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Iir.279 Drittes Blatt

Dienstag, 29. November 1938

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Aus der Stadt Gießen.

Unter Rundfunk.

Im September haben wir uns ein Rundfunkgerät zugelegt. Im nächsten Monat las ich, daß die Zahl der Rundfunkhörer gewaltig gestiegen war. Komisch! Nur, weil wir.._. ? Oder sollten sich andere Leute am Ende auch ... ?

Es ist immer wieder schön und aufregend zugleich, wenn man beim Drehen diese flüchtige Berührung mit einer ganzen Welt herstellt: wie sie aus fernen, fernen Städten und Ländern murmeln, flüstern, spre­chen, rufen, singen, schreien!

Aber manchmal steckt auch der Teufel in dem brau­nen Kasten. Der läßt es knacken, spucken, pfeifen und kreischen. Komisch! Immer, wenn der andere dreht!

Es war vor ungefähr fünfzehn Jahren in einer großen Stadt. Da saßen wir eines Tages um den Tisch, auf dem ein winzig kleiner Detektor stand Wir hatten Kopfhörer um und erlebten zum ersten Male drahtlose Telephonie Erst einen Bortrag, dann Musik. Wenn sich unsere Bl'cke trafen, sahen wir verlegen weg, man wußte wirklich nicht so recht, wohin man gucken sollte. Und die Ohr­muscheln taten einem mit der Zeit weh von den Hörern. Aber es war wunderbar, diese klare Stimme, die so deutlich sprach. Dagegen hörte man nun nicht, was im Haus vorging, kein Rufen, kein Klingeln. Nur, wenn im Zimmer sich jemand rührte, schoß man die unwilligsten Blicke.

In der Folgezeit hatten wir manche schöne Stunde, ich erinnere mich vor allem an ein Hör­spiel, das uns bis zu Tränen rührte, was sehr peinlich war, denn man saß ja nicht im dunklen Kino oder Theater, sondern im hellen Wohn­zimmer.

Auch das Kind hatte später viel Freude am Rundfunkhören, ich sehe noch sein aufmerksames Gesichtchen, wenn wir ihm die Kopfhörer um­geklemmt hatten. Eines Tages entwickelte sich fol­gendes Zwiegespräch:Oma laß mich auch hören!" Nein, Kind, es ist ein Vortrag, den verstehst du nicht!"Aber, Oma", tönte es vorwurfsvoll zurück, ben versteh ich doch, der spricht doch deutsch!"

Heute strömt es uns zu aus aller Welt: ein schwermütiges Lied aus Finnland, ein Chanson aus Paris, Zigeunermusik aus Budapest, eine Oper aus Rom, ein englisches Liehchen, eine Fantasie auf einer Kinoorael aus Berlin, wobei es einem immer so weh im Magen wird.

Das Kind hat unstreitig die beste Lage heraus­gefunden, um alles das richtig zu genießen: auf dem Tevpich vor dem Rundfunkgerät, ein Kisten untern Kopf geschoben.

Schön ist auch die Morgengymnastik. Es ist aber besser, man ist allein im Zimmer. Es gibt nämlich Leute, die sonst dauernd lächeln. Und ich möchte mich auch nicht noch mal so blamieren und das Bein nicht über die Stuhllehne kriegen. (Unsere Stühle sind besonders hoch.)

Jetzt wird's pfundig!" sagte das Kind, als wir in den Ferien zusammen übten. Die Lehrerin.hatte befohlenauf den Baden legen!" Ich aber ging in stillem Widerspruch zum Frühstückstisch und fand es besonderspfundig", dort gemütlich sitzen zu bleiben, wenn die Lehrerinhopp" sagte!

E L. St.

Hitler-Iugend Dann 116.

Bett.: Banngerätewettkämpfe.

