Nr. ION Zünster Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefsen) Ztt.April /'.Mai 1958
Oie Arbeitseinsatzlage in Oberhessen
Don Oberregierungsrat Or. List, Direktor des Arbeitsamtes Gießen.
Mehr sparen?
Was uns die „Aterspyramide" lehrt!
Nehmen wir einmal das „Statistische Jahrbuch
allen diesen Gebieten des soliden Sparens kräftige Fortschritte und eine wesentliche Stärkung des
Sparwillens feststellen können. Der Einzahlungsüberschuß bei den Sparkassen betrug im Jahre 1937 nicht weniger als 861 Millionen Mark gegen 309 Millionen Mark im Vorjahre und 505 Milliomen Mark in 1935. Auch bei den Kreditgenossenschaften haben die Spareinlagen weiter zugenommen. Die größeren privaten und öffentlich- rechtlichen Lebensversicherungen verzeichnen im Jahre 1937 Prämieneinnahmen von 1022,1 gegen 934,9 Millionen Mark im Vorjahre, von denen allerdings nur rund die Hälfte zu Kapitalanlagen zur Verfügung standen.
Eine ständig wachsende Bedeutung kommt der Ersparnisanlage durch Erwerb festverzinslicher Wertpapiere zu. Die Reichsanleihen, von denen seit 1935 fast 10 Milliarden Mark erfolgreich begeben werden konnten, stehen dabei natürlich im Vordergrund. Aber auch der Pfandbrief hat trotz der erheblichen Emissionsbeschränkungen einen hohen Anteil an der gesamten Ersparnisbildung gehabt. Im Jahre 1937 sind brutto für rund 650 Millionen 4'/>prozentige Pfandbriefe verkauft worden, denen Rückflüsse von nur 387 Millionen Mark gegenüberstanden, so daß der Umlauf der als Ersparnisanlage gehaltenen Pfandbriefe sich wiederum, wie schon im Vorjahr, um mehr als eine Viertelmilliarde Mark erhöht hat. Die starke Ersparnisanlage in Pfandbriefen, die noch wesentlich größer gewesen wäre, wenn nicht die Institute vielfach ihre letzten Bestände ausverkauft hätten, beruht nicht nur auf der vorzüglichen Pfandbriefdeckunq durch sichere und sorgfältig ausgewählte Hypotheken und der guten Verzinsung von 4V2 o. Sy, sie ist auch begründet in der stabilen Kursentwicklung, die eine jederzeitige risikolose Verwertbarkeit der Pfandbriefe im Falle eines Geldbedarfs des Sparers gewährleistet.
So sehen wir, daß in richtiger Erkenntnis des eisernen Zwanges zur Vorsorge für das Alter das deutsche Volk aus feinem wachsenden Einkommen auch steigende Sparbeträge zurückstellt, die — volkswirtschaftlich betrachtet — die Reserve schaffen, mit der in der Zukunft die Altersversorgung des ganzen Volkes gesichert wird.
„Die Entwicklung der wichtigsten Altersgruppen der deutschen Bevölkerung von 1871 bis 1970". Das Ergebnis der amtlichen Vorausberechnungen der Al- ter'sschichtung unserer Bevölkerung (ohne Saargebiet und Oesterreich) ist kurz folgendes: Die Zahl der männlichen und weiblichen Personen mit einem Lebensalter von 65 Jahren und darüber steigt danach von 4,64 Millionen in der Gegenwart auf 5,28 Millionen im Jahre 1940, auf 6,37 Millionen im Jahre 1950 und auf nicht weniger als 8,48 Millionen im Jahre 1970. In dem gleichen Zeitraum, in dem also die Zahl der durchweg nicht mehr erwerbsfähigen Menschen über 65 Jahre auf fast das Doppelte anwächst, nimmt die Gesamtbevölkerung um rund 3 Millionen von 65,36 auf 62,34 Millionen ab, darunter die Erwerbsfähigen (zwischen 15 und 65 Jahren) um 1,7 Millionen.
