Glaube mir, das Leben wird erst wieder schön, wenn du diese Beichte hinter dir hast. Du wirst es ihm doch sagen, nicht?"
„Freilich! Wir haben es doch ausgemacht."
„Wie benimmt sich denn dein Kopf? Immer noch lauter Karussells und Turbinen?"
„Heute ist es besser. Tu mir die Blumen weg, bitt schön. Ich höre jemand kommen. Wird vielleicht Hegemann sein. Du läßt uns allein, gell? Vor dir fällt mir das Reden noch schwerer."
„Natürlich lasse ich euch allein. Kopf hoch, Desi! Ich will mal nachsehen, ob er es ist." Sie streichelte seine abgemagerte Hand und ging zur Tür. Der Ankömmling war tatsächlich der Geheimrat. Er trug eine schwarze Lüft er kappe wie ein Student nach der Mensur und hatte sie als Andeutung flotter Bon- hommie ein bißchen aus der Stirn geschoben. Er brachte eine Masse Aufgeräumtheit ntit, und Paula schlüpfte unterdessen hinaus.
„Sie werden sich denken, Tinser, der Hegemann, das ist mir ein Schöner. Aber ich wäre bestimmt eher gekommen, wenn ich nicht selber eine aufs Dach bekommen hätte, wie Sie wahrscheinlich wissen. Sie hat es ja auch bös erwischt, wie man mir erzählt hat. Das war schon eine saugrobe Bande, mit der wir es da zu tun hatten. Ich freue mich, daß es Ihnen wieder anständig geht. Ich bin die ganze Zeit über Ihr Befinden auf dem Laufenden gewesen. Mein lieber Freund, Ihr Herr Vater, ist ja nun auch wieder abgedampft. Habe mich ehrlich gefreut, ihn nach so langen Jahren wiederzusehen. Ein bissel alt ist er geworden, der gute Stabsarzt Tinser: hübsch viel weiße Haare. Es war mir ein Vergnügen, ihm nur Gutes über seinen Herrn Sohn berichten zu können. — Was haben Sie denn auf einmal, daß Sie wegschauen?"
„Sie machen mich rot, Herr Hegemann. Ich verdiene Ihre Güte nicht. Ich muß Ihnen etwas beichten. Wollen Sie sich nicht setzen?" stammelte Tinser, sah flüdjtig auf und richtete feine Blicke sogleich wieder auf die Bettdecke.
„Beichten? Wird schon nicht so schlimm sein. Dieser Polsterstuhl ist fabelhaft. Da sehe ich erst, was ich den Brüdern mit diesem Krankenhaus hingestellt habe. So, jetzt können Sie beichten."
„Gestern war die Polizei hier und verlangte Auskunft über mein Verhältnis zu Gaidl."
„Das ist interessant! Na und?"
„Sie hat sich inzwischen ihre Meinung gebildet und id) habe nicht widersprochen. Man weiß, daß ich Gaidl von Wien her kenne, weil er eine Zeitlang
Laboratoriumsdikner war, und daß er mich in Seesham ausgesucht hat. Und man glaubt, daß er mich über den Föpplsaden auszuholen versuchte, aber abblitzte, und daß er mich dann in Ihr Wäldchen bestellt hat, um mich als Mitwisser unschädlich zu machen, nachdem ich eine Mitwirkung an dem Verbrechen abgelehnt hatte. Man hat nämlich in seiner Wohnung einen diesbezüglichen Brief von mir gefunden", erzählte Tinser leise.
„Ist das denn nicht die Wahrheit?" fragte Hegemann erstaunt und beugte sich im Sessel vor.
„Doch. Aber nur die halbe. Es spielt da noch etwas herein, was die Polizei nicht ahnt. Ich hatte auch keine Veranlassung, ihr das eigens auf die Rase zu binden, da es mich nur in Ungelegenheiten gebracht und ihr nichts genützt hätte."
„Ja.?"
„Der Gaidl war nämlich ein Erpresser."
„Er hqt etwas von mir gewußt, mit dem er mich drangsaliert hat. Nichts juristisch Strafbares, aber doch etwas über das ich mich heute zu Tod schäme, etwas, das den Namen Tinser durch den Kot gezogen hätte."
Hegemann sagte jetzt nicht mehr Ja? und nicht mehr Uff!, sondern blickte ziemlich bestürzt drein und kratzte fein Kinn. Tinser fuhr fort:
„Ich habe nämlich vor anderthalb Jahren großen Blödsinn gemacht. Ich schuftete an so einer Vererbungsgeschichte herum, weiße Mäuse, graue Mäuse, es ging nicht recht vorwärts. Sie wissen ja, wie das ist, ich hatte zudem Schwierigkeiten mit meinem alten Herrn, wollte gut abschneiden bei ihm, ein bissel Ruhmsucht war natürlich auch dabei, und — da reitet mich der Teufel und flüstert mir ins Ohr: hilf doch nad), Mensch, sonst bringst du es im ganzen Leben zu nichts. Na und da habe ich halt Gra- witschko gespielt, wie man bei uns in Wien so sagt, habe ein paar Mäuse umgefärbt, habe die Zucht- Protokolle frisiert: es war eine richtige Schweinerei und ich will nichts beschönigen. Ich kann zu meiner Verteidigung höchstens anführen, daß ich damals noch sehr jung und sehr dumm war und keine blasse Ahnung hatte, in was für Schwulitäten id) noch kommen wurde. Das also hat der Gaidl von mir gewußt und damit hat er mich wie einen Jahrmarktsbären am Strick behalten und ich habe nach einer Pfeife tanzen müssen. Die Angst, die ich aus- gestanden habe, möchte ich meinem ärgsten Feind nicht wünschen. Und schließlich habe ich nimmer ein noch aus gewußt und der Kerl hat nicht aufgehört, in mich hineinzubenzen, ich soll ihm doch zu der neuen Erfindung verhelfen, sonst bringt er unseren Namen in so ein Käsblatt und so weiter."
Der Kranke lag bleich und schamerfüllt in seinem Bett und seine Hande und seine Stirn beschlugen ich mit dünnem Schweiß. Ein paar kleine Fliegen bumsten von Zeit zu Zeit gegen die Fensterscheiben, aber sonst war tödliche Stille im Zimmer. Hegemann hatte sich zurückgelehnt, hielt die Augen halb geschlossen und es war nicht zu erraten, was er dachte. Tinser schluckte energifd) und murmelte:
(Fortsetzung folgt.)
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