Am Skmntag, 4.12., ab 9 Uhr, findet in der Turn­halle der Turngemeinde Friedberg, Ockstädter Straße, eine Borturner ft unbe für den gesamten Bann 116 zur Vorbereitung der Banngerätemeisterschaften statt. Alle Vereine oder HI.-Kampfgemeinschaften, die an den Wettkämpfen teilnehmen wollen, haben den Dereinsiugendwart oder einen als Vorturner geeigneten Ig. zu dieser Vorturnerstunde zu ent­senden. Zum Lehrgang sind die Ausschreibungen im Gauverordnungsblatt Nr. 44 genau durchzulesen und mitzubrinaen. Kleidung: Uniform (für Jgg.) und und RI.-Sportzeug.

Ordnungsgemäße LnAdung der Wirtschaft.

NSG. In Durchführung des Aufrufs des Gau­leiters vom 25. November über den Verkauf jüdischen Vermögens fand am Sonntag im Adolf-Hitler-Haus zu Frankfurt a. M. unter Leitung des Gauwirt­schaftsberaters E ck a r d t eine Arbeitstagung der Kreiswirtschaftsberater statt, an der auch Vertreter der Hessischen Landesregierung und des Regierungs­präsidenten in Wiesbaden, der Geheimen Staatspoli­zei sowie der Wirtschaftskammer Hessen teilnahmen.

Ausgehend von der Entwicklung, die die Entjudung der Wirtschaft in den letzten Tagen genommen hat, stellte der Gauwirtschaftsberater die Notwendigkeit heraus, die im Interesse unserer Volkswirtschaft er­forderlichen Maßnahmen unverzüglich durchzuführen.

Der Geschäftsführer des Gauwirtschaftsberaters, Kratz, sowie der Gaustellenleiter Beck stellten die heute für die Entjudung der Wirtschaft geltenden Bestimmungen noch einmal eindeutig heraus. Danach verbleibt es bei der Veräußerung jüdischer Gewerbe­betriebe und landwirtschaftlichen Grundbesitzes bei der bisher durch Verordnungen festgelegten Rege­lung. Hiernach sind die entsprechenden Kaufverträge jeweils in dreifacher Ausfertigung einzureichen, und zwar:

1. an die Oberbürgermeister, Landräte bzw. Kreis­direktoren bei Veräußerung von jüdischen Einzel­handelsgeschäften und landwirtschaftlich genutz­tem Grundbesitz:

2. an den Reichsstatthalter in Hessen Landes­regierung bzw. die Regierungspräsidenten bei Verkauf aller sonstigen jüdischen Gewerbe­betriebe einschließlich Handwerks- und Gast­stättenbetriebe.

Die vorerwähnten Behörden erteilen daraufhin die Genehmigung nur nach Anhörung der Industrie- und Handelskammer und nach Zustimmung durch den Gauwirtschaftsberater. Bezüglich der jüdischen Ein­zelhandels-, Handwerks- und Gaststättenbetriebe wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß wegen der be­stehenden Uebersetzung nur noch eine geringe Anzahl von Betrieben als erhaltungswürdig angesehen wird.

Die Veräußerung alles übrigen jüdischen Vermö­gens, wie Wohngrundstücke, Bauplätze, bewegliches Eigentum aller Art, ist bis zu einer anderweitigen gesetzlichen Regelung auf Grund der Anordnung oes Gauleiters ebenfalls genehmigungspflichtig. Diese Genehmigungen erteilen die Kreiswirtschaftsberater. (Dienstsitz jeweilige Kreisleitung der NSDAP.) Die­sen sind alle Kaufabmachungen dieser Art zu melden, worauf sie nach Ausfüllung eines Vordruckes die Genehmigungen erteilen ober versagen. Die Kreis­wirtschaftsberater werben erforberlichenfalls unter Hinzuziehung von Sachverstänbigen die Kaufpreis­höhe überprüfen und auch die persönlichen und sach­lichen Voraussetzungen der Erwerber in Betracht ziehen.

inwieweit der Gauwirtschaftsberater in einzelnen Fällen hierbei heranzuziehen ist, wurde intern ge­regelt. Auf jeden Fall sind sämtliche Kaufab­schlüsse mit sofortiger Wirkung den Kreiswirtschaftsberatern zu melden. Mit der vorstehenden Regelung ist klargestellt, daß jede Veräußerung jüdischen Vermögens genehmi­gungspflichtig ist und welche Stellen diese Genehmi­gung erteilen.