Unmöglich kann der jetzt und in der nächsten Zeit Heranwachsenden jungen Generation zugemutet werden, die 8V2 Millionen Erwerbsunfähigen um die Zeit von 1970 herum zu erhalten. Auch der Staat kann das nicht, ohne die Arbeitsfähigen mit Steuern und Abgaben zu erdrücken, zumal, da sich die Invaliden- und Angestelltenversicherung nur auf einen Teil der Bevölkerung erstreckt. Die Erhaltung des relativ hohen Anteils von Erwerbsunfähigen und Greisen ist nur möglich durch rechtzeitigen i*n D umfassenden Einsatz der Selbsthilfe: d-urch vermehrtes Sparen!
Das auf Sicherung des Alters abzielende Sparen verträgt sich nicht mit dem Eingehen größerer Risiken. Es erfordert in erster Linie Rücksicht auf die Sicherheit des Kapitals und des Zinsanspruchs und hat erst dann auf die Höhe des Zinsertrages zu sehen. Wer Sparer und nicht Spieler sein will, wird spekulative Kapitalanlagen, etwa durch Erwerb von Grundstücken, unsichere Beteiligungen, im Werk stark schwankende Aktien usw. meiden. Er wird die bewährten Formen der Ersparnisanlage wählen, also sein Geld zur Sparkasse, Bank oder Genossenschaft tragen, öffentliche Anleihen, Pfandbriefe oder Kommunalobligationen erwerben oder eine Versicherung abschließen.
Bauherren, dafür zu sorgen, daß die A u s g e st al - tung dieser Baracken in jeder Beziehung vorbildlich ist und daß Verpflegung und Behandlung einwandfrei sind.
Ich darf zum Schlüsse an unsere Volksgenossen aus der Ostmark die Bitte richten, ihre Stellungen nicht jetzt zu verlassen, sondern abzuwarten, bis die Zeft zur Rückkehr in die Heimat gegeben ist. Für die nächste Zeit ist es auf jeden Fall unzweckmäßig und auch infolgedessen von der Reichsregierung als unerwünscht bezeichnet, daß irgendwelche Arbeitsstellen im alten Reich aufgegeben werden.
Lehrlinge in Einheitspreisgeschäften nicht erwünscht.
Fwd. Der Präsident der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung hatte vor einiger Zeit zu der Frage Stellung genommen, ob Lehrlinge in Einheitspreisgeschäften auf Grund der geltenden gesetzlichen Bestimmungen von der Arbeitslosenversicherungspflicht befreit werden kön-
schon auf den ersten Seiten eine Statistik, die bei näherem Anschauen verblüfft und zu ernstem Nachdenken Anlaß gibt. Sie trägt die Ueberschrift:
Wer die Entwicklung der Spartätigkeit in Deutsch- für das Deutsche Reich" zur Hand, so finden wir land betrachtet, wird gerade in der letzten Zeit auf
neu. Diese Frage war nach dem Wortlaut der einschlägigen Vorschriften zu bejahen. Im Anschluß an diese Stellungnahme wurde vielfach die Auffassung geäußert, der Präsident der Reichsanstalt habe seine Ansicht über die Lehrlingsausbildung in Einheitspreisgeschäften überhaupt grundsätzlich geändert. Diese Auffassung trifft nicht zu. Der Präsident der Reichsanstalt hat sich veranlaßt gesehen, vielmehr ausdrücklich zu erklären, daß er den Abschluß von Lehrverhältnissen in Einheitspreisgeschäften im Hinblick auf die frühere Stellungnahme der Neichswirt- schaftskammer nach wie vor für unerwünscht hält. Seine Anweisungen über die Lehrlingsausbildung in Einheitspreisgeschäften seien daher bei der Berufsberatung und Lehrstellenvermittlung weiterhin zu beachten. Lehrlinge, die in Einheitspreisgeschäften tätig gewesen sind, werden also wie bisher nicht als Kaufmannsgehilfen, sondern nur als angelernte Kräfte von den Arbeitsämtern vermittelt. Auch die Industrie- und Handelskammern tragen nach Mitteilung der Reichswirtschaftskammer derartige Lehr- oerhältnisse nicht in die Lehrlingsrolle ein, so daß damit eine Ablegung der Kaufmannsgehilfenprüfung praktisch ausgeschieden ist. Die Eintragung in die Lehrlingsrolle ist nämlich nach einem Erlaß des Reichswirtschaftsministers vom 14.1.1937 Voraussetzung für die Zulassung zur Kaufmannsgehilfen- prüsung.