Die jüdischen Vermögen in Hessen.

117 Millionen VM.

Die Arisieruna der jüdischen Geschäfte weit sorigeschriiien.

NSG. Auf Grund der Verordnung vom 26. April 1938 über die Anmeldung des Vermögens von Ju­den ist nun auch in Hessen festgestellt, welche Kapitalien von den Juden zusammengeschachert wurden. Aus den Erhebungen ergibt sich folgendes Bild: Die Zahl der anmeldepflichtigen Juden (einschließlich nichtjüdischer Ehegatten) be­trägt 3132. Die Gesamtsumme des angemeldeten Vermögens beläuft sich auf RM 136 232 227. so daß sich nach Abzug sämtlicher Schulden und Lasten von RM. 19041 325 ein jüdisches Reinvermö­gen (Barvermögen, (Bnmbnermnaen, Betriebsver­mögen, land- und forstwirtschaftliches Vermögen und sonstiges Vermögen) im Lande Hessen von RM. 117 190 902 eraibt.

Durch die Feststellungen kann eine genaue Auf­stellung über die Verteilung des jüdischen Ver­mögens auf die fünf größten Städte in .Reffen: Darmstadt, Mainz, Offenbach. Worms und Gießen gegeben werden. Für das Stadtgebiet D a r m st a d t ergibt sich folgende Aufstellung: Bei 327 anmelde- vstichfigen Inden h^rägt das 6Mamh)ermoaen RM. 17 082 367. Nach Abzua der Schulden und Lasten von RM 2 265 930 verbleibt ein jüdisches Reinver­mögen von RM 14 816 437 30 Darmstädter Juden besitzen noch beute ein Vermögen von RM 100 000, 10 Juden haben ein Vermögen van RM 200 000, fünf Juden ein Vermögen non RM 300 000, ein Jude ein Vermögen von RM 400 000 und weiter­bin ein Darmstädter Jude ein Vermögen von über RM. 1 000 000.

Für die Stabt Mainz ergibt sich folgenbe jüdische Vermögenskurve: 710 anmeldepflichtigen Juden haben ein Gesamtvermögen von RM. 49 746 522. Nach Abzug der Schulden und Lasten von RM 6 095 245 verbleibt noch ein Reinvermö­gen von RM. 43 651 277 Davon ist folgende Auf­gliederung bemerkenswert: 78 Juden besitzen ein Vermögen von RM 100 000, 20 Juden ein Vermö­

gen von RM. 200 000, 15 Juden ein Vermögen von 300 000, 10 Juden ein Vermögen von RM 400 000, drei Juden ein Vermögen von 500 000 und 600 000 RM., zwei Juden ein Vermögen von RM. 700 000 und wiederum zwei Juden ein Vermögen von über 1 000 000 RM.

In Offenda ch ist das Zahlenverhältnis fol­gendes: RM. 14 006 375 beträgt das Vermögen von 282 anmeldepflichtigen Juden. Nach Abzug der Schuldlast von RM 2 211 277 bleibt ein Reinver­mögen von RM 11 795 098 29 Juden besitzen ein Vermögen von RM 100 000, neun Juden von RM. 200 000, drei Juden von RM. 300 000 vier Juden von RM. 400 000, ein Jude von RM 600000, ein Jude von RM. 700 000 und ein Jude von über einer Million.

In der Stadt Worms beträgt die Zahl der anmeldepflichtigen Juden 160, die insgesamt ein Vermögen von RM. 9 588 825 baben Nach Abzug der Schuldenlast von RM. 1 618 837 verbleibt ein Reinvermögen von RM 7 969 988. 15 Juden be­sitzen ein Vermögen von RM 100 000. zwei Juden ein Vermögen von RM 200 000, ein Jude von RM 300 000, ein Jude ein Vermögen von RM 400 000 und ein Jude ein Vermögen von einer Million.

In Stadt und Kreis Gießen haben 240 anmelbevflichtige Juden ein Gefamtnermöqen von RM 7 574 795 Nach Abzug der Schulden von RM 1 -395 547 verbleibt ein Reinvermögen von RM. 6 179 248 10 Juden haben ein Vermögen von RM 100 000 und ie ein Jude ein Vermögen von 200 000 und 300 000 RM

Wenn am Anfang unseres Berichtes die Zahl von 3132 anmeldevflichtigen Juden genannt wurde, bann muß ausbrücklich betont werden, baß bie Gau­wirtschaftsberatung sowie bie Jnbustrie- unb Han- belskammern ihr Uebriges tun, um bie Ent - iubuna ber beutfchen Wirtschaft restlos durchzuführen. Die Arisierung jübischer Geschäfte ist

Generalleutnant von Apell.

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Das Bild zeigt den neuen Kommandeur der 9. Division unb Standortältesten in Gießen, General­leutnant von Apell, der am 1. Dezember 1938 die Führung der 9. Division übernimmt, lieber den militärischen Werdegang des neuen Divisionskom­mandeurs haben wir in unserer gestrigen Ausgabe bereits berichtet. (Aufnahme: Archiv.)

Heute Großer Zapfenstreich.

Im Anschluß an die gestrige Mitteilung über den Großen Zapfenstreich am heutigen Dienstagabend zu Ehren des scheidenden Divisionskommandeurs, Generalleutnant Oßwald, wird uns von der Di­vision ergänzend mitgeteilt, daß der militärische Große Zapfenstreich heute zwischen 2 2.30 und 2 3.30 Uhr vor dem Neuen Schloß auf den Land- graf-Philipp-Platz stattfindet.

bereits in Hessen soweit fortgeschritten, daß mir heute schon die Einhaltung des Stichta­ges, nämlich des 1. Januar 1939, feststellen können. Die deutsche Wirtschaftsführung wird in gewissen­hafter Arbeit'die von ber Reichsregierung vorge­schriebenen Ziele durchführen. Sie wird von dem inventarisierten Vermögen der Juden den Betrag einbehalten, worauf das deutsche Volk berechtigten Anspruch hat. 1318 jüdische Gewerbetreibende in Hessen sind deshalb keine beunruhigende Zahl, weil sich die Gesamtstruktur des jüdischen Vermöaens zu einem großen Prozentsatz aus bedeutungslosen Kleinstbetrieben zusammensetzt.

Vornoiiren

Tageskalender für Dienstag.

Stadttheater: 20 bis 23 UhrDichter unb Bauer". Gloria-Palast (Seltersweg):Eine Nacht im Mai"; in jeder Vorstellung ist die Hauptdarstellerin Ma­rika Rökk persönlich anwesend.

Sladtlheater Gießen.

Heute abend findet eine Wiederholung des großen ErfolgesDichter unb Bauer", Operette von Franz von Suppe, statt. Musikalische Leitung Joachim Po- pelka, Spielleitung Gert Buchheim, Bühnenbilder Karl Löffler. Die Vorstellung finbet gleichzeitig als 9. Vorstellung ber Dienstag-Miete statt. Anfang 20 Uhr, Enbe 23 Uhr.

BOM.-Llntergau 116 Gießen.

Für alle Stabsmitglieder und. Schulungsmädel findet am Mittwoch, 30.11., um 15 Uhr, eine Be­sprechung im Möser-Heim statt.

Jtiefenfterne.

Von Or. Erwin Koffinna.