Seit Jahr und Tao ist die Arbeitseinsatz- lage in Ob er Hessen so günstig, daß an Stelle der Sorge um die Beschaffung von Beschäf- tigung für arbeitslose Volksgenossen die andere Sorge getreten ist: Woher können die Arbeitskräfte für die vielerlei und umfangreich en Vorhaben beschafft werden? Die so veränderte Fragestellung zwingt zunächst dazu, alle Arbeitskräfte einzusetzen, die e i n s a tz s ä h i g sind. Es gilt also, den immer noch vorhandenen Restbestand aufs neue durchzuprüfen und nach sorgfältigen ärztlichen Untersuchungen und persönlichen Befragungen Arbeitsstellen zu finden, in denen die geminderte Arbeitskraft noch verwandt werden kann. Diese sehr langwierigen und schwierigen, aber notwendigen Arbeiten sind gerade in den letzten Wochen in der Stadt Gießen erfreulicherweise vorwärtsgetrieben worden. Die Unternehmungen des Bezirks haben sich in außerordentlicher Bereitwilligkeit dazu verstanden, die Aktion des Arbeitsamts zu unterstützen. Soweit noch Zweifel über die Arbeitseinsatzfähigkeit bestanden, hat das Arbeitsamt sich bereit erklärt, während einer gewissen Anlaufzeit die Unterstützung weiterzuzahlen. Ein anderer Weg versuchte, die Arbeitskräfte, die nicht zweckmäßig angesetzt waren, frei zu machen, um sie produktiv für die Gesamtheit zu beschäftigen. Die Inhaber der Wandergewerbe- und Hausier- scheine gehören häufig zu solchen Arbeitskräften. In der Zeit der Not hat mancher das Wandergewerbe gewählt, um sich überhaupt über Wasser halten zu können. Er wird bei Darlegung der Lage gerne bereit sein, eine ergiebigere und dauernde Arbeit mit dem unsicheren Einkommen als Wandergewerbescheininhaber zu vertauschen. Es ist selbstverständlich, daß man auch die Insassen der Zuchthäuser und Gefängnisse an die produktive Arbeit heranführt und sie bei Arbeiten in der Landwirtschaft, oder in sonstigen Wirtschaftsbereichen beschäftigt. Auch die Wander- und Tippelbrüder werden durch geeignete Maßnahmen zu produktiven Mitgliedern der Volksgemeinschaft erzogen.
Eine der letzten Verordnungen, die z. T. falsch verstanden worden sind, wendet sich an alle weibliche Volksgenossen unter 21 Jahren, die zu Hause untätig oder nicht voll beschäftigt sind. Diese jungen Menschen müssen sich zunächst schriftlich melden. Das Arbeitsamt wird in geeigneten Fällen Veranlassung nehmen, zu einer Rücksprache aufzufordern, und auf die Verpflichtung und Möglichkeiten einer Betätigung im Nahmen der Volksgemeinschaft Hinweisen. Alle diese Maßnahmen werden dazu führen, daß auch die gering st e Arbeitskraft noch mit eingesetzt wird.
Der Arbeiterbedarf in der deutschen Wirtschaft ist aber inzwischen so stark angewachsen, daß der sofortige Einsatz von Arbeitskräften notwendia ist. Deshalb ist für die Landwirtschaft auf die Angehörigen der befreundeten Nation Italien zurückge- ariffen und eine große Anzahl italienischer Landarbeiter eingesetzt worden. Es ist selbstverständlich, daß auch aus unserer O st - mark Arbeitskräfte herangezogen werden, solange es noch möglich ist, Kräfte abzugeben. Daneben sind in erheblichem Umfange auch Volksdeutsche aus anderen Ländern, besonders in technischen und gehobenen Tätigkeiten, eingestellt worden.