Ernes der bekanntesten Sternbilder am Winter­himmel ist der Fuhrmann oder Wagenlenker, den die Römer Auriga nannten, in dem Kapella als einer der hellsten Sterne des Himmels strahlt. Während der Wintermonate sehen wir dieses Stern­bild in den Abendstunden nahe dem Zenit aus dem hellen Grunde der Milchstraße. Südlich der Kapella bemerken wir ein kleines Dreieck, das aus einem hellen Stern und zwei benachbarten schwächeren Lichtpunkten besteht. Seit über hundert Jahren hat ber helle weiße Stern Epsilon im Fuhrmann durch feine langsam abnehmende unb wieder an­steigende Helligkeit die Aufmerksamkeit der Astro­nomen auf sich gelenkt. Aus den bis zum Jahre 1903 angestellten Beobachtungen konnte Professor Ludendorff, der Direktor des Astrophysikalischen Observatoriums in Potsdam, erstmalig die Art des Lichtwechsels und seine Ursache ableiten.

Die Periode des Lichtwechsels ist mit 27,1 Jahren bei weitem die längste, die bisher bet einem verän­derlichen Stern nachgewiesen wurde. Während 25,1 Jahren bleibt die Helligkeit konstant, nimmt bann in sieben Monaten um 0,8 Größenklassen ab, bas heißt ungefähr auf bie Hälfte ber normalen, bleibt zehn Monate konstant im Lichtminimum unb steigt bann in sieben Monaten wieder zur früheren Hellig­keit an. Hervorgerufen wird dieser Lichtwechsel durch den Vorübergang des Begleiters vor dem Hauptstern. Epsilon im Fuhrmann ist also ein B e - deckungsveränderlicher, ähnlich wie Algol, ber bekannte Veränberliche im Perseus, bei bem bie Periode des Lichtwechsels aber nur 69 Stunden bauert. Die letzten beiben Bedeckungen von Epsilon Aurigae fanden 1902 unb 1929 statt.

Die außerordentlich lange Periode des Licht­wechsels ließ schon auf die ungewöhnliche Größe des Doppelsternsystems schließen. Aber erst die Untersuchungen von Kuiper, Struve und S t r ö m g r e n auf Grund der neuesten spektralen und lichtelektrischen Messungen haben uns einen Einblick in die gewaltigen Dimensionen von Epsilon Aurigae verschafft. Die beiden um den gemein­samen Schwerpunkt kreisenden Sterne sind Uebergiganten". Der Durchmesser des hellen Sterns beträgt 200 Sonnendurchmesser, der bes dunklen ober nur sehr schwach leuchtenden sogar 3000 Sonnenburchmesser! Denken wir uns bie helle Komponente von Epfilon Aurigae an Stelle unserer 6«mne, so würde jene Riesensonne den Raum bis zm Erdbahn erfüllen; der dunkle Begleiter gar bis

weit über die Saturnbahn hinausreichen. Die Schwächung des Lichtes des hellen Sterns wird durch die äußeren Schichten der Atmosphäre des Begleiters bewirkt. Während einer Bedeckung wan­dert der etwa 14mal kleinere helle Stern hinter der Atmosphäre des Begleiters vorüber; bie Be­deckung ist also nur eine streifende.

Die Massen der beiden Sterne sind ungefähr gleich. Jeder besitzt rund 32 Sonnenmassen. Es be­stätigt sich auch hier die an anderen Doppelstern­systemen beobachtete Tatsache, daß zwischen den Zwergen und den Riesen im Weltall keine großen Massenunterschiebe herrschen. Je größer ein Fixstern ist, besto geringer ist in ber Regel seine Dichte. Währenb bie Sonne ungefähr bie Dichte bes Was­sers besitzt, beträgt dieselbe bei Epsilon im Fuhr­mann nur ben 250. Teil ber Dichte der Luft, die wir atmen.