Die großen Bauvorhaben zwingen zu einer Mas sierung von Arbeitskräften, die nur erfolgen kann, wenn man weitere Wohngebiete heranzieht. Eine Bewegung dieser Massen auf Omnibussen zur Baustelle ist nicht immer möglich. In weitem Umfange muß auf Barackenunterbringung zurückgegriffen werden. Es kann nickt übersehen werden, daß eine solche Barackenunterbringung besonders für Familienväter große Nachteile mit sich bringt. Es ist deshalb selbstverständliche Pflicht'aller
Fäden hin und her.
ZRoman von Hedda Westenberger.
Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin W 35.
10. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
Er tritt händereibend ein, das Gesicht heiter, wie sonst nur nach dem Essen, die Augen voll Spitzbüberei: „Also, Martha, du bist ja sicher schon ganz elend vor Aufregung, ich will dich nicht länger zappeln lassen: Die junge Dame da draußen ist Marga Montwill, Paul Montwills Tochter. Besinnst du dich noch? Damals war sie so'n kleinem wildes Ding mit Hängezöpfen, heute ist sie ’ne elegante junge Dame. Ja, das war 'ne Überraschung. Aber beiderseits, beiderseits! Sie hat nämlich gedacht, sie findet hier so 'nen Dattergreis von einigen Siebzig vor, weißt du? Ja, da hat sie sich ja gewaltig geirrt. Hm, wie meinst du? Na rede dock laut, Marthchen, genier dich nur nicht... wie? Ach so, 's gibt nur Würstchen und Löffelerbsen. Na, das macht nichts, das macht gar nichts. Dafür gibt's dann heute abend was Besseres. Hm... und was ich noch sagen wollte: Vielleicht bist du so gut und machst jetzt'n bißchen die Honneurs, und du auch, Monika, bis ich mich rasiert habe."
Tante Martha sieht aus, als spalte sich über ihr die Decke: „Du rasierst dick, Gottfried? Mitten am Tag? Und wo die Würstchen ...?"
„Sind die Würstchen für mich da oder ich für die Würstchen?" schreit der Doktor und nimmt eine der auf dem Tisch liegenden Servietten, um sie mit Nachdruck noch einmal hinzulegen. Aber dann geht sein forschender und etwas unsicherer Blick durch die offenstehende Tür in den Garten hinaus, wo Marga Montwill sich gerade mit Tapsy über eine Amsel auseinandersetzt — und statt noch einiges über seine Beziehungen zu den mittägigen Würstchen verlauten zu lassen, macht er sich plötzlich still davon.
Die beiden Hammerbacherschen Damen sehen sich einen Augenblick in grenzenlosem Staunen an. Vater geht, ohne das Thema Würstchen erschöpft zu haben. Da muß er krank sein. Oder... ,
Unwillkürlich wandern auch ihre Blicke zu Dem' Besuch im Garten hin. Dann geht Tante Martha entschlossen hinaus, nicht ohne zwischen Tür und Angel schnell ein gutgeschultes liebenswürdiges Lächeln zu hissen und das zage Haarknötchen am Hinterkopf für die bevorstehende Begrüßungs
zeremonie mit einem energischen Druck der linken Hand zu etwas mehr Selbstbewußtsein zu ermahnen.
„Komm doch mit", flüstert sie Monika noch rasch zu.
Aber Monika hat Zeit. Monika ist noch lange nicht mit dem Tischdecken fertig.
Doktor Gottfried Hammerbacher ist inzwischen langsam in sein Schlafzimmer hinaufgestiegen, das ihn sonst um diese Zeit selten genug zu sehen bekommt. Nun steht er vor dem Waschtisch, die Hosenträger baumeln ihm friedlich an den Beinen herunter, und feine untere Gesichtshälfte starrt ihm, mit schäumender Seife eingeschmiert, nachdenklich aus dem Spiegel entgegen. Aber statt nun das widerwärtige Geschäft des Rasierens rasch und energisch zu erledigen, dreht er nur unschlüssig die Klinge zwischen den Händen und schaut und schaut...
Er ist nicht eitel, der Doktor, bei Gott nicht. Es ist ihm ganz wurscht, ob diese hereingeschneite Marga Montwill ays Berlin ihn nett oder nicht nett, gut aussehend oder nicht gut aussehend findet. (Sie fand ihn natürlich gut aussehend.) Was, schert ihn das? Er hat sich sein Lebtag nicht darum gekümmert, was die Weiber von ihm hielten. Wohin wäre er sonst auch gekommen? Er hat sie als notwendiges Uebel betrachtet, hat ihre bald offenen, bald versteckten Komplimente als Selbstverständlichkeit eingesteckt und sie mit Grobheit und Spott beantwortet. (Und so manches liebe Mal dabei Blut geschwitzt.) Und vor allem hat er fick nie viel Gedanken über das Warum und Wieso seines Verhältnisses zu den Frauen und ihres Verhältnisses zu ihm gemacht. Warum auch? Soll man sich über etwas so Nebensächliches, Unlogisches, Unberechenbares, wie es eine Frau ist, Gedanken machen?
Aber diese da, diese Marga Montwill aus Berlin, hat ihn merkwürdig überrumpelt. Schon die Respektlosigkeit, mit der sie sich eingeführt hat. Und — daß sie ihn doch wahrhaftig überbrüllt hat...
Und nachher die kurze Unterhaltung im Wohnzimmer, ehe sie in den. Garten hinausgegangen sind. Wie sie ihn angesehen und gemustert hat! Als ob er ein Museumsstück wäre. Und dieser überlegene Spott um den Mund, als sie plötzlich ganz unvermittelt sagte: „Wie nett müßten Sie sein, Onkel Hammerbacher, wenn Sie weniger rauhbautzig täten!" Wann je hat eine Frau ihm schon so etwas in so einem Tonfall ins Gesicht gesagt?
Und das Schlimmste: statt ihr eins auf die Nase zu geben, hat er geschwiegen und dumm gegrinst. Er! Geschwiegen!
Aber nicht das allein ist es, was ihn jetzt so sehr beschäftigt. Sondern etwas viel, hm, allgemein
Interessanteres, psychologisch Interessanteres: nämlich die starke Veränderung der Einstellung zwischen Mann und Frau im Verlauf einiger Jahrzehnte.
Jawohl. Man könnte eine Doktorarbeit darüber schreiben, so interessant ist das.
Damals zum Beispiel, als die kleine, zehnjährige Marga Montwill mit ihren Eltern nach Eigelftem zu Besuch kam, war er, Gottfried Hammerbacher, ein Mann von fünfunddreißig Jahren. Ein junger Mann also — trotz des großen Barts. Aber Die Kleine empfand ihn als einen sehr alten, würdevollen Mann, so alt und würdevoll, daß die inzwischen erwachsen gewordene Marga ihn mit weißem Haar und langem weißem Rauschebart anzutreffen erwartete. Aber nun, diesem „alten Mann" von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehend, muß sie feststellen, daß inzwischen eigentlich nur sie selbst älter geworden ist, und daß der „alte Mann" ihr heute, nach siebzehn Jahren, sogar wesentlich jünger oorfommt als damals, daß er also gewissermaßen auf der Höhe des Lebens stehengeblieben ist.
Doktor Gottfried Hammerbacher hebt schwungvoll den Arm im exakten rechten Winkel und setzt endlich mit energischer Geste zum Rasieren an: Ja, ja, gar nicht zu leugnen, die ehemals scheinbar enorme Distanz zwischen dem zehnjährigen Mädel und dem fünfunddreißigjährigen, schon in Amt und Würden stehenden Mann ist im Laufe der Zeit einfach zusammengeschrumpft. Hätte er zum Beispiel damals zu irgend jemandem gesagt: Diese Zehnjährige wird später mal meine Frau — so hätte man ihn schallend ausgekocht. Sagte er aber heute zu jemandem: Diese siebenundzwanzigjährige Marga Montwill wird meine Frau, so würde kein Mensch etwas dabei ftnden.