Die Oberflächentemperatur bes Hellen Sternes ist mit 6300 Grad nur wenig höher als bie unserer Sonne (5900 Grab), aber seine Leuchtkraft 52 000- mal so groß! Epsilon Aurigae ist also ein Licht­riese erster Orbnung und wahrscheinlich ber a b - solut hellste Stern, ben wir am nörblichen Himmel überhaupt sehen. Demgegenüber ist bie Leuchtkraft bes Begleiters so gering, baß er auch in ben besten Fernrohren unsichtbar bleibt. Seine Oberflächentemperatur berechnet sich zu nur 1200 Grab. Bei keinem anderen Fixstern hat man bisher eine so niebrige Temperatur feftqefteUt. Für untere Vorstellungen von ber Entwicklung ber Fixsterne hat bie Entdeckung einer solchen relativ sehr kühlen Gaskugel von ber 3000fachen Größe der Sonne die allergrößte Bedeutung.

Nach ber herrschenden Ansicht stellen die Riefen­sterne mit ihrer außerordentlich geringen Dichte den Jugendzustand ber Sterne bar, bie sich wahrschein­lich aus ausgedehnten kosmischen Wolken burch all­mähliche Verdichtung der Materie infolge der Schwerkraft gebildet haben. Danach ist der Be- aleiter von Epsilon Aurigae einer der jüngsten Sterne, die wir kennen. Sein Alter wird von den Astrophysikern auf nur einige hunderttausend Jahre geschätzt, während man das Alter der Zwergsterne und somit auch das der Sonne auf v'"le Milliarden Jahre berechnet. Da auch ber Helle Stern von Ep­silon im Fuhrmann ein .Uebergigant" ist, bürgte bas ganze Dovpelsternensystem sehr jungen Ur­sprungs fein. Denn bie weitere Entwicklung führt unter bauember Verkleinerung bes Sterns zu immer größerer Derbichtung ber Sternmaterie.

Wie bie meisten Bedeckungsveränderlichen, be­findet sich auch Epsilon Aurigae in der Milchstraße und damit nahe der großen Symmetrieebene un- eres Sternsystems. Die Entfernung bes Doppel.

sterns beträgt über 3000 Lichtjahre. Das in unser Auge dringende Licht hat also den Stern bereits um 1200 v. Chr., etwa zur Zeit des trojanischen Krieges, verlassen. Es ist eine unerhört großartige Vorstellung, zu der uns die Ergebnisse astrono­mischer unb astrophysikalischer Forschung führen. Aber ber Laie ahnt kaum, welche entsagungsvolle Arbeit in zahllosen durchwachten Nächten nötig war, um bas hier kurz geschilberte Bilb bes Dop- pelstemriesen im Fuhrmann entwerfen zu können.

Spiel mit der Tüte.

Von Werner Schumann.

In ber Berliner Scala trat vor kurzem ein ame­rikanischer Artist auf, besten Requisiten unter an­derem aus einer Leiter unb einer papierenen Tüte bestanden. Er stellte bie Holzleiter in bie Mitte ber Bühne, kletterte heraus unb begann, sie hin unb her zu bewegen. Es war entschieden eine ungewöhnliche Leistung, doch was der Artist dann anstellte, löste bei Tausenden teils unbändiges Gelächter, teils eine Erschütterung, ein betroffenes Staunen aus, wie man es im Variete nicht jeden Abend erlebt.

Der Amerikaner nämlich, ein Mann von vielleicht 35 ober 38 Jahren, nahm ein Stück Seibenpapier unb drehte eine Tüte, die er sich mit ber Spitze auf bie Nasenwurzel letzte. Unb bann lief, flog, wirbelte, kroch, schnellte unb glitt er ber schwanken Tüte nach. Denn das federleichte Ding stand natürlich immer nur den Bruchteil einer Sekunde aufrecht, der aller­leiseste Lufthauch drückte es hierhin und dorthin, und so war der geschmeidige Körper des Artisten in unaufhörlicher Bewegung, bie schließlich ins Gro­teske unb Unheimliche gesteigert würbe. Die gewal­tige Masse raste förmlich bem seidigen Irrwisch nach, wie ein Amphibium ringelte sich ber Mensch auf bem Boben, um dann jählings gleich bem Fisch, ber in bie Sonne springt, emporzuschnellen und die Ba­lance auf einen Augenblick wieder Herzustellen Ein phantastisches, ein hoffnungsloses unb erregenbes Spiel! Der homo sapiens als Beute eines unschein­baren Objekts, einer lächerlich Haltlosen Tüte, bie nur unter Aufbietung aller Verrenkungsmöglichkei­ten auf ber Spitze bleiben kann.