Oder?
Nein, kein Mensch.
Höchstens und selbstverständlich natürlich er selber. Denn lieber doch steckte er feinen Kopf drei Tage lang in Tanta Marthas Bratröhre, als daß er sich zu einer neuen Heirat hergäbe. Lieber doch schwüre er bis zum Ende seiner Tage dem Pfeifchen ab und dem Stammtisch und dem Skat dazu, als daß er sich...
Aber eins muß er Tante Martha doch schleunigst noch stecken: daß sie sich nicht noch einmal untersteht, ihm seine Kissinger Pillen so unverhohlen auf den Tisch zu stellen, wie sie das neulich gemacht hat, als die Frau Oberst da war. Sie scheint sich einzubilden, daß er schon unter die Dattergreise gehört, deren Ansehen von solchen intimen Dingen nicht mehr beeinträchtigt wird. Es ist ihm zwar wurscht, ob diese Marga Montwill ihn heimlich doch
Neue Tarifordnung für die MetaU- Zndustrie im Wir schaHspebi t Heften.
NSG. Der Reichstreuhänder der Arbeit für das Wirtsckaftsgebiet Hessen, Dr. S ch m e 11 e r, hat für die gesamte Metallindustrie eine neue Tarifordnung erlassen, die am 15. Mai 1938 in Kraft tritt.
Die Tarifordnung ersetzt eine große Zahl alter Tarifverträge und bringt in die Verworrenheit und Unterschiedlichkeit der Lohngestaltung eine systematische Ordnung. An Stelle der außerordentlich zahlreichen Ortsklassen treten nunmehr lediglich sieben Lohntafeln, wobei die niedrigsten Löhne eine gewisse Ausbesserung erfahren haben. Die Tarifordnung bringt weiter eine große Zahl von sozialpolitisch bedeutsamen Verbesserungen, so Bestimmungen über Weiterzahlung des Lohnes in Krankheitsfällen und sonstiger Arbeitsversäumnis, über Urlaub und
RUHL Seltersweg Nr. 67
adlO Telephon Nr. 3170
eparaturen lK9/L
Akkordarbeit. Die in einzelnen Tarifverträgen bisher bestehende sog. Akkordbasis ist ganz allgemein fortgefallen und an ihre Stelle der Stundenlohn getreten.
Auch die bisher von einem Tarif nicht erfaßten Bezirke in Hessen sind nunmehr an den Metalltarif gebunden. Die Tarifordnung ist jedem Gefolgschaftsmitglied auszuhändigen. Sonderdrucke sind beim Fachpmt „Eisen und Metall" der Gauwaltung Hessen-Nassau der DAF. zu bestellen.
Starke Zunahme des Paketverkehrs
tm Reichspostdirektionsbezirk Frankfurt a. 2H. / Darmstadt.
Lpd. Frankfurt a. M., 27. April. Die wichtige Stellung, die der Paketverkehr der Reichspost im wirtschaftlichen Verteilungsprozeß als Verkehrs- mittler im besonderen für Güter der Verbrauchs- inöuftrien einnimmt, hat zu feiner eingehenden statistischen Beobachtung Anlaß gegeben. Das Statistische Reichsamt legt daher soeben eine ausführliche und vergleichende Darstellung über die Entwicklung des Paketverkehrs von 1932 bis 1 937 vor.
Aus ihr geht hervor, daß der Reichspoftdirektionsbezirk Darmstadt in sehr bemerkenswertem Umfange an dem allgemeinen Verkehrsanstieg teilgenommen hat. Erhöhte sich doch die Zahl der aufgelieferten Pakete im Frankfurter Bezirk von 9 619 000 im Jahre 1932 auf 11 601000 im Jahre 1935, dann weiter auf 12 132 000 im Jahre 1936 und erreichte 1937 die Zahl von 12 717 000. Das bedeutet eine Zunahme des Paketversands von 1932 bis 1937 um 32,2 v. H., während im Reichsdurchschnitt eine Erhöhung um 35 v. H. zu verzeichnen war. Die bedeutendste Weigerung weist der Bezirk Bremen mit 62 v.H. auf. Der Paketversand nach dem Ausland, der allgemein zurückging, dessen Anteil am Gesarntoerkehr aber sehr gering ist, sank im Bezirk Frankfurt-Darmstadt im Zeitraum der letzten fünf Jahre von 548 000 auf 3 08 000.
Um die Intensität des Paketoersands in den einzelnen Reichspostdirektionsbezirken zu messen, hat das Statistische Reichsamt die Auflieferungszahlen auf je 1000 der Bevölkerung bezogen. Daraus ergibt sich, daß bei einer Bevölkerungsdichte von 209 Einwohnern auf einen Quadratkilometer im Bezirk F r a n t f u r ts 2).a r m ft a D t auf je 1000 der Bevölkerung im Jahre 1937 4495 Pakete aufgeliefert wurden gegen 3375 im Jahre 1932. Der Reichsdurchschnitt für 1937 errechnet sich mit 4603. An der Spitze der Direktionsbezirke fte’bte hier wiederum Bremen, an zweiter Stelle folgt Berlin, dann Chemnitz, Stuttgart und Nürnberg.
Sprechstunden der Redaktion.
11.30 bis 12.30 Uhr, 16 bis 17 Uhr. Samstagnach- mittag geschlossen
für einen alten Onkel hält, aber diese Person ist fähig, chn damit aufzuziehen. Und dann garantiert er für nichts mehr.
A propos: alter Onkel. Warum sagt sie eigentlich immer mit so einer infamen Betonung: „Onkel Hammerbacher"? Er ist doch gar nicht ihr Onkel. Wenn sie das früher mal gesagt hat, so ist das doch kein Grund, es heute auch mro) zu sagen!
Na, vielleicht gibt sich's, daß er darüber mal 'ne Bemerkung fallen lassen kann.
So und jetzt runter mit den Stoppeln.
Aber wie er gerade sorgfältig unter der Nase hin fährt, wo es besonders empfindlich ist, wird er gestört. Monika stürmt herein, als brenne es unten.
„No?" fragt der Vater mit geschloffenen Lippen, die Nase mit der linken Hand vorsichtig hochdrückend, während die Rechte sorgsam die Klinge führt. „No?"
Monika tritt neben ihn hin und betrachtet interessiert des Vaters verzerrtes Spiegelbild.
„So sollte man dich photographieren", sagte sie grausam.
Der Vater kann nur stumm die Augen rollen.
„Ja, hör mal", fährt Monika dany schneller fort, „warum ich 'raufkomme! Hast du den Doktor Lenzsch schon zum Mittagessen eingeladen? Er hat eben angerufen, er bitte um Entschuldigung für die Verspätung, aber er sei aufgehalten worden und könne erst in zehn Minuten da sein. Hast du ihn eingeladen?"
Der Vater formt seinen Mund zu einem großen runden Loch, damit sich die Haut über der Oberlippe schön spanne und leichter abzuschaben sei, und macht grollend: „Nö!"
Monika läßt unschuldig-schmerzlich die Arme hangen: „Ja, ich aber auch nicht. Was sollen wir denn bloß tun? Und womöglich reichen jetzt die Würstchen nicht. Tante hat schon telephoniert, aber der Fleischer hat zu, und Tante sagt, zu frischen Regensburgern könnten wir unmöglich Büchsen- Frankfurter dazunehmen. Wenn du nicht noch die Dame eingeladen hättest, Dann langte es ja. Aber so... Kannst du nicht vielleicht mit der Dame essen gehen?"
Der Vater schließ! langsam den Mund und taucht ebenso langsam die Klinge ins Wasser. Dann dreht er sich zu der Tochter herum, und seine Augen verheißen nichts Gutes: „Wer war Denn eher Da — meine Dame oDer Dein Doktor Lenzsch? Hm?"
Monika wirst Die Lippen auf: „Das ist nicht mein Doktor Lenzsch. Und immerhin ist er schon lange ein FreunD Des Hauses, währenD Deine ..."
(Fortsetzung folgt.)