Der Saal bröhnte vor Lachen, aber ein Teil ber Zuschauer hatte boch ben Eindruck einer naiven Un­geheuerlichkeit, eines ebenso witzigen wie bestürzen­den Aktes, wie die verschiedenen Ausrufe bewiesen. ,.Nich in die Tüte!" rief man kichernd,Mensch, schnapp doch zu und du bist erlöst!" oderJunge, Junge, glatt roien Aal'" Ein älterer Mann mit weißem, sorgfältig gebürsteten Haar dagegen stellte

gelassen fest:Ecce Homo! Siehe, ein Mensch. Und dies mochte denn auch der tiefere Sinn des unver­geßlichen Gleichgewichts-Aktes gewesen fein: des Menschen Torheit zu zeigen, wenn er einmal einem Phantom nachjagt. Er selbst merkt es ja gar nicht. Aber bie anderen stehen dabei, schütteln die Köpfe unb lachen

Die Seidenpapier-Tüte vertrat hier sozufagen bie Stelle des Unwirklichen, unb sie glich fo einer le- bensfremben Jbee, bie, weil sie sich nicht realisieren läßt, ewig eine eitle Seifenblase bleiben muß. Aber vielleicht unterschieben wir bem dehenben Artisten philosophische Gedanken, die er, als er diesen Schla­ger austüftelte unb ein paar Jahre probierte, mit* leibiq lächelnd von sich gewiesen hätte?

Mit einem undurchdringlichen Gesicht verbeugte er sich, überrauscht vorn begeisterten Beifall ber Tausende.

DieVerlorene Wett" in Wirklichkeit.

Als der berühmte englische Romanschriftsteller Conan Doyle sein BuchVerlorene Welt" schrieb, ließ er sich nicht träumen, daß einst nur etwa 150 Kilometer von dem Schauplatz seines Romans entfernt eine wirklicheVerlorene Welt" aufgespürt werden würde. Conan Doyle ließ feinen Aben­teurerroman auf dem Berge Roraima in Vene­zuela spielen und bevölkerte ihn mit vorgeschicht­lichen Ungeheuern. Jetzt sind zwei amerikanische Expeditionen unterwegs, um das 2400 Meter hoch gelegene Felsenland von Auyantepui, 150 Kilometer vom Berge Roraima entfernt, zu erfor­schen, ein wirkliche verlorene Welt, wo man noch unbekannte Tierarten zu finden hofft Die eine der beiden Expeditionen hat sich die Erforschung der geologischen und zoologischen Entwicklung des Lan­des zur Aufgabe gemacht, die andere verfolgt einen mehr abenteuerlichen Zweck: sie sucht nämlich einen sagenhaften Goldstuß. In dem bisher erforschten Ge­biet hat man Flüsse, tiefe Schluchten unb geheim­nisvolle kahle Steinformationen gefunden, die wie von Riesen aufgerichtete Quadersäulen aussehen. Die Forscher sind auch auf ein weites, wie ein großes V gestaltetes Gebiet gestoßen, das durch nackte, steil aufragende Wände gebildet wird. Ueber diese Wände sind die Erpeditionen noch nicht gedrungen. Aber jenseits dieser Schranken hofft man ben Goldfluß zu finden. Die Forscher gründen ihre Hoffnung auf die Erzählung eines Goldsuchers, der behauptet, ben Fluß im Jahre 1921 gesehen zu haben. Es mag sich als reine Fabel erweisen wie so oft bie Geschichten von sagenhaften Goldschätzen. Aber jedenfalls sind die wissenschaftlichen Ergebnisse ber Forschungs* expedition heute schon ein realer Wert. ß.